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„Kraftstoff-Krise“ drückt das Wachstum und treibt die Inflation in Russland
Russland · 21.07.2026

„Kraftstoff-Krise“ drückt das Wachstum und treibt die Inflation in Russland

Trotz des noch schwächeren Wachstums rechnen die Analysten aber nicht mit einem schnelleren Rückgang der Inflation.


Autor: Klaus Dormann


Die Auswirkungen der starken Beschädigungen russischer Raffinerien durch Angriffe der Ukraine zeigen sich inzwischen in der Entwicklung der russischen Wirtschaftsdaten immer deutlicher. Auch die Ergebnisse der Analysten-Umfrage, die die russische Zentralbank rund 2 Wochen vor ihrer nächsten Leitzinsentscheidung am 24. Juli durchführte, sind wohl stark von den Folgen der „Kraftstoff-Krise“ geprägt. Angesichts der Produktionsausfälle im Bereich der Erdölverarbeitung senkten die Analysten ihre Prognosen für das diesjährige Wachstum der russischen Wirtschaft noch weiter. Im Mittelwert erwarten sie 2026 jetzt nur noch einen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts um 0,6 Prozent.

Gestiegene Inflationsprognosen und langsamer sinkende Zinsen

Trotz des noch schwächeren Wachstums rechnen die Analysten aber nicht mit einem schnelleren Rückgang der Inflation. Sie erwarten im Gegenteil zum Jahresende 2026 und im Jahresdurchschnitt deutlich höhere Inflationsraten als in der letzten Umfrage im Juni. Die Analysten erwarten jetzt nicht mehr, dass der Anstieg der Verbraucherpreise im Jahresdurchschnitt 2026 von 8,7 % auf 5,4 % sinkt, sondern nur auf 6,0 %. Hauptgrund dafür dürfte der im Juni registrierte sprunghafte Anstieg der Kraftstoffpreise wegen des Rückgangs der Produktion der Raffinerien sein.

Wegen der höheren Inflationsprognosen wird nach Einschätzung der Analysten auch der Leitzins langsamer gesenkt werden als bisher erwartet wurde.

Ergebnisse der Zentralbank-Umfrage vom 10. bis 14.07.2026 
(in Klammern Ergebnisse der Juni-Umfrage)

Russische Zentralbank:  Macroeconomic survey of the Bank of Russia, 15.07.26

Am 24. Juli behält die Zentralbank den Leitzins von 14,25 % voraussichtlich bei

Präsident Wladimir Putin hat am 14. Juli laut Gazeta.ru zwar erklärt, eine Zinssenkung sei „unbedingt notwendig und werde sich angesichts der makroökonomischen Indikatoren und der wirtschaftlichen Stabilität als natürlicher Prozess erweisen“. Gleichzeitig habe der Präsident jedoch betont, dass die Zentralbank Russlands die Entscheidung selbst treffen werde.

Trotz dieser Erklärung des Präsidenten erwarteten bei einer Umfrage der Wirtschaftszeitung Vedomosti aber 14 von 20 Teilnehmern, dass die Zentralbank am nächsten Freitag ihren Leitzins nicht weiter senkt, sondern bei 14,25 Prozent hält. Kein Teilnehmer rechnet mit einer Erhöhung.

Auch die Analysten von SberCIB Investment Research erwarten am 24. Juli keine weitere Leitzinssenkung mehr. Sie gehen in einer ausführlichen Analyse davon aus, dass die Zentralbank den Leitzins unverändert bei 14,25 % hält und „ein neutrales Signal“ für ihre künftige Leitzinspolitik vermitteln wird. Als Gründe dafür nennt SberCIB Investment Research die Beschleunigung der Inflation in Russland, das rasche Wachstum der Geldmenge und die erneute Eskalation des Krieges im Nahen Osten.

Die Analysten von SberCIB Investment Research gehen sogar davon aus, dass die steigende Inflation, die „Ungleichgewichte“ auf dem heimischen Kraftstoffmarkt und die Unsicherheit bezüglich der Entwicklung des Staatshaushalts die Zentralbank dazu veranlassen könnten, den Leitzins auch bei der September-Sitzung bei 14,25 % zu belassen. Sie schätzen, dass die Zentralbank die Senkung des Leitzinses um 25 Basispunkte erst im Zeitraum Oktober bis Dezember wieder aufnehmen wird, weil dann eine Stabilisierung der Kraftstoffpreise und ein langsameres Kreditwachstum zu erwarten sei.

