Exklusives Doppelinterview mit Dr. Ralf Geruschkat, Hauptgeschäftsführer der Südwestfälischen IHK zu Hagen (SIHK) und Kerstin Groß, Hauptgeschäftsführerin der IHK für Essen, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen zu Essen (IHK zu Essen). Das Interview führt OW-Autor Jonas Prien.
OSTWIRTSCHAFT: Die SIHK zu Hagen setzte früh auf Polen als Wachstumsmarkt. Warum?
Dr. Geruschkat: Als SIHK zu Hagen haben wir uns früh für den Schwerpunkt Polen entschieden, weil wir die wirtschaftliche Dynamik und das enorme Entwicklungspotenzial des Landes schon sehr früh erkannt haben. Polen ist für NRW einer der wichtigsten Wachstumsmärkte in Europa mit hoher Investitionsdynamik, industrieller Stärke und großer Offenheit für Kooperationen. Gerade für unsere mittelständisch geprägten Unternehmen bietet Polen ideale Anknüpfungspunkte: eine starke industrielle Basis, gut ausgebildete Fachkräfte und eine zunehmend innovationsgetriebene Wirtschaft. Hinzu kommen die geografische Nähe und die enge wirtschaftliche Verflechtung mit NRW.
Polen ist heute nicht mehr nur verlängerte Werkbank, sondern ein strategischer Partner auf Augenhöhe, insbesondere in Zukunftsfeldern wie Industrie, Energie und zunehmend auch Defence. Genau deshalb war es für uns richtig, hier früh einen klaren Schwerpunkt zu setzen. Seit September 2025 wird diese Arbeit durch die IHK zu Essen als zweite Schwerpunktkammer in NRW weiter gestärkt. Den Auftakt der gemeinsamen Aktivitäten bildete der hoch erfolgreiche 4. deutsch-polnische Unternehmensdialog NRW am 19. Februar 2026 in Essen.
OSTWIRTSCHAFT: Die IHK zu Essen ist seit Ende 2025 die zweite Schwerpunkt-IHK für Polen in NRW. Was hat die IHK zu dieser Entscheidung bewogen und welche strategische Bedeutung hat Polen für die Essener Wirtschaft?
Groß: Polen hat sich für die Wirtschaft in NRW und damit auch für Unternehmen aus unserer MEO‑Region (Mülheim, Essen, Oberhausen) zu einem der wichtigsten Partner in Europa entwickelt. Polen ist einer der dynamischsten Wachstumsmärkte innerhalb der EU und zugleich ein zentraler Absatz‑, Beschaffungs‑ und Kooperationsmarkt. Vor dem Hintergrund der geopolitischen Unsicherheiten gewinnt der europäische Binnenmarkt insgesamt an Bedeutung. Polen spielt dabei eine Schlüsselrolle, weil in dem Land wirtschaftliche Stabilität, industrielle Stärke und Innovationsdynamik zusammenkommen. Unser Fokus ist aktuell klar europäisch ausgerichtet und die Konzentration auf Polen ergänzt unsere bestehenden internationalen Aktivitäten sinnvoll.

Polen-Kompetenz der IHK-Organisationen: Dr. Ralf Geruschkat und Kerstin Groß im Gespräch mit Dr. Lars Gutheil, Geschäftsführer AHK Polen
OSTWIRTSCHAFT: Polen gilt als eine der dynamischsten Volkswirtschaften in Europa. Welche Chancen ergeben sich aus dieser Dynamik für Unternehmen in NRW und dem Ruhrgebiet?
Dr. Geruschkat: Die wirtschaftliche Dynamik Polens eröffnet besonders mittelständischen Unternehmen vielfältige Chancen. Dazu zählen Marktchancen durch steigende Nachfrage, Kooperationsmöglichkeiten entlang industrieller Wertschöpfungsketten sowie gemeinsame Innovationsprojekte. Besonders attraktiv ist Polen für Unternehmen, die in Europa resilienter aufgestellt sein wollen, etwa durch Nearshoring‑Strategien oder Partnerschaften in Forschung, Entwicklung und Produktion.
OSTWIRTSCHAFT: In welchen Branchen bestehen zwischen NRW und Polen die größten Kooperations- und Investitionspotenziale zwischen den Unternehmen?
Dr. Geruschkat: Aus Sicht der SIHK zu Hagen bestehen dynamische Kooperations- und Investitionspotenziale zwischen NRW und Polen derzeit klar im Defence-Bereich. Polen investiert massiv in seine und damit auch in europäische Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit vor allem in Luftverteidigung, Drohnen, Cyber, Kommunikation und militärische Infrastruktur. Für Unternehmen aus NRW und gerade aus unserer industriell geprägten Region ergeben sich hier vor allem Chancen als Technologiepartner: etwa in den Bereichen Maschinenbau, Werkstoffe, Sensorik, Elektronik, Automatisierung und Dual-Use-Technologien.
