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Die EU erwartet 2026 in Russland deutlich mehr Wachstum als die Regierung
Russland · 28.05.2026

Die EU erwartet 2026 in Russland deutlich mehr Wachstum als die Regierung

Die russische Regierung erwartet für 2026 ein deutlich schwächeres Wirtschaftswachstum als EU-Kommission und IWF.


Autor: Klaus Dormann


Die russische Regierung hat in ihrer Haushaltsplanung im September 2025 noch angenommen, dass Russlands Wirtschaftswachstum 2026 auf 1,3% anzieht. Am 12. Mai teilte sie aber in einer neuen Prognose mit, dass sich das Wachstum weiter abschwächen dürfte. Es werde voraussichtlich von 1,0% im Jahr 2025 auf nur noch 0,4% im Jahr 2026 sinken (Interfax.com).

Einen entgegengesetzten Trend erwartet in diesem Jahr aber die EU-Kommission. Die Kommission „übernimmt“ im Russland-Kapitel ihrer am 21. Mai veröffentlichten „Frühjahrsprognose“ die bisherige Wachstumsprognose der russischen Regierung und erwartet jetzt, dass sich der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts 2026 auf 1,3 % beschleunigt.

Damit schließt sich die Kommission weitgehend der Sicht des Internationalen Währungsfonds an. Der IWF hat seine Prognose für Russlands diesjähriges Wirtschaftswachstum bereits Mitte April von 0,8 auf 1,1% angehoben. Die Wirtschaftsabteilung der Vereinten Nationen erwartet im am 19. Mai veröffentlichten „Update“ ihrer Prognosen für die Weltwirtschaft in Russland in diesem Jahr ein ähnlich starkes Wachstum (+1,0%). Das gilt auch für den deutschen Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (+1,2%).

EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis wies darauf hin, dass Russlands Wirtschaft  vom Anstieg der Energiepreise profitiere. Er lehnte eine Lockerung der Sanktionen gegenüber Russland erneut entschieden ab (weitere Informationen dazu am Ende des Artikels).

Im Jahr 2027 rechnen die EU-Kommission und der IWF in Russland mit einem weiteren Wirtschaftswachstum von 1,1%. Die UN-Wirtschaftsabteilung erwartet im nächsten Jahr 1,2% Wachstum und die russische Regierung geht für 2027 von einer Beschleunigung des Wachstums auf 1,4% aus. Damit wäre es aber nur halb so hoch wie die Regierung noch vor einem halben Jahr für 2027 erwartete (+2,8%).

BIP-Prognosen für Russland 2024 bis 2027
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

EU-Fußnote zur Glaubwürdigkeit der Wirtschaftsdaten der russischen Regierung

Zur Glaubwürdigkeit offizieller russischer Wirtschaftsdaten merkt die EU-Kommission in ihrer Prognose im Russland-Kapitel in einer Fußnote an:

„Einige Analysten haben die Ansicht vertreten, dass die tatsächliche Lage schlechter sei, als es die offiziellen russischen makroökonomischen Daten darstellen. Wenngleich nicht alle diesbezüglich vorgebrachten ökonomischen Argumente vollends überzeugen, lässt sich im Kontext des russischen Angriffskrieges eine Manipulation der Daten als Möglichkeit nicht gänzlich ausschließen. Es ist jedoch bemerkenswert, dass mittlerweile selbst die offiziellen Daten eindeutig auf eine wirtschaftliche Verschlechterung hindeuten.“

Wie die EU die aktuelle Lage der russischen Wirtschaft sieht

Die russische Wirtschaft präsentiert sich aus Sicht der Kommission „mittlerweile zweigeteilt“. Der „militärisch-industrielle Komplex“ werde weiterhin durch staatliche Aufträge gestützt und genieße Zugang zu besonders günstigen Kreditkonditionen. Er werde gegenüber den Wirtschaftszweigen der „Zivilwirtschaft“ bevorzugt.

Im Rückblick auf die Entwicklung im Jahr 2025 stellt die EU-Kommission zusammengefasst fest: Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich 2025 drastisch von 4,9 auf auf 1%. „Der Angriffskrieg gegen die Ukraine forderte zunehmend seinen Tribut“, meint die Kommission.

Das Wachstum schwächte sich in sämtlichen Verwendungsbereichen des Bruttoinlandsprodukts ab. Die Bruttoanlageinvestitionen sanken im Vorjahresvergleich sogar um 0,4% (2024: +8,6%).

