Kaum ein globaler Markt wird so stark von Russland dominiert wie der Export von Kernkraftwerken. Der Staatskonzern Rosatom ist nicht nur in China und Indien aktiv, sondern baut auch im Nato-Schlüsselland Türkei russische Reaktoren. Anfang Februar feierte Rosatom den Baustart eines weiteren Reaktors im Nato- und EU-Land Ungarn. Dabei ist die Zahl der vollendeten, laufenden und vereinbarten Kraftwerksprojekte im Ausland begrenzt. Geschäftszahlen von Rosatom deuten darauf hin, dass die Kernkraftexporte zuletzt an Bedeutung verloren haben.

Russland als Exportweltmeister für Atomkraftwerke

Russland ist der unbestrittene Exportweltmeister von Atomkraftwerken (AKW). Mitte 2025 war es für 19 von weltweit 22 Reaktor-Projekten im Ausland verantwortlich, wie sich aus dem Branchenbericht WNISR ergibt. Im Februar 2026 kam in Ungarn ein weiteres russisches Exportprojekt hinzu. Der russische Staatskonzern Rosatom, der sein Auslandsgeschäft über mehrere Tochterunternehmen wie Atomenergoexport und Rosatom Energy Projects betreibt, ist auch auf anderen Gebieten der zivilen Kernkraft führend. Dazu gehören auch die Produktion und der Export von Uran, dem Brennstoff für die Kernkraftwerke. Dazu haben wir im August 2024 diese Fokusanalyse veröffentlicht.

Außer Rosatom bauen aktuell nur Unternehmen aus Frankreich und China Kernkraftwerke im Ausland. Der staatliche französische Stromversorger EDF ist zusammen mit seiner Reaktorbau-Tochter Framatome für den Bau des AKW Hinkley Point C in Südwestengland verantwortlich. Offizieller Baustart war jeweils 2018 und 2019, mit einer Fertigstellung wird derzeit nicht vor 2030 gerechnet. China baut die mit Abstand meisten neuen Reaktoren. Allerdings entsteht von aktuell 33 Vorhaben nur eines im Ausland. Ende 2024 fiel der Startschuss für den Bau von Chashma-5 in Pakistan, dem bisher einzigen Exportland für chinesische Reaktoren. Der staatliche Reaktorbauer China National Nuclear Corporation (CNNC) hat seit 2000 bereits sechs Reaktoren im Nachbarland fertiggestellt. In Zukunft dürften aber weitere Gastländer für chinesische AKW dazukommen. Im Rahmen der Seidenstraßen-Initiative möchte Peking den Bau von rund 30 Reaktoren in Asien, dem Nahen Osten und Afrika vorantreiben, wie das Fachmagazin Nuclear Engineering schreibt.

Fertiggestellte russische AKW-Projekte im Ausland

Russland hat seit dem Zerfall der Sowjetunion insgesamt neun kommerzielle Kernreaktoren im Ausland fertiggestellt, wie aus der Übersicht des internationalen Branchenverbands World Nuclear Association (WNA) hervorgeht. Zu ihnen gehören die Blöcke Tianwan 1 bis 4 in China, Kudankulam 1 und 2 in Indien sowie Ostrowez 1 und 2 in Belarus. Das wohl bekannteste Projekt ist das iranische AKW Buschehr, dessen bisher einziger Reaktor im Jahr 2013 seinen kommerziellen Betrieb aufnahm. Sein Bau war ursprünglich im vorrevolutionären Iran der Siebzigerjahre beschlossen worden und war ein Exportprojekt von Siemens. Mitte der Neunzigerjahre vereinbarten der Iran und Russland die Wiederaufnahme des Baus. Bei seiner Fertigstellung fast zwei Jahrzehnte später betonte die iranische Atombehörde ASE, dass es gelungen sei, russische Technologien mit den rund 12.000 Tonnen bereits vorhandener deutscher Ausrüstung zu „integrieren“.

