Das in Washington ansässige New Lines Institute for Strategy and Policy (NLI) hat eine Initiative gestartet, die den Aufbau einer eigenständigen, handelsorientierten Regionalorganisation in Zentralasien vorantreiben soll. Ziel ist eine wirtschaftliche Gruppierung, die sich langfristig vom Kaspischen Becken bis zum Arabischen Meer erstrecken könnte.
Seidenstraße Sieben-Plus als neues Integrationsmodell
Das Konzept trägt den Namen „Silk Road Seven Plus“ (S7+) und ist als mehrstufiges Projekt angelegt. In einer ersten Phase sollen die fünf zentralasiatischen Staaten – Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgisistan und Tadschikistan – gemeinsam mit Aserbaidschan einen wirtschaftlichen Kern bilden. In späteren Phasen ist die Einbindung Afghanistans und schließlich Pakistans vorgesehen.
Als Vorbild dient der Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN), der trotz politischer Unterschiede seiner Mitglieder zu einem stabilen Wirtschaftsraum gewachsen ist. Das S7+-Modell zielt auf pragmatische Integration statt auf politische Vereinheitlichung.
Zentralasien ist bislang die einzige Weltregion ohne eine ausschließlich aus regionalen Staaten bestehende Wirtschaftsorganisation. Zwar sind einzelne Länder Mitglied in Formaten wie der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) oder den BRICS, doch diese Zusammenschlüsse werden maßgeblich von externen Akteuren geprägt.
Nach Einschätzung des NLI behindert diese Abhängigkeit die wirtschaftliche Eigenständigkeit der Region. Ein eigener Regionalblock könnte den Handlungsspielraum vergrößern und die Integration in globale Lieferketten beschleunigen.
Handel, Ressourcen und Zugang zu Seehäfen
In dem NLI-Bericht heißt es, ein S7+-Block könne den Handel mit Fertigwaren, kritischen Rohstoffen und neuen Technologien deutlich ausweiten – insbesondere mit der Europäischen Union, den USA und Ostasien. Ein zentrales Hindernis bleibe jedoch die geografische Lage: Alle fünf zentralasiatischen Staaten sind Binnenländer.
Der Zugang zu Seehäfen gilt als entscheidend, um Exporte zu skalieren. Die Einbindung Afghanistans und Pakistans würde Zentralasien erstmals direkte Handelsrouten zum Arabischen Meer eröffnen.
Über die ökonomische Dimension hinaus misst das NLI dem Projekt eine sicherheitspolitische Bedeutung bei. Eine stärkere wirtschaftliche Einbindung Afghanistans in regionale Handelsstrukturen könne langfristig dazu beitragen, Armut und Instabilität einzudämmen.
In der Anfangsphase soll sich S7+ auf konkrete Kooperationsfelder konzentrieren: Wasser- und Energiemanagement, Abbau von Handelshemmnissen, Ausbildung und Hochschulkooperation, sowie die Entwicklung digitaler Technologien, einschließlich künstlicher Intelligenz.
Hohe Hürden, aber wachsender Reformdruck
Das NLI räumt ein, dass die Umsetzung des Konzepts mit erheblichen Risiken verbunden ist. Die politische Lage in Afghanistan, historisches Misstrauen zwischen Teilen der Region und der erwartbare Widerstand externer Mächte stellen große Herausforderungen dar.
Gleichzeitig sehen die Autoren eine wachsende Bereitschaft zur regionalen Kooperation. Der wirtschaftliche Reformdruck und das Bedürfnis nach größerer strategischer Autonomie führten die zentralasiatischen Staaten zunehmend zusammen.
„Die Entwicklungen verlaufen nicht reibungslos, aber in die richtige Richtung“, heißt es in dem Bericht. Der Wunsch, historische Altlasten zu überwinden und neue wirtschaftliche Perspektiven zu eröffnen, wirke als verbindendes Element.
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit unserem Partner bne intelliNews

