Der nach Bauvolumen größte Wohnungsentwickler Russlands galt lange als der Überflieger unter den russischen Immobilienkonzernen. Das entsprach ganz seinem Namen Samolet, dem russischen Wort für „Flugzeug“, das „Samaljot“ ausgesprochen wird.

Laut dem russischen Branchenportal ERZ ist Samolet gemessen an der im Bau befindlichen Wohnfläche der größte Wohnbauentwickler des Landes. Zum 1. Februar hatte das Unternehmen in 16 russischen Regionen insgesamt 4,72 Mio. Quadratmeter im Bau und lag damit vor seinem größten Konkurrenten PIK. Der ebenfalls in Moskau ansässige und an der Moskauer Börse gelistete Entwickler kam auf ein Bauvolumen von 4,07 Mio. m² in 14 Regionen. Nach Umsatz liegt jedoch das stärker auf Moskau und Umgebung fokussierte PIK vorn. Im 1. Halbjahr 2025 erlöste es 328 Mrd. Rubel (3,6 Mrd. Euro), fast doppelt so viel wie Samolet, das es auf 170 Mrd. Rubel (1,8 Mrd. Euro) brachte.

Im Oktober 2020, mitten in der Pandemie, hatte sich Samolet an die Moskauer Börse gewagt. Es war das erste IPO eines Privatunternehmens nach einer dreijährigen Dürrephase ohne nennenswerte Börsengänge in Russland, schrieb die Nachrichtenagentur Reuters Ende November 2021. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Kurs der Samolet-Aktien dank guter Geschäftszahlen fast verfünffacht. Das Unternehmen sprach sogar von einem möglichen Gang an die New Yorker Börse im Jahr 2023.

Staat soll bei Schuldendienst helfen

Jetzt ist Samolet wieder vorgeprescht: Als erster Vertreter der angeschlagenen Baubranche und wohl als erstes großes russisches Privatunternehmen überhaupt in den vergangenen Jahren hat es Mitte Januar 2026 die Regierung um Finanzhilfen gebeten. In dem Brief, über den das Moskauer Wirtschaftsportal RBC am 4. Februar berichtete, ist von einem subventionierten Kredit „oder einem anderen stabilisierenden Instrument“ in Höhe von rund 50 Mrd. Rubel die Rede, umgerechnet etwa 540 Mio. Euro. Damit solle ausgeschlossen werden, dass Verbindlichkeiten gegenüber Gläubigern und Investoren nicht bedient werden können, schrieb das Unternehmen laut RBC an Premierminister Michail Mischustin. Im Gegenzug bot es der Regierung eine Beteiligung am Unternehmen an, für die sich das Unternehmen ein Rückkaufrecht vorbehalten möchte, zitierte RBC aus dem Brief.

Samolet selbst bestätigte die Bitte um „staatliche Unterstützung“, wie es in der Pressemitteilung hieß. Das entspreche der „marktüblichen Praxis“ und „einem diversifizierten Ansatz zur Sicherung der langfristigen Stabilität des Geschäfts“. Ohne die Hilfen wäre das Unternehmen gezwungen, die Preise für Neubauwohnungen stark anzuheben, schrieb Samolet zuvor bereits auf seinem Telegram-Kanal.

Am 9. Februar, also fünf Tage nach den ersten Medienberichten, nannte die Finanzdirektorin Nina Golubitschnaja gegenüber Investoren Details zum Hilfsgesuch. Sie stellte klar, dass sich Samolet angesichts des hohen Leitzinses eine Unterstützung des Staates beim Schuldendienst erhoffe. Statt für die Zinszahlungen an Banken wolle das Unternehmen seine freien Mittel für neue Projekte verwenden oder damit bestehende Verbindlichkeiten abbauen. Zugleich dementierte Golubitschnaja die im Brief angebotene Aktienübertragung an die Regierung. Das dort erwähnte Sperrpaket, also mindestens 25% der Aktien, könne nur als Pfand zur Absicherung des beantragten Kredits verwendet werden, stellte sie klar.

Belastung durch teure Übernahme

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Aktie von Samolet an der Moskauer Börse innerhalb weniger Tage fast 15% verloren. Nach der Klarstellung machte sie knapp 5% wieder gut, lag gestern aber nach erneuten Verlusten mit rund 850 Rubel (9,2 Euro) pro Aktie noch immer rund 13% unter dem Kurs vom 4. Februar.