Laufende Bauprojekte im Ausland

Aktuell haben 20 von Rosatom im Ausland gebaute Reaktoren den offiziellen Baustatus erreicht. Jeweils vier entfallen auf Indien, die Türkei, China und Ägypten. Zwei Reaktoren entstehen seit 2017/2018 in Bangladesch und jeweils einer im Iran und seit Neuestem auch in Ungarn.

Die Erweiterung des ersten und bisher einzigen iranischen AKW Buschehr begann 2016, drei Jahre später wurde der erste Beton (englisch: „first concrete“) für das Fundament des Reaktorgebäudes gegossen. Nach internationalen Kriterien markiert dieser Schritt den Baustart. Beim ersten Reaktor des ungarischen AKW Paks II war dies am 5. Februar 2026 der Fall. In Buschehr baut Rosatom noch zwei Reaktoren und in Paks einen weiteren Reaktor. Diese Projekte zählen für WNA noch nicht zu den laufenden russischen Reaktorbauten, da sie den Status „first concrete“ noch nicht erreicht haben.

Dass Rosatom trotz der westlichen Sanktionen im Nato- und EU-Mitgliedsland Ungarn Kernkraftwerke bauen darf, verdankt sich Ausnahmeregelungen der EU und der USA. Rosatom selbst ist bisher von harten Sanktionen ausgenommen, nicht zuletzt, weil einige europäische Länder auf russische Uranlieferungen für ihre aus der Sowjetzeit stammenden Kernkraftwerke angewiesen sind.
Etwaige Sanktionen werden die bestehenden Rosatom-Projekte im Ausland nicht stoppen, erklärte im Herbst 2024 die Londoner Risiko- und Strategieberatung Knightsbridge. Allenfalls könnten die Probleme im Zahlungsverkehr und generell bei der Finanzierung die Umsetzung neuer Vorhaben bremsen. Nicht kritisch sei auch der Wegfall von westlicher Ausrüstung wie Gasturbinen von Siemens, da es chinesische und mittlerweile auch russische Alternativen gebe, so die Analyse. Ob sich diese Prognose bewahrheitet, wird sich beim Bau von Paks II zeigen, für das auch Ausrüstung von Siemens eingeplant war. Rosatom kündigte Ende 2025 den Liefervertrag, weil die Bundesregierung offenbar keine Ausfuhrgenehmigung erteilte.

Der Bau des ersten AKW von Bangladesch, Rooppur, wurde 2011 mit einem zwischenstaatlichen Abkommen vereinbart und erreichte 2017 das offizielle Baustadium für den ersten und ein Jahr später für den zweiten Reaktor. Russland hat das Projekt mit einem Kredit über 11,4 Mrd. Dollar vorfinanziert, wie die staatliche russische Nachrichtenagentur TASS in ihrer Übersicht ausführt. Fast zeitgleich mit Rooppur hatte Moskau auch mit Belarus den Bau seines ersten AKW vereinbart und dafür einen Kredit in Höhe von 10 Mrd. Dollar gewährt. Die beiden Blöcke des AKW Ostrowez sind 2021 und 2023 ans Netz gegangen.

Der Bau des ersten AKW Ägyptens, El Dabaa, wurde 2015 vereinbart und fünf Jahre später begonnen. Das Megaprojekt an der Mittelmeerküste mit geschätzten Kosten in Höhe von 30 Mrd. Dollar für vier Reaktoren wird durch einen russischen Kredit über 25 Mrd. Dollar ermöglicht. Der erste Reaktor soll 2028 ans Netz gehen.

In China ist Rosatom als einziger ausländischer AKW-Bauer derzeit an zwei Projekten beteiligt. Am AKW Tianwan waren die Russen für den Bau von vier der sechs bestehenden Reaktoren verantwortlich. Aktuell bauen sie die Reaktoren 7 und 8, womit Tianwan ab 2028 zum weltweit größten AKW werden soll. Bis dann plant Rosatom auch seine Arbeit an den Blöcken 3 und 4 des AKW Xudabao abzuschließen. Rosatom steuert bei diesen vier chinesischen Reaktorprojekten nur einen relativ kleinen Teil der Arbeit bei. Chinas Atombehörde CAEA beziffert das Volumen des Vertrags mit den Russen auf 3,1 Mrd. Dollar, was einem Fünftel der gesamten Projektkosten entspreche.

