Moskau City skyline

Autor: Klaus Dormann


Die russische Zentralbank hat am Freitag ihren Leitzins von 20 auf 18 Prozent gesenkt. Diese Entscheidung wurde bei Umfragen von der großen Mehrheit der Analysten erwartet.

Reuters verweist darauf, dass die Zentralbank unter erheblichem Druck aus der Wirtschaft steht, ihre Geldpolitik zu lockern. Unternehmensvertreter hatten beklagt, dass sich Investitionen bei dem hohen Zinsniveau nicht mehr lohnten. Selbst Wirtschaftsminister Reschetnikow meinte beim Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg, die russische Wirtschaft stehe „am Rande einer Rezession“.

Das Wachstum der russischen Wirtschaft ist nach dem im letzten Jahr erreichten kräftigen Anstieg von 4,3 Prozent tatsächlich stark abgeflaut. Im ersten Quartal 2025 war die gesamtwirtschaftliche Produktion saison- und kalenderbereinigt sogar niedriger als im vorangegangenen vierten Quartal 2024. Einige Beobachter erwarten, dass sie auch im zweiten Quartal 2025 gegenüber dem Vorquartal gesunken ist.

Russlands Industrieproduktion war im zweiten Quartal nach ersten Berechnungen des Statistikamtes Rosstat jedoch bereinigt 0,6 Prozent höher als im Vorquartal. Eine „technische Rezession“ der russischen Industrie mit einem Rückgang der Produktion in zwei aufeinander folgenden Quartalen hat es also nicht gegeben. Weitere Konjunkturdaten für Juni wird das Statistikamt Rosstat am 30. Juli veröffentlichen. Dann dürften auch erste Schätzungen zur Entwicklung der Produktion der gesamten russischen Wirtschaft im zweiten Quartal erfolgen.

Zentralbank: Rückkehr zu „moderatem Wachstum“ von 1 bis 2 Prozent 

Die Zentralbank geht davon aus, dass die Wirtschaft im Jahr 2025 insgesamt

„moderat“ wächst. Sie sieht Russland auf dem Weg zu einem „ausgewogenen Wachstumspfad“. In ihrer Pressemitteilung zur Senkung des Leitzinses am 25. Juli heißt es:  

„Die Abweichung der russischen Wirtschaft von einem ausgewogenen Wachstumspfad nimmt ab. Hochfrequente Daten, darunter auch für das zweite Quartal 2025, und Umfrageindikatoren deuten auf eine weitere Verlangsamung des Wachstums der Binnennachfrage hin, während die Wirtschaftstätigkeit insgesamt weiterhin moderat wächst.“

In ihrer anlässlich der Leitzinsentscheidung aktualisierten „Mittelfristigen Prognose“ blieb die Zentralbank bei ihrer Erwartung, dass Russlands Bruttoinlandsprodukt 2025 um 1,0 bis 2,0 Prozent wächst (siehe vierte Zeile der folgenden Tabelle).

Der Inflationsdruck sinkt schneller als bisher erwartet

Die Zentralbank begründet die Leitzinssenkung vor allem damit, dass der Preisanstieg  angesichts des langsameren Wachstums der Binnennachfrage nachgelassen hat. Sie erwartet jetzt, dass der jährliche Anstieg der Verbraucherpreise im Dezember 2025 nur noch 6,0 bis 7,0 Prozent erreichen wird (siehe erste Zeile der folgenden Tabelle). Bisher hatte sie mit einer Inflationsrate von 7 bis 8 Prozent am Jahresende 2025 gerechnet.

Im Jahresdurchschnitt 2025 werden die Verbraucherpreise laut der Prognose der Zentralbank mit einem Anstieg von 8,6 Prozent bis 9,2 Prozent nur noch wenig stärker steigen als 2024 mit 8,4 Prozent (siehe zweite Zeile).

Die Zentralbank erklärte, die geldpolitischen Bedingungen würden so straff wie nötig gehalten, um die Inflation im nächsten Jahr wieder auf das von ihr angestrebte Niveau von 4 Prozent zu bringen. Sie geht von einem durchschnittlichen Leitzins von 18,8 bis 19,6 Prozent  im Jahr 2025 und von 12,0 bis 13,0 Prozent im Jahr 2026 aus (siehe dritte Zeile). Dies bedeutet, „dass die Geldpolitik über einen langen Zeitraum straff bleiben wird“, erklärte die Bank (dpa-AFX).

Die jährliche Inflationsrate ist inzwischen von 10,3 im März auf 9,4 Prozent im Juni gesunken (Trading Economics-Chart). Die Zentralbank erwartet, dass sie ihr Inflationsziel von 4,0 Prozent Ende 2026 erreicht (erste Zeile).

