Exklusivinterview mit Urs Unkauf, Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Aserbaidschanischen Forums (DAF). Das Interview führt OW-Autor Jonas Prien.
Herr Unkauf, seit Sommer 2025 vertreten Sie als Vorstandsvorsitzender des DAFs die Interessen des Vereins. Was verbindet Deutschland mit dem kleinen Land am Kaspischen Meer?
Aserbaidschan ist bei nüchterner Betrachtung alles andere als ein „kleines“ Land – zumindest nicht in geostrategischer Hinsicht. Es liegt an einer geografischen Schnittstelle, die historisch wie aktuell von zentraler Bedeutung ist: zwischen Russland im Norden, dem Iran im Süden, der Türkei, dem Mittleren Osten und Zentralasien. Diese Lage macht Aserbaidschan aus europäischer Perspektive zu einem unverzichtbaren Partner für Fragen der Energieversorgung, der Transportkorridore sowie der wirtschaftlichen Diversifizierung. Die deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen haben eine Tradition, die bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht, als schwäbische Siedler dort eine neue Heimat fanden. Die Spuren dieses deutschen kulturellen Erbes werden heute in Aserbaidschan würdig erinnert und gepflegt.
Wie sehen die Beziehungen heute aus?
Für Deutschland ist Aserbaidschan aktuell insbesondere im Kontext der Energiepolitik von wachsender Relevanz. Die Rolle als einer der zehn wichtigsten Rohöllieferanten sowie als Lieferant von Erdgas über den Südlichen Gaskorridor ist inzwischen bekannt, wird aber häufig in ihren Potenzialen noch unterschätzt. Gleichzeitig zeigt sich aktuell deutlich, dass Aserbaidschan seine Volkswirtschaft auf ein breiteres Fundament stellt – weg von der reinen Öl- und Gasabhängigkeit, hin zu Logistik, industrieller Produktion, erneuerbaren Energien und digitalen Technologien. Deutschland zählt inzwischen zu den zehn wichtigsten Handelspartnern Aserbaidschans, was Ausdruck einer zunehmend substanziellen wirtschaftlichen Verflechtung zwischen beiden Ländern ist. Darüber hinaus ist Aserbaidschan politisch ein stabilisierender Faktor in einer Region, die lange durch Unsicherheiten geprägt war. Diese Stabilität ist nicht nur politisch relevant, sondern auch eine Voraussetzung für wirtschaftliches Engagement im Interesse des deutschen Unternehmertums. Der gegenwärtige Friedensprozess mit dem Nachbarland Armenien entwickelt zunehmend eine positive Dynamik. Dieser seit Langem bestehende historische Konflikt trat zum Ende der Sowjetzeit erneut auf. Er hat seit dem Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zahlreiche Ressourcen und Kapazitäten gebunden, die nun freigesetzt werden und damit zugleich neue Gestaltungsspielräume für internationale Partnerschaften eröffnen. Diese Chancen sollte Deutschland, im wohlverstandenen eigenen Interesse, erkennen und Anknüpfungspunkte für konkrete Projekte und Vorhaben mit Aserbaidschan identifizieren.
Wie bewerten Sie die Partnerschaft derzeit, wo gibt es Handlungsbedarf?
Die deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen stehen auf einem soliden Fundament, besonders im wirtschaftlichen Bereich. Es gibt etablierte Formate des Austauschs, eine wachsende Zahl an Unternehmenskooperationen und ein grundsätzliches Interesse beider Seiten an einer Vertiefung der Beziehungen. Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass das vorhandene Potenzial bei Weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Handlungsbedarf sehe ich vor allem in drei Bereichen:
Es fehlt häufig an langfristig strukturierten Plattformen, die konkrete Vorhaben, etwa im Bereich Infrastruktur, Energie oder Industrie, gezielt mit potenziell passenden Partnern zusammenbringen. Eine weitere Baustelle ist der Bereich der Wahrnehmung Aserbaidschans in Deutschland. Die komplexen politischen und wirtschaftlichen Realitäten Aserbaidschans werden in Deutschland oft nur unzureichend oder verkürzt dargestellt. Dies erschwert eine sachliche Grundlage für Debatten. Der direkte Austausch zwischen relevanten institutionellen Akteuren könnte zudem deutlich intensiver sein, insbesondere auf Arbeitsebene und ebenso außerhalb der staatlichen politischen Strukturen. Hier sieht das Deutsch-Aserbaidschanische Forum seine Rolle: als zivilgesellschaftliche Plattform, die genau diese Lücken schließt und konkrete Kooperationen ermöglicht. Als gemeinnütziger Verein arbeiten wir hierbei eigenständig und unabhängig von amtlichen in- und ausländischen Stellen.