Im Herbst 2021, als Samolet noch mit einem Börsengang an der amerikanischen Wall Street flirtete, lag der Kurs bei über 5000 Rubel, was damals rund 60 Euro entsprach. Nach dem allgemeinen Absturz an der Moskauer Börse im Jahr 2022 erholte sich auch die Samolet-Aktie und stand gegen Ende 2023 wieder bei 4000 Rubel. Für den anschließenden Niedergang der Aktie im Verlauf des Jahres 2024 bis auf rund 900 Rubel waren auch zwei Faktoren verantwortlich, unter denen alle russischen Wohnungsbauer leiden: der hohe Leitzins und die starke Beschneidung der staatlich geförderten Hypotheken für Wohnungskäufer. Das hat auch den Börsenkurs des zweiten großen Branchenvertreters, PIK, nach unten gedrückt. Während sich seine Aktie seit dem Erholungshoch im Jahr 2024 in etwa halbierte, brach Samolet auf weniger als ein Viertel des Ausgangskurses ein.

Zum übermäßigen Niedergang der Samolet-Aktie wie auch zu den aktuellen Problemen hat die Übernahme des Konkurrenten MIC im Herbst 2023 beigetragen, erklärt der Immobilienexperte Iwan Bogatow. Samolet finanzierte den Kaufpreis von mehr als 45 Mrd. Rubel (489 Mio. Euro) unter anderem mit einem Kredit mit variabler Verzinsung. Da der russische Leitzins bereits im Verlauf des Jahres 2023 von 7,5% auf 16% anstieg, hätten sich die Kosten für die Bedienung dieses Kredits mehr als verdoppelt, erklärt Bogatow. 2024 stieg der Leitzins dann weiter auf das Rekordniveau von 21%. Nach Einschätzung des Experten versucht Samolet, diesen teuren Übernahmekredit mit staatlicher Hilfe zu refinanzieren. Die sogenannte Projektverschuldung hält er hingegen nicht für problematisch. Dabei handelt es sich um zweckgebundene Bankkredite für die einzelnen Bauvorhaben. Samolet gibt ihr aktuelles Gesamtvolumen mit 650 Mrd. Rubel (7,1 Mrd. Euro) an. Ihnen stehen bereits 400 Mrd. Rubel (4,3 Mrd. Euro) an Vorauszahlungen von Käufern auf Treuhandkonten gegenüber.

Sorge vor Präzedenzfall

Eine Entscheidung der Regierung über die Hilfe liege ihr bislang nicht vor, sagte Finanzdirektorin Golubitschnaja den Samolet-Investoren am 9. Februar. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Alfa-Bank, die zu den Kreditgebern von Samolet gehört, Oleg Sysuew, zeigte sich zwar zuversichtlich, dass die Regierung Samolet „nicht unbeachtet lassen wird“. Er bezweifelte jedoch, dass sie ihm einen ermäßigten Kredit gewähren werde, weil dies Erwartungen weiterer Unternehmen wecken würde. Auch andere Experten warnten gegenüber dem Wirtschaftsportal RBC vor einem Präzedenzfall für die gesamte angeschlagene Branche.

Der Vorsitzende des Finanzausschusses der Duma, Anatolij Aksakow, äußerte sich ebenfalls skeptisch zu direkten Finanzhilfen aus dem Staatshaushalt. Falls Samolet ohne eigenes Verschulden in eine schwierige Lage geraten sei, werde der Staat allerdings einen Weg finden, ihm zu helfen, so Aksakow. Die stellvertretende Vorsitzende des Duma-Bauausschusses, Swetlana Rasworotnjewa, formulierte das Dilemma, vor dem die Regierung nun stehe. Einerseits sollte der Staat privaten Unternehmen nicht mit Geld aushelfen. „Wer gestorben ist, ist gestorben und selbst daran schuld“, sagte Rasworotnjewa. Andererseits müsste der Staat am Ende einspringen, um die Wohnungskäufer zu schützen, wenn eines der größten Bauträger pleiteginge. Als mögliche Hilfe schlug sie vor, Samolet und den anderen Unternehmen Wohnungen abzukaufen und sie in Sozialwohnungen umzuwandeln.

Am Abend des 18. Februar meldete die Wirtschaftszeitung Kommersant unter Berufung auf eigene Quellen, dass sich die Regierung gegen die Vergabe eines geförderten Kredits an Samolet entschieden habe. Dennoch stieg sein Aktienkurs nach der Veröffentlichung der Meldung um rund 4%. Der Grund dafür dürfte sein, dass die Regierung laut Kommersant den finanziellen Zustand des Unternehmens als „nicht kritisch“ einschätzt und keinen Bedarf an direkten Staatshilfen sieht. Stattdessen plant die Regierung Maßnahmen zur indirekten Unterstützung von Samolet, so der Bericht.


Dieser Beitrag erschien zuerst im exklusiven Newsletter der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer

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