Starker Inflationsschub durch gestiegene Kraftstoffpreise im Juni

Der Anstieg der Verbraucherpreise erhöhte sich laut dem Statistikamt Rosstat im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat insgesamt auf 6,0 Prozent. Dabei verteuerte sich Benzin im Vergleich zum Juni 2025 um 19,9 Prozent und Diesel um 18,1 Prozent (RBC Ukraine).

Gegenüber dem Vormonat Mai beschleunigte sich der Anstieg der Verbraucherpreise im Juni auf insgesamt 0,9 Prozent (siehe folgende Abbildung). Dabei waren die Benzinpreise im Juni 6,9 Prozent und die Dieselpreise 7,1 Prozent höher als im Mai (Ukrinform).

Verbraucherpreisindex
Veränderung zum Vormonat in Prozent

Trading Economics: Russland Inflationsrate, Veränderung zum Vormonat in Prozent, 10.07.26

Laut der Zentralbank beschleunigte sich die auf Jahresrate hochgerechnete saisonbereinigte Inflationsrate im Juni auf 10,6 %. Im Mai hatte sie noch lediglich 2,0 % betragen (siehe graue Säulen in der folgenden Abbildung der Zentralbank).

Saisonbereinigte Veränderung der Verbraucherpreise;
auf Jahresrate hochgerechnete Veränderung gegenüber dem Vormonat in %

Russische Zentralbank; Pressemitteilung: „Was sagen die Trends?“, Beschleunigung des Verbraucherpreiswachstums unter dem Einfluss temporärer Faktoren, 15.07.26

Hauptgrund für diesen Inflationsschub im Juni war, so SberCIB, der Anstieg der Kraftstoffpreise. Sie trugen mit 0,3 Prozentpunkten im Juni rund ein Drittel zur monatlichen Inflationsrate von 0,9 % bei.

Der Stellvertretende Präsident der Zentralbankchef Alexey Zabotkin meinte auf dem Telegram-Kanal der Zentralbank am 14. Juli, der Inflationsanstieg im Juni sei hauptsächlich auf „einmalige“ Faktoren zurückzuführen, vor allem auf den Anstieg der Kraftstoffpreise. Die Zentralbank werde bei der Festlegung des Leitzinses den Anstieg der Kraftstoffpreise und seine Auswirkungen auf die Inflationserwartungen genau beobachten. Er fügte hinzu, dass einem einmaligen Preisschub eher eine Verlangsamung als eine weitere Beschleunigung des Preisanstiegs folge. Als Beispiel verwies er darauf, dass nach dem im Vergleich mit dem aktuellen Preisschub deutlich stärkeren Inflationsanstieg im März/April 2022 der Preisanstieg gegenüber dem Vormonat in den folgenden sechs Monaten nahe Null gelegen habe (Vedomosti, russland.capital, Finanzmarktwelt.de). Das zeigt auch die obige Abbildung der Zentralbank.

Die Prognose für den BIP-Anstieg 2026 sank bei der Analysten-Umfrage noch weiter

Nachdem die russische Regierung ihre Wachstumsprognose für 2026 Mitte Mai auf nur noch 0,4 Prozent gesenkt hat, rechnen jetzt auch immer mehr Analysten mit einer ähnlich schwachen Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktion. Bei der Juni-Umfrage der Zentralbank war der Mittelwert ihrer Prognosen für den diesjährigen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts bereits von 1,0 auf 0,7 Prozent gefallen.

Jetzt sank die Wachstumsprognose im Mittelwert noch etwas weiter auf nur noch 0,6 Prozent. Die Spanne der Prognosen für 2026 reicht dabei von einer leichten Rezession (-0,2%) bis zu einer leichten Beschleunigung der jährlichen Wachstumsrate auf +1,2% (2025: +1,0%). Im nächsten Jahr erwarten die Teilnehmer der Umfrage im Mittelwert eine Beschleunigung des Anstiegs der gesamtwirtschaftlichen Produktion auf 1,3 % (Juni-Prognose: +1,5%).

Reales Bruttoinlandsprodukt
Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent

Russische Zentralbank:  Macroeconomic survey of the Bank of Russia, 15.07.26

Die Inflation sinkt deutlich langsamer als bisher erwartet

Der Anstieg der Verbraucherpreise wird sich im Jahresdurchschnitt nach Einschätzung der Analysten von 8,7 % im Jahr 2025 auf 6,0 % im Jahr 2026 vermindern. Dazu dürfte das erwartete schwächere Wirtschaftswachstum beitragen. Im Juni hatten die Umfrage-Teilnehmer für den Jahresdurchschnitt 2026 noch eine merklich niedrigere Inflationsrate von 5,4 % im Jahresdurchschnitt erwartet. Wahrscheinlich hat der aktuelle starke Anstieg der Kraftstoffpreise zum Anstieg der Inflationserwartungen für das Jahr 2026 beigetragen.

