Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
150,3 von 153 Kilometern der TAPI-Trasse in der afghanischen Provinz Herat sind für die Rohrverlegung vorbereitet. Das meldete das afghanische Ministerium für Bergbau und Erdöl am 15. September. 122,3 Kilometer Rohr sind bereits verschweißt und verlegt, fast doppelt so viel wie im Mai. Turkmenistan steht damit so nah vor einem neuen Gasabnehmer wie seit Jahren nicht.
Bautempo verdoppelt: 122 Kilometer Rohr liegen in der Trasse
Die Zahlen stammen aus Kabul. Hamayoun Afghan, Sprecher des afghanischen Ministeriums für Bergbau und Erdöl, sagte laut der afghanischen Nachrichtenagentur DID Press: „150,3 Kilometer der 153 Kilometer langen Route des TAPI-Gaspipeline-Projekts in der Provinz Herat sind bereit für den Beginn der Verlegearbeiten.“ Das entspricht 98 % der Strecke. Von den verlegten Rohren sind laut Ministerium 71,5 Kilometer bereits vergraben. 33 Kilometer haben den Wasserdrucktest bestanden.
Das englischsprachige Regionalportal Times of Central Asia rechnet den Fortschritt vor: Im Mai lagen erst 63 Kilometer Rohr in der Trasse, Mitte September waren es 122,3 Kilometer. Das Bautempo hat sich damit binnen vier Monaten fast verdoppelt. Der afghanische Abschnitt beginnt an der turkmenischen Grenze bei Serhetabat und führt zur Provinzhauptstadt Herat. Gebaut wird dort seit September 2024, nach Jahren des Stillstands seit dem symbolischen Spatenstich von 2018. TAPI steht für Turkmenistan, Afghanistan, Pakistan und Indien, die vier geplanten Stationen der Röhre. Den turkmenischen Abschnitt bis zur Grenze meldet Aschgabat seit 2024 als fertig.
Herat wird erster Kunde: Gas für den Industriepark in sechs Monaten
Am 10. August unterzeichneten der turkmenische Staatskonzern Turkmengaz und Afghan Gas ein Memorandum über Gaslieferungen durch die neue Röhre. Afghanistan wird damit zum ersten zahlenden Abnehmer, lange bevor die Pipeline Pakistan erreicht. Herats Gouverneur Noor Ahmad Islamjar kündigte laut dem afghanischen Sender TOLOnews an: TAPI-Gas soll die Stadt Herat und den Industriepark der Provinz binnen sechs Monaten erreichen.
Die Nachfrage wartet bereits. Mohammad Nasir Amin, Chef der Industrie- und Bergbaukammer von Herat, sagte laut TOLOnews: Große Hersteller von Fliesen, Keramik und Glas warten mit dem Produktionsstart auf den Gasanschluss. Laut Projektplan soll Afghanistan 5 Mrd. Kubikmeter jährlich erhalten, zunächst fließen deutlich kleinere Mengen. Parallel planen beide Seiten eine 500-Kilovolt-Stromleitung und eine rund 120 Kilometer lange Bahnstrecke von der turkmenischen Grenze nach Herat. Von der Bahn stehen laut Times of Central Asia erst 22 Kilometer in Richtung Sanabar, begonnen 2024. Preise und Liefermengen für das afghanische Gasgeschäft sind laut Times of Central Asia noch offen. Laut DID Press planen beide Seiten zudem ein Verteilnetz für die Stadt Herat, der Bau soll in Kürze beginnen.
Pakistan und Indien: 28 Mrd. Kubikmeter bleiben ohne Vertrag
Die Gesamtplanung reicht weit über Herat hinaus. Rund 1.814 Kilometer soll die Pipeline von Turkmenistan bis nach Indien messen. Die Kapazität liegt bei 33 Mrd. Kubikmeter pro Jahr. Je 14 Mrd. Kubikmeter sind für Pakistan und Indien vorgesehen, 5 Mrd. für Afghanistan. Für die beiden großen Abnehmer existiert bislang weder ein Liefervertrag noch ein Zeitplan. Laut Times of Central Asia haben Islamabad und Neu-Delhi den Weiterbau auf ihr Gebiet nicht terminiert.
Für Aschgabat zählt trotzdem jeder Kilometer. Rund 30 Mrd. Kubikmeter turkmenisches Gas fließen jährlich nach China, den mit Abstand größten Abnehmer. Diese Konzentration macht die Exporterlöse verwundbar: Peking bestimmt Preise und Mengen weitgehend allein. Gespeist werden soll TAPI aus Galkynysch, einem der größten Gasfelder der Welt. Dort beginnt 2026 der Ausbau der vierten Phase, ebenfalls mit chinesischer Beteiligung. Der frühere Präsident und heutige Nationale Führer Gurbanguly Berdimuhamedow nannte die Diversifizierung der Exportrouten im Februar ein vorrangiges Ziel des Landes. Herat liefert dafür den ersten Beleg seit Jahren: einen zweiten Exportanschluss, klein, aber real.
Wie viel die Volkswirtschaft den neuen Absatzmarkt braucht, zeigen die Wachstumszahlen. Die Regierung meldete für das erste Halbjahr 2026 ein Plus von 6,3 %. Der IWF traut Turkmenistan laut Times of Central Asia dagegen nur 2,3 % Wachstum zu. Die Lücke zwischen beiden Angaben ist typisch für die intransparente Statistik des Landes.
Die Risiken bleiben erheblich. Die Finanzierung der Abschnitte in Pakistan ist ungeklärt, internationale Banken meiden Geschäfte mit dem Taliban-Regime. Auch die Sicherheit der Trasse muss Kabul dauerhaft garantieren. Kurzfristig entscheidet sich der Erfolg an einer schlichten Frage: Zahlt Afghanistan verlässlich für sein Gas? Fällt die Antwort positiv aus, bekommt Turkmenistans wichtigstes Infrastrukturprojekt erstmals seit 2018 wieder eine wirtschaftliche Grundlage.
Quelle: Times of Central Asia, TOLOnews, DID Press, Times of Central Asia (Hintergrund) (alle EN)