Im Dialog mit der Konföderation der Industriellen und Unternehmer Aserbaidschans (ASK)
Wird das Bild Aserbaidschans in Deutschland Ihrer Meinung nach verzerrt dargestellt oder ist die Kritik gerechtfertigt?
Aserbaidschan erhielt nach eigenem Empfinden trotz seiner reichen Ressourcen, seiner religiösen Toleranz und seiner durch multikulturelle Traditionen geprägten Gastfreundschaft schon als Teil des alten Persiens, des Russischen Reiches und später der Sowjetunion nie die erwartete Anerkennung. Immer lag es am Rande der großen Reiche. Seine Einwohner gehörten in Russland und der Sowjetunion nicht der Mehrheitsreligion an, die Gründung einer gemeinsamen südkaukasischen Republik nach der Revolution in Russland 1917 scheiterte. Der bewaffnete Konflikt mit Armenien führte nach 1990 zu großer Instabilität. Es war sicherlich nicht sehr geschickt, wie Aserbaidschan versuchte, Aufmerksamkeit und Anerkennung in den europäischen Strukturen zu erhalten. Diese Erfahrungen wirken leider noch heute nach. Wenn es nützlich erscheint, werden die damals geprägten Stereotypen und Narrative medial gerne weiter bedient. Auch in Deutschland zeigt sich noch ein gravierendes Ungleichgewicht in der Wahrnehmung Aserbaidschans gegenüber den tatsächlichen Entwicklungen dort. Häufig fehlt es an Berichten auf der Grundlage eigener Anschauung und vertiefter Kenntnis über das Land, seine gesellschaftliche Struktur und seine wirtschaftliche Transformation. Aserbaidschan hat in den letzten zehn Jahren einen erheblichen Modernisierungsschub durchlaufen, der sozio-kulturelle Wandel ist vielerorts zu spüren, nicht nur in der Hauptstadt Baku. Das Land ist mittlerweile ein Stabilitätsanker in einer unruhigen Region geworden.
Umso wichtiger ist es, den Blick stärker auf eine umfassende und ausgewogene Betrachtung zu richten. Aserbaidschan befindet sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess – wirtschaftlich, infrastrukturell und gesellschaftlich – und übernimmt zugleich Verantwortung für Stabilität und Konnektivität im Südkaukasus und in der Kaspischen Region. Aus Sicht des Deutsch-Aserbaidschanischen Forums kommt es daher entscheidend darauf an, den Dialog auf eine sachliche, faktenbasierte Grundlage zu stellen und den direkten Austausch miteinander zu fördern. Eine differenzierte Betrachtung schafft die Voraussetzung für Vertrauen und damit auch für belastbare Zusammenarbeit.

Im Kontext der Weltklimakonferenz COP 29, die 2024 in Baku stattfand, organisierte Urs Unkauf, damals Bundesgeschäftsführer des BWA, ein Side Event an der ADA University mit hochrangigen Gästen, darunter ehemalige Minister, Spitzendiplomaten, Unternehmer und Family Offices
Wie wirkt sich der gegenwärtige Konflikt zwischen dem Iran und den USA auf Aserbaidschan aus?