In Indien setzt Rosatom die zweite und die dritte Bauphase des AKW Kudankulam an der Südspitze des Landes um, nachdem es vor rund zehn Jahren bereits die erste Phase mit zwei Reaktoren abgeschlossen hatte. Beim Vertragsabschluss zum Bau der Reaktoren 3 und 4 im Jahr 2014 wurden die Kosten des Projekts mit 6,4 Mrd. Dollar angegeben, wovon 3,4 Mrd. Dollar auf den Vertrag mit Rosatom entfielen. Die drei Jahre später vereinbarten Reaktoren 5 und 6 sollten insgesamt rund 8 Mrd. Dollar kosten, bei einem Vertragswert mit Rosatom in Höhe von 4,2 Mrd. Dollar. In beiden Fällen steuert Russland den Rosatom-Anteil vollständig in Form von staatlichen Krediten bei.

Beim ersten AKW der Türkei, Akkuyu, ist Rosatom nicht nur Bauherr, sondern auch der Eigentümer und künftige Betreiber in einem. Zum ersten Mal weltweit kommt dabei das sogenannte Build‑Own‑Operate-Modell (deutsch baue, besitze und betreibe) zur Anwendung. Die von Rosatom allein getragenen Baukosten schätzte CEO Alexej Lichatschow Mitte 2024 auf 24–25 Mrd. Dollar. Seine Einnahmen aus dem Projekt erzielt das Unternehmen später aus einem langfristigen Stromliefervertrag mit garantierten Abnahmepreisen. Im laufenden Jahr werden die Türken voraussichtlich den Auftrag für ein zweites AKW vergeben, das an der Schwarzmeerküste entstehen soll. Als Favorit gilt mittlerweile nicht mehr Rosatom, sondern Unternehmen aus den USA, berichteten Ende 2025 türkische Medien.

Russische Erlöse steigen, Aufträge stagnieren

Mit dem Bau von Kernkraftwerken erzielt Rosatom rund die Hälfte seiner Auslandserlöse. Laut dem Geschäftsbericht des Konzerns für das Jahr 2024, der im Herbst 2025 erschien, entfielen 8,75 Mrd. von insgesamt fast 18 Mrd. Dollar auf diesen Bereich. Das bedeutete eine Steigerung gegenüber 2021 um 79%. Als weiterer Posten wird der Brennstoffkreislauf angeführt, also die Förderung und Anreicherung von Uran, seine Umwandlung in Kernbrennstoff und die Rücknahme, Wiederaufbereitung oder Entsorgung der verbrauchten Brennelemente. Damit nahm Rosatom im Jahr 2024 fast 5,5 Mrd. Dollar ein, 64% mehr als noch 2021. Für 2025 machte Rosatom noch keine detaillierten Angaben. CEO Alexej Lichatschow bezifferte in einem TV-Interview lediglich die gesamten Auslandserlöse mit 16,5 Mrd. Dollar, was rund 8% unter dem Niveau von 2024 blieb.

Der Wert des gesamten Auftragsportfolios betrug laut Lichatschow zum Ende des vergangenen Jahres 200 Mrd. Dollar. Die Jahresberichte unterscheiden hier einerseits zwischen dem Volumen der Aufträge über die gesamte Lebenszeit von Projekten und insbesondere von Kernkraftwerken, die mehrere Jahrzehnte in Betrieb sein können. Dieses Lebenszeit-Portfolio hatte Ende 2024 ein Volumen von 200,4 Mrd. Dollar und bewegte sich auch in den Vorjahren in etwa auf einem solchen Niveau. Zusätzlich nennen die Berichte das jeweilige Volumen der Aufträge für die kommenden zehn Jahre, worunter in der Regel auch neue AKW-Projekte fallen dürften. Hier verzeichnet Rosatom einen deutlichen Rückgang seit 2021 von 139,9 Mrd. auf 128,8 Mrd. Dollar im Jahr 2024.

