Autor: Klaus Dormann


Im Verlauf des Jahres 2025 hat die Produktion der russischen Wirtschaft bis zum Herbst von Monat zu Monat saisonbereinigt weitgehend stagniert. Vergleicht man aber das Produktionsergebnis im Gesamtjahr 2025 mit dem des Vorjahres ist Russlands reales Bruttoinlandsprodukt laut der ersten Schätzung des Statistikamtes Rosstat immerhin noch um 1,0 Prozent gestiegen.

Dazu beigetragen hat, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion in den letzten vier Monaten des Jahres 2025 merklich gewachsen ist. Im Dezember 2025 erreichte das reale BIP laut ersten Schätzungen einen neuen Höchststand. Eine Abbildung des „Instituts für Wirtschaftsprognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften“ zeigt, dass es im Dezember saisonbereinigt rund drei Prozent höher gewesen sein dürfte als im August.

Das Institut warnt aber vor der Annahme, dass sich dieser Wachstumsschub im Jahr 2026 fortsetzt. Auch die große Mehrheit der Analysten geht davon aus, dass der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion 2026 erneut nur rund ein Prozent erreichen dürfte. So erwartet auch das Forschungsinstitut der staatlichen Entwicklungsgesellschaft VEB ein Wachstum von nur noch 0,8 Prozent. Die russische Regierung hat ihrer Haushaltsplanung für 2026 hingegen ein etwas höheres Wachstum von 1,3 Prozent zugrunde gelegt.

IEF-RAS: Kräftiger BIP-Anstieg seit September

Am 13. Februar hat das „Institut für Wirtschaftsprognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften“ (IEF-RAS) auf der Grundlage der Rosstat-Daten für Dezember seine monatliche „Kurzfristige Analyse der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts“ aktualisiert.

Seine erste Schätzung der saisonbereinigten Produktionsentwicklung zeigt einen weiteren starken Anstieg des Indexes des realen Bruttoinlandsprodukts im Dezember (siehe schwarze Linie in der folgenden Abbildung). Das Institut veranschlagt das BIP-Wachstum im Dezember im Vergleich zum November saisonbereinigt auf 2,1 Prozent.

Dieser starke Anstieg dürfte laut dem Institut unter anderem auf „Besonderheiten der statistischen Erfassung der Produktionsleistung (des Arbeitsvolumens) von Unternehmen zurückzuführen sein, die im Rahmen von Regierungsaufträgen tätig sind.“ Damit ist wohl gemeint, dass von Unternehmen im öffentlichen Auftrag erbrachte Leistungen von Rosstat dem Monat Dezember zugeordnet werden, obwohl sie tatsächlich schon früher erbracht wurden. Artem Chugunov berichtet in Kommersant auch noch über einige weitere Erklärungsversuche.

Schätzung des Indexes des realen Bruttoinlandsprodukts
blaue Säulen: Veränderung des Indexes des realen Bruttoinlandsprodukts zum Vorjahresmonat in %
schwarze Linie: Index des realen Bruttoinlandsprodukts, Januar 2019 = 100

IEF-RAS: Kurzfristige Analyse der BIP-Dynamik, 13.02.26; Datenstand: 10.02.26

Im Vergleich zum Dezember 2024 ist das reale Bruttoinlandsprodukt nach Schätzung des IEF um 1,8 Prozent gestiegen (siehe blaue Säule in der obigen Abbildung). Im gesamten vierten Quartal 2025 war das BIP laut der Schätzung des Instituts 1,3 Prozent höher als vor einem Jahr.

Auf Basis der Anfang Februar verfügbaren statistischen Daten schätzt das Institut die BIP-Wachstumsrate für das gesamte Jahr 2025 mit +1,1 % etwas höher ein als die erste Schätzung von Rosstat ergab (+1,0 %).

Die „kurzfristige“ IEF-Prognose von 2 % für 2026 dürfte wieder gesenkt werden

Seine Prognose für das Wachstum der russischen Wirtschaft im Jahr 2026 hob das Institut in der Februar-Ausgabe seiner monatlichen „kurzfristigen“ Prognose kräfig von 1,3 auf 2,0 Prozent an. Dazu merkt es aber ausdrücklich an:

„Es ist besonders hervorzuheben, dass die Aufwärtskorrektur der Wachstumsprognose für 2026 durch die beschleunigte Konjunkturdynamik im vierten Quartal und im Dezember 2025 beeinflusst wurde. Die Extrapolation dieser Trends deutet darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum Ende 2026 bei etwa 2 % liegen könnte.

