Aserbaidschan forciert seine digitale Transformation. Bei der sechsten Abschlussfeier des aserbaidschanischen Cybersicherheitszentrums am 9. Februar betonten Regierungsvertreter, das Land wolle Cybersicherheit und Künstliche Intelligenz (KI) zur strategischen Priorität machen. Kritiker warnen jedoch, dass die neuen Technologien in einem autoritär geprägten politischen Umfeld auch zur Ausweitung staatlicher Kontrolle beitragen könnten.
Der stellvertretende Minister für digitale Entwicklung und Verkehr, Samir Mammadov, erklärte, Aserbaidschan habe durch eine „konsequente sozioökonomische Politik“ deutliche Fortschritte bei der Digitalisierung erzielt. Digitale Verwaltungssysteme steigerten Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit und verbesserten den Zugang zu staatlichen Dienstleistungen.
Zugleich räumte Mammadov ein, dass der Ausbau digitaler Infrastrukturen neue Risiken mit sich bringe. Mit wachsender Vernetzung nähmen auch Cyberbedrohungen zu, insbesondere mit Blick auf Datenschutz und Datensicherheit.
Die Regierung setzt daher auf den Aufbau eines „nationalen Cybersicherheits-Ökosystems“. Dazu gehören gesetzliche Reformen, institutionelle Stärkung und die Ausbildung von Fachkräften. Grundlage bildet eine per Präsidialerlass verabschiedete Strategie für Informations- und Cybersicherheit von 2023. Ergänzt wird sie durch das im Januar 2025 verabschiedete „Konzept für digitale Entwicklung“, das Datenschutz, digitale Kompetenz und IT-Ausbildung in den Mittelpunkt stellt.
Auch international sucht Baku Unterstützung. Der israelische Botschafter Ronen Krausz bezeichnete das gemeinsame Cybersicherheitszentrum als Ausdruck strategischer Partnerschaft. Das Zentrum habe bereits Hunderte Spezialisten ausgebildet und unterstreiche den Anspruch, technologische Kompetenz als Bestandteil nationaler Sicherheit zu begreifen.
KI-Strategie zwischen Anspruch und Realität
Im März 2025 billigte Präsident Ilham Aliyev die „Strategie für künstliche Intelligenz 2025–2028“. Das Dokument soll bislang fragmentierte Initiativen bündeln und KI-Anwendungen in Bereichen wie Bankwesen, Landwirtschaft, Verkehr und Verwaltung vorantreiben.
Branchenvertreter sprechen von einem Übergang von Pilotprojekten zu zentralisierter Steuerung. Tatsächlich verbesserte sich Aserbaidschan im globalen KI-Bereitschaftsindex deutlich.
Gleichzeitig bestehen strukturelle Defizite. Experten verweisen auf fehlende Hochleistungsrechner, unzureichende nationale Sprachmodelle und einen Mangel an qualitativ hochwertigen Datensätzen in aserbaidschanischer Sprache. Besonders gravierend sei der Fachkräftemangel im Bereich KI-Architektur und Datenanalyse.
Um diese Lücken zu schließen, intensiviert Baku die internationale Zusammenarbeit – unter anderem mit Israel, Südkorea, europäischen Partnern und den USA. Gespräche im Silicon Valley zielten auf Kooperationen in Cloud Computing, Dateninfrastruktur und Supercomputing.
Sorge vor Überwachung und Machtkonzentration
Vertreter der Zivilgesellschaft warnen jedoch vor den politischen Implikationen. Die Forscherin Samira Alakbarli erklärte, der globale Wettlauf um KI sei nicht nur technologisch, sondern auch normativ geprägt. In autoritären Systemen könnten digitale Werkzeuge für Überwachung, Profiling und politische Kontrolle genutzt werden.
Sie verweist auf internationale Beispiele, in denen Gesichtserkennung, Social-Media-Analyse oder prädiktive Polizeisysteme zur Kontrolle von Protesten eingesetzt wurden. Auch in Aserbaidschan gebe es Hinweise auf den Einsatz israelischer Überwachungssoftware gegen Journalisten und Aktivisten.
Besonders kritisch sehen Beobachter Pläne zur Zentralisierung staatlicher Datenbestände. Ein 2024 kurzzeitig veröffentlichtes Dokument deutete auf die Einrichtung eines zentralen Informations- und Digitalanalysesystems hin, das biometrische, medizinische und standortbezogene Daten bündeln sollte. Offizielle Details dazu bleiben begrenzt.
Seit Ende 2023 wurden zudem zahlreiche Journalisten und Vertreter der Zivilgesellschaft festgenommen. Die Betroffenen weisen die Vorwürfe zurück und sprechen von politisch motivierten Verfahren.
Zwischen Modernisierung und Kontrolle
Die Regierung argumentiert, digitale Transformation und KI seien unerlässlich für wirtschaftliche Entwicklung, nationale Sicherheit und technologische Resilienz. Kritiker hingegen bezweifeln, dass rechtliche Rahmenbedingungen allein ausreichenden Schutz bieten, solange unabhängige Kontrollmechanismen fehlen.
Aserbaidschan steht damit vor einem Dilemma: Die Modernisierung der digitalen Infrastruktur verspricht Effizienz und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass technologische Fortschritte mit einer weiteren Zentralisierung politischer Macht einhergehen könnten.
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit unserem Partner bne intelliNews

