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Russlands Regierung erwartet 2026 nur noch 0,4 Prozent Wachstum
Russland · 18.05.2026

Russlands Regierung erwartet 2026 nur noch 0,4 Prozent Wachstum

Russland senkt seine Wachstumsprognose für 2026 überraschend deutlich und erwartet nur noch ein BIP-Plus von 0,4 Prozent.


Autor: Klaus Dormann


Am 12. Mai hat Russlands Wirtschaftsministerium seine Prognose für das diesjährige Wachstum der russischen Wirtschaft unerwartet stark gesenkt. 2026 erwartet es jetzt nur noch einen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts um 0,4 %. Seit dem letzten September hatte die Regierung in ihrer Haushaltsplanung noch mit einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent gerechnet.

Hintergrund für die starke Senkung der Prognose dürfte vor allem die schwache Produktionsentwicklung im ersten Quartal 2026 gewesen sein. Das Wirtschaftsministerium selbst hat geschätzt, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion im ersten Quartal um 0,3 % niedriger war als vor einem Jahr. Inzwischen hat das Statistikamt Rosstat den Rückgang in einer ersten Schätzung auf 0,2 % veranschlagt.

Als eine Ursache für die Verschlechterung der Wachstumsaussichten seit Herbst 2025 wird laut Interfax in der Prognose des Ministeriums darauf verwiesen, dass die „geldpolitischen Bedingungen“ jetzt restriktiver seien. Die Leitzinsprognose der Zentralbank für 2026 liege jetzt bei 14,0 bis 14,5 %. Im September 2025 habe die Zentralbank noch mit niedrigeren Leitzinsen von 12,0 bis 13,0 % für 2026 gerechnet.

Ein so schwaches Wachstum wie die Regierung erwarten 2026 nur wenige

Mit der Senkung ihrer Wachstumsprognose für 2026 von 1,3 % auf 0,4 % rutscht die Regierungsprognose knapp unter die Prognosespanne der russischen Zentralbank, die von 0,5 bis 1,5 % reicht. Die Prognose der Regierung ist damit jetzt auch niedriger als die Wachstumserwartungen der großen internationalen Wirtschaftsorganisationen. So erhöhte der IWF noch Mitte April seine Prognose für das Wachstum der russischen Wirtschaft auf 1,1 %.

Auch die Teilnehmer einer Umfrage der russischen Zentralbank erwarteten Mitte April für dieses Jahr im Mittelwert einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion von 1,0 %. Bei der monatlichen Analysten-Umfrage der Nachrichtenagentur Interfax nahmen die Teilnehmer ihre Wachstumsprognosen zwar auch zurück, für 2026 aber im Durchschnitt nur von 1,0 auf 0,8 % und für 2027 von 1,7 auf 1,6 %. Die niedrigste Wachstumsprognose für 2026 war bei der Interfax-Umfrage mit 0,3 % kaum geringer als die neue Prognose der Regierung von 0,4 %.

Das Wiener OPEC-Sekretariat blieb hingegen im „Monthly Oil Market Report“ am 13. Mai bei seiner Einschätzung, dass die russische Wirtschaft 2026 um 1,3 % und 2027 um 1,5 % wachsen dürfte. Die staatliche russische PSB Bank geht sogar davon aus, dass sich das Wachstum der russischen Wirtschaft von 1,0 % im Jahr 2026 auf 2,5 % im Jahr 2027 beschleunigen wird. Damit läge Russlands Wachstum im nächsten Jahr am oberen Rand der Prognosespanne der russischen Zentralbank für 2027 (1,5 bis 2,5%).

BIP-Prognosen für Russland 2024 bis 2027
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

Auch ihre Wachstumsprognosen für 2027 bis 2029 senkte die Regierung deutlich

Auch 2027 wird Russlands BIP-Anstieg laut der neuen Regierungsprognose mit 1,4 % knapp unter den Wachstumserwartungen der Zentralbank bleiben (1,5 bis 2,5 %). Bisher hatte das Wirtschaftsministerium für das nächste Jahr ein doppelt so starkes Wachstum von 2,8 % eingeplant (siehe letzte Zeile der obigen Tabelle).

Diese Wachstumsrate wird die Wirtschaft laut der neuen Prognose des Wirtschaftsministeriums aber sogar am Ende des Planungszeitraums nicht erreichen. 2028 werde der jährliche BIP-Anstieg auf 1,9 % anziehen, 2029 auf 2,4 %. Das zeigt die hellrote Linie im folgenden Ausschnitt aus einer Abbildung der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer.