Der Anstieg des Verbrauchs halbierte sich etwa. Der private Verbrauch wuchs noch um 3,6% (2024: +6,7%), der öffentliche Verbrauch stieg um 1,1% (2024: +2,2%). Insbesonders der relativ widerstandsfähige private Konsum war ausschlaggebend dafür, dass eine noch stärkere Verlangsamung der Wirtschaftsaktivität im Jahr 2025 verhindert werden konnte.

Der anhaltend angespannte Arbeitsmarkt sorgte weiterhin für Reallohnsteigerungen.

Die durchschnittliche Arbeitslosenquote lag im Jahr 2025 auf einem historischen Tiefststand von 2,2%. Sie wird 2027 voraussichtlich nur auf 2,4% ansteigen (siehe auch: Cash.ch; Bloomberg: Arbeitskräftemangel in Russland verschärft sich durch Krieg und Demografie, 23.05.26).

Russlands reales Bruttoinlandsprodukt und seine Verwendung

European Commission: Spring 2026 Economic Forecast; Full Document;
mit Prognose für: Russian Federation; Auszug; 21.05.26

Prognosen der EU-Kommission für 2026 und 2027

Die Kommission erwartet, dass sich Russlands Wirtschaftswachstum 2026 „marginal“ von 1,0 auf 1,3% beschleunigt. Schon 2027 dürfte es nach ihrer Einschätzung aber erneut etwas an Fahrt verlieren und auf 1,1% sinken (siehe schwarze Linie in der folgenden Abbildung).

Reales Bruttoinlandsprodukt und seine Verwendungsbereiche
Wachstumsbeiträge der Verwendungsbereiche Netto-Export, Investitionen, Privater Verbrauch, Staatsverbrauch und Lagerveränderungen in Prozentpunkten

European Commission: Spring 2026 Economic Forecast; Russian Federation, 21.05.26

Das Wachstum des privaten Konsums dürfte 2026 und 2027 laut EU voraussichtlich weiter auf rund 2% nachgeben, obwohl „gewisse positive Ausstrahlungseffekte durch hohe Exporterlöse aus dem Öl- und Gassektor“ zu erwarten seien. Die Investitionstätigkeit dürfte gleichzeitig kaum steigen und „weiterhin als Bremsfaktor für das Wachstum“ der Gesamtwirtschaft wirken. Die obige Abbildung zeigt, dass das Wachstum des realen BIP in den Jahren 2026 und 2027 fast vollständig durch den Privaten Verbrauch getragen wird (gelbe Säulenteile).

Welche Wachstumsimpulse bringt der starke Anstieg der Öl- und Gaspreise?

Der durch den Konflikt im Nahen Osten ausgelöste starke Anstieg der Preise für Kohlenwasserstoffe wird das russische BIP nach Einschätzung der Kommission zwar „über verschiedene Kanäle stützen“. Insgesamt geht sie jedoch davon aus, dass ein Großteil der positiven Effekte aus diesen „Zufallsgewinnen“ („windfall gains“) durch fortbestehende strukturelle Schwächen der russischen Wirtschaft gedämpft wird.

Für die Investitionen erwartet die Kommission, dass sie 2026 und 2027 wieder langsam zu wachsen beginnen – begünstigt durch verbesserte monetäre Rahmenbedingungen und die zusätzlichen Einnahmen aus dem Kohlenwasserstoffgeschäft. Der Großteil der Mehreinnahmen aus den höheren Öl- und Gaspreisen dürfte, so die Kommission, von den Unternehmen und der russischen Regierung jedoch voraussichtlich nicht für Investitionen verwendet werden. Sie dürten vor allem genutzt werden, um die Defizitziele des Bundeshaushalts einzuhalten und die Verschuldung der Unternehmen abzubauen.

Für das Wachstum des privaten Konsums prognostiziert die Kommission im Vergleich zu 2025 eine weitere Abschwächung, weil sich das Wachstum der Löhne trotz des Ölpreisbooms verlangsamen dürfte. Außerdem habe sich die Verbraucherstimmung eingetrübt.

Hinsichtlich der mengenmäßigen Entwicklung der russischen Exporte erwartet die EU-Kommission lediglich einen leichten Anstieg. Russlands Ölproduktion liege bereits nahe an ihrer Kapazitätsgrenze und sei durch die von der OPEC+ vereinbarten Quoten begrenzt.

