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Die Wachstumsaussichten für die russische Wirtschaft schwinden
Russland · 31.08.2026

Die Wachstumsaussichten für die russische Wirtschaft schwinden

Russlands BIP wuchs im ersten Halbjahr 2026 nur um 0,6 %, die Industrieproduktion in sieben Monaten um 0,1 %. BOFIT, PSB und Raiffeisenbank sehen die Aussichten eingetrübt – getragen wird das Wachstum fast nur noch von kriegsnahen Branchen.

Autor: Klaus Dormann


Russlands gesamtwirtschaftliche Produktion ist im zweiten Quartal 2026 im Vergleich zum Vorjahr zwar um 1,3 % gestiegen. Wegen des Rückgangs des realen Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal betrug das jährliche BIP-Wachstum im gesamten ersten Halbjahr aber lediglich 0,6 %.

Das Forschungsinstitut BOFIT der finnischen Zentralbank meint in seinem jüngsten Wochenbericht „BOFIT Weekly“, dass sich die Aussichten für die russische Wirtschaft nach einem „schwachen ersten Halbjahr“ angesichts der rückläufigen Ölpreise und der Drohnenangriffe der Ukraine eingetrübt haben.

Dazu trägt auch die Entwicklung der Staatsfinanzen und der Inflation bei. BOFIT meint:

„Die wirtschaftlichen Ungleichgewichte haben sich weiter verschärft und die Risiken sind gestiegen. Das rasante Wachstum der Staatsausgaben und die explodierenden Defizite haben die Steuerung der Staatsfinanzen schwieriger gemacht und die Inflation angeheizt. Auch die gestiegenen Kraftstoffpreise haben die Inflation beschleunigt, da ukrainische Drohnenangriffe die russische Produktionskapazität reduziert haben.“

Einzelhandel und Dienstleistungen entwickeln sich relativ günstig

Zur Entwicklung der Anlageinvestitionen verweist BOFIT auf die jüngste Konjunkturumfrage der russischen Zentralbank. Sie ergab eine leichte Erholung der Anlageinvestitionen vom Tiefstand am Jahresbeginn. Die positivsten Investitionszahlen wurden im Einzelhandel und im Dienstleistungssektor sowie in der Konsumgüterindustrie verzeichnet. Die Investitionen der Bauindustrie sanken hingegen im im zweiten Quartal weiter. Auch die Rohstoffindustrie verzeichnete eine schwache Entwicklung der Anlageinvestitionen, obwohl dort gegenüber dem Tiefstand am Jahresbeginn eine leichten Verbesserung zu verzeichnen war.

Ahnliche Unterschiede zwischen den Branchen zeigen sich laut BOFIT bei der Entwicklung der Produktion:

„Vorläufigen Zahlen zufolge wurde das Wachstum im zweiten Quartal größtenteils durch höhere Einzelhandelsumsätze und eine gesteigerte Dienstleistungsproduktion getragen, während die Produktion im Rohstoffabbau und im Baugewerbe im Vergleich zum Vorjahr um fast 2 % zurückging.“

Die Industrieproduktion war in den ersten 7 Monaten nur 0,1 % höher als im Vorjahr

Erste Daten zur Entwicklung der Produktion der russischen Wirtschaft im zweiten Halbjahr veröffentlicht das russische Statistikamt Rosstat in der letzten Woche mit seinem Bericht zur Entwicklung der Industrieproduktion im Juli. Die wichtigsten Ergebnisse (Finmarket.ru):

Das jährliche Wachstum der Industrieproduktion verlangsamte sich im Juli 2026 auf 0,4 %, nachdem es im Juni nach revidierten Daten 0,7 % erreicht hatte. Der Anstieg der Industrieproduktion im Juli fiel somit etwas besser aus als von Analysten in einer Anfang August von Interfax erstellten Konsensprognose erwartet wurde (0,3 %).

