Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“, Autor: Thomas Baier
Kirgisistan mobilisiert 36,6 Mrd. Som gegen die Inflation, umgerechnet 419 Mio. US-Dollar. Das Kabinett in Bischkek beriet am 21. August einen Preisstabilisierungsplan für 2026 und 2027. Zugleich kassierte die Regierung ihre Inflationsprognose: Statt 9 % erwartet sie zum Jahresende 14 bis 15 %. Die Wirtschaft wächst zweistellig, doch die Preise laufen davon.
Plan setzt auf Agrarsubventionen und Staatsreserven
Der Erste Vize-Regierungschef Danijar Amangeldiew stellte den Plan im Ministerkabinett vor. Das berichtet das kirgisische Nachrichtenportal Open.kg. Der Viehbestand soll um mehr als 20.000 Tiere wachsen. Agrarbetriebe erhalten dafür Vorzugskredite. Milch- und Geflügelproduzenten bekommen Subventionen. In sieben Regionen entstehen Lagerhäuser mit 18.000 Tonnen Kapazität. Der Staat kauft zusätzlich 20.000 Tonnen Weizen von lokalen Bauern für seine Reserven. Dazu kommen 68.000 Tonnen Saatgut und Mineraldünger für die Landwirtschaft. Bei Weizen strebt die Regierung die Selbstversorgung an. Ein laufendes Preismonitoring soll ungerechtfertigte Aufschläge im Handel verhindern.
Die Regierung will außerdem direkte Lieferketten vom Feld in den Handel aufbauen, ohne Zwischenhändler. Laut Open.kg stehen die Behördenchefs persönlich für die Umsetzung gerade. Das Ziel des Plans: eine Inflation von 7 %, abgestimmt mit der Nationalbank. Die Prognose der eigenen Regierung widerspricht dem bereits.
Zweistelliges Wachstum treibt die Preise
Kirgisistans Wirtschaft wuchs im ersten Halbjahr um 11,9 %, getragen von Bau und Industrie. Das meldet die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua unter Berufung auf die Nationalbank. Die Notenbank hielt ihren Leitzins Ende Juli bei 12 %, nach mehreren Erhöhungen im Jahresverlauf. Die Jahresinflation lag im Juli bei 11,3 %, seit Jahresbeginn kletterten die Verbraucherpreise um 6,5 %. Das Zielband der Nationalbank reicht von 5 bis 7 %. Laut Nationalbank sollen die gestrafften Kreditbedingungen externe Preisschübe abfedern, Ersparnisse fördern und die Inflation zurück ins Zielband führen.
Die Nachfrage heizt den Preisauftrieb an. Die Nominallöhne stiegen im ersten Halbjahr um 27,5 %, real um 15,3 %. Der Durchschnittslohn erreichte 53.759 Som, rund 615 US-Dollar. Das berichtet das regionale Wirtschaftsmedium Times of Central Asia. Die Kaufkraft wächst damit deutlich schneller als das Warenangebot. Am stärksten verteuerten sich Lebensmittel: Lammfleisch kostete 23,1 % mehr als vor einem Jahr, Rindfleisch 14,2 %, Pferdefleisch 16 %. Frisches Obst verteuerte sich ebenfalls um 16 %. Auch Treibstoff wurde teurer. Benzin der Sorte AI-92 legte bis Mitte August um 6 % auf 88,24 Som je Liter zu, rund 1 US-Dollar. AI-95 verteuerte sich um 12 % auf 109,24 Som, etwa 1,25 US-Dollar. Diesel kostete mit 102,08 Som je Liter 5 % mehr. Rund 95 % des Treibstoffs kommen aus Russland, etwa 2 Mio. Tonnen pro Jahr. Das sagte Vize-Energieminister Nasipbek Kerimow. „Die Preise auf den Weltmärkten kriechen nach oben, das wirkt sich natürlich ebenfalls aus“, sagte Kanatbek Eschatow, Präsident des kirgisischen Verbands der Ölhändler, der Times of Central Asia. Auf spürbare Entspannung im August und September solle niemand hoffen.
Ziel und Prognose klaffen weit auseinander
Der Plan verspricht 7 % Inflation, die Prognose nennt 14 bis 15 %. Diese Lücke ist das eigentliche Signal des Kabinettsbeschlusses. Die Maßnahmen zielen fast nur auf das Angebot an Agrarprodukten. Die Treibstoffabhängigkeit von Russland und die kräftige Nachfrage bleiben unberührt. Frühere Eingriffe brachten wenig: Ein sechsmonatiges Exportverbot für Vieh gilt seit März, Preisdeckel für Rind- und Hammelfleisch liefen Anfang Mai aus. Die Teuerung beschleunigte sich trotzdem.
Die Asiatische Entwicklungsbank rechnete im April mit 10,3 % Inflation für 2026 und 8,5 % für 2027. Schon damals lag die Erwartung über dem Zielband der Nationalbank, die neue Regierungsprognose übertrifft sie noch deutlich. Als Preistreiber nannte die Entwicklungsbank die starke Binnennachfrage, geplante Tariferhöhungen für Strom und Wärme sowie Wechselkurseffekte. Beim Wachstum erwartete sie 8,9 % für 2026 und 8,4 % für 2027. Das reale Tempo im ersten Halbjahr lag noch einmal 3 Prozentpunkte darüber. Für Handelspartner bedeutet der Plan zweierlei. Der Staat kauft mehr Weizen, Saatgut und Technik, das schafft Absatzchancen. Zugleich wächst das Risiko neuer Markteingriffe, von Exportverboten bis zu Preisdeckeln. Subventionen und Staatskäufe für 419 Mio. US-Dollar pumpen zudem frisches Geld in eine Wirtschaft, die bereits überhitzt. Angaben zur Finanzierung fehlen in den veröffentlichten Beschlüssen bislang. Die nächste Zinsentscheidung der Nationalbank wird zeigen, ob die Geldpolitik nachschärft.
Quelle: Times of Central Asia, Open.kg, Xinhua, ADB (alle EN)


