Shell setzt seine Investitionen in Kasachstan vorerst aus. Hintergrund sind milliardenschwere Rechtsstreitigkeiten zwischen westlichen Ölkonzernen und dem rohstoffreichen zentralasiatischen Staat, die für die Unternehmen erhebliche finanzielle Risiken bergen.
Wie Bloomberg am 5. Februar berichtete, erklärte Shell-Vorstandschef Wael Sawan während einer Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen, die laufenden Vergütungsforderungen beeinträchtigten die Bereitschaft des Konzerns, weiter in Kasachstan zu investieren. „Das beeinflusst unsere Investitionsentscheidungen“, sagte Sawan demnach.
Zwar sehe Shell weiterhin langfristige Chancen in dem Land, doch wolle man zunächst abwarten, „bis wir ein klareres Bild davon haben, wie sich die Situation entwickelt“, so der Konzernchef.
Schiedsverfahren mit milliardenschweren Folgen
Kasachstan, Mitglied der OPEC+, hat in den vergangenen Jahren mehrere Gerichts- und Schiedsverfahren gegen westliche Energiekonzerne angestrengt. Ende Januar wurde bekannt, dass Shell, der italienische Energiekonzern Eni sowie weitere Partner in einem Schiedsverfahren gegen die kasachische Regierung unterlagen.
Streitpunkt waren unter anderem angeblich nicht genehmigte und nicht erstattungsfähige Ausgaben im Gasfeld Karachaganak im Nordwesten des Landes. Der Schiedsspruch könnte Zahlungen von bis zu vier Milliarden US-Dollar nach sich ziehen.
Im Zusammenhang mit dem Verfahren wurden zudem Vorwürfe laut, kasachische Beamte hätten Bestechungsgelder angenommen, um milliardenschwere Kostenfreigaben zugunsten der Konsortialpartner zu erteilen. Die kasachische Seite räumte ein, in diesem Bereich bis 2022 „Korruption und kleptokratische Strukturen“ toleriert zu haben. Weitere Streitpunkte betreffen Umweltfragen, insbesondere den Umgang mit Schwefel aus der Gasförderung.
Unklar blieb zunächst, ob sich die von Sawan angekündigte Investitionspause ausschließlich auf neue Projekte bezieht oder auch laufende Vorhaben umfasst, wie Bloomberg berichtete.
Internationale Partner im Karachaganak-Konsortium
Zum Karachaganak-Konsortium gehören neben Shell und Eni auch Chevron, der russische Konzern Lukoil sowie der staatliche kasachische Ölkonzern KazMunayGas. Gegen den Schiedsspruch ist noch eine Berufung möglich.
Kasachische Analysten bewerteten den Ausgang des Verfahrens als Stärkung der Verhandlungsposition des Staates in weiteren laufenden Rechtsstreitigkeiten.
Dazu zählen auch Auseinandersetzungen um das riesige Offshore-Ölfeld Kashagan im Kaspischen Meer, berichtete die Times of Central Asia am 4. Februar.
Demnach legte das kasachische Anwaltsteam im Schiedsverfahren Dokumente aus einem italienischen Strafprozess vor. Diese belegten, dass sich mehrere italienische Bauunternehmer im Jahr 2017 schuldig bekannten, kasachische Beamte bestochen zu haben, um Aufträge für Karachaganak und Kashagan zu erhalten.
Analysten sehen Machtverschiebung zugunsten des Staates
Der kasachische Öl- und Gasanalyst Olzhas Baidildinov erklärte, das Urteil verschaffe dem Staat zusätzliche Durchsetzungskraft. Kasachstan könne nun „seine Rechte an strategisch wichtigen Öl- und Gasprojekten entschiedener verteidigen“, zitieren ihn lokale Medien.
Damit gehe die jahrzehntelange privilegierte Stellung ausländischer Konzerne im kasachischen Energiesektor zu Ende.
Baidildinov deutete zudem an, dass die Betriebsmodelle der Großprojekte Karachaganak und Kashagan restrukturiert und stärker unter nationale Kontrolle gestellt werden könnten.
Kritik an Kostenexplosion beim Tengiz-Projekt
Scharfe Kritik äußerte der Analyst auch an KazMunayGas im Zusammenhang mit dem Erweiterungsprojekt von Tengizchevroil (TCO) im Tengiz-Ölfeld am Kaspischen Meer. Dort seien die Investitionskosten von ursprünglich zwölf Milliarden auf 48,5 Milliarden US-Dollar explodiert.
Während in Usbekistan hochrangige Manager des staatlichen Energiekonzerns Uzbekneftegaz wegen Korruptionsvorwürfen entlassen und festgenommen worden seien, fehle eine vergleichbare Aufarbeitung in Kasachstan.
„Es ist erstaunlich, dass wir ein TCO-Budget von 48,5 Milliarden Dollar ohne ernsthafte Prüfung akzeptieren“, sagte Baidildinov der Zeitung. Die Summe übersteige die Kosten des Burj Khalifa um ein Vielfaches und liege sogar über denen des notorisch teuren Kashagan-Projekts – obwohl Tengiz ein Onshore-Feld mit bestehender Infrastruktur sei. Baidildinov forderte, die Verantwortlichen bei KazMunayGas zur Rechenschaft zu ziehen.
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit unserem Partner bne intelliNews

