Autor: Klaus Dormann


So betitelt Laura Solanko, Senior Adviser des Forschungsinstituts BOFIT der finnischen Zentralbank, ihren Blog-Kommentar vom 22. Januar zu den Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die russische Wirtschaft.

Solanko stellt fest, dass die russische Wirtschaft infolge der kriegsbedingten massiven Erhöhung der Staatsausgaben in den Jahren 2023 und 2024 zwar „recht zügig“ gewachsen sei (2023: +4,1%; 2024: +4,3%). 2025 habe sie aber ihre Wachstumsgrenzen erreicht. Der Anstieg der Produktion sei jetzt auf jährliche Raten nahe dem langfristigen Wachstumspotenzial der russischen Wirtschaft von rund einem Prozent beschränkt. Bereits im Ende März 2025 veröffentlichten „BOFIT Forecast for Russia“ hatte das „Bank of Finland Institute for Emerging Economies“ das Wachstum der russischen Wirtschaft in den Jahren 2026 und 2027 auf nur noch 1,0 Prozent veranschlagt.

Nach Einschätzung Solankos hat der Krieg die finanziellen und personellen Produktionskapazitäten Russlands ausgeschöpft. Russland verfüge in seiner „Kriegskasse“ nicht mehr über ausreichende finanzielle Mittel. Arbeitskräfte seien so knapp wie nie zuvor. Die gegen Russland verhängten Sanktionen hätten „funktioniert“.

Auf die Entwicklung der Inflation in Russland geht Solanko in ihrem Kommentar nicht ein. Das russische Statistikamt Rosstat berichtete über die Entwicklung der Verbraucherpreise im Dezember und im Gesamtjahr 2025 am 16. Januar. In Presseberichten dazu wurde oft der Eindruck vermittelt, der jährliche Anstieg der Verbraucherpreise sei im Jahr 2025 deutlich niedriger gewesen als im Jahr 2024 (zum Beispiel auch von der französischen Nachrichtenagentur AFP). Tatsächlich war die Inflationsrate im Jahresvergleich 2025/2024 mit 8,7 Prozent jedoch noch etwas höher als im Jahresvergleich 2024/2023 mit 8,5 Prozent (Weitere Informationen dazu am Schluss dieses Artikels).

Starker Anstieg der Militärausgaben Russlands

Ein Schwerpunkt des Kommentars von Laura Solanko zur Entwicklung der russischen Wirtschaft ist die Entwicklung des Bundeshaushalts und der Militärausgaben.

Die folgende Statista-Abbildung illustriert, wie stark die Militärausgaben Russlands bereits bis 2024 gestiegen sind. Die blauen Säulen zeigen, dass sich der Anteil der russischen Militärausgaben am Bruttoinlandsprodukt von 3,6 Prozent im Jahr 2021 bereits im Jahr 2024 auf 7,1 Prozent erhöht hat (siehe dazu Ostwirtschaft vom 01.12.25: „Ist Russland eine Kriegswirtschaft?“).

Statista; J. Rudnicka: Militärausgaben von Russland bis 2024, 26.11.25;
„Stockholm International Peace Research Institute“: SIPRI-Fact Sheet, April 2025

Auch Laura Solanko verweist zum Anstieg der russischen Militärausgaben auf die Veröffentlichungen von Julian Cooper beim „Stockholm International Peace Research Institute“ (SIPRI). Nachstehend eine Zusammenfassung der Einschätzungen Solankos zur Entwicklung der Ausgaben für das Militär und ihren Auswirkungen auf die öffentlichen Finanzen Russlands. 

Der Anteil der Ausgaben für das Militär könnte 2025 fast 10 Prozent erreicht haben

Die russische Regierung hat, so Solanko, ihre Ausgaben für die Bereiche „Verteidigung“ und „Innere Sicherheit“ in den letzten vier Jahren etwa verdoppelt: 2021, im Jahr vor dem Beginn des Krieges, hätten sich Russlands Militärausgaben auf 3,6 % des Bruttoinlandsprodukts belaufen. Im Haushalt für das Jahr 2025 seien 7,2 % des BIP für die Kriegsausgaben vorgesehen.

Die russischen Kriegsanstrengungen würden zudem nicht nur aus dem Verteidigungshaushalt, sondern auch durch Mittel aus anderen Budgetbereichen wie Bildung, Sozialleistungen sowie Instandhaltung und Bau ziviler Infrastruktur finanziert. Die Gesamtausgaben für das Militär könnten sich auf fast zehn Prozent des BIP belaufen, schätzt Solanko.

