Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
116 von 153 Kilometern der TAPI-Pipeline in der afghanischen Provinz Herat sind verlegt. Der Abschnitt soll binnen zwei Monaten in Betrieb gehen, kündigte Provinzgouverneur Islam Jar am 27. August an. Damit steht Turkmenistan vor dem ersten kommerziellen Gasverkauf über die neue Leitung. Sie ist auf 33 Mrd. Kubikmeter pro Jahr ausgelegt und soll turkmenisches Gas über Afghanistan bis nach Pakistan und Indien bringen.
Herat wird erster Absatzmarkt für TAPI-Gas
„Die Arbeiten werden abgeschlossen, und das Projekt geht innerhalb der nächsten zwei Monate in Betrieb“, sagte Islam Jar laut der afghanischen Nachrichtenagentur Pajhwok bei einer Zeremonie der Industrie- und Minenkammer von Herat. Die turkmenische Seite habe ihren Teil der Arbeiten beendet und übergebe den Abschnitt nach den letzten Restarbeiten an die Provinz. Islam Jar rief Fabrikbesitzer und Haushalte auf, sich auf den Anschluss vorzubereiten.
Die kommerzielle Grundlage entstand am 10. August in der Grenzstadt Torghundi. Dort unterzeichneten der turkmenische Staatskonzern Turkmengaz und das afghanische Staatsunternehmen Afghan Gas ein Memorandum über Gaskäufe. Laut dem auf die Region spezialisierten Portal News Central Asia wohnten Turkmenistans Nationaler Führer Gurbanguly Berdimuhamedow und Afghanistans Vize-Regierungschef Abdul Ghani Baradar der Unterzeichnung bei. Preis, Abnahmemengen und Verteilung wollen beide Seiten noch festlegen. Baradar schlug eine Preisformel vor. Sie soll Ausschläge der europäischen Gasmärkte abfedern. Beide Länder vereinbarten zudem ein technisches Komitee für TAPI, Glasfaser- und Bahnprojekte, darunter die Sanierung der Strecke Herat-Torghundi.
Der Bau des afghanischen Abschnitts läuft seit September 2024. Die Zahl von 116 verlegten Kilometern Anfang August nennt das regionale Nachrichtenportal Times of Central Asia. Parallel entsteht in Herat ein Verteilnetz für Fabriken, Kraftwerke und Haushalte.
Abhängigkeit vom China-Geschäft treibt das Projekt
Turkmenistan verkauft sein Gas bislang fast ausschließlich nach China. 2025 lieferte das Land rund 30 Mrd. Kubikmeter dorthin, sagte Chinas Botschafter in Aschgabat, Ji Shumin, laut dem auf Eurasien spezialisierten Portal Eurasianet. Für 2026 erwartet Peking ähnliche Mengen. Ex-Präsident Berdimuhamedow nennt dagegen 40 Mrd. Kubikmeter pro Jahr, die Statistik des abgeschotteten Landes bleibt widersprüchlich. TAPI ist für Aschgabat der erste große neue Absatzmarkt seit anderthalb Jahrzehnten. Afghanistan soll 5 Mrd. Kubikmeter pro Jahr erhalten, Pakistan und Indien je 14 Mrd.
Das Gas kommt aus Galkynysh, einem der größten Gasfelder der Welt. Dessen Ausbau läuft parallel: Im April 2026 vereinbarte Aschgabat laut Times of Central Asia mit dem chinesischen Staatskonzern CNPC die vierte Ausbaustufe für 5,1 Mrd. US-Dollar. Sie soll die Aufbereitungskapazität um 10 Mrd. Kubikmeter pro Jahr erhöhen. Auch kleinere Abnehmer rücken ins Bild: Mit Usbekistan besteht ein Vertrag über bis zu 2 Mrd. Kubikmeter pro Jahr, mit Tadschikistan lotet Aschgabat Lieferungen aus.
Die Projektdatenbank Global Energy Monitor beziffert die Kosten der 1.814 Kilometer langen Leitung auf 7,7 Mrd. US-Dollar, nach ursprünglich veranschlagten 10 Mrd. Turkmengaz hält 85 % am Konsortium und trägt mit 4,42 Mrd. US-Dollar den Großteil des Eigenkapitals. Die Asiatische Entwicklungsbank und die Islamische Entwicklungsbank stellen Kredite über zusammen mehr als 1 Mrd. US-Dollar in Aussicht.
Für Aschgabat zählt jeder neue Abnehmer. Die Wirtschaft wuchs laut Staatsmedien im ersten Halbjahr 2026 um 6,3 % gegenüber dem Vorjahr, die Industrie legte aber nur um 2,7 % zu. Neue Gaserlöse sollen die Lücke schließen.
Preis, Finanzierung und Weiterbau bleiben ungeklärt
Das Memorandum vom 10. August nennt weder Preis noch Mengen noch einen festen Liefertermin, berichtet der afghanische Sender Ariana News. Auch der Zeitplan für die Abschnitte in Pakistan und Indien ist offen. Islamabad hat mit dem Bau seines Teilstücks nicht begonnen. Ohne die beiden großen Abnehmer bleibt TAPI vorerst ein Regionalprojekt mit maximal 5 Mrd. Kubikmetern für Afghanistan.
Für Kabul steht dennoch viel auf dem Spiel. Bei Vollauslastung rechnet das Land laut Global Energy Monitor mit Transitgebühren von rund 400 Mio. US-Dollar pro Jahr. Hinzu kommen Brennstoff für Kraftwerke und Industrie sowie Arbeitsplätze entlang der Trasse.
Skepsis bleibt angebracht. Der IWF traut Turkmenistan für 2026 nur 2,4 % Wachstum zu und zweifelt öffentlich an den amtlichen Zahlen. Auch bei TAPI klafften Ankündigung und Umsetzung bisher auseinander: Das Projekt sollte ursprünglich 2021 in Betrieb gehen. Fließen die ersten Kubikmeter in Herat tatsächlich binnen zwei Monaten, ist das der greifbarste Fortschritt seit dem Baubeginn. Für Turkmenistans Diversifizierung entscheidet danach vor allem eine Frage: ob Pakistan nachzieht.
Quelle: Pajhwok Afghan News, News Central Asia, Times of Central Asia, Ariana News, Global Energy Monitor, Eurasianet (alle EN)


