Philip Pilkington über eingefrorene russische Vermögenswerte, die Zukunft Europas, die russische Wirtschaft und den möglichen Kollaps des globalen Liberalismus.

Philip Pilkington ist Makroökonom, Autor und Podcaster. Er ist Host des vielbeachteten Multipolarity Podcast und Autor des Buches The Collapse of Global Liberalism. In seinen Analysen beschäftigt er sich mit globaler Makroökonomie, Geopolitik und den strukturellen Verschiebungen der Weltordnung.

Die Debatte um eingefrorene russische Vermögenswerte hat die Europäische Union in den vergangenen Wochen und Monaten stark beschäftigt. Bundeskanzler Merz hat viel politisches Kapital investiert – am Ende wurde das Vorhaben jedoch nicht umgesetzt. Warum ist es dazu nicht gekommen?

Philip Pilkington:
Meiner Einschätzung nach war die Nutzung dieser Vermögenswerte nie primär ein rechtliches Problem, sondern ein bilanzielles und geldpolitisches. Rein technisch ist es extrem schwierig, diese Gelder tatsächlich für laufende Ausgaben oder zur Kriegsfinanzierung zu nutzen.

Als die Vermögenswerte eingefroren wurden und sich zeigte, dass dies weder den Rubel kollabieren ließ noch die russische Wirtschaft unmittelbar zerstörte, wurde das Thema politisch instrumentalisiert. In Washington wusste man meines Erachtens von Beginn an, dass diese Assets kaum nutzbar sind. Dennoch eigneten sie sich hervorragend als politisches Narrativ: Man konnte Hoffnung erzeugen, Momentum simulieren und den Eindruck vermitteln, es gebe noch „eine letzte Maßnahme“, obwohl viele Sanktionen ihr Ziel verfehlt hatten.

Inzwischen scheint klar, dass Europa stärker mit eigenen Mitteln für die Ukraine aufkommen müsste. Könnte das zu einem Umdenken führen – hin zu mehr Diplomatie?

Philip Pilkington:
Sobald es in der EU konkret um Geld geht, beginnt der innere Konflikt. Die EU ist kein zentralisierter Staat wie die USA, sondern ein fragiles Gebilde, in dem Finanzierung immer zu Verteilungskämpfen führt. Die Vorstellung, man könne die Kosten externalisieren – etwa über russische Vermögenswerte –, hat lange Zeit eine echte Debatte verhindert.

Jetzt, wo diese Illusion wegfällt, droht die Koalition zu zerbrechen. Italien fühlt sich sichtbar unwohl, Belgien verhält sich zunehmend wie ein Störfaktor, und selbst Frankreich scheint nicht mehr eindeutig positioniert. Für die EU ist das gefährlich, denn eine dauerhafte, offene Kriegsfinanzierung wäre ein Fass ohne Boden. Historisch erinnert das an die sowjetische Finanzierung Kubas – ein finanzielles schwarzes Loch, das erheblich zur Erosion des Systems beigetragen hat.

In den USA und Russland führen derzeit eher Finanzakteure als klassische Diplomaten Gespräche – etwa Kirill Dmitrijew auf russischer Seite. Was sagt das über den Zustand der Verhandlungen aus?

Philip Pilkington:
Das ist ein wichtiges Signal. Zu Beginn der neuen Trump-Administration gab es eine harte Linie, dann einen Versuch diplomatischer Öffnung – mit Gipfelideen und Verhandlungsformaten. Doch offenbar kamen beide Seiten zu dem Schluss, dass der Zeitpunkt dafür noch nicht reif ist, vor allem wegen Europas Haltung.

Die Gespräche auf Finanzebene deuten darauf hin, dass die USA versuchen, aus der Situation zumindest wirtschaftlich etwas zu retten. Europa hingegen droht, politisch wie ökonomisch in eine Sackgasse zu geraten. Aus amerikanischer Sicht geht es nun um Stabilisierung – möglicherweise auch um wirtschaftliche Arrangements wie Beteiligungen an strategischer Infrastruktur, etwa der Nord Stream-Pipeline. 

Kommen wir zur russischen Wirtschaft. Nach starkem Wachstum 2023 und 2024 scheint die Dynamik nun deutlich nachzulassen. Wir sprechen von unter einem Prozent Wachstum. Sind die Sanktionen nun doch wirksam?

