Autor: Dietrich Schartner

Armenien hat im Oktober 2023 auf dem Tbilisi Silk Road Forum die Initiative „Crossroads of Peace“ („Kreuzung des Friedens“) vorgestellt. Ziel ist es, Armeniens isolierte Verkehrsinfrastruktur zu öffnen und zum Transit-Knotenpunkt im Südkaukasus zu machen. Kernanliegen ist der Ausbau bzw. die Reaktivierung von Straßen, Eisenbahnlinien, Pipelines, Stromleitungen und Glasfaserkabeln zu den Nachbarn Türkei, Aserbaidschan (inkl. Nachitschewan), Iran und Georgien. Damit sollen etwa der Handel und Personenverkehr zwischen Kaspischem Meer, Mittelmeer, Persischem Golf und Schwarzem Meer erleichtert werden. Die armenische Regierung betont, dass alle Infrastruktur im jeweiligen Gastland unter dessen Souveränität und Kontrolle betrieben werden soll (Grenz-, Zoll- und Sicherheitskontrolle bleibt national), und dass die Nutzung reziprok und gleichberechtigt für alle Beteiligten sein soll. Die Initiative wird als Teil der Friedensagenda nach dem Karabach-Konflikt verstanden, mit dem Ziel, wirtschaftliche Verflechtung und Vertrauen zu fördern und Armeniens Abhängigkeit von Russland zu verringern.
Geplante Infrastrukturprojekte
Im Rahmen der Crossroads of Peace-Initiative sind zahlreiche konkrete Verkehrs- und Energieprojekte vorgesehen. Dazu zählen vor allem neue bzw. wieder eröffnete Grenzübergänge und Verkehrswege:
- Straßen-Grenzübergänge: Fünf neue Übergänge zu Aserbaidschan (u.a. bei Kayan, Sotk, Karahunj, Angeghakot, Yeraskh) und zwei zur Türkei (Akhurik, Margara).
- Bahn-Grenzübergänge: Vier neue Bahnübergänge zu Aserbaidschan (Nrnadzor, Agarak, Yeraskh, Kayan) und einer zur Türkei (Akhurik).
- Bahnstrecken: Wiederinbetriebnahme und Ausbau stillgelegter Abschnitte – z.B. Nrnadzor–Agarak (43 km) im Süden Armeniens, Hrazdan–Kayan (80 km) in Zentral-/Nordarmenien, jeweils mit Anbindung nach Nachitschewan (Yeraskh, 1 km) bzw. Türkei (Gyumri–Grenze, 6 km). Besonderer Fokus liegt auf der geplanten Yeraskh–Julfa–Meghri–Horadiz‑Eisenbahn, die das Kaspische Meer direkt mit dem Mittelmeer/Schwarzen Meer verbinden würde.
- Straßen-/Autobahnen: Ausbau und Neubau von nationalen Fernstraßen durch Armenien nach Süden (Iran) und Westen (Türkei) in Kooperation mit den Nachbarstaaten.
- Energieinfrastruktur: Ausbau von Erdöl- und Erdgas-Pipelines sowie Stromleitungen, die an die Netze der Nachbarn angeschlossen werden sollen. Armenien beteiligt sich z.B. an einem geplanten 1.000‑kV-Unterseekabelprojekt zwischen Anaklia (Georgien) und Constanța (Rumänien) im Rahmen der EUGlobal-Gateway-Initiative.
- Digitale Infrastruktur: Verlegung von Glasfaserkabeln, um schnelle Internetverbindungen zwischen den Anrainerländern herzustellen.
Armenien rechnet damit, dass bereits im ersten Betriebsjahr bis zu 4,7 Millionen Tonnen Güter und etwa 300.000 Passagiere über das neu belebte Schienen- und Straßennetz transportiert werden könnten. Wirtschaftsexperten sehen hierin enorme Potenziale für Effizienzgewinne im Güterverkehr zwischen Europa und Asien sowie für Tourismus und Pendlerströme in der Region.
Regionale Verkehrs- und Transportkorridore
Die Crossroads of Peace-Initiative verknüpft mehrere internationale Korridore:
- Trans-Kaspischer „Mittlerer Korridor“: Durch die angestrebte Yeraskh–Julfa–Meghri–Horadiz-Eisenbahn würde eine direkte Route vom kaspischen Raum nach Europa entstehen. Waren könnten vom Kaspischen Meer über das Schwarze Meer bzw. das Mittelmeer transportiert werden, was kürzere Laufzeiten und Umgehung geopolitischer Brennpunkte ermöglicht.
- Nord-Süd-Korridor: Armenien soll Teil einer Achse vom Persischen Golf (über Iran) bis zu den Schwarzmeerhäfen Georgiens (Poti/Batumi) werden. Ein Schlüsselprojekt ist die 461 km lange Straße durch Südarmenien, die den iranischen Grenzübergang mit den georgischen Häfen verbindet. Dieser Korridor würde Armenien einen direkten Zugang zu wichtigen Seeverladestellen schaffen.
- Ost-West-Achse: Durch die Ost-West-Verbindung Zentralasien–Aserbaidschan–Armenien–Türkei können Waren von China und Kasachstan über Georgien und Armenien in die Türkei sowie weiter nach Europa geleitet werden. Auch die „Zangezur“-Route (auch als US-initiierter Trump-Route/TRIPP bekannt) zielt darauf ab, Aserbaidschan über das armenische Südkaukasus nach Europa zu öffnen.
