Der Iran-Krieg hat den internationalen Tourismusbetrieb durcheinandergewirbelt. Wegen Einschränkungen des Luftraums im Nahen Osten wurden im März weltweit tausende Flüge gestrichen. Die Luxusoasen und Drehkreuze Dubai und Abu Dhabi fielen aus Sicherheitsgründen zeitweise komplett aus. Vor diesem Hintergrund orientieren sich russische Touristen diesen Frühling um – und wählen bewährte Urlaubsländer in der Ferne sowie Reiseziele im postsowjetischen Raum.
Urlaubs-Alternative schnell gefunden
Mit Blick auf die Mai-Feiertage in Russland, die in diesem Jahr auf den 1. bis 3. Mai sowie den 9. bis 11. Mai fallen, heben Reiseanbieter die Türkei, Ägypten, Vietnam, Thailand und China hervor. Die Türkei bietet momentan besonders viel Platz für russische Urlauber. Nach Angaben des türkischen Reiseveranstalterverbands ist das dortige Touristenaufkommen aus Europa um 20–25% eingebrochen. Russen können derzeit für 120.000 bis 130.000 Rubel, umgerechnet 1350 bis 1465 Euro, eine Woche all inclusive in einem Fünf-Sterne-Hotel in dem beliebten Ferienort Antalya buchen.
Laut dem Reiseanbieter Russkij Express ist die Nachfrage nach Vietnam-Reisen um das Dreifache gestiegen. Das Land mache Thailand zunehmend die Urlauber wegen eines günstigeren Preis-Leistungs-Verhältnisses streitig, so der Reiseanbieter. Eine Pauschalreise nach Vietnam mit Fünf-Sterne-Hotel kostet ab 175.000 Rubel (1970 Euro) im Vergleich zu 220.000 Rubel (2500 Euro) in der thailändischen Tourismusregion Phuket zu denselben Konditionen.
Über mehr russische Touristen freuten sich im März bewährte Urlaubsländer. Nach Angaben des Reiseanbieters Sletat.ru entfielen vom 1. bis 11. März mehr als 26% der Buchungen auf die Türkei, gefolgt von Ägypten (24%), Thailand (12%) und China (10,4%). Vor allem das Reich der Mitte verzeichnete mit 93% einen enormen Nachfrageanstieg gegenüber Ende Februar. Für eine Woche in der chinesische Inselprovinz Hainan mit Fünf-Sterne-Hotel zahlen russische Urlauber derzeit 215.000 Rubel, 2400 Euro.
Interesse an Nachbarländern
Russische Reisende zeigen zunehmend Interesse am postsowjetischen Raum. Über die Mai-Feiertage entscheiden sich viele Touristen zum Beispiel für die weißrussische Hauptstadt Minsk oder Taschkent und Samarkand in Usbekistan, die durch ihre faszinierende Architektur bestechen. Allein Anfang März buchten Russen 66% mehr Reisen nach Georgien als im Vorjahreszeitraum. Ebenso Zuwächse verzeichneten Usbekistan (+63), Armenien (45%) und Kasachstan (+13).
Vor allem Minsk im benachbarten Belarus lockt russische Urlauber durch günstige Reisebedingungen. Zum einen können russische Touristen visumfrei einreisen, zum anderen sind die Anreisekosten gering. Zum Beispiel kostet ein Busticket von der russischen Grenzstadt Smolensk bis Minsk rund 2300 Rubel, umgerechnet 25 Euro, die Fahrt dauert etwas mehr als vier Stunden. Für ein Flugticket Moskau – Minsk zahlen russischen Touristen mindestens 5100 Rubel, umgerechnet 57 Euro.
Beliebte Destinationen in Russland
Die Zahl der Mai-Buchungen innerhalb Russlands sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 15% zurückgegangen, folgt aus Zahlen des russischen Reiseveranstalterverbandes (ATOR). Nach Angaben des Reiseanbieters OneTwoTrip entfielen rund 15% aller Buchungen auf Kasan, gefolgt von St. Petersburg (14%), Moskau (11,4%), Nischni Nowgorod (4,5%) und Kaliningrad (3%). Insgesamt hat sich der Reisezeitraum von 2,6 Tagen auf 2,3 Tage im Vergleich zu Anfang Mai im Vorjahr reduziert. Eine Übernachtung kostet im Schnitt 10.400 Rubel, 115 Euro.
Für Ferienwohnungen in Russland zahlen Individualreisende über die Mai-Feiertage im Schnitt 5400 Rubel (60 Euro) pro Nacht, ein Anstieg von 8% zum Vorjahr. Die Anmietung eines Ferienhauses kostet in diesem Zeitraum durchschnittlich 13.200 Rubel (145 Euro, +9%). Führend in diesem Segment sind die Gebiete Moskau, Leningrad, das an der Grenze zu Finnland gelegene Karelien sowie die Republik Tatarstan.
Touristen bleiben Emiraten fern
Angesichts des Konflikts im Nahen Osten bleiben viele Strände und Hotels in den Vereinigten Arabischen Emiraten diese Saison leer. Russlands Ministerium für Wirtschaftsentwicklung schätzt die Verluste der russischen Tourismusbranche angesichts des Iran-Kriegs auf 7 Mrd. Rubel, 77,7 Mio. Euro. Weitaus höher ist der finanzielle Schaden für die arabischen Länder im Nahen Osten: Eine Studie des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) befürchtet Verluste beim Bruttoinlandsprodukt von 120 bis 194 Mrd. Dollar. Der Welttourismusverband (WTTC) erklärte, dass der Region durch den Einbruch der Reisetätigkeit täglich Einnahmen von rund 600 Mio. Dollar entgehen.
Kerosinpreise und neue Flugrouten
Der russische Buchungsdienst Level.Travel. beobachtet bei Pauschalreisen Preissteigerungen von 10-15%. Das hängt mit zwei Faktoren zusammen, die die Flugtickets verteuern: steigende Kerosinkosten der Luftfahrtkonzerne und sich ändernde Flugrouten. Nach Angaben der deutschen Wirtschaftszeitung Handelsblatt ist der Preis für Flugbenzin überproportional gestiegen. Ende März kostete die Gallone (rund 3,8 Liter) mehr als vier US-Dollar. Ende 2025 waren es noch rund zwei Dollar.
Russische Urlauber steigen derzeit auf Alternativrouten um. Bei einigen beliebten Reiserouten liege der Anteil von Anschlussflügen bei 40-60%, erklärt Dmitri Gorin, Vizepräsident des Verbands der russischen Tourismusindustrie. Viele Anschlüsse erfolgten vor Ausbruch des Iran-Kriegs über Nahostländer durch die Airlines Air Arabia, Flydubai, Emirates, Qatar Airways und Etihad. Diese Entwicklung beeinträchtigt vor allen Dingen das Touristenaufkommen im fernen Indonesien, auf den Malediven und in Sri Lanka. Russische Touristen werden nach Einschätzung von Experten stärker die Türkei, Serbien und Georgien als Drehkreuze nutzen. Laut dem Reiseanbieter OneTwoTrip wählen Russen nun China öfter zum Umsteigen, in Zukunft könnte Indien als Drehkreuz ebenfalls wichtiger werden.