Flankiert wird das durch starke Potenziale in Energie, Infrastruktur und Digitalisierung, die eng mit dem Defence-Sektor verzahnt sind. Insgesamt sehen wir Defence daher als ein zentrales Leitthema der deutsch-polnischen Wirtschaftskooperation, mit konkreten Einstiegsmöglichkeiten, insbesondere für den industriellen Mittelstand. Es gibt aber natürlich weitere Potenzialmärkte für NRW-Unternehmen in Polen und umgekehrt. Entsprechend der vorhandenen Expertise unserer beiden IHK-Standorte haben wir diese in unserer Zusammenarbeit aufgeteilt. Mit unserer starken Expertise in beiden Bereichen fokussieren wir uns in Hagen auf die Bereiche Sicherheit und Verteidigung, klassisch Industrie
Groß: Wir in Essen legen den Fokus auf die polnischen Potenzialmärkte in der Energiewirtschaft. Damit sind sowohl die Themen der Dekarbonisierung oder Energieresilienz gemeint, als auch die Gesundheitswirtschaft, IT und Digitalisierung. In allen Bereichen haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Zusammenarbeit sowohl der etablierten Unternehmen als auch von Start‑ups und innovationsgetriebenen Unternehmen voranzutreiben – sowohl in Richtung Polen als auch umgekehrt nach NRW.
OSTWIRTSCHAFT: Viele Menschen sind in den vergangenen Jahrhunderten aus Polen zum Arbeiten ins Ruhrgebiet gekommen. Spielt diese besondere Verbindung heute noch eine Rolle?
Dr. Geruschkat: Polen und Nordrhein-Westfalen, insbesondere das Ruhrgebiet, verbindet eine über 150-jährige wirtschaftliche Beziehung. Ihre Wurzeln liegen in der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, als viele Arbeitskräfte aus Polen ins Ruhrgebiet kamen und als sogenannte „Ruhrpolen“ die Entwicklung von Kohle und Stahl entscheidend mitprägten. Seit der politischen und wirtschaftlichen Öffnung Polens ab 1990 haben sich die Beziehungen dynamisch weiterentwickelt.
Heute gehört Polen zu den wichtigsten Handelspartnern NRWs: 2024 exportierten nordrhein-westfälische Unternehmen Waren im Wert von rund 13,8 Milliarden Euro nach Polen. Besonders eng sind die Verflechtungen im Maschinenbau, in der Automobilzulieferindustrie, in der Chemie und in der Logistik. Umgekehrt ist Deutschland der wichtigste Absatzmarkt für polnische Produkte. Das Ruhrgebiet spielt dabei eine Schlüsselrolle als Industrie- und Logistikdrehscheibe im Herzen Europas. Zugleich ist die Partnerschaft längst keine Einbahnstraße mehr: Über 31.000 ausländische Unternehmen sind im Ruhrgebiet aktiv, darunter rund 3.400 polnische Betriebe, die zweitgrößte ausländische Unternehmergruppe der Region. Das zeigt, wie eng, vielfältig und zukunftsorientiert die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Polen, NRW und dem Ruhrgebiet heute sind.
OSTWIRTSCHAFT: Welche Unterstützungsangebote und Veranstaltungen bieten sie Unternehmen an, um Unternehmen beim Markteintritt oder beim Ausbau ihrer Aktivitäten in Polen zu begleiten?
Groß: Ziel ist es, Unternehmen praxisnah zu begleiten, ohne Doppelstrukturen aufzubauen. Dabei profitieren wir in Essen von der jahrelangen Polen-Expertise der SIHK. Gemeinsam bieten wir Informationsveranstaltungen, Sprechtage, Webinare und Netzwerkformate an und arbeiten dabei eng mit der Deutsch‑Polnischen Industrie‑ und Handelskammer, der AHK Polen, zusammen. Parallel zu unserer Zusammenarbeit in NRW entwickelt sich darüber hinaus eine deutschlandweite Kooperation der bundesweit sieben Schwerpunkt-IHKn für Polen. Neben gemeinsamen Veranstaltungsformaten entsteht ein gemeinsames Informations- und Beratungsangebot zu einer Vielzahl Polen-spezifischer Themen. Hier profitieren wir in starkem Ausmaß vom Fachwissen der IHKn entlang der polnischen Grenze.
OSTWIRTSCHAFT: Sowohl das Ruhrgebiet als auch das polnische Revier in Oberschlesien erleben tiefgreifende Strukturwandelprozesse. Wo sehen Sie Parallelen und wo können beide Seiten voneinander lernen?
Dr. Geruschkat: Beide Regionen stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Transformation industrieller Strukturen, Dekarbonisierung und der Aufbau neuer Wertschöpfung. Gleichzeitig gibt es unterschiedliche Herangehensweisen und Erfahrungen. Der Austausch darüber, wie Strukturwandel gestaltet werden kann, ist für beide Seiten äußerst wertvoll – insbesondere in den Bereichen Energie, Industrie und Qualifizierung.
OSTWIRTSCHAFT: Nicht nur die deutschen Unternehmen schauen nach Polen, auch umgekehrt entsteht Bewegung. Was macht den Standort NRW für polnische Investoren attraktiv?
Groß: NRW liegt im Herzen Europas und bietet polnischen Unternehmen einen direkten Zugang zum deutschen und europäischen Markt. Der Standort überzeugt durch seine industrielle Vielfalt, leistungsfähige Infrastruktur und eingespielte Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig ist NRW Vorreiter bei zentralen Transformationsthemen wie Energiewende, Wasserstoff und neuer Mobilität. Die starke Forschungs‑ und Hochschullandschaft sichert Zugang zu Innovationen und Fachkräften. Für viele polnische Investoren ist NRW damit ein idealer Brückenkopf für Wachstum in Europa.
OSTWIRTSCHAFT: Worauf dürfen sich die Unternehmen 2027 freuen?
Dr. Geruschkat: Abschließend möchten wir zudem darauf hinweisen, dass am 11. Februar 2027 der 5. Deutsch-Polnische Unternehmensdialog NRW diesmal bei uns in der SIHK zu Hagen stattfinden wird.


