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Kontroverse Konjunkturanalysen zum Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg
Russland · 08.06.2026

Kontroverse Konjunkturanalysen zum Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg

Russlands BIP stagnierte in den ersten Monaten des Jahres nahezu, während Prognosen weiter gesenkt werden.


Auto: Klaus Dormann


Die russische Regierung erwartet in diesem Jahr in Russland mit 0,4 Prozent zwar noch weniger Wirtschaftswachstum als fast alle Analysten. Im nächsten Jahr rechnet sie jedoch bereits wieder mit einem Anziehen des Wachstums auf 1,4 Prozent. Präsident Putin versicherte beim Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg, die Abkühlung der Wirtschaft sei beabsichtigt gewesen. Jetzt sei Russland im Aufschwung.

Viele Analysten sind weniger zuversichtlich. So senkte das renommierte Moskauer „Center for Macroecomic Analysis and Short-term Forecasting“ (CMASF) seine Wachstumsprognose für 2027 von 1,2 bis 1,5 Prozent auf 0,8 bis 1,0 Prozent. Aktuell sieht das CMASF die russische Wirtschaft „am Rande der Stagflation.“

Ministerium: Russlands BIP wuchs in den ersten vier Monaten nur um 0,2 Prozent

Die bisherige Entwicklung der Produktion spricht dafür, dass das im letzten Jahr bereits auf nur noch 1 Prozent gesunkene Wachstum nicht gehalten werden kann. Anfang Juni veröffentlichte das Statistikamt Rosstat die Konjunkturdaten für April. Das Wirtschaftsministerium schätzt, dass das reale Bruttoinlandsprodukt in den ersten vier Monaten nur 0,2 Prozent höher war als im Vorjahr. Vor rund drei Wochen hatte es seine Prognose für das diesjährige Wachstum der russischen Wirtschaft für viele Beobachter bereits überraschend stark von 1,3 auf 0,4 Prozent gesenkt.

BOFIT: Das jährliche BIP-Wachstum in den ersten vier Monaten war „praktisch Null“

BOFIT, das Forschungsinstitut der finnischen Zentralbank, vergleicht in seinem Wochenbericht in der folgenden Abbildung, wie sich die Produktion in den vom Statistikamt Rosstat erfassten fünf „Kernsektoren“ der russischen Wirtschaft und die Produktion der Gesamtwirtschaft laut den Schätzungen des Wirtschaftsministeriums entwickelt haben. BOFIT hat dazu für jeden Monat die Durchschnitte der Veränderungsraten zum Vorjahr in den jeweils letzten drei Monaten errechnet (sogenannter „gleitender 3-Monats-Durchschnitt“).

Russlands BIP-Wachstum scheint sich zu stabilisieren –
nach einem Rückgang am Jahresanfang

BOFIT Weekly: Russian economy stabilising after weak start of the year, 05.06.26

Die Produktion in den „Kernsektoren“ (Landwirtschaft, Verarbeitendes Gewerbe, Baugewerbe, Güterverkehr sowie Groß- und Einzelhandel) ist laut der Abbildung nach einem Anstieg zum Jahresende 2025 im März im gleitenden 3-Monats-Durchschnitt im Vergleich zum Vorjahr noch leicht gesunken. Im April wuchs sie aber wieder geringfügig (grüne Linie).

Das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts lag, so BOFIT, aufgrund der schwachen Entwicklung in den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 im Zeitraum Januar bis April im Vergleich zum Vorjahr „praktisch bei null“ (blaue Linie).

VEB Institut: Der scharfe BIP-Einbruch vom Januar ist fast aufgeholt

Das Forschungsinstitut der staatlichen Entwicklungsgesellschaft VEB.RF schätzt jeden Monat, wie sich Russlands gesamtwirtschaftliche Produktion von Monat zu Monat saison- und kalenderbereinigt entwickelt. Im Januar 2026 verzeichnete das VEB-Institut einen scharfen Einbruch des realen Bruttoinlandsprodukts, nachdem es Ende 2025 einen neuen Höchststand erreicht hatte. Von diesem Einbruch hat sich die gesamtwirtschaftliche Produktion inzwischen aber weitgehend erholt.

Index des realen Bruttoinlandsprodukts (Jan. 2014=100)
saison-und kalenderbereinigt; Schätzung des VEB-Instituts

VEB-Institut: Weltwirtschaft und Märkte, 05.06.26t.

Im April setzte sich das BIP-Wachstum laut dem VEB-Institut den dritten Monat in Folge fort. Die Wachstumsrate erreichte saison- und kalenderbereinigt +0,4% gegenüber dem Vormonat (erste Zeile der folgenden Tabelle). Im Vergleich zum April 2025 stieg die gesamtwirtschaftliche Produktion laut dem VEB-Institut um 1,1%.