European Commission: Spring 2026 Economic Forecast;
Full Document; mit Prognose für: Russian Federation, 21.05.26

Die Abschwächung des Preisanstieges setzt sich langsam fort

Zur Entwicklung der Verbraucherpreise stellt die Kommission fest, dass der seit März 2025 beobachtete Rückgang der Inflationsrate im Januar 2026 wegen der Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2 Prozentpunkte zum Stillstand kam. Die jährliche Inflationsrate stieg im Januar um 0,4 Prozentpunkte auf 6%. Sie verharrte im Februar und März weitgehend auf diesem Niveau.

Die folgende Abbildung aus dem Wochenbericht der staatlichen Entwicklungsgesellschaft VEB.RF zeigt, dass der jährliche Anstieg der Verbraucherpreise im April 5,6% betrug. In der Woche zum 14. Mai betrug er laut Schätzung des Instituts wie in der Vorwoche 5,5%.

Inflationsentwicklung in Russland
schwarze Linie: Veränderung des Indexes der Verbraucherpreise zum Vorjahresmonat
rote Linie: Veränderung des Indexes der industriellen Erzeugerpreise zum Vorjahresmonat

VEB-Institut: Weltwirtschaft und Märkte, 15-21.05.26

Die anhaltend hohen Ausgaben für das Militär dürften, so die Kommission, weiteren Aufwärtsdruck auf die Preise ausüben. Die vom aktuellen Anstieg der Rohstoffpreise ausgehenden Inflationswirkungen werden nach Einschätzung der Kommission in Russland aufgrund von Subventionen für Kraftstoffe jedoch „weitgehend gedämpft“ ausfallen.

Zur Geldpolitik der Zentralbank meint die Kommission, wegen des anhaltenden Preisdrucks habe die Zentralbank ihren Leitzins bislang nur „vorsichtig“ gesenkt, was zu nach wie vor hohen Realzinsen führe. Insgesamt erwartet die EU, dass die Inflation in Russland weiter sinkt und im Jahresdurchschnitt 2026 bei 5,7% sowie 2027 bei 4,8% liegen wird.

Das russische Wirtschaftsministerium erwartet für Ende 2026 einen Rückgang der Inflationsrate auf 5,2%. Das schafft aus Sicht von Minister Reschetnikow „immer mehr Argumente“ für eine weitere Lockerung der Geldpolitik. Die konkrete Entscheidung über Tempo und Umfang von Zinssenkungen liege aber beim Zentralbankrat, betont der Minister (russland.capital.de mit Video einer Stellungnahme von Zentralbankpräsidentin Nabiullina zur Geldpolitik der Zentarlbank).

Die höheren Rohstoffpreise drücken 2026 das gesamtstaatliche Defizit

Im Jahr 2025 wurde die Entwicklung der Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor im russischen Bundeshaushalt nach Angaben der EU-Kommission durch weltweit niedrige Ölpreise, einen starken Rubel und die westlichen Sanktionen belastet. Die Einnahmen sanken im Jahresvergleich um 24%. Russland verzeichnete mit 2,6% des BIP das höchste Defizit im Bundeshaushalt seit Beginn der Pandemie. Im ersten Quartal 2026 brachen die Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor sogar um 45% im Jahresvergleich ein.

Der Konflikt im Nahen Osten hat nach Einschätzung der Kommission aber die Bedingungen für die weitere Entwicklung des Haushalts grundlegend verändert.

Die folgende Abbildung aus dem jüngsten Wochenbericht des VEB-Instituts zeigt, dass die Preise für Brent-Öl (grüne Linie) und für russisches Urals-Öl seit Ende Februar stark gestiegen sind. Zuletzt notierte Urals bei 101 Dollar/Barrel, rund doppelt so hoch wie am Jahresanfang.

Preise von Brent und Urals-Rohöl in $/Barrel (rechte Skala)
Differenz zwischen dem Urals-Preis und dem Brent-Preis in % (linke Skala)

VEB-Insitut: Weltwirtschaft und Märkte, 22.05.26

Laut der EU-Kommission macht der starke Anstieg der globalen Preise für Kohlenwasserstoffe die von der Regierung im Haushalt für 2026 geplante Entwicklung der Einnahmen realisierbar. Demgegenüber hält die Kommission die im Haushalt veranschlagten Ausgaben vor dem Hintergrund des andauernden Krieges in der Ukraine für „unrealistisch niedrig“.

Die Kommission geht davon aus, dass sich das Defizit im öffentlichen Gesamthaushalt Russlands von 3,2% des BIP im Jahr 2025 auf 2,6 des BIP im Jahr 2026 verringern wird (bevor es 2027 wieder auf 2,8% des BIP ansteigen dürfte).

Die gesamtstaatliche Verschuldungsquote, die 2025 auf 17,5% des BIP stieg, wird bei dieser Haushaltsentwicklung nach Einschätzung der Kommission in den nächsten beiden Jahren weiter auf 18,9% bzw. 21,2 % des BIP wachsen.

Die Risiken für Russlands Wirtschaftsaussichten bleiben beträchtlich

Als „Abwärtsrisiko“ für die Entwicklung der russischen Wirtschaft nennt die EU-Kommission zunächst weitere ukrainische Angriffe auf Russlands Anlagen für die Förderung und Verarbeitung von Kohlenwasserstoffen (Tagesschau, FR.de; t-online).

Ein weiteres Risiko sei die Verschuldung russischer Unternehmen. Sie sei in den vergangenen Jahren aufgrund hoher Zinsen und verschärfter Sanktionen erheblich gestiegen. Durch Kreditausfälle könnte das Wachstum der Wirtschaft belastet werden.

Sollte sich die Inflation zudem hartnäckiger halten als erwartet, würden erneute geldpolitische Straffungsmaßnahmen das Wachstum zusätzlich dämpfen.

Das wichtigste „Aufwärtsrisiko“ für das russische Wirtschaftswachstum bildet nach Einschätzung der Kommission der weitere Verlauf des Konfliktes im Nahen Osten. Wenn er länger als erwartet andauere oder weitreichendere Auswirkungen auf die Energieinfrastruktur im Nahen Osten habe, werde das zu zusätzlichen Vorteilen für die russische Wirtschaft führen.

EU-Kommissar Dombrovskis lehnt Lockerung der Russland-Sanktionen ab

Gegen Ende seiner Pressekonferenz zur EU-Frühjahrsprognose betonte der lettische EU-Kommissar Valdis Dombrovskis, bei einem kürzlichen Treffen der Finanzminister der G 7-Staaten sei bekräftigt worden, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt sei, Sanktionen gegen Russland aufzuheben, weil Russland vom Iran-Krieg profitiere und erhebliche Gewinne erziele (Youtube-Video, Minute 46:59 und rev.com-Transcript).

Ausführlich nahm Dombrovskis in einem Interview mit Euronews zur Sanktionspolitik der EU gegenüber Russland Stellung (Artikel mit Video, Min. 4:30 bis 8). Er erklärte, die EU solle die aktuell anhaltende Energiekrise nicht mit billigen fossilen Energieträgern aus Russland lindern.

„Im Gegenteil: Wir müssen die Sanktionen gegen Russland verschärfen, nicht lockern“, sagte Dombrovskis in der Euronews-Sendung „Europe Today“. „Russland profitiert von dem Konflikt im Nahen Osten und den gestiegenen Energiepreisen, es erzielt erhebliche Zusatzgewinne. Das sollten wir nicht noch erleichtern.“

Gefragt, ob die EU angesichts der hohen Energierechnungen für die Verbraucher einige ihrer Sanktionen gegen russisches Öl und Gas zurücknehmen könnte, schloss Dombrovskis das aus. Es gebe eine „strategische Entscheidung“, sich weiter von Moskau zu lösen.

„Wir haben schon 2022 gesehen, dass Russland seine fossilen Energielieferungen als Druckmittel und zur Manipulation eingesetzt hat“, sagte er. „Für diese Abhängigkeit von Russland haben wir einen hohen wirtschaftlichen Preis gezahlt. Es gibt keinen Grund, zu dieser Situation zurückzukehren.“

Großbritannien hat hingegen die Sanktionen gegenüber Russland gelockert. Die Regierung beschloss, dass Diesel und Flugkraftstoff weiter eingeführt werden dürfen, wenn sie in Drittstaaten aus russischem Rohöl hergestellt wurden (Frankfurter Rundschau).


Lesetipps:

EU-Prognose und EU-Sanktionspolitik gegenüber Russland

UN-Prognose

Prognose der russischen Regierung und Wirtschaftspolitik insgesamt

Geldpolitik und Inflation

Außenwirtschaft: Sanktionen und Rubelkurs

Wirtschaftsentwicklung in Russland insgesamt

BIP Russland Energiepreise Russland EU-Kommission Prognose Globale Wirtschaft IWF Russland Russische Haushaltsplanung Russische Konjunktur Russische Wirtschaft Sanktionen Russland Wirtschaftswachstum Russland
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