Mehr Milliarden als je zuvor: Russlands aktuellste Reichenliste
Der Bloomberg Milliardärs Index ist ein täglich aktualisiertes Ranking der vermögendsten Menschen der Welt, das auf Schätzungen zu Vermögenswerten wie Unternehmensbeteiligungen, Aktienkursen und öffentlichen Finanzdaten basiert. Zum Stichtag 25. Januar sind die zehn reichsten russischen Staatsbürger zwischen Platz 82 und Platz 297 vertreten. Alle genannten Vermögenswerte wurden von US-Dollar in Euro zum aktuellen Wechselkurs umgerechnet.
Die Gruppe wird von Wladimir Potanin, einem Metall- und Rohstoffinvestor sowie Großaktionär von Norilsk Nickel, mit einem geschätzten Vermögen von 25,2 Mrd. Euro angeführt. Es folgen Alexei Mordaschow, Stahlmagnat und Hauptaktionär des Konzerns Severstal, mit 23,4 Mrd. Euro, Leonid Mikhelson, Miteigentümer von Novatek, mit 21,1 Mrd. Euro, Vladimir Lisin, Stahl- und Logistikunternehmer, mit 20,6 Mrd. Euro, und Vagit Alekperov, ehemaliger Lukoil-Chef und Öl-Magnat, mit 20,0 Mrd. Euro.

Weitere gelistete Vermögen entfallen auf Andrey Melnichenko, Unternehmer im Dünger- und Energiesektor, mit 17,7 Mrd. Euro, Alischer Usmanow, Metall-, Telekom- und Tech-Investor, mit 17,1 Mrd. Euro, Gennady Timchenko, Energie- und Finanzinvestor, mit 12,7 Mrd. Euro, Pawel Durow, Telegram-Gründer, mit 12,2 Mrd. Euro, sowie Viktor Vekselberg, Gründer der Renova-Gruppe, mit 9,9 Mrd. Euro.
Auffällig ist die sektorale Zusammensetzung dieser Gruppe. Rohstoffe, Metalle, Energie und Grundstoffe dominieren weiterhin. Die Präsenz von Pawel Durow markiert dabei eine Ausnahme innerhalb einer ansonsten stark rohstoffgeprägten Spitzengruppe.
Ein weiteres Merkmal der aktuellen Momentaufnahme ist die Entwicklung seit Jahresbeginn 2026. Im Bloomberg-Index weist kein einziger der gelisteten russischen Milliardäre einen negativen Saldo auf. Potanin verzeichnete einen Zuwachs von rund 3,5 Mrd. Euro, Mordashov +1,5 Mrd., Mikhelson +1,3 Mrd., Lisin +650 Mio., Alekperov +1,1 Mrd., Usmanov +1,0 Mrd., Melnichenko +2,0 Mrd., Vekselberg +1,0 Mrd.
Der Vergleich mit dem vermögendsten Mann der Welt relativiert jedoch die russischen Zuwächse: Elon Musks Vermögen wird aktuell mit rund 650 Mrd. Euro beziffert, allein seit Jahresbeginn mit einem Plus von rund 65 Mrd. Euro. Der Abstand zwischen Elon Musk und dem zweitplatzierten Google-Gründer Larry Page beträgt fast 400 Mrd. Euro – fast so viel Geld, wie alle russischen Milliardäre zusammen besitzen.

HSE-Studie: Russlands Milliardäre passen sich an Sanktionen an
Eine systematische Auswertung der Reaktionen russischer Milliardäre auf die westlichen Sanktionen seit 2022 liefert eine aktuelle Studie von Elena A. Shvetsova von der Moskauer Eliteuniversität Higher School of Economics. Die Untersuchung deckt den Zeitraum von Februar 2022 bis Januar 2025 ab und basiert auf dem Forbes-Russland-Ranking der 125 reichsten Geschäftsleute 2024. Ergänzt werden offene Quellen durch Registerdaten (SPARK-Interfax).
Das zentrale Ergebnis der Studie lautet:
„Trotz massiver Sanktionsschläge blieb die Kernzusammensetzung der russischen Elite bemerkenswert stabil: Die Verbleibquote im Ranking lag zwischen 2022 und 2023 bei 89%, und von 2023 auf 2024 sogar bei 91%. Das heißt, nur wenige Milliardäre verschwanden dauerhaft von der Liste – ein schwacher Einfluss der Sanktionen auf die Elitezusammensetzung lässt sich daraus schließen.“
Die Studie differenziert die Anpassungsstrategien der russischen Magnaten auf die Sanktionen quantitativ. Rund 50% der untersuchten Milliardäre erhöhten ihre Inlandsinvestitionen. Etwa ein Drittel verkomplizierte Eigentümer- und Holdingstrukturen. Rund 25% veräußerten einzelne Vermögenswerte. Etwa ein Sechstel repatriierte Kapital nach Russland oder trennte sich von Auslandsassets. Ein ähnlicher Anteil übernahm Vermögenswerte westlicher Unternehmen, die sich aus Russland zurückzogen. Auslandserwerbe blieben eingeschränkt, fanden aber weiterhin bei etwa 15 bis 20% der Milliardäre statt.