Reales BIP-Wachstum gegenüber dem Vormonat (saison- und kalenderbereinigt) sowie gegenüber dem Vorjahresmonat in Prozent

Positive Beiträge zum Wirtschaftswachstum im Vergleich zum März leisteten im April fast alle Wirtschaftsbereiche. Nur für den Großhandel und den Bergbau errechnete das VEB-Institut Rückgänge der Produktion. Die Produktion in der Landwirtschaft stagnierte.

EBRD und OECD bleiben bei ihren niedrigen Wachstumsprognosen für Russland

Die Londoner „European Bank for Reconstruction and Development“ hatte bereits Ende Februar prognostiziert, dass sich der reale Anstieg des russischen Bruttoinlandsprodukts 2026 von 1,0 auf 0,8 Prozent verlangsamen dürfte. Auch 2027 werde er kaum höher sein (+1,0%). Bei diesen Prognosen blieb die EBRD am 03. Juni (PM).

Noch etwas weniger Wachstum in Russland erwartet weiterhin die Pariser OECD. Sie senkte in ihrem „Economic Outlook“ ihre Russland-Prognose für 2026 jetzt geringfügig auf 0,5 Prozent. Damit ist die OECD-Prognose jetzt fast so niedrig wie die Wachstumsprognose der russischen Regierung (+0,4%). Auch im nächsten Jahr wird Russlands Wirtschaftswachstum laut der OECD unter einem Prozent bleiben (+0,8%). Die Regierung erwartet 2027 hingegen ein Anziehen des Wirtschaftswachstums auf 1,4 Prozent.

Das Institut für Wirtschaftsprognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften (IEF-RAS) schätzt die Wachstumsentwicklung in Russland in seiner vierteljährlichen Prognose jetzt fast genauso wie die EBRD ein. Das Institute for Economic Forecasting senkte seine Mitte März veröffentlichte Wachstumsprognose für 2026 von +1,1% auf +0,7% und seine Prognose für 2027 von +1,4% auf +1,1%.

BIP-Prognosen für Russland 2024 bis 2027
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

Das CMASF sieht Russlands Wirtschaft aktuell „am Rande der Stagflation“

Das Moskauer „Center for Macroecomic Analysis and Short-term Forecasting“ (CMASF) hob Ende Mai bei der monatlichen Aktualisierung seiner Prognose für das Wachstum der russischen Wirtschaft die Prognosespanne für den BIP-Anstieg im Jahr 2026 zwar geringfügig auf +0,5 bis +0,8 Prozent an. Seine Wachstumsprognose für 2027 senkte es jedoch von +1,2 bis +1,5 Prozent auf nur noch +0,8 bis +1,0 Prozent. In einem beigefügten Kommentar sieht das CMASF die russische Wirtschaft aktuell „am Rande der Stagflation“:

„Im Hinblick auf das Verhältnis der Entwicklung von Inflation und gesamtwirtschaftlicher Produktion ist die russische Wirtschaft faktisch in eine Stagflation eingetreten – das BIP sank im ersten Quartal trotz eines signifikanten Preisanstiegs. Eine leichte wirtschaftliche Erholung ist zwar bereits im zweiten Quartal zu erwarten, dürfte die Position am Rande der Stagflation jedoch kaum ändern.“

Das CMASF meint, die Maßnahmen von Regierung und Zentralbank hätten weiterhin konjunkturdämpfend gewirkt. Negative Impulse von der staatlichen Fiskalpolitik (Entzug von Finanzmitteln aus der Wirtschaft) seien von der Zentralbank mit hohen Zinsen kombiniert worden.

Symptome der „Holländischen Krankheit“ in der russischen Wirtschaft

Vor dem Hintergrund von Erwartungen, dass der Anstieg der Energiepreise das Wachstum der russischen Wirtschaft beleben werde, meint das CMASF zur voraussichtlichen Konjunkturentwicklung im Jahr 2026:

„Trotz der sehr günstigen außenwirtschaftlichen Lage haben sich die makroökonomischen Prognoseparameter nur geringfügig verändert. Im Basisszenario führt die außenwirtschaftliche Lage aufgrund des hohen Rubelkurses und der hohen Zinsen zu einem Wachstum durch verstärkte Exporte und zu einem Wachstum entlang der Konsumkette (Bei einem Anstieg der Löhne und Einkommen steigt letztlich der private Konsum im Jahr 2026 um 1,7 bis 2,0%).

Gleichzeitig gibt es keine Anzeichen für eine verstärkte Investitionstätigkeit (es wird ein Investitionsrückgang erwartet), und das Wachstum des privaten Konsums wird zunehmend durch rasch steigende Importe kompensiert.