Infografik der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer:
Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung hat seine BIP-Prognose nach unten korrigiert,
14.05.26

Die Wirtschaft wird aber im gesamten Prognosezeitraum wachsen

Laut Interfax erklärte ein Vertreter des Wirtschaftsministeriums zu den neuen Wachstumsprognosen:

„Vor allem gehen wir weiterhin von einem positiven Wirtschaftswachstum im gesamten Prognosezeitraum aus. Wir glauben auch nicht, dass das BIP im Jahr 2026 ins Negative rutschen wird. Ein Rückgang in einem einzelnen Monat oder Quartal – wie er im ersten Quartal vorgekommen sein mag – ist durchaus zu erwarten, und die Zentralbank hat davor gewarnt. Insgesamt rechnen wir für das Jahr jedoch mit einem Wachstum von rund 0,4 Prozent… .“

Regierung: Positive Wirkungen der Iran-Krise sind „praktisch nicht vorhanden“

Obwohl Russland von vielen Beobachtern häufig als „Profiteur“ der Iran-Krise“ bezeichnet wird, sind laut dem Sprecher des Wirtschaftsministeriums „positive Auswirkungen der Krise in der Straße von Hormus auf die russische Wirtschaft“ nach Einschätzung des Ministeriums „praktisch nicht vorhanden“. Kurz- und mittelfristig gebe es zwar möglicherweise Preissteigerungen. Man sehe jetzt aber, dass sie unter den Prognosen einiger Analysten zu Beginn der Krise blieben. Und was die Steigerung der russischen Exportmengen angehe, seien die Auswirkungen „nicht so groß“.

Vergleich einiger neuer Prognosen der Regierung mit ihren bisherigen Prognosen

Denis Popov, Chefanalyst der staatlichen Promsvyazbank (Wikipedia), informiert mit der folgenden Tabelle, wie sich die Erwartungen der Regierung zur Entwicklung von Wirtschaftswachstum, Inflation, Ölpreis und Wechselkurs verändert haben.

Wachstum: Die weißen Zahlen in der ersten Zeile der Tabellen zeigen die Senkung der Prognosen der Regierung für die jährlichen BIP-Wachstumsraten im Vergleich mit ihren bisherigen Prognosen (rote Zahlen). Popov selbst bleibt bei seiner Einschätzung, dass die russische Wirtschaft 2026 erneut um 1,0 % wächst (siehe blaue Zahlen in der Tabelle). Er verweist auf das Potenzial für ein beschleunigtes Wachstum der Exporte und des Verbrauchs und erwartet im nächsten Jahr eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums auf 2,5 %.

Inflation: Dass Russlands Inflationsrate schon im Dezember 2026 auf nur noch 4,0 % sinkt, erwartet das Ministerium jetzt nicht mehr. Es rechnet jetzt damit, dass der Anstieg der Verbraucherpreise am Jahresende noch 5,2 % erreichen wird.Finam.ru; Denis Popov, Chefanalyst bei PSB:
Die Risiken einer anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation bis ins Jahr 2027 sind hoch, 14.05.26 Erst Ende 2027 werde die Zentralbank ihr Inflationsziel von 4,0 % erreichen.

Prognosen für BIP-Wachstum, Inflation, Ölpreis und Rubel-Kurs im Vergleich
weiße Zahlen: Mai 26-Prognosen der Regierung
rote Zahlen: September 25-Prognosen der Regierung
blaue Zahlen: aktuelle PSB-Prognosen

Finam.ru; Denis Popov, Chefanalyst bei PSB:
Die Risiken einer anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation bis ins Jahr 2027 sind hoch, 14.05.26

Ölpreis: Seine September-Prognose für den durchschnittlichen Preis von Urals-Rohöl im Jahr 2026 hat das Ministerium in der neuen Prognose mit 59 US-Dollar pro Barrel bestätigt. Seine Prognose für 2027 senkte es jedoch von 61 auf 50 US-Dollar.

Rubel-Kurs: Laut dem Ministerium wird der Rubelkurs im Jahresdurchschnitt 2026 etwas aufwerten und 81,5 Rubel pro US-Dollar betragen (nach 83,4 Rubel pro US-Dollar im Jahr 2025). Für 2027 geht das Ministerium jedoch von einer Abschwächung des Rubelkurses auf durchschnittlich 87,4 Rubel pro US-Dollar aus. Im September 2025 hatte das Ministerium mit einer stärkeren Abwertung des Rubels gerechnet.

Was der optimistische PSB-Analyst Popov von der Konjunktur erwartet

Denis Popov erläuterte gegenüber Vedomosti, warum er – anders als die Regierung – an seiner Prognose festhält, dass die russische Wirtschaft 2026 erneut um 1,0 % wachsen dürfte. In den nächsten zwei Jahren könne sich das Wachstum auf 2 bis 2,5 % beschleunigen, so Popov. Er erwartet eine Erholung der Wirtschaftstätigkeit ab der zweiten Jahreshälfte, weil dann die geldpolitische Lockerung stärker wirksam werde.

Zudem begrenzen aus seiner Sicht „externe Faktoren“ das „Rezessionsrisiko“ für Russland in diesem Jahr deutlich. Popov erwartet einen deutlichen Anstieg der Öl- und Gaseinnahmen. Die Entwicklung des Staatshaushalts werde sich verbessern.