Der russische Staat fördere die Rüstungsindustrie außerdem durch Gewährung von  Kreditgarantien. Andere Branchen hätten hingegen Schwierigkeiten Kredite zu erhalten und würden mit hohen Schuldendienstkosten belastet. Die Anreize für marktorientierte Investitionen in die zivile Produktion seien in Russland deswegen „bestenfalls minimal“.

Der 2026 geplante Rückgang der Verteidigungsausgaben ist unwahrscheinlich

Russlands Haushaltsplan für 2026 sieht zwar eine nominale Reduzierung der Verteidigungsausgaben vor. Das ist aber, so Solanko, „unwahrscheinlich“, solange Russland seinen Krieg nicht sehr bald beende.

Solanko erwartet, dass das Defizit im russischen Bundeshaushalt 2026 nicht sinkt. Es werde durchaus dem des Vorjahres entsprechen und rund 3 % des BIP erreichen . Vorgesehen sei, dass die Ausgaben im Bundeshaushalt 2026 nominal nur um 4 Prozent steigen. Dies würde einen realen Rückgang bedeuten. Die Einnahmen im Bundeshaushalt sollten gleichzeitig nominal gut doppelt so stark wie die Ausgaben um fast 9 Prozent wachsen. Das erscheint Solanko „recht optimistisch“.

Russland muss, so Solanko, seine rasant steigenden Staatsausgaben mit den international üblichen Maßnahmen finanzieren, also mit Steuererhöhungen, höheren Abgaben von Staatsbetrieben und einer verstärkten Staatsverschuldung an den Anleihemärkten. Gegebenenfalls könnten bestimmte öffentliche Ausgaben gekürzt werden.

Der liquide Teil des „Nationalen Wohlfahrtsfonds“ ist stark gesunken

Laura Solanko weist darauf hin, dass Russland wie viele andere Erdölförderstaaten einen Staatsfonds zur Anlage der Einnahmen aus der Förderung von Kohlenwasserstoffen einrichtete, den sogenannten „Nationalen Wohlfahrtsfonds“ (Finanzministerium, Wikipedia).

Die folgende BOFIT-Abbildung aus dem Blog-Beitrag von Solanko zeigt, wie sich der Wert des Fonds von März 2020 bis Oktober 2025 in Rubel entwickelte (linke Skala). Der Rückgang des Wertes des Fonds im Verlauf des ersten Kriegsjahres 2022 um rund ein Viertel wurde bereits bis zum Herbst 2023 wieder aufgeholt. Seit Mitte 2025 ist der Gesamtwert des Fonds wieder etwas höher als im März 2020.

Die Entwicklung der blauen Säulenteile in der Abbildung zeigt aber, dass der Wert der „liquiden Mittel“ des Fonds seit 2022 stark gesunken ist. In den Jahren 2024 und 2025 wurde ein großer Teil der schnell verfügbaren Mittel des Fonds zur Deckung der Haushaltsdefizite verwendet.

Die grünen Säulenteile zeigen die „Sonstigen Anlagen“ des „Nationalen Wohlfahrtsfonds“, die hauptsächlich in russischen Unternehmen und Banken längerfristig investiert werden.

Russlands Nationaler Wohlfahrtsfonds
Entwicklung des Wertes der liquiden Anlagen und der sonstigen Anlagen in Mrd. Rubel; schwarze Linie: Wert des Fonds im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt in Prozent

Laura Solanko; BOFIT, Bank of Finland; Blog: Rough times for the Russian economy, 22.01.26

Im Verhältnis zum Wert des russischen Bruttoinlandsprodukts hat sich der Wert des Fonds vom Dezember 2020 bis zum Dezember 2024 von rund 12 Prozent auf rund 6 Prozent halbiert. Das zeigt die schwarze Linie in der Abbildung (rechte Skala).

Laura Solanko merkt dazu an: Obwohl Russland einer der weltweit führenden Ölexporteure ist, ist sein Staatsfonds im Vergleich zu denen anderer Ölförderländer damit relativ klein. Der Wert des saudischen Pensionsfonds entspricht etwa 85 % der jährlichen gesamtwirtschaftlichen Produktion des Landes. Der norwegische staatliche Pensionsfonds erreicht sogar rund 400 % des norwegischen Bruttoinlandsprodukts.

