Seit dem Zerfall der Sowjetunion und der Erlangung ihrer Unabhängigkeit im Jahr 1991 verfolgen die fünf zentralasiatischen Staaten das Ziel, ihre Stromversorgung vollständig aus eigenen Ressourcen sicherzustellen. Nach mehr als drei Jahrzehnten ist dieses Ziel jedoch bislang nur Turkmenistan gelungen. Dank seiner umfangreichen Erdgas- und Erdölreserven sowie der vergleichsweise kleinen Bevölkerung kann das Land seinen gesamten Strombedarf im Inland decken.
Allerdings wird dieser Erfolg durch regelmäßige Stromausfälle überschattet, die auf den mangelhaften Unterhalt der Strom- und Gasinfrastruktur zurückzuführen sind. Dennoch gilt Turkmenistans Selbstversorgung den Nachbarstaaten als Vorbild.
Nun deuten aktuelle Aussagen von Regierungsvertretern aus Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan darauf hin, dass auch diese Länder kurz vor der vollständigen Energieunabhängigkeit stehen.
Kasachstan setzt auf Windkraft und Kernenergie
Kasachstans Energieminister Jerlan Akkenschenow erklärte am 6. Februar, dass das Land seinen Strombedarf bereits bis Ende März 2027 vollständig aus eigener Produktion decken könne. Bis 2029 soll Kasachstan sogar regelmäßig Strom exportieren.
Derzeit bleibt Kohle mit rund 13.800 MW von insgesamt 26.700 MW installierter Leistung die wichtigste Energiequelle. Gaskraftwerke liefern weitere rund 6.800 MW. Gleichzeitig gewinnt der Ausbau erneuerbarer Energien zunehmend an Bedeutung.
Nach Angaben des Energieministers sollen erneuerbare Energien im Jahr 2025 rund 3.600 MW beitragen. Von den derzeit 241 Kraftwerken des Landes nutzen bereits 162 erneuerbare Energiequellen.
Kasachstan plant, seine Stromerzeugungskapazität bis 2035 um insgesamt 26.000 MW auszubauen. Davon sollen allein 8.400 MW auf Windkraft entfallen – mehr als das Dreifache der geplanten Leistung des ersten Kernkraftwerks, das mit russischer Technologie errichtet werden soll.
Kirgisistan setzt auf Wasserkraft und Solarenergie
Der kirgisische Energieminister Altynbek Rysbekov erklärte am 8. Juli, Kirgisistan werde bis 2029 energieautark sein.
Entscheidend hierfür seien der Bau mehrerer großer Wasserkraftwerke sowie neuer Solaranlagen. Zu den wichtigsten Projekten zählen das Wasserkraftwerk Kambar-Ata-1 mit einer geplanten Leistung von 1.860 MW sowie die Wasserkraftwerkskaskade Kazarman mit insgesamt 912 MW.
Zusätzlich entstehen zahlreiche kleinere Wasserkraftwerke sowie ein Solarkraftwerk am Issyk-Kul mit einer Leistung von rund 300 MW.
Nach Einschätzung der Regierung wird sich Kirgisistan nach Abschluss dieser Projekte vom Nettoimporteur zum Stromexporteur entwickeln.
Derzeit importiert das Land jedoch weiterhin fast fünf Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr. Gleichzeitig befindet sich Kirgisistan wegen chronischer Stromknappheit seit 2023 im Energiesektor im Ausnahmezustand. Dieser wurde inzwischen verlängert.
Erst Mitte Juli kam es infolge einer Hitzewelle zu einem großflächigen Stromausfall in mehreren nördlichen Regionen einschließlich Teilen der Hauptstadt Bischkek.
Tadschikistan setzt auf das Rogun-Wasserkraftwerk
Präsident Emomali Rahmon kündigte Ende 2025 an, dass Tadschikistan spätestens im Oktober 2027 die seit Jahrzehnten üblichen Stromrationierungen beenden werde.
Als Schlüsselprojekt gilt das Wasserkraftwerk Rogun. Mit der geplanten Inbetriebnahme des dritten Kraftwerksblocks im Jahr 2027 soll die Stromversorgung dauerhaft stabilisiert werden.
Trotz offizieller Angaben, wonach die gesamte Bevölkerung Zugang zu Elektrizität hat, erhalten viele ländliche Haushalte insbesondere im Winter bislang nur wenige Stunden Strom pro Tag.
Zusätzliche Solarenergieprojekte sollen die Versorgung ergänzen. Gleichzeitig bleibt das Land stark vom Wasserkraftwerk Nurek abhängig, das rund 70% der nationalen Stromproduktion liefert.
Usbekistan baut auf Kernkraft und erneuerbare Energien
Nach Angaben des stellvertretenden Premierministers Jamshid Hojajew hat sich Usbekistan in den vergangenen Jahren vom Stromimporteur zum Stromexporteur entwickelt.
Die Stromproduktion stieg von rund 60 auf inzwischen 85 Milliarden Kilowattstunden. Solar- und Windkraftanlagen liefern mittlerweile rund 6.000 MW. Künftig sollen jährlich weitere 4.000 MW aus erneuerbaren Energien hinzukommen.
Zusätzlich plant Rosatom den Bau eines Kernkraftwerks mit zwei VVER-1000-Reaktoren und zwei kleinen modularen RITM-200-Reaktoren. Die Gesamtleistung soll rund 2.100 MW betragen. Der erste Reaktor könnte bereits 2029 ans Netz gehen.
Der Ausbau gilt als notwendig, da sowohl die Bevölkerung als auch die Industrie des Landes stark wachsen. Mitte Juli stellte Usbekistan innerhalb weniger Tage gleich mehrfach neue Rekorde beim Stromverbrauch auf.
Große Fortschritte – aber auch langfristige Herausforderungen
Mehr als drei Jahrzehnte nach ihrer Unabhängigkeit scheinen Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan ihr langjähriges Ziel der Energieunabhängigkeit erstmals realistisch erreichen zu können.
Dennoch bleiben erhebliche Herausforderungen bestehen. Ein großer Teil der Kraftwerke und Stromnetze stammt noch aus der Sowjetzeit und muss in den kommenden Jahren modernisiert oder ersetzt werden.
Zudem stellt der Klimawandel insbesondere für Kirgisistan und Tadschikistan ein wachsendes Risiko dar. Beide Länder setzen stark auf Wasserkraft, während schmelzende Gletscher und sinkende Niederschläge langfristig die Wasserverfügbarkeit beeinträchtigen könnten.
Trotz dieser Unsicherheiten markiert die angestrebte Selbstversorgung mit Elektrizität einen bedeutenden Meilenstein für Zentralasien und könnte die wirtschaftliche Entwicklung der Region nachhaltig stärken.


