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7 Fragen mit Erik Siegl
Mitteleuropa · 14.05.2026

7 Fragen mit Erik Siegl

Exklusivinterview mit Erik Siegl, Botschaftsrat der Tschechischen Republik in Deutschland, Leiter der Handels- und Wirtschaftsabteilung.

Exklusivinterview mit Erik Siegl, Botschaftsrat der Tschechischen Republik in Deutschland, Leiter der Handels- und Wirtschaftsabteilung. Das Interview führt OW-Autor Jonas Prien.


PRIEN: Deutschland ist seit Jahren Tschechiens wichtigster Wirtschaftspartner. Zwingt die wirtschaftliche Stagnation in Deutschland Prag inzwischen dazu, gezielt nach alternativen Handelspartnern zu suchen, oder bleibt Deutschland strategisch gesetzt?

Siegl: Der deutsch-tschechische Handel stieg im Jahr 2025 um etwa 4%, trotz der Stagnation in Deutschland. Die Bedeutung des EU-Binnenmarkts und der nachbarschaftlichen Wirtschaftsbeziehungen nimmt für unsere beiden Länder immer weiter zu. Um dieses Potenzial besser zu nutzen, brauchen wir „nur“ die Vollendung des EU-Binnenmarktes, wo noch viele nichttarifäre oder regulatorische Hindernisse den Handel bremsen. Bessere Entbürokratisierung, Digitalisierung und Innovationsförderung sind natürlich auch notwendig.

PRIEN: Die deutsch-tschechischen Wirtschaftsbeziehungen waren lange von einer engen industriellen Integration, vor allem in deutschen Lieferketten, geprägt. Trägt dieses Modell 2026 noch oder stößt es an strukturelle Grenzen?

Siegl: Die handelspolitischen Verwerfungen der letzten Jahre und Monate unterstreichen nochmal klar, wie wichtig unsere EU-Gemeinschaft auch wirtschaftlich ist, nach außen wie nach innen. Natürlich leiden auch einige tschechische Unternehmen unter der Krise im deutschen Automotive-Sektor. Andererseits entstehen neue Gelegenheiten im Bereich Rüstung, Tiefbau, Raumfahrt oder der Energie-Industrie.

PRIEN: In politischen Reden ist häufig von enger Partnerschaft die Rede. Welche konkreten Leuchtturmprojekte in der deutsch-tschechischen Wirtschaft rechtfertigen diesen Anspruch tatsächlich?

Siegl: Es ist für mich schwer, konkrete Leuchtturmprojekte hervorzuheben. Mein Blick aus der Botschaft in Berlin ist zwar branchenübergreifend, aber bei einem Handelsvolumen von 112 Mrd. EUR jährlich kann ich nur einen Teil übersehen. Nur um zwei wichtige Projekte zu nennen: Digiteq ist eine Tochtergesellschaft von Škoda Auto und Volkswagen, die sehr innovativ und aktiv im Bereich autonomes Fahren und Assistenzsysteme arbeitet. Im Bereich autonomes Fahren entwickeln deutsche Automobilhersteller in Sokolov oder Cheb ebenfalls ein Testgelände für autonome Fahrzeuge. Weiterhin investiert der Raumfahrtkonzern OHB investiert in Tschechien und arbeitet eng mit tschechischen Partnern an Projekten wie der Forschungssatellit SOVA im Auftrag der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA). Dieses kann bald wohl eines der bedeutendsten gemeinsamen Hightech-Projekten werden.

PRIEN: Tschechien macht zuletzt große Fortschritte in den Bereichen Digitalwirtschaft und E-Commerce. Welche tschechischen Unternehmen oder Technologien sind heute international wettbewerbsfähig, auch jenseits des heimischen Marktes?

Siegl: Es stimmt, dass E-Commerce sehr fortgeschritten in Tschechien ist, sowohl aus der Sicht des Konsumverhaltens (Anteil der E-Shop-Einkäufe), als auch im Sinne der ausgereiften IT-Technologien für E-Commerce. Zahlreiche tschechische IT-Firmen stellen sich regelmäßig bei spezialisierten Messen vor und liefern ihre Dienste und Produkte nach Deutschland. Übrigens ist die IT-Branche, besonders Cybersicherheit eine tschechische Stärke. Kein Wunder, dass auch Weltkonzerne wie SAP bei uns im Land etwa 4.000 Beschäftigte haben.  Erwähnen möchte ich auch knusper.de, einen Ableger des erfolgreichen tschechischen Unternehmens Rohlík.cz. Seit vorletztem Jahr liefert knusper.de Lebensmittel und Haushaltswaren in Berlin. Das auf präzisen Lieferungen in 15-Stunden-Fenstern basierende Logistiksystem ist für den universellen Einsatz in vielen anderen Online-Shops vorgesehen.

PRIEN: Tschechien ist wie Deutschland ein klassisches Autoland. Ist Tschechien beim Übergang zur Elektromobilität derzeit besser, schlechter oder schlicht realistischer aufgestellt als Deutschland?

Siegl: Hier bin ich mit einer finalen Beurteilung vorsichtig, da ich kein Automotive-Experte bin. Bei dem Ausmaß der Verflechtung ist es auch schwierig zu sagen, was „tschechisch“ und was „deutsch“ ist. Wir haben doch eine gemeinsame Ingenieurkultur und Landschaft mindestens seit dem 19. Jahrhundert! Sicherlich kann man sagen, dass Škoda auch mit seinen BEV-Modellen geschäftlich sehr erfolgreich ist. Als Land macht sich Tschechien seit Jahren stark für mehr Technologieoffenheit und Flexibilität bei der Erfüllung der gesetzten EU-Emissionszielen.

PRIEN: Tschechien setzt energiepolitisch bewusst auf Kernenergie, auch auf Small Modular Reactors (SMR). Was ist im Grenzraum zu Deutschland konkret geplant?

Siegl: Neben der Fertigstellung zweier Kernkraftwerksblöcke und der möglichen Erweiterung eines zweiten Kernkraftwerks plant die jetzige Regierung, wie schon die vorherige, auch die Entwicklung von sogenannten kleinen modularen Reaktoren (SMRs). Seit zwei Jahren hat Tschechien eine Strategie, nach der die optimalen Standorte für den Bau von SMRs entweder jeweils einer in jeder Region oder die Standorte der derzeitigen Kernkraftwerke sind. Zur Stärkung dieses Plans erwarb ČEZ eine Beteiligung an dem britischen Unternehmen Rolls Royce SMR. Der genaue Standort des tiefen Endlagers ist aber weiterhin ungeklärt.

PRIEN: Mit Blick auf 2026: Welche Wirtschaftssektoren haben aus tschechischer Sicht das größte Wachstumspotenzial und wo sehen Sie gezielt Anknüpfungspunkte für deutsche Unternehmen?

Siegl: Wieder traue ich mich nicht, als Fachexperte die einzelnen Branchen zu beurteilen und solche Urteile zu fällen. Was ich aber als Trend sehe, ist, dass Firmen, die neue Innovationen oder Technologien entwickeln, häufig branchenübergreifend einsetzen können. Das gilt bekanntermaßen nicht nur für KI oder IT generell, sondern auch viel breiter. Ein Beispiel: hochmoderne Abbildungsmethoden aus der Physikforschung finden heutzutage Anwendung sowohl in der industriellen Anwendung (Material-Testing) oder in der Raumfahrt, als auch in der Medizin. Die Grenzen der Innovationsanwendung werden zum Teil verwischt und Experten aus verschiedenen Technik- und Wirtschaftsbereichen kommen öfter zusammen.  

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