Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan hat erklärt, dass eine lange stillgelegte Eisenbahnverbindung über Georgien und die Türkei nun für den armenischen Außenhandel genutzt werden kann. Der Schritt gilt als wichtiger Meilenstein in der schrittweisen Normalisierung der Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei.
Paschinjan gab am 24. Mai bekannt, dass die Bahnstrecke Achalkalaki–Kars über Georgien und die Türkei für Importe und Exporte Armeniens geöffnet wurde. Dies könnte die Handelsrouten zwischen Europa und Asien nachhaltig verändern.
„Ich freue mich, bekannt geben zu können, dass die Achalkalaki-Kars-Eisenbahn – ebenso wie die aserbaidschanische Eisenbahn – nun für Exporte aus Armenien und Importe nach Armenien geöffnet ist. Dies ist ein bedeutendes Ereignis für die Wirtschaft unseres Landes“, schrieb Paschinjan auf der Plattform X.
Neue Perspektiven für den armenischen Handel
Die Öffnung der Strecke gilt als eines der deutlichsten Zeichen für die Lockerung der jahrzehntelangen wirtschaftlichen Isolation zwischen Armenien und der Türkei.
Nach Angaben Paschinjans verfügt Armenien nun nicht nur über Bahnverbindungen nach Russland über Georgien und Aserbaidschan, sondern potenziell auch über eine direkte Anbindung an europäische Märkte über Georgien und die Türkei.
Zudem kündigte der Premierminister weitere Infrastrukturprojekte an. Geplant sind die Wiederherstellung der Bahnstrecke Gyumri–Akhurik–Akyaka zur türkischen Grenze sowie die Modernisierung des Eisenbahnknotens Yeraskh nahe der Grenze zu Aserbaidschan.
Langfristig sollen neue Verbindungen über Aserbaidschan, dessen Exklave Nachitschewan sowie in den Iran entstehen.
„Wir werden künftig über eine Bahnverbindung vom Persischen Golf bis zum Schwarzen Meer verfügen – zu den Häfen von Batumi, Poti und Anaklia. Das wird die wirtschaftliche Situation Armeniens grundlegend verändern“, erklärte Paschinjan.
Annäherung zwischen Armenien und der Türkei
Die Beziehungen zwischen Armenien und Türkei sind seit Jahrzehnten belastet. Ankara schloss 1993 die gemeinsame Grenze aus Solidarität mit Aserbaidschan während des ersten Bergkarabach-Krieges.
Neben dem Konflikt um Bergkarabach belastete auch die unterschiedliche Bewertung der Ereignisse von 1915 die bilateralen Beziehungen. Armenien spricht von einem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich, während die Türkei diese Bezeichnung ablehnt. Ende 2021 ernannten beide Staaten Sondergesandte für Normalisierungsgespräche. Seither wurden direkte Luftfrachtverbindungen wieder aufgenommen und die diplomatischen Kontakte intensiviert.
Im September 2024 traf Paschinjan den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in New York. Beide Seiten bekannten sich dabei zur Normalisierung der Beziehungen ohne Vorbedingungen.
Bedeutung für den Mittleren Korridor
Die Wiederöffnung der Bahnverbindung fügt sich in die strategischen Pläne rund um den sogenannten Mittleren Korridor ein – die transkaspische Handelsroute, die China und Zentralasien über den Südkaukasus mit Europa verbindet und Russland umgeht.
Bislang stellt das Fehlen funktionierender Bahnverbindungen zwischen Armenien, Aserbaidschan und der Türkei einen der größten Engpässe dieser Route dar. Die neue Anbindung könnte daher die Bedeutung Armeniens als Transitland deutlich stärken.
Im Mittelpunkt steht dabei das von den USA unterstützte Projekt TRIPP (Trump Route for International Peace and Prosperity), das einen multimodalen Verkehrskorridor durch Armenien schaffen soll. Dieser würde das aserbaidschanische Kernland mit Nachitschewan und der Türkei verbinden und Armenien gleichzeitig enger an internationale Handelsströme anbinden.
Trotz der wirtschaftlichen Chancen bleiben geopolitische Risiken bestehen. Der geplante Korridor verläuft in unmittelbarer Nähe zur iranischen Grenze und könnte dadurch von regionalen Spannungen betroffen sein.