Derzeit gibt es jedoch keinen Grund zur Annahme, dass die Faktoren, die die Wirtschaftstätigkeit Ende 2025 beschleunigt haben, nachhaltig sind. Daher ist es nach Erhalt der statistischen Daten für das erste Quartal 2026 sehr wahrscheinlich, dass die Prognose für das BIP-Wachstum 2026 (+2 %) nach unten korrigiert wird.“

In seiner jüngsten Mitte Dezember veröffentlichten „Vierteljährlichen BIP-Prognose“ erwartet das Institut, dass sich das jährliche Wachstum der russischen Wirtschaft nach einem Rückgang auf 0,7 Prozent im Jahr 2025 auf 1,4 Prozent im Jahr 2026 beschleunigen wird.

IEF: Das sind die wichtigsten Risiken für ein weiteres Wachstum

Gefährdet werden kann ein weiterer Anstieg der gesamtwirtschaflichen Produktion laut dem IEF in den kommenden Monaten vor allem durch ein langsameres Wachstum der Konsumnachfrage sowie einen weiteren Rückgang der Unternehmensinvestitionen.

Das Institut merkt auch an, dass die öffentlichen Ausgaben aus dem Bundeshaushalt im Januar im Vergleich zum Vorjahr gesunken sind (-1,4 %), wobei die Öl- und Gaseinnahmen im Bundeshaushalt gleichzeitig um 50,2 % niedriger waren.

Entwicklung der Produktion wichtiger Branchen im Dezember 2025

Das IEF weist darauf hin, dass sich die Produktion wichtiger Branchen im Dezember 2025 weiterhin sehr unterschiedlich entwickelte.

Deutlich beschleunigt hat sich der Produktionsanstieg im „Verarbeitenden Gewerbe“ (+7,8 % gegenüber Dezember 2024), im Baugewerbe (+4,8 %) und im Großhandel (+1,5 %).

Gleichzeitig verzeichneten andere wichtige Branchen einen Rückgang der Produktion: Bergbau (-2,8 %), Stromerzeugung (-1,1 %), Warenverkehr (-1,3 %).

Wirtschaftsindikatoren für Dezember 2025 und das Jahr 2025
im Vergleich mit den Ergebnissen im Vorjahr 2024

Veränderungen gegenüber Vorjahr in %

Quellen: Finmarket.ru, 06.02.26; Finam.ru; 09.02.26

Industrieproduktion 2025: Langsameres Wachstum im Verarbeitenden Gewerbe, beschleunigter Rückgang im Bergbau

Im Bereich der Industrie hat sich das Wachstum des „Verarbeitenden Gewerbes“ im Gesamtjahr 2025 zwar stark verlangsamt. Nach einem Anstieg um 9,1 Prozent im Jahr 2024 erreichte es aber noch einen deutlichen Zuwachs um 3,6 Prozent. Der Rückgang der Produktion im Bergbau beschleunigte sich von -0,5 Prozent im Jahr 2024 auf -1,6 Prozent im Jahr 2025. Insgesamt sank das Wachstum der Industrieproduktion 2025 auf 1,3 Prozent (2024: +5,1%).

In der folgenden Abbildung aus einer am Freitag erschienenen Analyse des Forschungsinsituts der staatlichen Entwicklungsbank VEB.RF zeigt die dunkelgrüne Linie, wie sich der Index der gesamten Industrieproduktion saison- und kalenderbereinigt entwickelt hat. Erkennbar ist, dass das „Verarbeitende Gewerbe“ überdurchschnittlich stark gestiegen ist (hellgrüne Linie). Demgegenüber sank die Produktion im Bergbau (schwarze Linie).

Industrieproduktion (Jan. 2021=100);
saison- und kalenderbereinigt

dunkelgrün: Industrie insgesamt; schwarz: Bergbau; hellgrün: Verarbeitendes Gewerbe

VEB-Institut: Russlands Wirtschaft im Dezember 2025 – Januar 2026, 20.02.26

Die Rüstungsproduktion ließ die Produktion der Industrie stark steigen

Als Haupttreiber des starken Wachstums im Verarbeitenden Gewerbe im Dezember 2025 (+7,8 %) verweist das IEF auf die folgenden drei Branchen, die hauptsächlich zur Erstellung von Rüstungsprodukten beitragen: Die Produktion von sonstigen Transportfahrzeugen und -ausrüstungen (+28,6 % gegenüber Dez. 2024); die Erstellung von Produkten aus Metall (+21,5 %); die Gewinnung von Metall, sog. „Metallurgie“ (+16,9 %).

Die Produktion von Arzneimitteln stieg um 12,9 % gegenüber Dezember 2024.

