Die Sowjetunion galt einst als Leseparadies schlechthin. Auch Russland zählt heute zu den größten Lesenationen der Welt. Bücher sind in dem Land günstig, wenngleich der Teuerungstrend der vergangenen Jahre manch ein Buch zum Ladenhüter werden ließ. Derweil liefern sich traditionelle Buchhandlungen mit Internet-Marktplätzen einen erbitterten Kampf um Kunden – und ziehen in Preisschlachten meist den Kürzeren.

Die Buchpreise in Russland haben in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugelegt. Laut dem russischen Bücherhändler-Verband ASKR ist der durchschnittliche Buchpreis von 374 Rubel, 4,11 Euro, im Jahr 2021 auf 560 Rubel gestiegen, umgerechnet 6,15 Euro. In Buchhandlungen gaben die Käufer von Januar bis November 2025 im Schnitt 837 Rubel, 9,30 Euro, für Bücher und Buchhandlungsartikel aus, folgt aus Berechnungen des Analysedienstleisters Check Index des russischen Steuerdatenbetreibers OFD-Plattform. Die Ausgaben sind somit um 9% zum Vorjahr gestiegen, während die Verkaufszahlen um 4% zurückgingen.

Bereits 2024 verzeichnete die Branche deutlich weniger Käufer, wie Zahlen des Marktforschungsunternehmens Businesstat zeigen. Seit 2020 ging der Bücherabsatz in Russland von im Schnitt 385 Mio. auf 373 Mio. im Jahr 2024 zurück. Einzige Ausnahme bildet das leserstarke Pandemie-Jahr 2021, als 414 Mio. Bücher über den Ladentisch gingen.  

Größte Verlage

Nach Angaben des russischen Verbands der Buchdruckindustrie (GIPP) betrug das Volumen des russischen Büchermarktes 2024 insgesamt 135,2 Mrd. Rubel, umgerechnet 1,48 Mrd. Euro, was einem Anstieg von 10,6% gegenüber dem Vorjahr entsprach. Für das Jahr 2025 rechnet Oleg Nowikow, Präsident der Verlagsgruppe Eksmo-AST, mit einem weiteren Zuwachs von 10%. Das Wachstum ist auf die jährlich steigenden Bücherpreise zurückzuführen.

Eksmo zählt zu den größten Verlagen auf dem russischen Büchermarkt. 2024 erzielte das Unternehmen einen Erlös von 21,8 Mrd. Rubel, 239,7 Mio. Euro, ein Anstieg von 16% zum Vorjahr. Auf Platz zwei folgt der Verlag AST mit 9,5 Mrd. Rubel, 104,4 Mio. Euro (+10%). Beide Verlage gehören zur Verlagsgruppe Eksmo-AST. Die Top drei komplettiert der Verlag Rosman – 9 Mrd. Rubel, rund 99 Mio. Euro (+9). Dahinter rangieren Azbooka-Attikus mit 5,7 Mrd. Rubel, ca. 62,7 Mio. Euro (+15%) und Alpina Publisher mit 1,7 Mrd. Rubel, 18,7 Mio. Euro (+23%).

Kapitel Preisdumping

Der traditionelle Buchhandel sieht in Marktplätzen, die mit Preisdumping Kunden anlocken, seinen größten Konkurrenten. Viele Buchhandlungen können mit der niedrigen Preispolitik der russischen Online-Riesen Ozon und Wildberries nicht mithalten. Denn der Preisunterschied fällt zuweilen erheblich aus. Zum Beispiel ist ein aktueller Bestseller in den Geschäften oder dem jeweiligen Online-Verlagsshop für rund 1000 Rubel, umgerechnet 11 Euro, erhältlich – auf Onlinemarktplätzen hingegen kostet der begehrte Roman nur 600 Rubel, 6,60 Euro. Das führt mitunter zu absurden Szenen, wenn ein potenzieller Kunde im Geschäft in einem Buch blättert und schon im nächsten Moment ebendieses bei einem Onlineriesen bestellt, beklagen Branchenvertreter.