Aserbaidschan befindet sich in einer geopolitisch sensiblen Lage und verfolgt traditionell eine sehr balancierende Außenpolitik in Bezug auf regionale und globale Akteure. Die Beziehungen sowohl zum Iran, als auch zu den USA sind von strategischer Bedeutung. Die aktuellen Spannungen zwischen Teheran und Washington wirken sich daher indirekt auf die gesamte Region aus – etwa in den Bereichen Sicherheit, Energie und Transportwege. Für Aserbaidschan bedeutet dies vor allem, seine Rolle als stabiler und berechenbarer Akteur zu bewahren. Gleichzeitig eröffnet diese Situation auch Chancen. Als verlässlicher Partner beider Seiten kann Aserbaidschan eine stabilisierende Funktion übernehmen und seine Bedeutung als Knotenpunkt zwischen verschiedenen geopolitischen Räumen weiter ausbauen.
Der Friedensschluss mit Armenien hat international für Aufsehen gesorgt. Was braucht es nun, um langfristig die Sicherheit und den Frieden in der Region zu wahren?
Der Friedensschluss infolge der Vermittlung von US-Präsident Donald Trump ist zweifellos ein historischer Schritt. Entscheidend ist jedoch die Umsetzung. Frieden entsteht nicht allein durch Vereinbarungen, sondern durch konkrete vertrauensbildende Maßnahmen. Dazu gehören insbesondere die vollständige Normalisierung der bilateralen Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Armenien, die beiderseitige Demarkation und Anerkennung der Grenzen, die Öffnung von Verkehrs- und Handelswegen sowie die Etablierung von Dialogformaten im wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Bereich. Ein zentraler Punkt hierbei ist die Wiederherstellung regionaler Konnektivität. Verkehrswege, die über Jahrzehnte blockiert waren, müssen wieder funktionieren. Das schafft wirtschaftliche Anreize für Stabilität in der gesamten Region. Darüber hinaus ist die fortwährende internationale Unterstützung für den Friedensprozess wichtig – allerdings in einer Rolle, die die Eigenverantwortung der beteiligten Staaten respektiert.
Die armenische „Crossroads for Peace“-Initiative soll die Konnektivität und das Vertrauen in der Region stärken. Wie hat Aserbaidschan reagiert?
Aserbaidschan hat grundsätzlich positiv auf Initiativen reagiert, die auf die Öffnung von Verkehrswegen und wirtschaftliche Kooperation abzielen. Allerdings legt Baku großen Wert darauf, dass solche Konzepte nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Rahmen bestehender Vereinbarungen umgesetzt werden. Insbesondere geht es um die praktische Umsetzung von Transitverbindungen – etwa zwischen dem Kernland Aserbaidschans und der Exklave Nachitschewan, die direkt an die Türkei angrenzt. Diese Frage ist nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich von zentraler Bedeutung. Die Position Aserbaidschans ist dabei klar: Konnektivität ist erwünscht, aber sie muss auf verlässlichen, verbindlichen und gegenseitig akzeptierten Grundlagen beruhen.
Wie bewerten Sie die Machbarkeit der armenischen Initiative? Können Waren und Menschen bald auf dem Landweg die Grenze passieren?
Die Umsetzung hängt weniger von technischen als von politischen Faktoren ab. Infrastruktur kann relativ schnell geschaffen werden – das zeigen zahlreiche Beispiele weltweit. Entscheidend dabei ist das Vertrauen zwischen den beteiligten Seiten. Es gibt aktuell reale Fortschritte und die Dynamik ist grundsätzlich positiv. Dennoch sollte man realistisch bleiben. Der Aufbau funktionierender Transitkorridore erfordert klare Regelungen, wechselseitige Sicherheitsgarantien und entsprechende administrative Strukturen.
Kurzfristig sind erste Öffnungen denkbar, insbesondere für den Güterverkehr. Eine vollständige Normalisierung, einschließlich eines freien Personenverkehrs, wird jedoch ein schrittweiser Prozess sein. Langfristig ist das Potenzial enorm: Der Südkaukasus könnte sich zur wichtigsten Verbindungsachse zwischen Europa und Asien entwickeln. Die Voraussetzung dafür ist, dass die politischen Vereinbarungen konsequent umgesetzt werden.