Für den Dezember 2026 erwarten die Analysten jetzt mit einer Inflationsrate von 6,2 % sogar fast einen Prozentpunkt mehr Inflation als bei der Juni-Umfrage (5,3 %).

Die mittelfristige Prognose der Zentralbank, die zum nächsten Leitzinsentscheid aktualisiert wird, geht hingegen noch von einem Rückgang der Inflationsrate auf 4,5 bis 5,5 % am Jahresende 2026 aus.

Ergebnisse der Zentralbank-Umfrage vom 10. bis 14.07.2026 
(in Klammern Ergebnisse der Juni-Umfrage)

Russische Zentralbank:  Macroeconomic survey of the Bank of Russia, 15.07.26

Der Leitzins sinkt erst 2029 unter 10 Prozent

Angesichts der nur langsam sinkenden Inflationsrate rechnen die Analysten damit, dass die Zentralbank den Leitzins noch langsamer senken wird als schon bisher erwartet wurde. Sie gehen davon aus, dass der Leitzins im Jahresdurchschnitt 2026 noch 14,5 Prozent betragen wird, Im Juni hatten sie einen stärkeren Rückgang auf 14,1 Prozent erwartet.

In den nächsten beiden Jahren wird der Leitzins nach Einschätzung der Analysten im Jahresdurchschnitt nur um jeweils gut 2 Prozentpunkte gesenkt werden. Damit werde er im Jahr 2028 mit 10,0 Prozent immer noch zweistellig sein. Die Forderungen von Unternehmerverbänden und Banken nach einer rascheren Senkung der Kreditkosten für eine Ankurbelung der Produktion werden aus Sicht der Analysten offenbar kaum Gehör finden.

Leitzins in Prozent pro Jahr im Jahresdurchschnitt

Russische Zentralbank:  Macroeconomic survey of the Bank of Russia, 15.07.26

Das angestrebte Inflationsziel wird erst 2029 erreicht

Die folgende Abbildung der Zentralbank zeigt, wie sich die Inflationsrate laut der Analysten-Umfrage am Jahresende entwickeln dürfte. Im Dezember 2026 werden die Verbraucherpreise laut der Umfrage im Vorjahresvergleich noch um 6,2 Prozent steigen. Auch Ende 2027 wird das Inflationsziel laut der Umfrage mit einem Preisanstieg von 4,6 Prozent noch nicht erreicht.

Verbraucherpreisindex
Anstieg Dezember gegenüber Dezember des Vorjahres in %

Russische Zentralbank:  Macroeconomic survey of the Bank of Russia,15.07.26

Die von der Zentralbank angestrebte Inflationsrate von 4,0 Prozent wird im Mittelwert der Einschätzungen der Umfrage-Teilnehmer erst Ende 2029 erreicht werden (dunkelrote Linie).

Das staatliche Haushaltsdefizit sinkt langsamer als bisher erwartet

Das Defizit im konsolidierten Staatshaushalt Russlands hat sich 2025 mehr als verdoppelt. Es stieg auf 3,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Analysten erwarteten im Juni noch, dass das Defizit 2026 auf 2,6 Prozent des BIP gesenkt werden kann. Jetzt rechnen sie nur noch mit einem Rückgang auf 3,2 Prozent des BIP in diesem Jahr.

Konsolidierter Haushaltssaldo in Prozent des BIP

Russische Zentralbank:  Macroeconomic survey of the Bank of Russia,15.07.26

Der Ölpreis für Steuerzwecke steigt 2026 schwächer als bisher erwartet

2025 war der Ölpreis für Steuerzwecke im Jahresdurchschnitt auf 56 US-Dollar je Barrel gesunken. Angesichts der Sperrung der Straße von Hormus prognostizierten die Analysten bei der Juni-Umfrage für das Jahr 2026 noch einen Anstieg um 25 Prozent auf 70 US-Dollar. In der neuen Umfrage gehen sie davon aus, dass der Ölpreis im Jahresdurchschnitt 2026 nur halb so stark auf 63 US-Dollar steigt.

Ölpreis für Steuerzwecke,
US-Dollar/Barrel, Jahresdurchschnitt

Russische Zentralbank:  Macroeconomic survey of the Bank of Russia,15.07.26


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