Russische Zentralbank: Bank of Russia’s medium-term forecast, 25.07.25; (Ausschnitt)

Nabiullina: „Rückkehr zu einem ausgewogeneren Wachstum“

Elvira Nabiullina, die Präsidentin der russischen Zentralbank, verwies in ihrem Statement zur Senkung des Leitzinses darauf, dass sich der Anstieg der Verbraucherpreise in Russland verlangsamt hat. Das Wachstum der Konsumnachfrage nehme allmählich ab. Die Kreditvergabe wachse moderat. Die straffe Geldpolitik der Zentralbank sei ein wesentlicher Faktor für die Rückkehr der Wirtschaft zu einem ausgewogeneren Wachstum. Deswegen sei jetzt eine weitere Senkung des Leitzinses möglich.

Nabiullina stellte zur Entwicklung von Konsum und Investitionen außerdem fest:

Das Nachfragewachstum verlangsamt sich allmählich. Es steht zunehmend im Einklang mit den Möglichkeiten der Wirtschaft, die Produktion zu steigern. Dies ist ein Schlüsselfaktor für den Rückgang des Preisanstiegs. Die Unternehmen reduzieren ihre Erwartungen hinsichtlich des Nachfrageanstiegs, insbesondere im Konsumbereich. Die Zentralbank geht auch wegen der staatlichen Unterstützung in vorrangigen Sektoren. davon aus, dass die Investitionen in diesem Jahr zunehmen werden, allerdings mit einer geringeren Wachstumsrate als in den beiden Vorjahren.

Laut der aktualisierten Prognose der Zentralbank wird sich der Anstieg der Brutto-Anlageinvestitionen („gross fixed capital formation“) von +6,0 im Jahr 2024 in diesem Jahr auf nur noch +1,5 Prozen bis +3,5 Prozent verringern.

Der Personalmangel bleibt ein „Risikofaktor“ für die Inflation

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich, so Nabiullina, zuletzt etwas entspannt. Die Zahl der Unternehmen, die Personalengpässe meldeten, sei zurückgegangen. Gleichzeitig liege die Arbeitslosenquote jedoch weiterhin auf einem Rekordtief.

Die Unternehmen planen nach Einschätzung der Zentralbank für dieses Jahr eine moderatere Lohnanpassung. Die aktuelle Wachstumsrate der Löhne in der Gesamtwirtschaft übertreffe jedoch immer noch das Wachstum der Arbeitsproduktivität.

Der Personalmangel bleibt, so Nabiullina, ein Risikofaktor für die Inflation:

„Sollte sich das Wachstum der Binnennachfrage ohne einen entsprechenden Produktivitätsanstieg wieder beschleunigen, stößt dies bald auf einen Mangel an Arbeitskräften und würde sich weitgehend in Preissteigerungen niederschlagen.“

Keine „technische Rezession“ in Russlands Industrie im ersten Halbjahr

Am 23. Juli berichtete das russische Statistikamt Rosstat über die Entwicklung der Industrieproduktion im Juni. Das Moskauer „Center for Macroeconomic Analysis and Short-term Forecasts, CMASF“ hat in der folgenden Abbildung in der roten Linie dargestellt, wie sich der Index der saisonbereinigten Industrieproduktion laut Rosstat entwickelte.

Die rote Linie zeigt, dass die Industrieproduktion in den Monaten April, Mai und Juni 2025 höher war als in den Monaten Januar, Februar und März 2025. Nach Angaben von CMASF war Russlands saisonbereinigte Industrieproduktion laut Rosstat im zweiten Quartal 0,6 Prozent höher als im ersten Quartal. Im vorangegangenen ersten Quartal war die Industrieproduktion gegenüber dem vierten Quartal 2024 laut Rosstat um 1,2 Prozent gesunken. Damit ist Russlands Industrieproduktion nicht in zwei aufeinander folgenden Quartalen zurückgegangen. Eine sogenannte technische Rezession hat es also in der russischen Industrie im ersten Halbjahr 2025 nicht gegeben.

Industrieproduktion laut Schätzungen von Rosstat, CMASF und HSE (saisonbereinigt, Monatsdurchschnitt 2021 = 100)

rote Linie: Industrie insgesamt (Rosstat)
braune Linie: Industrie ohne militärisch-industrielle Komplexe (CMASF)
blaue Linie: Verarbeitendes Gewerbe ohne militärisch-industrielle Komplexe und Ölraffinerien (CMASF) grüne Linie: Industrie insgesamt (HSE, Bessonov)

* Produktion von Metallfertigprodukten, die nicht in anderen Gruppierungen enthalten sind; Computer, elektronische und optische Produkte; Flugzeuge; sonstige Transportfahrzeuge, die nicht in anderen Gruppierungen enthalten sind

Center for Macroeconomic Analysis and Short-term Forecasting, CMASF: Industrial Production in June, 25.07.25


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