Ein neuer Bericht der Vereinten Nationen lenkt den Blick auf eine wachsende sicherheitspolitische Verwundbarkeit Tadschikistans. Demnach haben die Taliban in Afghanistan ihre Sicherheitsstrukturen deutlich ausgedünnt – mit direkten Folgen für die Stabilität entlang der afghanisch-tadschikischen Grenze. Besonders alarmierend ist der jüngste tödliche Angriff auf chinesische Arbeiter, deren mutmaßliche Täter aus dem afghanischen Grenzgebiet nach Tadschikistan vorgedrungen sein sollen.

Im Dezember veröffentlichte Analysen des UN-Sicherheitsratsausschusses zeigen, dass die Taliban landesweit mehr als 4.000 Kommandeure und Offiziere entlassen haben. Rund ein Viertel dieser Entlassungen entfiel auf die Provinz Badachschan, die unmittelbar an Tadschikistan grenzt. Gerade diese Region gilt als besonders sensibel, da sie über schwer kontrollierbare Gebirgspässe verfügt und seit Jahren als Transitroute für militante Gruppen, Schmuggler und Drogenhändler dient.

Die UN führt den Personalabbau auf die angespannte wirtschaftliche Lage Afghanistans zurück. Zahlungsausfälle bei Gehältern hätten vor allem den Sicherheitssektor getroffen. Zudem habe die Taliban-Führung in Kandahar – häufig gegen den Willen lokaler Behörden in Kabul – auf eine Verkleinerung von Verteidigungs- und Innenministerium sowie des Geheimdienstes gedrängt.

Zunehmender Druck auf Tadschikistans Grenzschutz

Für Duschanbe sind die Folgen längst spürbar. Tadschikische Behörden registrieren seit Monaten einen Anstieg bewaffneter Zwischenfälle an der Grenze. Ende Dezember kamen bei einem Gefecht zwei tadschikische Grenzbeamte ums Leben, als Sicherheitskräfte drei mutmaßliche Mitglieder einer terroristischen Gruppe stellten, die illegal aus Afghanistan eingedrungen waren.

Bereits zuvor hatten afghanische und tadschikische Stellen einen tödlichen Grenzzwischenfall untersucht, bei dem insgesamt fünf Menschen starben. Die rund 1.350 Kilometer lange, größtenteils gebirgige Grenze bleibt schwer zu sichern und stellt die Sicherheitskräfte vor erhebliche logistische Herausforderungen.

Militante Gruppen und chinesische Interessen

Besondere Sorgen bereiten Tadschikistan die Aktivitäten der Jamaat Ansarullah, deren erklärtes Ziel die Destabilisierung des Landes ist, sowie die Präsenz des sogenannten Islamischen Staates Provinz Khorasan (ISKP). Beide Gruppierungen versuchen laut UN-Beobachtern gezielt, tadschikische und andere zentralasiatische Staatsangehörige zu rekrutieren.

Zusätzliche Brisanz erhält die Lage durch die starke Präsenz chinesischer Unternehmen. Große Teile der Infrastruktur und des Bergbaus in abgelegenen Regionen Tadschikistans werden von chinesischen Firmen betrieben. Angriffe auf chinesische Einrichtungen treffen daher nicht nur Peking, sondern erhöhen auch den außenpolitischen Druck auf Duschanbe.

Tadschikistan weist Berichte zurück, wonach es nach den jüngsten Vorfällen formell um ausländische militärische Unterstützung gebeten habe. Zwar unterhält Russland mit dem Stützpunkt 201 seine größte Auslandsbasis im Land, doch Experten sehen die Handlungsspielräume externer Akteure zunehmend begrenzt.

Der Politologe Temur Umarov vom Carnegie Russia Eurasia Center hält eine eindeutige Zuschreibung der Angriffe für schwierig. Weder der ISKP noch andere Gruppen hätten sich bekannt. Auch eine gezielte Eskalation durch lokale Taliban-Kommandeure sei denkbar, erscheine jedoch angesichts der wirtschaftlichen Abhängigkeit Kabuls von China wenig wahrscheinlich.

Ein strukturelles Sicherheitsdilemma

Für Tadschikistan verdichtet sich damit ein strukturelles Dilemma. Die Grenze zu Afghanistan bleibt der fragilste Punkt der eigenen Sicherheitsarchitektur. Gleichzeitig erweisen sich externe Schutzgarantien als weniger verlässlich als in der Vergangenheit. Die zunehmenden Vorfälle entlang der Grenze zeigen, dass Duschanbe sich in einer Phase wachsender Eigenverantwortung wiederfindet – in einer Region, in der Sicherheitsvakuum und geopolitische Interessen eng miteinander verwoben sind.


Dieser Artikel entstand in Kooperation mit unserem Partner bne intelliNews

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