Hohe Leitzinsen, Sanktionen und niedrige Ölpreise dämpfen Russlands Wirtschaft. Dennoch geht eine Reihe russischer Institutionen und Wirtschaftswissenschaftler von einer leichten Belebung der russischen Wirtschaft in diesem Jahr aus. Das russische Wirtschaftsministerium erwartet für 2026 ein Bruttoinlandsprodukt von 1,3% – und gibt damit eine optimistischere Prognose ab als zuletzt für 2025, in dem es seit vergangenem Herbst ein Wachstum von nur noch 1% erwartet.
Die russische Zentralbank sieht das Wachstum für 2026 in der Spanne zwischen 0,5% und 1,5%. Die Inflation dürfte laut der Regulierungsbehörde in diesem Jahr zwischen 4% und 5% liegen und der durchschnittliche Leitzins – zwischen 13% und 15%, gegenüber dem Höchststand des vergangenen Jahres von 21%. Dabei werde sich das Wirtschaftswachstum überwiegend auf die Inlandsnachfrage stützen, angekurbelt durch weitere Leitzinssenkungen, prognostiziert die Zentralbank.
Auch Analysten, die von den Nachrichtenagenturen Reuters und Interfax befragt wurden, rechnen im Durchschnitt mit einer leichten Belebung des Wirtschaftswachstums auf 1,1% bzw. 1,2%. Die Vereinten Nationen hingegen gehen davon aus, dass Russlands Wirtschaftsleistung in diesem Jahr von 0,8% auf 1,0% anzieht. Die Weltbank rechnet weiterhin damit, dass sich Russlands Wachstum 2026 noch etwas weiter auf 0,8% abschwächt.
Ölpreis – das Zünglein an der Waage
Sowohl das Wirtschaftsministerium als auch die Zentralbank koppeln ihre Prognosen an höhere Ölpreise. Das Wirtschaftsministerium schätzt, dass der Preis der führenden Rohölsorte Brent zwischen 70 und 72 US-Dollar je Barrel liegen wird und sich die Preisabschläge für die russische Ölsorte Urals von 12 auf 7 US-Dollar verringern. Mitte Januar betrugen die Preisabschläge für Urals allerdings 35-40%. Die russischen Währungshüter sind allerdings mit ihrer Prognose vorsichtiger und gehen in ihrem Basisszenario beim Ölpreis von 55 US-Dollar je Barrel aus.
Niedrigere Ölpreise, neue Sanktionen und ein stärkerer Rubel 2025 haben die Exporte Russlands und seine Staatseinnahmen nach Einschätzung der Analysten weiter eingeschränkt. Die Weltbank verweist auf die Entscheidung einiger EU-Länder, die Energiebezüge aus Russland zu reduzieren. Russlands Leistungsbilanzüberschuss dürfte nach Einschätzung der Weltbank aufgrund niedrigerer Ölpreise und der Einschränkung der Ölproduktion im Rahmen der Quoten der OPEC+ weiterhin relativ gering ausfallen. Das russische Haushaltsdefizit werde aufgrund geringerer Exporterlöse voraussichtlich hoch bleiben.
Restriktive Geldpolitik hemmt Kreditvergabe
Der voraussichtliche deutliche Rückgang des Wirtschaftswachstums auf nur noch 0,9% im Jahr 2025 sei, so die Weltbank, auf „die restriktive Geldpolitik“ und die hohe Inflation zurückzuführen. Die Abwärtskorrektur ihrer Wachstumsprognose seit ihrer Juni-Prognose von 1,4% auf 0,9% spiegle auch wider, dass von privaten Haushalten und Unternehmen angesichts der hohen Zinsen weniger Kredite als erwartet aufgenommen wurden.
Laut Weltbank werden sich der private Konsum und die Investitionen in Russland aufgrund der angespannten Finanzlage und der reduzierten staatlichen Unterstützung weiter abschwächen. Die Weltbank erwartet aber, dass sich das Wirtschaftswachstum in den nächsten beiden Jahren stabilisiert und 2026 sowie 2027 wie im Jahr 2025 durchschnittlich 0,9% erreicht.
Der Russland-Experte Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche verweist darauf, dass die russischen Unternehmen wegen der hohen Zinsen mittlerweile bis zu vierzig Prozent der Gewinne für den Schuldendienst ausgeben müssten. „Je länger die Zinsen so hoch bleiben, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Zahl der Pleiten zunehme“, warnt der Ökonom. „Große Firmen wie Gazprom, Rosneft und die Russischen Eisenbahnen können zwar immer mit einer Rettung durch den Staat rechnen, kleinere mittelständische Unternehmen aber natürlich nicht.“
Sorgenkinder und wachstumsstarke Branchen
Die russische Statistikbehörde Rosstat beziffert den Produktionsrückgang der russischen Industrie im Jahr 2025 auf 0,7% im Vergleich zum Vorjahr. Auch beim verarbeitenden Gewerbe stellten die Behörde ein Minus von 1% zum Vorjahr fest. Zu den Sorgenkindern der russischen Wirtschaft gehört der Maschinenbau. Die Produktion von Traktoren ging um 61% zurück. Das Minus bei der Herstellung von Planierraupen betrug mehr als 53%, bei Fahrstühlen – 37%.
Trotz der schwachen Konjunktur haben sich im vergangenen Jahr einige Branchen stark entwickelt. Die russische Pharmaindustrie steigerte in den ersten elf Monaten 2025 ihre Produktion um 15,6% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. So sei zum Beispiel die Herstellung von Medikamenten gegen Diabetes und Fettleibigkeit um das 4,7-Fache gestiegen, erklärt Nikolai Bespalow, Leiter für Entwicklung beim russischen Marktforschungsunternehmen RNC Pharma.
Die seit Jahren wachsende russische Elektronikindustrie legte auch 2025 weiter zu. Rosstat zufolge betrug der Produktionszuwachs von Computern, Elektronik und Optik 13%. Allerdings sind diese Produktgruppen laut Experten größtenteils für die russische Verteidigungsindustrie bestimmt. In diesem Bereich sticht vor allem die Mikroelektronik hervor. Die Produktion von elektronischen Bauelementen und Schaltkreisen konnte die Branche in den vergangenen fünf Jahren auf einen Gesamtwert von 3,5 Bio. Rubel, 39,2 Mrd. Euro, mehr als verdoppeln.
Dieser Beitrag erschien zuerst im exklusiven Newsletter der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer

