Ungarische Unternehmen und Investoren halten sich im Vorfeld der Parlamentswahl im April mit neuen Investitionen zurück. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes im Jahr 2026 dürfte daher maßgeblich von den Entscheidungen und Marktreaktionen in der zweiten Jahreshälfte abhängen, schrieb die linksliberale Tageszeitung Népszava am 4. Februar. Gleichzeitig gewinnen Forint-Anlagen deutlich an Wert – getrieben von der Erwartung eines möglichen Wahlsiegs der Oppositionspartei Tisza, wie Bloomberg berichtet.

Nach der Veröffentlichung vorläufiger BIP-Daten für das vierte Quartal veranstaltete der Verband Ungarischer Ökonomen in der vergangenen Woche eine Podiumsdiskussion. Demnach wuchs die Wirtschaft in den letzten drei Monaten des Jahres gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent, im Jahresvergleich um 0,5 Prozent (arbeitstagsbereinigt).

Schwache Nachfrage und Investitionsflaute

Das Wachstum werde weiterhin durch die schwache Auslandsnachfrage in der Industrie und das Ausbleiben neuer Investitionen gebremst, waren sich die Teilnehmer einig. Größere Veränderungen seien in den kommenden Monaten nicht zu erwarten.

Eva Palócz, Geschäftsführerin des Wirtschaftsforschungsinstituts Kopint-Tárki, erklärte, dass die Investitionstätigkeit im ersten Halbjahr angesichts knapper Haushaltsmittel und der politischen Unsicherheit voraussichtlich verhalten bleiben werde. Selbst ohne einen Regierungswechsel seien wirtschaftspolitische Anpassungen notwendig, insbesondere zur Stabilisierung der Staatsfinanzen. Auch MNB-Direktor András Balatoni und ING-Analyst Péter Virovácz gingen davon aus, dass in der zweiten Jahreshälfte fiskalische Korrekturen unumgänglich seien.

Wie bneIntellinews bereits berichtete, sind die Investitionsausgaben seit Mitte 2022 rückläufig. Gründe sind unter anderem gekürzte EU-Fördermittel sowie die Entscheidung der Regierung, staatliche Investitionen zu verschieben. Zudem agieren Unternehmen vorsichtiger angesichts häufiger, teils unkoordinierter Gesetzesänderungen und eines zunehmend schwierigen Geschäftsklimas.

Strukturwandel und Wettbewerbsfähigkeit

Balatoni beschrieb Ungarns Wirtschaft als ein System im Übergang von einem mittleren zu einem hohen Einkommensniveau. Das bisher starke Wachstum habe seine Grenzen erreicht, und seit 2022 habe Ungarn gegenüber regionalen Wettbewerbern an Boden verloren. Umso wichtiger seien Investitionen und eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit.

Zugleich gewinne der Dienstleistungssektor gegenüber der Industrie an Bedeutung. Er biete Potenzial, um qualifizierte Arbeitskräfte im Land zu halten und die Wertschöpfung zu erhöhen.

„Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Interessen der heimischen kleinen und mittleren Unternehmen Vorrang haben müssen“, sagte Palócz. Die staatliche Priorisierung großer Industrieprojekte führe dazu, dass Arbeitskräfte aus dem KMU-Sektor abgezogen würden.

Wahlrisiken und Markterwartungen

Ein Regierungswechsel nach langer Amtszeit gehe historisch oft mit höheren Defiziten und steigender Verschuldung einher, sagte ING-Analyst Virovácz. Dies bedeute jedoch nicht zwangsläufig sofortige Sparmaßnahmen.

„Es ist durchaus möglich, auch wenn viele Investoren das anders sehen, dass eine Haushaltskonsolidierung unter einer Fidesz-Regierung früher erfolgen könnte als unter einer neuen Regierung unter Führung von Tisza“, sagte er.

Der Wahlkampf hat sich zuletzt zugespitzt. Die Regierungspartei Fidesz startete eine groß angelegte Kampagne, die auf angeblichen Dokumenten basiert, welche laut Tisza mithilfe künstlicher Intelligenz gefälscht wurden. Diese sollten belegen, dass die Opposition Steuererhöhungen, Budgetkürzungen und den Abbau sozialer Leistungen plane. Ein Gericht entschied im Januar, dass ein von einem regierungsnahen Medium veröffentlichtes, 600-seitiges Dokument nicht der Tisza-Partei zuzuordnen sei.

Tisza-Chef Péter Magyar sprach von einer Bestätigung, dass die Vorwürfe unbegründet seien, und erklärte, die zentralen Narrative der Fidesz-Kampagne seien damit widerlegt.

Märkte setzen auf die Opposition

„Die entscheidende Frage ist, wie die Märkte reagieren, sobald das Wahlergebnis feststeht“, sagte Virovácz. In Gesprächen mit internationalen Investoren würden teils extreme Szenarien diskutiert. Ein erneuter Sieg der Fidesz könne demnach eine Abwertung des Forint um bis zu zehn Prozent auslösen, während ein Sieg der Tisza eine entsprechende Aufwertung zur Folge haben könnte. Daraus ergebe sich eine mögliche EUR/HUF-Spanne von 365 bis 420.

Das Basisszenario von ING sieht den Euro zum Jahresende bei rund 385 Forint – im Einklang mit dem Fokus der Zentralbank auf Wechselkursstabilität. Für 2026 rechnen die befragten Ökonomen mit einem Wirtschaftswachstum von 1,5 bis 2,5 Prozent und bleiben damit deutlich unter dem Regierungsziel von drei Prozent.

Ein separater Bloomberg-Bericht zufolge setzen ausländische Investoren zunehmend auf einen Wahlsieg der Tisza-Partei. Marktindikatoren deuteten auf wachsenden Optimismus hin, dass eine neue Regierung die eingefrorenen EU-Mittel freigeben und das Wachstum beleben könnte.

Der ungarische Leitindex BUX stieg im Januar um 16 Prozent – der stärkste Monatsanstieg seit fünf Jahren – und legte seit Jahresbeginn um rund 19 Prozent zu. Der Forint erreichte gegenüber dem Euro ein fast zweijähriges Hoch, während sich der Risikoaufschlag ungarischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Papieren um rund einen Prozentpunkt verringerte.

„Die Marktrallye spiegelt die Erwartung wider, dass ein Sieg der Opposition Ungarn näher an den EU-Hauptstrom heranführen würde“, sagte Viktor Szabó von der Aberdeen Group. Politische Kontinuität könne dagegen kurzfristig zu leichten Kursverlusten führen, während ein klarer Oppositionssieg einen deutlichen Aufschwung auslösen dürfte.

Zu den zentralen Wahlversprechen der Tisza-Partei zählt die Rückholung von rund 22 Milliarden Euro an eingefrorenen EU-Geldern sowie die Vorbereitung eines späteren Euro-Beitritts.


Dieser Artikel entstand in Kooperation mit unserem Partner bne intelliNews

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