Die folgende interaktive Abbildung des in Barcelona ansässigen Research-Unternehmens „FocusEconomics“ zeigt mit den blauen Punkten den Rückgang der jährlichen Wachstumsrate der Industrieproduktion von 0,7 % im Juni auf 0,4 % im Juli 2026 (Skala auf der linken Seite der Abbildung).

Beim Vergleich der gesamten ersten sieben Monate des Jahres 2026 mit dem Vorjahreszeitraum Januar bis Juli 2025 war die Industrieproduktion aber nur 0,1 % höher.

Monatliche Entwicklung der Industrieproduktion
Veränderungen gegenüber Vorjahr in Prozent

FocusEconomics-Grafik: monatliche Entwicklung der russischen Industrieproduktion, Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent

Schwarze Säulen: Jährliche Veränderung der letzten 12 Monate in %; rechte Skala

Blaue Punkte in blauer Linie: Veränderung zum Vorjahresmonat in %; linke Skala

FocusEconomics: Russia Industrial production July 2026, 26.08.26

Die schwarzen Säulen in der Abbildung zeigen den jährlichen Anstieg der Produktion im Durchschnitt der jeweils letzten zwölf Monate. Am Ende des Jahres 2025 hatte sich im Dezember im Zwölf-Monats-Vergleich mit dem Vorjahr noch ein Anstieg der Industrieproduktion von 1,1 % ergeben. Von August 2025 bis Juli 2026 ist die Industrieproduktion gegenüber August 2024 bis Juli 2025 aber nur noch um 0,5 % gestiegen.

Das Wachstum des „Verarbeitenden Gewerbes“ verhinderte bisher eine Rezession

Innerhalb der Industrie ist die Produktin im „Verarbeitenden Gewerbe“ im Zeitraum Januar-Juli 2026 um 0,5 % höher gewesen als im Vorjahreszeitraum. Im Bereich „Bergbau, Förderung von Rohstoffen“ sank die Produktion hingegen gleichzeitig um 0,9 %.

Im Juli betrug das Wachstum im „Verarbeitenden Gewerbe“ 2,4 % gegenüber dem Vorjahr, nach einem Wachstum von 2,8 % im Juni (blaue Linie in der folgenden Abbildung der Bank PSB).

Der Industriebereich „Bergbau, Förderung von Rohstoffen“ verzeichnete im Juli 2026 hingegen einen Produktionsrückgang von 2,6 %, nach einem Rückgang von ebenfalls 2,6 % im Juni (rote Linie).

Produktion in der Industrie insgesamt (weiße Säulen),
im „Bergbau“ (rote Linie) und im „Verarbeitenden Gewerbe“ (blaue Linie);

Veränderungen zum Vorjahr in Prozent

PSB-Analytics-Grafik: Produktion in der russischen Industrie insgesamt, im Bergbau und im Verarbeitenden Gewerbe, Veränderung zum Vorjahr in Prozent

PSB Analytics: Industrieproduktion im Juli, 27.08.26

Bereinigt um saison- und kalenderbedingte Faktoren ist die Industrieproduktion laut Schätzungen von Rosstat im Juli 2026 gegenüber dem Vormonat insgesamt um 0,1 % gewachsen (nach einem Anstieg um 0,2 % im Juni).

Das gesamtwirtschaftliche Wachstum dürfte schwach bleiben

BOFIT stellt als Fazit zur Entwicklung der Industrieproduktion im Juli fest: Die jüngsten Zahlen zur Industrieproduktion deuten darauf hin, dass das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktion im Juli weiterhin „gedämpft“ blieb. Beim Vergleich mit den Vormonaten hat sich das saisonbereinigte Produktionsvolumen im Wesentlichen nicht verändert.

Auch die Bank PSB meint auf ihrem Telegram-Kanal:

„Angesichts der hohen Bedeutung der Industrie für die russische Wirtschaft wird das reale BIP-Wachstum im Juli recht schwach ausfallen, obwohl angesichts der hohen und stabilen Konsumaktivität ein moderates Wirtschaftswachstum wahrscheinlich anhalten wird. Wir halten an unserer Prognose für ein reales BIP-Wachstum nahe Null (im Bereich von 0–0,5 %) bis Ende 2026 fest.