„Die Top-20-Forbes Milliardär wurden nahezu geschlossen ins Visier westlicher Sanktionen genommen: Seit 2022 stehen drei Viertel von ihnen auf westlichen Sanktionslisten, während im restlichen Milliardärskreis nur 42% sanktioniert wurden. Die Top-20 waren schlagartig Sanktionen in großem Stil ausgesetzt, wohingegen die übrigen Milliardäre nach und nach den Listen hinzugefügt wurden. Dennoch hat diese intensive Verfolgung die Spitzenpositionen der Top-20 in Russland kaum erschüttert – sie blieben im Inland weiterhin tonangebend.“
Schwetsowa identifiziert den Verzicht auf die russische Staatsbürgerschaft als seltene, aber analytisch relevante Anpassungsstrategie. Für den Zeitraum 2022 bis 2024 dokumentiert sie zehn Milliardäre, die diesen Schritt vollzogen. Zu jenen die ihre russische Staatsbürgerschaft abgelegt haben gehören Timur Turlow, Gründer der Finanzgruppe Freedom Finance, der Technologieinvestor Juri Milner, Nikolai Storonski, Gründer des Finanzdienstleisters Revolut, Oleg Tinkow, Gründer der Tinkoff Bank, die mittlerweile T-Bank heißt, und Wladimir Potanin, sowie Wassili Anissimow, ein früherer Geschäftspartner von Alischer Usmanow. Ebenfalls dazu gehört Arkadi Wolosch, Mitgründer des Internetkonzerns Yandex. Auffällig ist die sektorale Konzentration: Sieben der zehn Fälle entfallen auf Unternehmer aus IT, Finanzdienstleistungen und Venture Capital. Schwetsowa erklärt dies mit der „Leichtigkeit“ ihrer Vermögensstruktur, dem Fehlen standortgebundener Sachanlagen sowie mit stärkerer globaler Integration und geringerer Abhängigkeit vom russischen Staat.
Viele russische Milliardäre sahen sich in den vergangenen Jahren zu einer strategischen Grundsatzentscheidung gezwungen: Entweder sie verlagern Vermögen und unternehmerische Aktivitäten dauerhaft ins Ausland – oder führen es unter Aufsicht des Kreml zurück.
Rohstoffe, Konsum, Tech: Wer gewann, wer verlor
Rohstoffe, Metalle, Energie und Düngemittel bilden weiterhin den Kern der größten Vermögen. Im Forbes Ranking 2025 verzeichneten mehrere Vertreter dieser Sektoren deutliche Zuwächse.
Alischer Usmanow steigerte sein Vermögen um rund 5,3 Mrd. US-Dollar auf 18,5 Mrd., Viktor Vekselberg um rund 3,0 Mrd., Iskander Machmudov um etwa 4,4 Mrd. US-Dollar – alle drei zählen zu zentralen Akteuren der russischen Rohstoffwirtschaft, deren Vermögenszuwächse vor allem aus Beteiligungen an Metall-, Bergbau- und energieintensiven Unternehmen resultieren.
Die Treiber sind zweigeteilt: Einerseits hohe Preise und stabile Exporterlöse, andererseits Übernahmemöglichkeiten im Zuge des Rückzugs westlicher Unternehmen. Parallel entstanden neue Milliardärsvermögen in binnenorientierten Branchen wie Einzelhandel, Agrarwirtschaft, Wohnungsbau und E-Commerce.
Verlierer sind dagegen Sektoren mit hoher Westabhängigkeit, insbesondere Technologie und Finanzdienstleistungen. Hier wirken Sanktionen über eingeschränkten Kapitalzugang, Marktabschottung, Talentabwanderung und komplexere regulatorische Anforderungen.
Deutschland vs. Russland: Magnaten versus Familienunternehmer
Ein Vergleich der Milliardäre Deutschlands und Russlands zeigt deutliche strukturelle Unterschiede in der Entstehung und Zusammensetzung großer Vermögen. Nach den aktuellen Forbes-Daten führte Deutschland im Jahr 2025 die Liste der Länder mit den meisten Milliardären in Europa an und belegte weltweit den vierten Platz mit 171 Bürgern im Ranking, deren kumuliertes Vermögen auf rund 793 Mrd. US-Dollar geschätzt wird.