Gleichzeitig verzeichneten 14 Wirtschaftszweige, die mit 48 Prozent fast die Hälfte der gesamten Produktion des verarbeitenden Gewerbes ausmachten, einen Rückgang der Produktion.

Auch der Wachstumsmotor „Privater Verbrauch“ verlor 2025 Zugkraft

Auch im Einzelhandel, im Dienstleistungsbereich und im Gastgewerbe stiegen die realen Umsätze im Jahr 2025 deutlich schwächer als 2024. Dennoch blieb die Konsumnachfrage laut dem IEF der wichtigste „Motor der Wirtschaft“. Der reale Einzelhandelsumsatz stieg im Dezember 2025 um 3,9 % gegenüber dem Vorjahresmonat. Noch deutlich stärker wuchs weiterhin der Umsatz im Gastgewerbe (+ 9,4 %). Im Bereich der kostenpflichtigen Dienstleistungen war der Umsatz im Dezember um 3,1 % höher (Finmarket).

Reallöhne und Verbrauch (Jan. 2014 = 100);
saison- und kalenderbereinigt

graue Linie: Reallöhne; schwarze Linie: realer Einzelhandelsumsatz;
grüne Linie: realer Umsatz mit kostenpflichtigen Dienstleistungen

VEB-Institut: Weltwirtschaft und Märkte, 13.02.26

Die real verfügbaren Einkommen wuchsen 2025 noch um 7,4 Prozent

Das Wachstum des Konsums wurde durch einen deutlichen Anstieg der Reallöhne gestützt (+4,8 % von Januar bis November 2025 im Vorjahresvergleich; Finam.ru). Der Anstieg der Löhne trug maßgeblich zum weiterhin sehr starken Anstieg der real verfügbaren Einkommen bei, der von Rosstat auf 7,4 Prozent im Jahr 2025 geschätzt wird (Interfax).

Index der real verfügbaren Einkommen,
saison- und kalenderbereinigt (4. Quartal 2013=100)

VEB-Institut: Weltwirtschaft und Märkte, 13.02.26

Trotz des starken Anstiegs der Einkommen schwächte sich das Wachstum des privaten Verbrauchs 2025 im Vergleich zum Jahr 2024 deutlich ab. Nach Schätzungen des Wirtschaftsministeriums ist der private Konsum 2025 nur noch um 2,9 % gestiegen. 2024 war er hingegen um 7,1% gewachsen (Kommersant).

Das VEB-Institut prognostiziert für 2026 nur noch 0,8 Prozent BIP-Wachstum

Der Chefvolkswirt des VEB-Instituts, der frühere Stellvertretende Wirtschaftsminister Andrey Klepach, hatte kürzlich bereits bei einer Wirtschaftskonferenz in Sotschi („Mountain Grain Assembly 2026“) neue Konjunkturprognosen des VEB-Instituts vorgestellt (oilworld.ru berichtete). Am Freitag veröffentlichte das VEB-Intstitut die Prognosen auch in seinem Bericht „Russlands Wirtschaft im Dezember 2025 – Januar 2026“. Zusammengefasst erwarten Klepach und das VEB-Institut folgende Trends für die russische Wirtschaft:

Das BIP wächst 2026 noch etwas schwächer, die Industrie aber stärker als 2025

Das jährliche Wachstum der Gesamtwirtschaft verlangsamt sich von rund 1 Prozent im Jahr 2025 auf 0,8 Prozent im Jahr 2026. Dabei beschleunigt sich das 2025 stark verlangsamte Wachstum der Industrieproduktion insgesamt jedoch von 1,3 Prozent auf 2,4 Prozent.

Die Mehrwertsteuererhöhung, die anhaltend restriktive Geldpolitik und der erwartete Rückgang der Investitionen im Energiesektor werden das Wirtschaftswachstum Anfang 2026 negativ beeinflussen. Auf „mittlere Sicht“, in den Jahren 2027 und 2028, dürfte das BIP-Wachstum aber auf rund 2,5 Prozent anziehen.

Vorläufige Konjunkturdaten und Prognosen des VEB-Instituts

Indikatoren, % zum VorjahrNov. 25Dez.254.Q 251.Q 26202420252026
    Prognose  Prognose
Bruttoinlandsprodukt, BIP0,31,71,11,04,91,00,8
Industrieproduktion insgesamt0,43,72,34,15,11,32,4
Verarbeitendes Gewerbe1,07,84,35,49,13,63,5
        
Einzelhandel, realer Umsatz3,33,94,01,27,72,61,7
Dienstleistungen, realer Umsatz3,43,13,33,44,32,71,8
        
Reallöhne5,84,3*5,19,74,4*3,7
Real verfügbares Einkommen5,86,18,27,41,0
        
Investititonen in Sachanlagen-1,2*-6,17,40,4*-0,9

*) Prognosen des VEB-Instituts

VEB-Institut: Russlands Wirtschaft im Dezember 2025 – Januar 2026, 20.02.26

Die Einkommen steigen viel schwächer, die Nachfrage der Verbraucher flaut ab

Das Wachstum der real verfügbaren Einkommen wird sich 2026 angesichts der Erhöhung der Mehrwertsteuer und niedrigerer Unternehmenseinkommen stark verlangsamen. Es erreicht nicht mehr 7,4 Prozent wie im Jahr 2025, sondern nur noch 1,0 Prozent. Das Wachstum der Reallöhne schwächt sich von 4,4 Prozent auf 3,7 Prozent im Jahr 2026 ab.

Am Beginn des Jahres 2026 wird die Verbrauchernachfrage voraussichtlich sinken. Im Jahr 2026 schwächt sich das reale Umsatzwachstum im Einzelhandel auf 1,7 Prozent ab (2025: +2,6 %). Der reale Umsatz im Dienstleistungsbereich wächst 2026 nur noch um 1,8 Prozent (2025: +2,7 %)

Die Anlageinvestitionen sinken 2026 gegenüber 2025 um 0,9 Prozent

Das Wachstum der Investitionen in Sachanlagen ist 2025 voraussichtlich auf nur noch 0,4 Prozent gesunken. 2026 ist aufgrund der restriktiven Geldpolitik und der höheren Steuerbelastung ein Rückgang der Anlageinvestitionen um 0,9 Prozent zu erwarten.

Die Inflation wird Ende 2026 etwas höher sein als Ende 2025

Im Dezember 2025 sank der jährliche Anstieg der Verbraucherpreise auf nur noch 5,6 % wie die schwarze Linie in der folgenden Abbildung zeigt. Im Januar stieg die Inflationsrate mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 6,0 Prozent. Die farbigen Säulenabschnitte zeigen den Beitrag der Lebensmittel, der Nicht-Lebensmittel und der Dienstleistungen zum gesamten Anstieg der Verbraucherpreise. Die rote Linie zeigt die Veränderungsrate der industriellen Erzeugerpreise.

Anstieg der Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahresmonat in Prozent

VEB-Institut: Russlands Wirtschaft im Dezember 2025 – Januar 2026, 20.02.26

Im Dezember 2026 wird der jährliche Anstieg der Verbraucherpreise laut dem VEB-Institut mit 6,2 % etwas höher sein als Ende 2025. Ende 2027 dürfte er mit 5,3 % das Inflationsziel der Zentralbank von 4 Prozent immer noch merklich überschreiten.

Der Leitzins, der im Dezember 2025 auf 16 % gesenkt wurde, wird zum Jahresende 2026 auf 12 % sinken und Ende 2027 auf 7 %.

Das Haushaltsdefizit und die Staatsverschuldung steigen deutlich

2026 werden die staatlichen Einnahmen insgesamt leicht steigen, obwohl die Einnahmen aus dem Öl- und Gasbereich weiter sinken. Bei einem weiteren Wachstum der Ausgaben auf 45,9 bis 47,8 Billionen Rubel im Jahr 2026 steigt das Haushaltsdefizit 2026 auf 3,8 bis 5,8 Billionen Rubel.

Bereits im ersten Quartal 2026 werden erhebliche Kreditaufnahmen erforderlich sein. Die Staatsverschuldung wächst deutlich von 31,2 Billionen RUB (14,6 % des BIP) im Jahr 2025 auf 39,5 bis 41,0 Billionen RUB (17,6–18,1 % des BIP) im Jahr 2026.

Die gesunkenen Energieexporte können sich 2026 moderat erholen

2025 gingen die Exporte des Brennstoff- und Energiesektors aufgrund der Sanktionen und bei gestiegenem Wettbewerb zurück. Mit der Neuausrichtung auf asiatische und afrikanische Märkte wird für die zweite Jahreshälfte 2026 ein moderates Wachstum erwartet. Erhöhte Erdgas-Lieferungen nach China über die Power-of-Siberia-Pipeline werden die Exporte stützen. Bei den LNG-Exporten gibt es ein Stagnationsrisiko aufgrund von Sanktionen.

Der Preis für russisches Urals-Öl fiel im Jahr 2025 im Durchschnitt auf 55,6 US-Dollar (im Dezember: 39 US-Dollar). Im Jahresdurchschnitt 2026 wird ein weiterer Rückgang auf 48 bis 51 US-Dollar erwartet (bei einem Brent-Preis von rund ​​65 US-Dollar).


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