Seit einigen Wochen beschweren sich Bürger in Russland mehr und mehr über explodierende Nebenkosten. So erzählt zum Beispiel eine junge Frau in einem in den sozialen Netzwerken aufgetauchten Videobeitrag, dass ihre Nebenkosten für Januar 30.000 Rubel, umgerechnet 332 Euro, betragen haben. Zuvor zahlte sie für ihre Drei-Zimmmer-Wohnung 11.000 Rubel, 122 Euro. Zahlreiche Beschwerden gab es auch über sprunghaft gestiegene Heizkosten für Ein-Zimmer-Wohnungen. In mehreren Fällen standen 4000 Rubel (44 Euro) auf der Rechnung. Zuvor beliefen sich die Heizkosten in der Wintersaison auf 1500–3000 Rubel, 16–28 Euro.
In der vergangenen Woche ließ die russische Antimonopolbehörde FAS verlauten, dass an den Tarifen für die Nebenkosten bis auf die eingeplante Mehrwertsteuer-Anpassung keine weiteren Änderungen vorgenommen wurden. Die Behörde erklärte, dass die hohen Rechnungen durch einen größeren Energieverbrauch in der Wintersaison bedingt sein könnten.
Teuerung nach Plan
Anfang dieses Jahres sind die Tarife für Nebenkosten russlandweit um 1,7% angehoben worden. Die erste Anhebung steht im Zusammenhang mit der diesjährigen Mehrwertsteuererhörung von 20% auf 22%. Richtig zu spüren bekommen die Bürger die Tarifänderung dann im Hebst. Ab ersten Oktober wird der Tarif zum zweiten Mal erhöht, der Anstieg wird je nach Region unterschiedlich hoch sein. In Moskau steigen die Nebenkosten um 15%, in St. Petersburg um 14,6%. Am niedrigsten fällt die Tarifänderung mit 8% in der sibirischen Republik Chakassien aus, am höchsten in der nordkaukasischen Region Stawropol (22%). In den vorangegangenen Jahren wurde der Tarif normalerweise am 1. Juli angepasst.
Die zweite regionale Tarifänderung begründet der Staat mit dem Inflationsausgleich und der Notwendigkeit, marode Infrastrukturnetze zu erneuern. Die Mittel sollen in die Modernisierung von Ausrüstung und Rohrleitungen fließen. Die Tarifsteigerungen erfolgen im Rahmen der Strategie zur Erneuerung der Wohnungs- und Kommunalwirtschaft, die bis 2030 Investitionen in Höhe von 4,5 Bio. Rubel vorsieht, umgerechnet 50 Mrd. Euro.
Tarife steigen seit Jahren
Bereits im vergangenen Jahr verteuerten sich die Nebenkosten im Schnitt um rund 12% gegenüber 2024, wie aus Berechnungen des Online-Magazins T-J des Finanzhauses T-Bank hervorgeht. 2024 lag der Anstieg bei rund 10% und 2023 bei 8%. Im vergangenen Sommer stiegen die landesweiten Gas- und Stromkosten im Schnitt um 10,3% bzw. 12,6%. Getrieben wurden die Gaspreise durch die um 10% angehobene Steuer auf die Förderung von Energieressourcen. Diesen Aufschlag gaben die Energieversorger an ihre Kunden weiter.
Dabei zählen russische Gas- und Strompreise zu den günstigsten der Welt. Mit Stand Sommer 2025 betrugen die Erdgaspreise für russische Haushalte 0,009 US-Dollar für eine Kilowattstunde, belegen Zahlen des Datendienstleisters Global Petrol Prices. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Gaspreis bei 0,13 US-Dollar pro kWh, also vierzehnmal höher als in Russland. In den USA beträgt der Preis 0,04 US-Dollar und in China 0,05 US-Dollar. Für Strom zahlen russische Haushalte knapp 0,07 US-Dollar für eine Kilowattstunde. In Deutschland beträgt der Strompreis 0,38 US-Dollar je kWh – um das Fünffache höher als in Russland – in China 0,5 US-Dollar je kWh und in den USA 0,19 US-Dollar je kWh.