Im deutschen Kontext dominieren Familienunternehmer und Erben großer mittelständischer oder globaler Konzerne die Spitzenpositionen. Familiennetzwerke und generationenübergreifende Eigentumsstrukturen prägen die Vermögensbildung: Bei vielen der reichsten Deutschen resultieren die Vermögen aus langjähriger unternehmerischer Tätigkeit innerhalb eines Familienverbunds oder aus der Weitergabe großer Firmenbeteiligungen über mehrere Generationen. So ist etwa Susanne Klatten reich durch Anteile an BMW und Altana, die sie als Teil der Quandt-Familie hält, und gilt als „reichste Frau Deutschlands“. Rund 75% der deutschen Superreichen haben ihr Vermögen geerbt, laut einer Datenanalyse, die auf Forbes-Statistiken basiert.
Demgegenüber sind russische Milliardäre zu rund 97% als self-made klassifiziert, was darauf hinweist, dass Vermögen in Russland in der jüngeren Vergangenheit überwiegend durch individuelle Unternehmensgründungen und -expansionen entstanden ist, häufig gekoppelt an exportorientierte Rohstoff- und Industriegeschäfte. Das unterscheidet die russische Elite von der deutschen: Während Letztere ihre Spitzenplätze oft aus langfristig entwickelten Familienunternehmen bezieht, fußt die russische Milliardärsschicht überwiegend auf in den seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erworbenen Vermögenswerten.
Ein weiterer Unterschied zeigt sich im Verhältnis von Milliardärsvermögen zur Wirtschaftsleistung. In Deutschland entsprechen die Vermögen der reichsten Personen nach Schätzungen etwa 12% bis 18% des BIP, was auf eine relativ breite Kapitalbasis hindeutet, die stark in produktiven Wirtschaftssektoren wie Industrie, Handel und Maschinenbau verankert ist. In Russland hingegen machen die Vermögen der Milliardäre geschätzt etwa 27% des BIP aus.

Die 1990er und das „Goldene Zeitalter“ der Magnaten
In den 1990er-Jahren entstand Russlands neue Vermögenselite in einem Umfeld radikaler Privatisierung, schwacher Institutionen und hoher politischer Durchlässigkeit zwischen Staat und Großkapital. Historiker und Beobachter verweisen dabei besonders auf Programme, bei denen strategische Staatsaktiva gegen kurzfristige Kredite an den Staat verpfändet und anschließend zu Niedrigpreisen übernommen wurden; das Verfahren gilt als Symbol für eine politisch geprägte Eigentumsbildung in der späten Jelzin-Ära. In dieser Phase gewann der Begriff „Oligarch“ seine Bedeutung: Er bezeichnet nicht nur sehr reiches Unternehmertum, sondern eine Konstellation, in der Vermögen und politischer Einfluss gleichzeitig konzentriert sind.
Forbes beschreibt die Ursprünge der russischen Milliardärsschicht als Ergebnis einer „gigantischen und brutalen Umverteilung von Eigentum“ in den 1990er-Jahren. Das Profil des „typischen Forbes-Listen-Charakters“ lautete in den goldenen Zweitausenderjahren:
„Die Autoren des ersten Forbes Rankings im Jahr 2004 erstellten ein Profil des ‚typischen Forbes-Listen-Charakters‘: ein 47-jähriger Mann, geboren außerhalb Moskaus, aber mit einem technischen Abschluss einer Moskauer Universität. Er handelte mit Computern, bevor er ins Bankwesen und in den Rohstoffexport wechselte. Er besitzt eine bedeutende Beteiligung an einem Rohstoffproduzenten und verbringt einen Großteil seines Lebens in Europa oder Nordamerika, wohin er Ende der 1990er-Jahre mit seiner Familie zog.“
Zur Charakterisierung dieser Gruppe heißt es weiter:
„Sie alle konnten in dem gnadenlosen Kampf der russischen Geschäftswelt der 1990er-Jahre überleben und ihr Vermögen verteidigen, als es nicht um den Erwerb, sondern um den Erhalt von Besitz ging. Es sind zähe, intelligente, hoch rationale und extrem ehrgeizige Menschen, die kompromissbereit sind und sowohl mit den Behörden als auch mit ihren Geschäftspartnern Vereinbarungen treffen können. Diese Kombination von Eigenschaften garantierte zwar keinen Erfolg, machte ihn aber durchaus möglich.“
Forbes bezeichnet die Jahre von 2000 bis 2008 als die „goldenen Jahre“. Symbolisch für diese Zeit steht Oleg Deripaka der 2008 laut Forbes „der vermögendste Russe und der neuntreichste Mensch auf dem Planeten mit einem Vermögen von 28 Mrd. Dollar“ war. Die Finanzkrise 2008/2009 beendete diese „goldenen Jahre“ und aktuell beträgt das Vermögen von Deripaska nur noch rund 4 Mrd. Euro.
Warum heute im Kontext der russischen Superreichen eher von „Magnaten“ als von „Oligarchen“ gesprochen wird, hängt mit der veränderten politischen Ökonomie seit den 2000er-Jahren zusammen, in denen die Superreichen zwar so viel Geld wie nie zuvor besitzen, ihre politischen Einflussmöglichkeiten jedoch nur ein Schatten der 1990er Jahre sind.
Dieser Beitrag erschien zuerst im exklusiven Newsletter der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer

