Das russische Casinogewerbe will das schmuddelige Image seiner Anfangsjahre ablegen und setzt heute auf ein vielseitiges Geschäftsmodell. Als Vorbild dient die legendäre Glücksspieloase Las Vegas im US-Bundesstaat Nevada. Mehr als 50% der Einnahmen generieren dortige Casinos durch Hotellerie, Gastronomie, Spa-Zentren sowie stark nachgefragte Shows und Konzerte. Auch russische Glücksspielzonen machen hier Fortschritte, wie Zahlen des russischen Betreiberverbands der Unterhaltungsindustrie und des Eventtourismus (AIRIS) belegen. In den vergangenen drei Jahren ist der Anteil von Dienstleistungen außerhalb des Glücksspiels an den Gesamteinnahmen auf fast 30% gestiegen.

Vier Glücksspielzonen

In Russland gibt es vier Zonen, in denen Glücksspieler legal die Würfel rollen lassen können: Jantarnaja im Gebiet Kaliningrad, Sibersjaka Moneta in der Region Altai, Primorje im fernen Wladiwostok sowie der Tourismusmagnet Krasnaja Poljana (im Bild) im Schwarzmeergebiet Krasnodar. Die Glücksspielzone Krasnaja Poljana, in den Bergen über Sotschi gelegen,  löste 2017 Asow-City ab, die sich an der Grenze zwischen den Gebieten Krasnodar und Rostow befand und letztendlich dem ambitionierten, zu den Olympischen Winterspielen errichteten Großprojekt Krasnaja Poljana nahe Sotschi weichen musste.

Nach Angaben des Casinobetreiberverbands (AIRIS) empfingen die vier Glücksspielzonen 2025 insgesamt rund 1,74 Mio. Gäste, was gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg von 3,4%% bedeutete. Zum Vergleich: Las Vegas hatte im vorigen Jahr 35 Mio. Besucher. Mehr als die Hälfte davon versuchte ihr Glück in den zahlreichen Casinos der schillernden Stadt.

Die meisten Besucher lockte die Glücksspielzone in Krasnaja Poljana an: 904.000, ein leichtes Plus zum Vorjahr. Weit dahinter folgt das Casino Tigre de Cristal in der Glücksspielzone Primorje mit 383.000 Besuchern, ein Plus von 6,8% zu 2024. Das Casino Sobranie, übersetzt Versammlung, in der Zone Jantarnaja nahe Kaliningrad hieß vergangenes Jahr 282.800 Gäste willkommen und verzeichnete mit 13% die größte Wachstumsrate unter den russischen Glücksspielstätten. Die wenigsten Gäste weist das Casino Altai Palace in der Zone Siberskaja Moneta aus: 165.000 (+2,3%).

Glücksspieler von nah und fern

Laut AIRIS war der Anteil ausländischer Gäste im vergangenen Jahr von Casino zu Casino sehr unterschiedlich. Der Ausländeranteil im fernöstlichen Casino Sobranie betrug 20%, in Krasnaja Poljana waren es 17% und im Altai Palace 6%. Allerdings verzeichnen die Casinos in dieser Hinsicht einen deutlichen Abwärtstrend. So belief sich der Ausländeranteil in Krasnaja Poljana 2019 noch auf rd. 25%. Die meisten ausländischen Glücksspieler kommen aus Belarus, Kasachstan, Aserbaidschan, Usbekistan, Georgien, Armenien, Iran, den Vereinigten Arabischen Emiraten und China.

Die Glücksspielzone Primorje erwirtschaftete 2024 einen Nettogewinn von 2,1 Mrd. Rubel, umgerechnet 23,1 Mio. Euro, bei einem Umsatz von 4,9 Mrd. Rubel, 54 Mio. Euro, was einem Anstieg von 22,5% gegenüber 2023 entsprach. Das Casino Sobranie verzeichnete im selben Jahr 74 Mio. Rubel Nettogewinn, 815.716 Euro, und 9,38 Mrd. Rubel Umsatz, 103,4 Mio. Euro – ein Plus von 13% zum Vorjahr. Zu den Finanzergebnissen von Krasnaja Poljana und Sibirskaja Monetea liegen keine aktuellen Zahlen vor.

Der Abstand russischer Casinos zur internationalen Konkurrenz wird am Beispiel der chinesischen Sonderwirtschaftszone Macau deutlich, der größten Glücksspielmetropole der Welt. Ihr Jahresbruttoumsatz belief sich 2025 auf 30,8 Mrd. US-Dollar, ein Plus von 9% im Vergleich zum Vorjahr, wie aus Zahlen des Branchenportals SBC Eurasia hervorgeht.

Potenzieller Steuerjackpot

Die Steuerabgaben der vier russischen Casinostätten beliefen sich im vergangenen Jahr auf 2,6 Mrd. Rubel, 28,6 Mio. Euro – Krasnaja Poljana allein steuerte 1,56 Mrd. Rubel bei, ca. 17,2 Mio. Euro. Dieser Wert liegt in etwa gleichauf mit dem Vorjahresergebnis und ist weit entfernt von den einstigen Steuereinnahmen aus der Branche. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PWC) schätzte 2005 das Marktvolumen der russischen Glücksspielindustrie auf 6 Mrd. US-Dollar. 2006 betrugen die Steuereinnahmen 31,1 Mrd. Rubel, 342,8 Mio. Euro. 2010 wiederum, dem ersten Jahr nach Inkrafttreten der Reform zur Einrichtung von vier Glücksspielzonen, flossen lediglich 65,8 Mio. Rubel, 725.326 Euro, in die Staatskasse.

Für Schlagzeilen sorgte vergangene Woche der Vorschlag des russischen Finanzministeriums, jetzt auch Online-Casinos in Russland zu legalisieren. Für die Online-Casinos wären dann Steuern in Höhe von 30% der Einnahmen fällig. Die vorgeschlagene Initiative könnte dem russischen Staatshaushalt jährlich Einnahmen von rund 100 Mrd. Rubel, umgerechnet 1,1 Mrd. Euro, bescheren. Laut der Wirtschaftszeitung Kommersant ist der Umsatz illegaler Internet-Casinos enorm: Der geschätzte Wert beträgt 3 Bio. Rubel, 33 Mrd. Euro. Dies übersteigt bei Weitem das Volumen des legalen Wettmarktes, welches bei 1,7 Bio. Rubel, ca. 18,9 Mrd. Euro, liegt.

Casino-Reform gescheitert?

Den Anstoß zur Casinoreform gab das florierende Glücksspielgeschäft in Russland, das sich seit den 1990er Jahren im Zuge der Marktdemokratisierung bis in die Wohnblöcke zahlreicher russischer Städte ausgebreitet hatte. So waren Spielautomaten in herkömmlichen Wohnhäusern und im Supermarkt keine Seltenheit, wie damalige Marktteilnehmer berichten. Genau aus dieser Zeit stammt die ironische Bezeichnung „Odnorukij Bandit“, zu Deutsch einarmiger Bandit, für Spielautomaten, die das Unbehagen über die dubiosen Praktiken der Branche zeigt. Wladimir Putin setzte bereits in seiner ersten Amtszeit als Präsident das Glücksspiel mit der „Alkoholisierung der Bevölkerung“ gleich. Der russische Staatschef wollte das lukrative Glücksspielgeschäft einhegen und die Regierung machte schließlich 2006 mit einem Gesetzentwurf zur Schaffung von Glücksspielzonen Ernst. Das Gesetz trat am 1. Juli 2009 in Kraft.

Doch Kritiker halten die Reform in Teilen für gescheitert. Laut dem Wirtschaftsexperten Nikolai Oganesow von der russischen Industrie- und Handelskammer (TPP RF) sollte die Neuausrichtung der Erschließung weit entlegener und strukturschwacher russischer Regionen dienen. Allerdings habe die Praxis gezeigt, dass das Casinogeschäft auf eine bequeme Verkehrsanbindung sowie ständige Touristenströme angewiesen sei und zudem in der Nähe von Millionenmetropolen liegen sollte, so der Experte weiter. Diesen Anforderungen habe keine der vier Spielzonen von Anfang an entsprochen, räumt Oganesow ein.

Nach der Einschränkung des Glücksspielgeschäfts in Russland sind viele Casinobetreiber in die Schattenwirtschaft abgetaucht, erklären Branchenvertreter. Ihr Fazit: Online-Casinos und illegale Glücksspielstätten werfen heute wesentlich mehr Profit ab als vor der Reform, denn die Betreiber zahlen keine Steuern und haben im Internetzeitalter enormen Zulauf.


Dieser Beitrag erschien zuerst im exklusiven Newsletter der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer

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