Philip Pilkington:
Ich glaube nicht, dass wir hier primär die Wirkung der Sanktionen sehen. Vielmehr ist das Ergebnis einer internen wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung in Russland. Auf der einen Seite steht das Wirtschaftsministerium, das wachstumsorientiert denkt – ähnlich wie chinesische Planer, mit Fokus auf reale Produktion, Industrieaufbau und Kapazitäten. Auf der anderen Seite steht die Zentralbank, die stark auf Inflationsbekämpfung fixiert ist.

Die russische Zentralbank hat die Zinsen aus meiner Sicht zu stark angehoben. Das hat das Wachstum bewusst abgekühlt – vielleicht zu stark. Die Angst vor Inflationsschocks sitzt tief, geprägt von den Erfahrungen der 1990er-Jahre. Doch Russland hat 2014 und 2022 gezeigt, dass es auch mit externen Schocks umgehen kann, ohne in eine Inflationskatastrophe zu rutschen.

Langfristig wird entscheidend sein, ob Russland sich weiter vom neoliberalen Modell entfernt und stärker einem chinesischen Entwicklungsmodell folgt. Angesichts der tiefen Integration in die chinesische Wirtschaft halte ich das für wahrscheinlich. Eine große Rezession sehe ich nicht. Eher eine Phase gedämpften Wachstums, die sich mit einer Lockerung der Geldpolitik wieder beleben ließe.

Sie haben ein Buch über den „Kollaps des globalen Liberalismus“ geschrieben. Haben die vergangenen vier Jahre – Krieg, Sanktionen, geopolitische Verschiebungen – Ihre Sicht Ihre Sicht auf den Liberalismus?

Philip Pilkington:
Definitiv. Ich hielt den Liberalismus schon zuvor für ideologisch erschöpft, aber nicht für akut kollapsgefährdet. Der Ukrainekrieg hat das beschleunigt. Die aufstrebenden Mächte – China, Russland, Indien, die BRICS-Staaten – sind allesamt nicht-liberale Akteure. Gleichzeitig haben sich die liberalen Staaten selbst geschwächt, wirtschaftlich wie politisch.

Hinzu kommt ein innerer Widerspruch: Liberalismus verstand sich seit Jahrzehnten als anti-kriegerische Ideologie. Die starke Unterstützung eines Krieges, der kaum zu gewinnen ist, untergräbt diesen Anspruch fundamental. Die Debatte über das Ende des Liberalismus ist heute kein Randphänomen mehr, sondern Teil des intellektuellen Mainstreams.

Ich glaube nicht, dass der globale Liberalismus in seiner bisherigen Form zurückkehren wird. Zu viele zentrale Akteure der Weltordnung haben kein Interesse daran. Wir treten in eine neue Phase ein, in der alte Gewissheiten nicht mehr tragen – besonders in Europa und den USA.

Letzte Frage: Ist Russland in dieser Debatte ein Sonderfall? Ein Land, das Liberalismus erlebt, verworfen und theoretisch wieder annehmen könnte?

Philip Pilkington:
Russland ist insofern besonders, als es tatsächlich beide Wege kennt. Aber eine Rückkehr zum Liberalismus würde bedeuten, sich aus der chinesischen Umlaufbahn zu lösen. Das halte ich für extrem unwahrscheinlich. Die wirtschaftliche Partnerschaft mit China hat sich für Russland als zu produktiv erwiesen – mit langfristigen Projekten, strategischer Planung und Wachstumsperspektiven.

Kulturelle Nähe zu Europa allein reicht nicht aus, um eine solche Kehrtwende zu rechtfertigen, wenn auf der anderen Seite eine dynamische, funktionierende Wirtschaftsbeziehung steht. Sollte Russland dennoch liberalisieren, wäre das analytisch hochinteressant. Aber realistisch betrachtet sehe ich dafür derzeit keine Grundlage.

Das Gespräch führte Thomas Baier für den „Zaren. Daten. Fakten.“ Podcast 

Hinweis: Philip Pilkingtons Buch The Collapse of Global Liberalism ist derzeit auf Englisch erhältlich. Eine deutsche Übersetzung ist bislang nicht erschienen.

Related Post