Die weitverbreitete Ansicht, dass Hörbücher, traditionelle Bücher und E-Books miteinander konkurrieren, teilen die Marktteilnehmer nicht. Ganz im Gegenteil: Ein erfolgreiches Hörbuch kann den Absatz eines traditionellen Buches sogar beflügeln. Nach Angaben des russischen Hörbuchverlags Bimbo steigen 70% der Hörbuch-Konsumenten auf Bücher und E-Books um, die sie seit ihrer Schulzeit nicht gelesen haben.

Günstiger als der Rest

Trotz Teuerungen kann sich der russische Büchermarkt international sehen lassen. Sowohl in Europa als auch den USA geben die Menschen deutlich mehr Geld für ihre Lektüre aus. Im Schnitt kostet ein europäisches Hardcover 27 bis 44 Euro und ein Taschenbuch 16 bis 27 Euro. In Russland wiederum zahlen Bücherwürmer im Schnitt 800 bis 1500 Rubel, rund 9 bis 16,50 Euro, für ein Hardcover und 500 bis 800 Rubel, 5,50 bis 8,80 Euro, für ein Taschenbuch. Experten verweisen auf eine Besonderheit europäischer Buchmärkte. In Ländern wie Deutschland, Frankreich, Spanien und den Niederlanden gelten gesetzlich festgelegte Buchpreise, die selbst Online-Giganten wie Amazon nicht unterschreiten dürfen. Dies schützt kleinere und unabhängige Buchhandlungen vor dem rabiaten Preisdumping der Konkurrenz.

Auflage und Papier entscheidend

Einer der größten Preistreiber für den russischen Büchermarkt sind die Produktionskosten. Branchenvertretern zufolge hängen diese von zwei Faktoren ab: der Auflagenzahl und den Preisen für Papier. So entfallen 60% der Herstellungskosten auf den Druck, die restlichen 40% auf Papier. Laut Sergej Rubis, Leiter für Belletristik beim Verlag AST, sind die Druckkosten in den vergangenen drei bis vier Jahren um 70–80% gestiegen. Der Direktor des Rosman-Verlags Boris Kusnezow schätzt den Anstieg der Druckkosten im Jahr 2024 auf 25–30%, im vergangenen Jahr sollen weitere 10–12% hinzugekommen sein.

Je geringer die Auflage, desto größer die Kosten je produzierter Einheit. Die Auflage eines Buches rentiert sich für den Verleger, wenn sie zumindest die Herstellungskosten deckt. Als optimal gelten heute 2500 bis 3000 Exemplare. Die Krux an der Sache: Das Buch kann sich schlecht verkaufen. Konstantin Lun, Produktionsleiter bei Alpina Publisher, erklärt: „Die erste Auflage sollte das Mindestmaß an Rentabilität aufweisen. Ihre Haupteinnahmen generieren die Verlagshäuser mit dem Nachdruck von Bestsellern.“ Genau in diesen Fällen könnten die Leser auf reduzierte Buchpreise hoffen, denn die Verlagskosten seien zu diesem Zeitpunkt schon gedeckt, fügt Lun hinzu.

Bücherwurm-Ranking

Nach Angaben der Analyseplattform World Population Review leben die meisten Bücherwürmer der Welt in den USA. Die Amerikaner lesen pro Woche durchschnittlich sieben Stunden und bewältigen im Jahr 17 Bücher. Platz zwei und drei gehen an Indien (6,55 St. pro Woche, 16 Bücher im Jahr) und Großbritannien (6,30 St. pro Woche, 15 Bücher im Jahr). Frankreich und Italien rangieren auf den Plätzen vier und fünf. Die Franzosen schmökern 5,50 St. pro Woche und lesen 14 Bücher im Jahr, die Italiener verbringen 5,20 St. pro Woche mit der Lektüre und schaffen im Jahr 13 Bücher. Russland belegt in diesem Ranking einen soliden sechsten Platz mit rund 4,30 St. Lesefreude pro Woche und elf Büchern im Jahr. Deutschland landet abgeschlagen auf Platz 25 – 2,40 St. pro Woche und ca. sechs Bücher im Jahr. 


Dieser Beitrag erschien zuerst im exklusiven Newsletter der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer

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