Die Zentralbank wird die schwache Konjunkturentwicklung bei der Festlegung des Leitzinses berücksichtigen, sodass ein Szenario einer weiteren moderaten Lockerung der Geldpolitik im September nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann. Am kommenden Mittwoch (2. September) wird Rosstat die vollständigen statistischen Daten für Juli veröffentlichen, und das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung wird eine Einschätzung der realen BIP-Entwicklung abgeben.“

Die Produktion außerhalb der Rüstungsindustrie ist niedriger als Anfang 2022

Das Institut der finnischen Zentralbank macht mit der folgenden Abbildung erneut auf die sehr unterschiedliche Entwicklung der Branchen innerhalb des „Verarbeitenden Gewerbes“ seit dem Beginn des Ukraine-Krieges im Jahr 2022 aufmerksam. BOFIT betont:

„Wie in den Vorjahren wurde das Wachstum im „Verarbeitenden Gewerbe“ maßgeblich von kriegsnahen Branchen getragen (rote Linie), während die Produktion in den meisten anderen Branchen weiter zurückging (blaue Linie). Das saisonbereinigte Produktionsvolumen in Branchen, die nicht direkt mit der Kriegsausgaben verbunden sind, war in diesem Sommer niedriger als Anfang 2022.“

Das „Verarbeitende Gewerbe“
entwickelt sich weiter auf zwei divergierenden Pfaden

rote Linie: Kriegsnahe Branchen; blaue Linie: Übriges Verarbeitendes Gewerbe

BOFIT-Grafik: Das russische Verarbeitende Gewerbe entwickelt sich auf zwei divergierenden Pfaden – kriegsnahe Branchen gegen übriges Verarbeitendes Gewerbe

BOFIT, Bank of Finland Weekly Review 35/2026: Russia’s diverging economic trends continue, 28.08.26

Auch 2026 wuchs die „Rüstungsproduktion“ bisher kräftig weiter

Die von BOFIT in der obigen Abbildung als „Kriegsnahe Branchen“ erfassten Wirtschaftszweige verzeichneten im Zeitraum Januar-Juli 2026 im Vergleich zum Zeitraum Januar-Juli 2025 folgende Wachstumsraten (Finmarket.ru):

Die Produktion von Arzneimitteln und Materialien für medizinische und veterinärmedizinische Zwecke stieg gleichzeitig um 13,9 %.

Produktionseinbruch in den Raffinerien

Am stärksten gesunken ist im Januar-Juli 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im Jahr 2025 die Produktion im Bereich „Koks und Erdölprodukte“. Sie war wegen der ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien um 9,2 % niedriger als in den ersten sieben Monaten des Vorjahres. Dabei sank laut Meza Net die Produktion von Erdölprodukten und Koks im Juli im Vorjahresvergleich um 19,3 % (siehe folgende Abbildung der Raiffeisenbank).

Produktion von Erdölprodukten, % im Jahresvergleich

Raiffeisenbank-Grafik: Produktion von Erdölprodukten in Russland, Veränderung im Jahresvergleich in Prozent

Raiffeisenbank: RAIF Daily Focus, 27.08.26

Janis Kluge, Russland-Experte der Stiftung Wissenschaft und Polltik, schloss in einem Podcast der Deutschen Welle Ende August nicht mehr aus, dass die russische Wirtschaft wegen der Folgen der Angriffe der Ukraine in diesem Jahr in eine Rezession gerät (Minute 18).

Der Minister für Industrie und Handel, Anton Alikhanov, berichtete Präsident Putin hingegen in einem einem am 27.08. von russland.RU veröffentlichten Video u.a., in den letzten Jahren sei ein Anstieg der Industrieproduktion, der Investitionen und des Umfangs der Inbetriebnahme neuer Kapazitäten zu beobachten (siehe auch: en.Kremlin.ru: Treffen mit dem Minister für Industrie und Handel, Anton Alikhanov; 26.08.26).

