Der Klimawandel ist der wichtigste Treiber des sinkenden Wasserspiegels des Kaspischen Meeres und hat einen größeren Einfluss als menschliche Eingriffe wie der Bau von Staudämmen flussaufwärts. Diese Einschätzung äußerte die Wasserpolitikforscherin Anoush Nouri Esfandiari am 22. Juli.
Das Kaspische Meer, der größte Binnensee der Welt, grenzt an Aserbaidschan, Iran, Turkmenistan, Kasachstan und Russland. Seit Jahren sinkt sein Wasserspiegel kontinuierlich. Dieser Rückgang lässt sich nicht mehr allein durch natürliche Schwankungen erklären und hat erhebliche Folgen für Schifffahrt, Fischerei und Küstentourismus in den fünf Anrainerstaaten.
Klimawandel wichtiger als Staudämme
Esfandiari bestreitet nicht, dass Wasserentnahmen aus den Flüssen, die das Kaspische Meer speisen, zum Rückgang des Wasserspiegels beitragen. Ihrer Einschätzung nach überwiegen jedoch die Auswirkungen des Klimawandels deutlich.
„Die Wasserentnahme aus den Flüssen, die in das Kaspische Meer münden, beeinflusst sicherlich den sinkenden Wasserspiegel. Soweit ich weiß, ist die Wolga, die mehr als 80 % des Zuflusses liefert, jedoch überwiegend mit Staudämmen ausgestattet, die hauptsächlich der Schifffahrt dienen. Die Wasserentnahme ist dort vergleichsweise begrenzt“, sagte Esfandiari.
„Deshalb ist der Klimawandel meiner Ansicht nach weiterhin der entscheidende Faktor für das Schrumpfen des Kaspischen Meeres. Sein Einfluss ist deutlich größer als der anderer Faktoren.“
Begrenzter Einfluss iranischer Maßnahmen
Zu den Maßnahmen Irans erklärte Esfandiari, dass das Land zahlreiche Dämme an den Zuflüssen des Kaspischen Meeres errichtet habe, insbesondere am Sefidrud und dessen Nebenflüssen. Dadurch werde ein erheblicher Teil des Wasserflusses reguliert.
Da diese Flüsse im Vergleich zur Wolga jedoch nur einen geringen Anteil am gesamten Zufluss haben, sei der Einfluss der iranischen Maßnahmen auf den Wasserstand des gesamten Kaspischen Meeres begrenzt.
Die Rolle der Wolga
Mehr als 80 % des Zuflusses stammen aus der Wolga. Ihr Verlauf wird in Russland durch zahlreiche Staudämme und Regulierungsanlagen beeinflusst. Diese halten große Wassermengen für Wasserkraft, Bewässerung und industrielle Nutzung zurück, bevor der Fluss das Wolgadelta bei Astrachan erreicht. Zusätzliche Wasserableitungen über den Wolga-Don-Kanal reduzieren den Zufluss zum Kaspischen Meer zusätzlich.
Auch die wasserintensive Landwirtschaft und Industrie in Russland und Aserbaidschan verschärfen die Situation. Seit 2022 hat Russland die Bewässerung im Wolga-Becken ausgeweitet, um die heimische Getreideproduktion zu steigern. Nach Einschätzung von Experten wurde diese Entwicklung durch den Krieg gegen die Ukraine sowie die daraus resultierenden Sanktionen begünstigt, die Handelsströme und Lebensmittelimporte beeinträchtigten.
Der Gastwissenschaftler des Carnegie Russia Eurasia Center, Zaur Shiriyev, erklärte in einem Beitrag für Carnegie, dass diese Entwicklungen den Wasserverbrauch im Oberlauf der Wolga erhöht und den Zufluss zum Kaspischen Meer weiter verringert hätten.
Küstenverschmutzung bleibt ein weiteres Problem
Neben dem sinkenden Wasserspiegel bezeichnete Esfandiari die Verschmutzung der Küstengewässer als eines der größten Umweltprobleme des Kaspischen Meeres.
Zwar würden Projekte zur Sammlung und Reinigung von Abwasser umgesetzt, deren Fertigstellung ziehe sich jedoch über Jahre hin. Gleichzeitig wachse die Bevölkerung in den nordiranischen Provinzen, insbesondere in Mazandaran, wodurch die Belastung der Küstengewässer weiter zunehme.
Grundwasser und Wasserverbrauch im Iran
Zur Lage der Grundwasserreserven in Teheran erklärte Esfandiari, dass die überdurchschnittlichen Niederschläge des vergangenen Jahres keine grundlegende Verbesserung bewirkt hätten.
„Die diesjährigen Regenfälle haben den Druck auf die Grundwasserleiter möglicherweise etwas verringert. Grundwasserressourcen erholen sich jedoch nicht innerhalb kurzer Zeit, sodass keine schnelle Verbesserung zu erwarten ist.“
Auch Anreiz- und Strafsysteme zur Senkung des Wasserverbrauchs seien nur begrenzt wirksam, da der Wasserverbrauch in vielen Wohnanlagen gemeinschaftlich erfasst werde und einzelne Verbraucher dadurch kaum direkte Anreize erhielten.
Der hohe Wasserverbrauch in Teheran sei zudem nicht allein auf private Haushalte zurückzuführen. Auch Industrie, Grünanlagen sowie Wasserverluste im Leitungsnetz spielten eine wichtige Rolle.
Nutzung aufbereiteten Abwassers stockt
Nach Angaben Esfandiaris sollte aufbereitetes Abwasser ursprünglich verstärkt zur Bewässerung öffentlicher Grünflächen eingesetzt werden. Die dafür notwendige Infrastruktur sei größtenteils vorhanden.
Die Umsetzung sei jedoch aufgrund mangelnder Abstimmung zwischen der Stadtverwaltung und den Wasserversorgern ins Stocken geraten.
„Soweit ich weiß, ist die Nutzung aufbereiteten Abwassers zur Bewässerung von Grünflächen weiterhin ungeklärt. Der Stadtrat hätte hier eine aktivere Vermittlerrolle übernehmen sollen“, sagte Esfandiari.
Eine erfolgreiche Lösung könne als Vorbild für andere iranische Großstädte dienen.
Unterschiedliche Auswirkungen der Dürre
Zur diesjährigen Dürre auf dem iranischen Zentralplateau erklärte Esfandiari, dass sich die Situation regional stark unterscheide.
Während es im Süden des Landes überdurchschnittlich viel geregnet habe, seien in vielen anderen Regionen keine wesentlichen Verbesserungen eingetreten. Deshalb lasse sich keine einheitliche Bewertung für das gesamte Zentralplateau treffen.