Höchstindex gegen Existenzängste
Wohnungsfragen sind sensibel und für einen Teil der Bevölkerung mit Existenzängsten verbunden. Um drastisch steigende Nebenkosten zu vermeiden, legt jede russische Region jährlich einen eigenen Höchstindex fest, der bei der Erhöhung von Gebühren für die Wohnungs- und Kommunaldienstleistungen nicht überschritten werden darf. Zum Verständnis: Wenn der regionale Index in diesem Jahr 15% beträgt, wie etwa in Moskau, und die Nebenkosten zuvor bei 7000 Rubel (77 Euro) lagen, so sind ab Herbst 8050 Rubel (89 Euro) fällig. Eine durchschnittliche dreiköpfige Familie zahlte im vergangenen Jahr rund 6850 Rubel Nebenkosten in Russland, ca. 76 Euro. Diese Zahlen basieren auf Rosstat-Angaben aus dem Jahr 2023, einschließlich der Tarifanstiege der vergangenen Jahre.
In Russland setzen sich die Nebenkosten aus Warm- Kaltwasserkosten, Heizkosten, Strom- und Gasverbrauch sowie Entwässerungskosten für die Nutzung des öffentlichen Kanalnetzes zusammen, in vielen Fällen wird noch die Gebäudewartung und Müllabfuhr hinzugezählt. 30% an den Gesamtnebenkosten entfallen auf Heizkosten und 20% auf die Instandhaltung des Wohngebäudes. Weitere 20% entstehen durch Wasser- und Entwässerungskosten, Strom (12%), Gas, Müllentsorgung sowie Haussanierung (zusammen 18%).
Großbaustelle Wohnungswirtschaft
Bestens Bescheid über die Schwachstellen der russischen Wohnungswirtschaft weiß Mark Geller, Geschäftsführer des Verbandes russischer Hausverwaltungsunternehmen. Er verweist auf zwei Baustellen: Die Abnutzung der Infrastruktur und das bestehende Tarifsystem. Den schlechten Infrastrukturzustand bezeichnet Geller als „tickende Zeitbombe“. „In einer Reihe von Regionen sind die Infrastrukturnetze zu 60-80% abgenutzt, was zu häufigen Havarien führt“, sagt der Verbandschef. Weiter erklärt er: „Die Wärmenetze, Wasserleitungen, Fahrstühle sind ein Erbe der sowjetischen 70er und 80er Jahre. Nach vorläufigen Schätzungen benötigt Russland für die Modernisierung mindestens 4,5 Bio. Rubel (50 Mrd. Euro), tatsächlich sind es noch mehr.“
Die Verbraucher von heute verstünden nicht, wofür sie zahlten, die Hausverwalter und Energieversorger wiederum könnten nicht nachvollziehen, warum der Tarif nicht einmal die Selbstkosten decke, so Geller. Dies führe zu Misstrauen, Konflikten und Korruptionsrisiken. Als weiteren Faktor führt der Geschäftsführer Makel im Abrechnungssystem an: „Solange Sie als Verbraucher nicht sehen, wie viel Kubikmeter Wasser oder Kilowatt Strom Sie verbrauchen, lohnt sich auch das Sparen nicht.“
Laut Geller zahlt der Mieter tatsächlich nur 30-50% vom eigentlichen Dienstleistungspreis. Eine Lösung sieht er nicht nur in marktfairen Tarifen. „Die doppelte Tarifsteigerung allein wird dem Problem nicht gerecht. Es braucht transparente Tarife mit genauer Erfassung des Energieverbrauchs“, fordert Geller. Ebenso kritisch sieht er die moderne Verbraucherkultur in Russland. Die Devise ‚Wohnung meins, Hausflur juckt mich nicht’ sei von gestern und ein Überbleibsel der kostenlosen Privatisierung. „Der Staat hat Wohneigentum an Menschen verteilt, aber ihnen nicht erklärt, wie man Verantwortung übernimmt“, erklärt der Verbandschef.
Dieser Beitrag erschien zuerst im exklusiven Newsletter der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer

