Die Europäische Union will im globalen Wettbewerb um Künstliche Intelligenz aufholen. Bis 2028 sollen im Rahmen des EuroHPC-Gemeinschaftsunternehmens drei bis fünf sogenannte KI-Gigafabriken entstehen. Dafür stehen sieben Milliarden Euro bereit.
Das ist der bislang ambitionierteste Versuch Europas, technologisch zu den USA und China aufzuschließen. Auffällig ist dabei die geografische Verschiebung. Ost- und Mitteleuropa rücken als Standorte in den Fokus.
Europa startet mit strukturellen Nachteilen
Die Ausgangslage bleibt schwierig. Europa kann bei der privaten KI-Finanzierung nicht mithalten. Laut dem „AI Index“ der Stanford University entfielen 2023 rund 67 Prozent der weltweiten privaten KI-Investitionen auf die USA. Auf die EU kamen lediglich drei Prozent.
Auch Chinas staatlich gelenkter Ansatz ist kaum übertragbar. Peking investiert Milliarden über öffentliche Programme. Europa fehlt dafür der politische und fiskalische Spielraum.
Hinzu kommen hohe Strompreise und eine komplexe Regulierung. Das EU-KI-Gesetz stärkt Sicherheit und Ethik. Gleichzeitig verteuert es Innovationen. Laut Brookings Institution kostet allein die Erstumsetzung eines Hochrisikosystems bis zu 500.000 Euro. Besonders Start-ups geraten dadurch unter Druck.
Energiepreise sprechen für Osteuropa
Hier liegt ein zentraler Vorteil Osteuropas. Die Strompreise für Industriekunden sind niedriger. In Polen und Tschechien liegen sie bei rund 0,20 bis 0,21 Euro pro Kilowattstunde. In Deutschland und den Niederlanden sind es über 0,23 Euro.
Für KI-Rechenzentren ist das entscheidend. Eine 150-Megawatt-Anlage verbraucht jährlich rund 1,3 Terawattstunden Strom. Schon kleine Preisunterschiede bedeuten Einsparungen in zweistelliger Millionenhöhe.
Zusätzlich helfen Effizienzgewinne. Google DeepMind senkte den Energiebedarf für Kühlung um 40 Prozent. Microsoft erreichte Einsparungen von bis zu 20 Prozent. In Kombination mit niedrigen Strompreisen entsteht ein klarer Kostenvorteil.
Schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie
Ein weiterer Pluspunkt sind kürzere Genehmigungsverfahren. In Polen dauert die Genehmigung für Rechenzentren meist 18 bis 24 Monate. In Deutschland sind es oft drei bis vier Jahre. Dort verlängern komplexe Beteiligungsverfahren Planung und Bau.
Auch die baltischen Staaten gelten als digital aufgeschlossen. Estland hat mit seinem E-Government international Maßstäbe gesetzt. Zwar ziehen London und Berlin weiterhin mehr Risikokapital an. Doch Osteuropa zeigt eine hohe Anpassungsfähigkeit.
EU-Förderung stärkt den Osten
Ost- und Mitteleuropa profitieren stark von EU-Kohäsionsmitteln. Diese können bis zu 40 oder 50 Prozent der Infrastrukturkosten abdecken. Das senkt die Einstiegshürden erheblich.
Der Bericht „Digitale Dekade 2024“ der EU-Kommission zeigt zudem Fortschritte. Polen und Tschechien liegen bei 5G-Abdeckung und Glasfaserausbau inzwischen über dem EU-Durchschnitt. Für KI-Anlagen mit hohem Datenbedarf ist das entscheidend.
Trotz aller Vorteile gibt es klare Risiken. Europa ist vollständig auf US-Importe leistungsfähiger KI-Chips angewiesen. Exportkontrollen bleiben ein Unsicherheitsfaktor.
Auch der Fachkräftemangel belastet den Standort. In Polen wandern jedes Jahr zehntausende MINT-Absolventen ab. Zudem erfordert der Netzausbau Milliardeninvestitionen. Rechenzentren verbrauchen außerdem große Mengen Wasser. Nachhaltige Lösungen sind Pflicht.
Europas Stärke liegt in der Anwendung
Langfristig liegt Europas Stärke nicht im größten Modell. Sie liegt in der Anwendung. McKinsey schätzt, dass 70 Prozent des wirtschaftlichen KI-Werts aus der Integration in bestehende Prozesse stammen. Genau hier ist Europa stark.
Industrie, Automobilbau und Pharma bieten reale Einsatzfelder. Anders als in den USA oder China steht nicht das Experiment im Vordergrund. Es geht um produktive, kontrollierte Nutzung.
Zudem könnten europäische KI-Zentren bei regulatorischer Technologie führend werden. Automatisierte Dokumentation und Risikobewertung können Compliance-Kosten um bis zu 50 Prozent senken. Regulierung würde dann zum Wettbewerbsvorteil.
Warum Osteuropa entscheidend ist
Viele Argumente sprechen für Standorte im Osten Europas. Polen und Tschechien vereinen niedrigere Kosten, schnellere Verfahren und EU-Förderung. Auch Rumänien könnte folgen.
Entscheidend sind weitere Investitionen. Die sieben Milliarden Euro reichen nicht aus. Netze, Fachkräfte und Lieferketten müssen langfristig gesichert werden. Gelingt das, kann Europa einen dritten Weg etablieren.
Nicht größer als Silicon Valley. Nicht staatlicher als China. Aber industriell integriert, reguliert und verlässlich. Osteuropa ist der Ort, an dem diese Strategie realistisch ist.
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit unserem Partner bne intelliNews