Bestand an AKW-Aufträgen im Ausland

Nach eigener Darstellung verfügt Rosatom mit Stand von Ende 2024 über ein Auftragsportfolio von 33 Groß- und 6 Kleinreaktoren im Ausland. Einzelheiten zu den Bauvorhaben und Aufträgen nennt der Konzern nicht. In dieser Summe sind die im Bau befindlichen Reaktoren enthalten, deren Verträge aus der Zeit vor 2022 stammen.

Mit einer Reihe weiterer Länder bahnte Russland in der Vergangenheit eine tiefere Zusammenarbeit in der zivilen Kernkraft an, bis hin zum Bau neuer Kernkraftwerke. So meldeten russische Medien seit 2018 wiederholt eine Einigung Russlands mit Indien zum Bau von sechs weiteren Reaktoren im Land, zusätzlich zu den beiden bereits fertiggestellten und den vier im Bau befindlichen Anlagen. Ende 2025 formulierte die Nachrichtenagentur Interfax aber nur noch vorsichtig, dass Indien ein Interesse an einem weiteren russischen AKW und an Kleinreaktoren haben könnte. Mit Nigeria vereinbarte Russland im Jahr 2009 und noch einmal im Jahr 2017 eine Kooperation im Bereich Kernenergie, die auch den Bau des ersten AKW des afrikanischen Landes vorsah. Diese zwischenstaatlichen Abkommen sind jedoch bisher nicht in konkrete Pläne oder Vorbereitungen zu Baumaßnahmen gemündet, wie auch nicht die Absichtserklärungen, die Rosatom im vergangenen Jahr etwa mit Äthiopien, Mali und Niger unterzeichnete.

Neue AKW-Projekte ab 2022

Auch nach 2022 hat sich Rosatom neue Auslandsprojekte gesichert. Mitte 2024 unterschrieben Russland und Usbekistan einen Vertrag zum Bau des ersten AKW des zentralasiatischen Landes. Dabei sollten nicht die großen russischen Reaktortypen zum Einsatz kommen, deren Leistung bei 1000–1200 Megawatt liegt, sondern sechs kleine Reaktoren mit jeweils nur 55 Megawatt Leistung. Ein Jahr später änderten beide Seiten den Vertrag, der nun den Bau von zwei großen und zwei kleinen Reaktoren sowie eine Option auf zwei weitere 1000-Megawatt-Blöcke vorsieht. Der offizielle Baustart („first concrete“) war für März 2026 geplant, wurde jedoch nach Angaben der usbekischen Regierung von Anfang 2026 um neun Monate verschoben.

In Kasachstan hat sich Rosatom im vergangenen Jahr bei der Ausschreibung für das erste AKW des Landes durchgesetzt. Die Kosten für die mit zwei großen Reaktoren geplante Anlage werden aktuell auf 15 Mrd. Dollar geschätzt. Die Vertrags- und Finanzierungsdokumente befinden sich in der finalen Abstimmung, teilte Mitte Februar 2026 der russische Botschafter in Kasachstan, Alexej Borodawkin, mit. Die ursprüngliche Vereinbarung zwischen beiden Ländern sieht eine Finanzierung über ermäßigte russische Kredite vor. 2029 könnten die Arbeiten am Reaktorfundament beginnen, erwartet die kasachische Atomenergiebehörde AAE.

Mit dem Iran hatte Russland bereits 2014 den Bau von insgesamt acht großen Reaktoren vereinbart, jeweils vier in Buschehr und in einem weiteren zukünftigen AKW. Im Herbst 2025 einigten sich Rosatom und der Iran auf den Bau dieses zweiten AKW mit vier Blöcken in der Provinz Hormozgan am Persischen Golf. Die iranische Nachrichtenagentur IRNA bezifferte die Kosten auf 25 Mrd. Dollar. Die Finanzierung dürfte zur Schlüsselfrage des Vorhabens werden, urteilen russische Experten. Angesichts des hohen russischen Haushaltsdefizits halten sie eine Lösung über russische Exportkredite für unwahrscheinlich.


Dieser Beitrag erschien zuerst im exklusiven Newsletter der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer

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