Insgesamt ergänzen die geplanten Verbindungen bestehende Achsen und positionieren Armenien als potenzielles Transitland für den Güterverkehr zwischen Zentralasien, Russland, Iran, der Türkei und Europa. Durch die Initiative könnten beispielsweise Güter aus Kasachstan oder Turkmenistan über den Kaspischen See und Armenien (bzw. Georgien) nach Westeuropa gelangen, statt den herkömmlichen Weg über Russland zu nehmen.
Handelsverbindungen und Investitionen
Die Öffnung neuer Transitwege verspricht erhebliche wirtschaftliche Effekte. Durch schnellere und direkte Routen werden Handelskosten und Lieferzeiten sinken. Experten rechnen mit einer deutlich höheren Durchsatzleistung im südlichen Kaukasus: Die Reaktivierung von Verbindungen würde den „Mittleren Korridor“ stärken und könnte Tausende neue Transporte ermöglichen. Länder wie Aserbaidschan und die Türkei hätten hierdurch bessere Anbindung an die EU-Märkte; Armenien selbst würde Transitgebühren und Zolleinnahmen erzielen.
Wichtige Akteure und Investoren haben bereits Interesse signalisiert:
- Europäische Union: Die EU fördert über ihre Global Gateway-Initiative eine bessere Vernetzung. Für Armenien sind rund 2,5 Milliarden US-Dollar an Infrastrukturinvestitionen vorgesehen. Die EU Kommission befürwortet ausdrücklich das Projekt und sieht es als Beitrag zu europäischer Versorgungssicherheit und Erschließung neuer Märkte.
- USA: Die Vereinigten Staaten unterstützen das Konzept diplomatisch. US-Diplomaten und Think Tanks betonen die Bedeutung der Initiative für Stabilität und wirtschaftliche Diversifizierung des Kaukasus.
- Multilaterale Entwicklungsbanken: Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) hat bereits über 1,8 Mrd. USD in armenische Infrastrukturprojekte investiert und bekundet Interesse an der Crossroads Initiative. ADB-Vertreter erklärten, die Idee sei „sehr wichtig und stimme mit unserem Konzept überein“. Auch EBRD und EDB werden als mögliche Investoren genannt.
- China: Peking ist stark interessiert an alternativen Handelsrouten nach Europa. Sollte Armenien seine Grenzen öffnen (etwa für die Trump-Route) und die Crossroads-Pläne umsetzen, könnte das Land zu einem wichtigen Transitknoten für chinesische Exporte werden. Das würde China motivieren, in armenische Transportinfrastruktur zu investieren.
- Regionalpartner: Iran begrüßt potenzielle neue Verbindungen zu europäischen Märkten. Die Türkei zeigt wachsende Bereitschaft, in Verkehrsprojekte zu investieren (insbesondere in Trans-Kaspische Routen). Länder wie Kasachstan und Aserbaidschan haben ebenso positive Signale gegeben oder könnten Interesse an einer Zusammenarbeit entlang der neuen Achsen haben.
- Private und bilaterale Mittel: Armenien fördert öffentlich-private Partnerschaften und setzt auf EU Mittel (z.B. Kofinanzierung von Straßen/Schienen). Auch bilaterale Entwicklungsprogramme (z.B. USAID) und Finanzierungen aus Golfstaaten sind vorstellbar.
Durch diese Investitionen und neuen Handelsströme würde sich Armeniens Wirtschaft in Sektoren wie Logistik, Bau und Tourismus stark beleben. Die Regierung rechnet mit einem Anstieg der Gütertransporte von Millionen Tonnen und signifikantem Passagieraufkommen bereits in den ersten Betriebsjahren. Langfristig soll das Land so seinen Binnenmarkt stärken und als regionales Drehkreuz eine Rolle in Asien-EuropaLieferketten spielen.
Armeniens Rolle im regionalen Handel
Durch „Crossroads of Peace“ könnte Armenien von einer weitgehend isolierten Peripherie zu einem wichtigen Transitknoten werden. Bisher lagen Grenzen zu zwei Nachbarn (Aserbaidschan, Türkei) dauerhaft dicht, was Handel und Reisefreiheit stark einschränkte. Eine Öffnung im Rahmen der Initiative würde dies grundsätzlich ändern: Erstmals hätte Armenien einen Landweg zur Türkei, direkte Anbindung an Nakhichewan (Aserbaidschan) und bessere Straßen nach Iran.
Wirtschaftspolitisch würde dies die Position Armeniens stark stärken. Als Transitland könnte es Einnahmen aus Maut und Zöllen generieren, Arbeitsplätze im Transport- und Bauwesen schaffen und seine Waren schneller auf ausländische Märkte bringen. Zugleich würde sich die Lieferkette für Importe verbessern – etwa durch niedrigere Transportkosten für Treibstoff und Konsumgüter. Davon profitieren könnten auch Branchen wie die IT- oder Agrarwirtschaft, die Zugang zu größeren Märkten erhalten.
Armenien könnte zudem die Abhängigkeit von Russland verringern. Der direkte Anschluss an den Mittleren Korridor und den Süd-Kaukasus würde alternative Handelswege eröffnen. Gas- oder Ölimporte könnten künftig verstärkt aus Iran oder Aserbaidschan kommen, sodass die Monopolstellung russischer Lieferanten gemindert wird. Insgesamt würde das Land nach Plan eine „Brückenkopf“-Funktion einnehmen – als Verbindungsglied zwischen Zentralasien, dem Iran, Russland und der EU.