BOFIT: Die Produktion entwickelte sich seit 2021 regional sehr unterschiedlich

Das Institut der finnischen Zentralbank stellt in seinem Wochenbericht heraus, dass der Ukraine-Krieg großen Einfluss auf die regionale Entwicklung der Produktion in Russland hat.

Im regionalen Vergleich der acht russischen „Föderationskreise“ hat sich der von Rosstat berechnete Produktionsindikator für die fünf „Kernbereiche“ der russischen Wirtschaft (Landwirtschaft, Industrie, Bauwesen, Handel und Verkehr) nach der russischen Invasion in die Ukraine sehr unterschiedlich entwickelt. BOFIT stellt beim Vergleich der Produktion im ersten Halbjahr 2026 mit dem Produktionsstand im ersten Halbjahr 2021 fest:

In vier Föderationskreisen war ein Wachstum der Produktion zu verzeichnen, nämlich in den Kreisen „Zentralrussland“, „Nordwestrussland“, „Wolga“ und „Ferner Osten“.

In den übrigen Föderationskreisen (Südrussland, Nordkaukasus, Ural und Sibirien) lag das Produktionsniveau im ersten Halbjahr 2026 unter dem des ersten Halbjahres 2021.

Föderationskreise der Russischen Föderation

Karte der acht Föderationskreise der Russischen Föderation

Wikipedia: Föderationskreis

Den Einfluss des Ukraine-Krieges auf die Produktionsentwicklung seit 2021 macht BOFIT mit einem Vergleich der Produktionsentwicklung in einzelnen „Regionen“ innerhalb der „Föderationskreise“ deutlich (siehe folgende Abbildung).

Das stärkste Wachstum der Produktion wurde in Regionen verzeichnet, die vom Wachstum des „militärisch-industriellen Komplexes“ profitierten (z. B. in Udmurtien und Tatarstan), in den russischen Metropolen (Moskau und St. Petersburg) sowie in Regionen im Fernen Osten, die große Projekte zur Erschließung von Rohstoffen betreiben (Magadan und das Jüdische Autonome Gebiet).

Produktion in den „Kernbereichen“ der russischen Wirtschaft nach Regionen

Reale Veränderung erstes Halbjahr 2026/erstes Halbjahr 2021 in Prozent

BOFIT-Grafik: Reale Veränderung der Produktion in den Kernbereichen der russischen Wirtschaft nach Regionen, erstes Halbjahr 2026 gegenüber erstem Halbjahr 2021

BOFIT, Bank of Finland Weekly Review 35/2026: Russia’s diverging economic trends continue, 28.08.26

Das schwächste Wachstum zeigte sich in Regionen mit Grenzen zur Ukraine (z. B. Brjansk und Krasnodar), in den armen Regionen Südrusslands (Inguschetien, Karatschai-Tscherkessien) sowie in rohstoffproduzierenden Regionen, die stark von westlichen Sanktionen gegen russische Exporte betroffen sind (z. B. Komi, Kemerowo und der Autonome Kreis der Chanten und Mansen).

Lesetipps

Deutsch-Russische Auslandshandelskammer:

Podcasts

Wochen- und Monatsberichte von Forschungsinstituten

Industrieproduktion im Juli

Wirtschaftsentwicklung insgesamt

Wildberries, Ozon; „Lagerhauskrieg“

Kraftstoffversorgung, Energiewirtschaft

Warnungen vor Bankenkrise und hoher Unternehmensverschuldung

Finanzpolitik; Staatshaushalt

Außenwirtschaft, Sanktionen

Politisches Umfeld; BR24: Russland-Ukraine Krieg im Newsticker

Entlassung von VEB-Chefökonom Andrey Klepach:

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Der Autor
Klaus Dormann

Autor bei ostwirtschaft.de. Berichtet über wirtschaftliche Entwicklungen in Russland und den GUS-Staaten.

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