Der Chef-Analyst verweist auf Frühindikatoren, die eine verstärkte Nachfrage in Sektoren mit einem hohen Anteil ausländischer Abnehmer und im Bereich der Produktion von Vorleistungen signalisieren. So habe unter anderem der Warentransport der russischen Eisenbahn wieder zugenommen.

Popov merkt an, dass das Wirtschaftsministerium die positiven Auswirkungen der globalen Energiekrise für Russland „eher vorsichtig“ einschätze. Die Prognose des Ministeriums für die Warenexporte im Jahr 2026 liege deutlich unter den Schätzungen der russischen Zentralbank und der PSB. Das Ministerium rechne mit Exporten von lediglich 442 Milliarden US-Dollar. Die Prognosen der Zentralbank (485 Milliarden US-Dollar) und der PSB (490 Milliarden US-Dollar) seien rund ein Zehntel höher.

Zusammengenommen würden diese Entwicklungen einen begrenzten Rückgang der Anlageinvestitionen und ein weiteres Wachstum der Haushaltseinkommen ermöglichen.

Popov hält die Prognose der Regierung für das Wachstum der Reallöhne (+2,2 % im Jahr 2026) für zu niedrig. Im Januar und Februar sei der Reallohn im Jahresvergleich um 8,9 % gestiegen und habe damit die meisten Prognosen deutlich übertroffen.

Alfa Bank: 2026 erwartet die Regierung eine weitere Abschwächung des Wachstums

Im Jahr 2026 erwartet die Regierung laut einer Analyse der Moskauer Alfa Bank eine weitere Abschwächung der Konjunktur wie folgende Indikatoren zeigen:

Produktion: Der BIP-Anstieg erreicht 2026 nur noch 0,4 %. Die Industrieproduktion wird um 0,6 % wachsen, deutlich moderater als bisher erwartet wurde (Herbstprognose: + 2,3 %).

Arbeitsmarkt: Die Prognose der Arbeitslosenquote wird trotz der erwarteten Abkühlung der Wirtschaft von zuvor 2,6 % auf 2,4 % gesenkt. Das zeigt, dass der Mangel an Arbeitskräften strukturell bedingt ist.

Investitionen: Die Unternehmensergebnisse sind 2025 das zweite Jahr in Folge gesunken, was Investitionen in den realen Sektor unattraktiv macht. Die Investitionen in Sachanlagen werden 2026 um 1,5 % zurückgehen (Herbstprognose: – 0,5%). Das ist der zweite Rückgang in Folge.

Verbrauch: Die Konsumnachfrage schwächt sich 2026 ebenfalls ab.
Das reale verfügbare Einkommen wird um 0,8 % steigen (Herbstprognose: 2,1 %).
Die Reallöhne werden um 2,2 % zulegen (Herbstprognose: 2,4 %).
Der Einzelhandelsumsatz wird um 0,8 % steigen (Herbstprognose: 1,1 %).
Das Sparverhalten wird den Konsum stützen:
Die Sparquote wird von einem Rekordwert von 16,6 % auf 14,3 % sinken.

Außenhandel: Der Handelsbilanzüberschuss steigt im Jahr 2026 um 16,5 Milliarden US-Dollar auf 133,6 Milliarden US-Dollar. Hauptgrund ist das Wachstum der Öl- und Gasexporte.

2027 bis 2029 erwartet die Regierung eine Beschleunigung des Wachstums

Das BIP-Wachstum wird sich von 1,4 % im Jahr 2027 auf 2,4 % im Jahr 2029 beschleunigen. Die Inflationsrate wird Ende 2027 das Ziel der Zentralbank von 4,0 % erreichen. Die Arbeitslosenquote wird sich bei 2,3 % stabilisieren.

Die Investitionen werden 2027 wieder anziehen (+2,0 %). Der Rückgang der Investitionen in den Jahren 2025 und 2026 wird jedoch erst 2028 vollständig aufgeholt sein.

Auch das Wachstum des Verbrauchs wird sich beschleunigen, allerdings fällt die Prognose auch hier deutlich moderater aus als im September: Der Anstieg der real verfügbaren Haushaltseinkommen wird sich von 2,1 % im Jahr 2027 auf 2,7 % im Jahr 2029 beschleunigen, der Anstieg der Reallöhne von 2,5 % auf 3,0 %. Das Wachstum des Einzelhandelsumsatzes wird bis 2029 auf 3,1 % zunehmen.

Infografik der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer:
Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung hat seine BIP-Prognose nach unten korrigiert,
14.05.26

Detaillierte Tabellen zum Vergleich der neuen Prognosen des Wirtschaftsministeriums mit den Prognosen der Zentralbank sowie den bisherigen Prognosen des Wirtschaftsministeriums vom September 2025 bietet eine Analyse des Moskauer „Intersectoral Expert Center“. Der Bericht des Zentraums vergleicht auch die in den Prognosen im „Basis-Szenario“ des Wirtschaftsministeriums mit den Prognosen in seinem „Risiko-Szenario“.


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