Die türkische Industrie steht nach Einschätzung führender Wirtschaftsvertreter vor einer existenziellen Krise. Wenn strukturelle Probleme, hohe Finanzierungskosten und die anhaltend hohe Inflation nicht entschlossen angegangen würden, drohe dem Land ein schleichender Verlust seiner industriellen Basis.
Diese Warnung äußerte Burhan Özdemir, Vorsitzender des Unternehmerverbandes MUSIAD (Verband unabhängiger Industrieller und Geschäftsleute), in einem Interview mit der Tageszeitung Nefes vom 16. Februar.
Strukturelle Probleme statt Geldpolitik allein
Die Inflation lasse sich nicht länger allein durch eine restriktive Geldpolitik bekämpfen, sagte Özdemir. „Die Inflation bei Waren ist auf rund 17 Prozent gesunken. Aber solange Mieten und Lebensmittelpreise nicht sinken, ist wenig gewonnen. Wir brauchen strukturelle Lösungen.“
Bei seinen Reisen durch das Land sehe er eine zunehmende Unterauslastung der Industrie. „Ich besuche Fabriken, in denen Produktionslinien leer stehen. Wo 300 Menschen arbeiten sollten, produzieren nur noch 100“, sagte Özdemir. Es sei sinnlos, neue Fabriken zu errichten, solange bestehende Anlagen nicht ausgelastet seien.
Besonders alarmierend sei der langfristige Rückgang der industriellen Bedeutung. Der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt sei von 25 Prozent im Jahr 1996 auf heute rund 17 Prozent gefallen.
Druck aus China und steigende Finanzierungskosten
Zusätzlich wachse der Druck durch internationale Konkurrenz, insbesondere aus China. In Branchen wie Automobil, Stahl und Elektronik sei die türkische Industrie „in tödlicher Gefahr“, so Özdemir.
Bereits seit Längerem wird auf den Niedergang der türkischen Textil- und Bekleidungsindustrie hingewiesen. Aufträge wandern zunehmend zu günstigeren Produzenten in China, Ägypten oder Bangladesch ab. In der Branche steigt die Zahl sogenannter „Zombie-Unternehmen“ – Firmen, die wirtschaftlich faktisch zahlungsunfähig sind, aber dank regulatorischer Nachsicht gegenüber ihren Schulden weiterbestehen.
Offiziell lag die jährliche Verbraucherpreisinflation im Januar bei 30,65 Prozent. Diese Zahl wird jedoch von vielen Türkinnen und Türken angezweifelt. Die unabhängige Inflationsforschungsgruppe ENAG schätzt die tatsächliche Teuerungsrate für die vergangenen zwölf Monate auf 53,4 Prozent.
Als größte Belastung für die Industrie bezeichnete Özdemir die Finanzierungskosten. Kredite seien zwar verfügbar, doch zu extrem hohen Preisen. „Man kann zwar Kredite aufnehmen, aber die Kosten sind sehr hoch“, sagte er.
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