Der Arbeitsmarkt ist so angespannt wie nie zuvor

Auch Laura Solanko verweist auf die weitere Verknappung von Arbeitskräften in Russland durch den Ukraine Krieg:

Schätzungen zufolge ist die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte durch den Krieg um rund 1,5 Millionen Menschen verringert worden. Russlands Arbeitslosenquote war bereits vor dem Krieg niedrig. Durch die Einberufungen zum Ukraine-Krieg, den Tod und Verletzungen von Soldaten sowie auch durch die gesunkene Zuwanderung nach Russland ist der Arbeitsmarkt so angespannt wie nie zuvor.

Um die Kriegsanstrengungen aufrechtzuerhalten, muss die Regierung monatlich rund 30.000 Männer an die Front entsenden. Nach der teilweisen Mobilisierung von Reservisten im Herbst 2022 handelte es sich dabei meistens um Personen, die durch hohe Prämien angelockt wurden, oder um Strafgefangene, denen die Freilassung aus dem Strafvollzug angeboten wurde, wenn sie Militärdienst leisten.

„Die Sanktionen haben funktioniert“: Sie belasten Unternehmen und Verbraucher und haben Russland stärker denn je isoliert

Laura Solanko hält vor allem die gegen Russland verhängten Sanktionen auf den Finanzmärkten für „äußerst wirksam“. Sie meint:

„Obwohl die Sanktionen auf internationaler Ebene nicht konsequent umgesetzt wurden, waren die auf die Finanzmärkte fokussierten Maßnahmen äußerst wirksam, da sie Russland vom internationalen Markt ausschlossen. Sowohl die russische Regierung als auch Russlands größte Konzerne waren gezwungen, ihre Geschäftstätigkeit aus eigener Tasche oder durch Kredite von inländischen Kreditgebern zu finanzieren. Die Kreditaufnahme bei inländischen Kreditgebern ist teurer als die Finanzierung auf den internationalen Märkten.“

Solanko stellt auch heraus, dass die Sanktionen Russland gezwungen haben, die Preise seiner wichtigsten Exportprodukte zu senken.

„Das deutlichste Beispiel ist der Exportpreis für Rohöl. Selbst mit der Schattenflotte und verschiedenen Strategien zur Umgehung der Sanktionen wurde Russlands wichtigste Exportsorte Urals 2024/25 mit einem Abschlag von 14 US-Dollar gegenüber dem Referenzpreis für Brent-Rohöl verkauft. Vor dem Einmarsch in die Ukraine 2022 betrug die Preisdifferenz zwischen Urals und Brent üblicherweise nur 1 bis 2 US-Dollar pro Barrel. Die Ende 2025 verhängten Sanktionen trieben die Preisdifferenz zwischen Brent und Urals auf über 20 US-Dollar pro Barrel. Der aktuelle Durchschnittspreis für Urals (unter 40 US-Dollar pro Barrel) dürfte das Haushaltsdefizit um etwa 1,5 % des BIP erhöhen.“

Zur Wirksamkeit der Sanktionierung von Einfuhren nach Russland meint Solanko:

„Die russischen Importe von Waren und Dienstleistungen sind im Verhältnis zum BIP gesunken. Bei Konsumgütern wurden die Auswahlmöglichkeiten und die Preise durch den Importrückgang besonders stark beeinträchtigt. Westliche Exportbeschränkungen und Sanktionen auf den Finanzmärkten haben es russischen Unternehmen unmöglich gemacht, bestimmte Güter direkt zu importieren. Dies führte zu höheren Transportkosten und zwang die Verbraucher, minderwertige Alternativen zu akzeptieren. Seit der Invasion ist es nur wenigen Branchen gelungen, die Einfuhren zu substituieren.“

Solankos Fazit zur Wirksamkeit der Sanktionen:

„Die Sanktionen belasten die Wirtschaft täglich, verringern die Staatseinnahmen und erhöhen die Kosten für alle Beteiligten. Der Krieg hat zudem die Zusammenarbeit von Unternehmen und Universitäten mit vielen ihrer ausländischen Partner beendet und Russland stärker denn je isoliert.“

Wie Janis Kluge, Russland-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, die Wirksamkeit der Sanktionen beurteilt, können Sie hier hören (NDR-Interview vom 28.10.25) und hier lesen (Analyse vom Februar 2025).

Eine Rückkehr zum „Vorkriegswachstum“ wird „sehr herausfordernd“

Anfang September hatte BOFIT bereits einen „Policy Brief“ von Laura Solanko veröffentlicht, in dem sie die Entwicklung der russischen Wirtschaftspolitik seit 1995

ausführlich analysierte („Macroeconomic policies in Russia1995–2025 – from barter arrangements to an emerging war economy“). Abschließend meint sie dort:

„Die Kosten des Krieges, die materiellen als auch die menschlichen, haben Russlands Stabilisierungsfonds stark belastet und eine hartnäckige Inflation angeheizt. Längerfristig werden die sinkende Erwerbsbevölkerung und der anhaltende Strukturwandel der russischen Wirtschaft zu geringeren Wachstumsraten führen. Wenn das kriegsbedingte Wachstum der Staatsausgaben vorüber ist, werden Russlands schwache Wachstumsaussichten und die Verschlechterung des Geschäftsklimas (z. B. durch die eingeschränkten Eigentumsrechte) eine Rückkehr zu den vor dem Krieg erreichten Wachstumsraten sehr herausfordernd machen.“

Russlands Inflationsrate war im Jahr 2025 noch etwas höher als 2024

Wie hartnäckig hoch der Anstieg der russischen Verbraucherpreise im Jahr 2025 im Vergleich mit dem Vorjahr war, zeigt die folgende Abbildung aus dem monatlichen Konjunkturbericht der russischen „Economic Expert Group“, die eng mit dem Finanzministerium zusammenarbeitet. Der jährliche Anstieg der russischen Verbraucherpreise war laut dem Statistikamt Rosstat im Jahr 2025 mit 8,7 Prozent noch etwas höher als im Jahr 2024 mit 8,5 Prozent (siehe rote Säulen).

Jährlicher Anstieg der Verbraucherpreise in Prozent
blaue Säulen: Dez./Dez. des Vorjahres in %
rote Säulen: Jahr/Vorjahr in %

Economic Expert Group: Wirtschaftsanalyse Januar 2026, 27.01.26

Das Bild ändert sich, wenn man analysiert, wie sich das Preisniveau im Monat Dezember im Vergleich zum Vorjahresmonat entwickelt hat. Die jährliche Inflationsrate im Dezember 2025 war mit 5,6 Prozent deutlich niedriger als ein Jahr zuvor im Dezember 2024 mit 9,5

Prozent (blaue Säulen). Die russische Zentralbank hat mit ihrer oft scharf kritisierten restriktiven Geldpolitik im Verlauf des Jahres 2025 also erhebliche Fortschritte auf dem Weg zu der von ihr angestrebten Inflationsrate von 4 Prozent erzielt (siehe auch Trading Economics-Chart).

Beim Blick auf den Anstieg der Verbraucherpreise im Jahresdurchschnitt (rote Säulen) zeigt sich aber für die Jahre 2024 und 2025 ein anhaltend hohes Inflationstempo (2024/2023: 8,5 Prozent; 2025/2024: 8,7 Prozent). Über die jährliche Inflationsrate im Jahr 2025 von 8,7 Prozent wurde jedoch – auch von der russischen Zentralbank – kaum berichtet. Wie in Russland üblich stand die Berichterstattung über die am Jahresende im Monat Dezember erreichte Inflationsrate im Vordergrund.

Dabei wurde oft nicht zwischen der jährlichen Inflationsrate im Dezember und der jährlichen Inflationsrate im Gesamtjahr 2025 unterschieden. Selbst die russische Zentralbank teilte in ihrer Pressemitteilung vom 21. Januar in einer fetten Zwischenüberschrift mit: „Die Inflation im Jahr 2025 betrug 5,6 %.“ Und in einer Tabelle am Schluss der Pressemitteilung wird die jährliche Inflationsrate für das Jahr 2024 mit 9,5 Prozent angegeben.

Finmarket.ru meldete gleichfalls: „Die Inflation in Russland lag im Jahr 2025 bei 5,59 %.“

Die Moscow Times übernahm einen AFP-Bericht mit dem Titel: Russian Inflation Drops Sharply in 2025. Dort liest man: „Das Preiswachstum verlangsamte sich im vergangenen Jahr auf etwa 5,6 Prozent, teilte das Statistikamt Rosstat mit. Dies stellt einen deutlichen Rückgang gegenüber den im Jahr 2024 verzeichneten 9,5 % dar.“


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