Demzufolge ist als Ergebnis… im Jahr 2026 ein mageres BIP-Wachstum von 0,5 bis 0,8% vor dem Hintergrund einer Inflation von 4,6 bis 5,0% zu erwarten.“

Das CMASF erinnert angesichts dieser Prognosen an die „Holländische Krankheit“.

Vergleich der CMASF-Prognosen mit den Regierungsprognosen

In der folgenden Tabelle vergleicht das CMASF oben in der Tabelle seine Prognosen für die Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts in der „Basisvariante“ und in der „optimistischen Variante“ mit den Basis-Prognosen des russsischen Wirtschaftsministeriums.

In der Tabelle folgen Vergleiche der Prognosen für:

Prognosen von CMASF und Regierung 2026 bis 2029

Beim Vergleich der Basisvarianten der Prognosen von CMASF und Regierung erwartet das CMASF im Jahr 2026:

Deutlich unterschiedlich wird die Ölpreisentwicklung eingeschätzt: Während die Regierung für 2026 in ihrem Basis-Szenario mit einem Urals-Ölpreis von 59 US-Dollar/Barrel rechnet, erwartet das CMASF in diesem Jahr einen Preis von 80 bis 82 US-Dollar/Barrel.

Der russische Finanzminister Anton Siluanow merkte auf dem SPIEF allerdings an, dass sein Ministerium in seinen Berechnungen für 2026 zwar von einem Ölpreis von etwa 59 bis 60 US-Dollar pro Barrel ausgegangen sei. Inzwischen hätten sich die Marktbedingungen jedoch deutlich verbessert. Siluanow erklärte, dass der russische Haushalt aufgrund der Lage in der Straße von Hormus zusätzliche Einnahmen von rund einer Billion Rubel erzielen könnte. Das könnte zur Erreichung der Haushaltsziele beitragen (Financial One; 05.06.26).  

Präsident Putin: Nach der beabsichtigten „Abkühlung“ sind wir im Aufschwung

Die aktuelle Entwicklung der russischen Wirtschaft war auch eines der zentralen Themen der Rede Präsident Putins in der Plenarsitzung beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg (Redetext in Englisch: en.kremlin.ru; Video von DRM News). Er räumte die Verlangsamung des Wachstums der Wirtschaft ein, betonte aber, sie sei von der Regierung beabsichtigt gewesen.

Putin verglich den Rückgang des Wachstums in Russland mit der Konjunkturentwicklung in der Eurozone:

„Natürlich hören wir von allen Seiten Kritik, dass das Wachstum an Kraft verloren hat. Ja, aber wir sind nur auf dasselbe Niveau gesunken, das die Länder der Eurozone in den letzten Jahren erlebt haben. Und jetzt sind wir im Aufschwung. Am wichtigsten ist, dass wir die Grundsätze unserer makroökonomischen Politik bewahrt haben.“

Der Präsident erinnerte in seiner Rede daran, dass die Regierung das Ziel verfolge, im nächsten Jahr wieder zu „nachhaltigen“ Wachstumsraten der Wirtschaft zurückzukehren. Das könne nur unter einer Bedingung erreicht werden: durch höhere Investitionen mit dem Start von einem neuen Investititonszyklus. Von 2021 bis 2024 seien die Investititonen in Russland zwar real um insgesamt fast 38 Prozent gestiegen. Im letzten Jahr habe es jedoch einen Rückgang der Investitionen gegeben (Die Anlageinvestititionen sanken 2025 um 2,5 % laut Rosstat, so die Moscow Times).

Laut dem Präsidenten ist es wichtig, dass ein ausgewogenes Wachstum erreicht wird, das von der Inlandsnachfrage gestützt werde und mit einem weiteren Rückgang der Inflation verbunden sein. 2026 werde der Preisanstieg voraussichtlich auf  5,2 % sinken (laut der Regierungsprognose am Jahresende).

Der Präsident unterstützte damit, so fontanka.ru, die Finanzpolitik der Regierung und die Politik der Zentralbank Russlands, die darauf abzielt, die Inflation zu bekämpfen, selbst auf Kosten des Wirtschaftswachstums. Als „Kernbotschaft des Kremls“ stellt fontanka.ru heraus, dass die gegenwärtige Konjunkturabschwächung eine vorübergehende Phase ist, die für die langfristige wirtschaftliche Stabilität als notwendig betrachtet wird.

In seiner Rede deutete Putin auch an, dass das Haushaltsdefizit im laufenden Jahr weiter wachsen könne. Derzeit liege es aber nur bei 2,6 Prozent, also unter den Defizitquoten europäischer Länder, betonte er. DPA merkt dazu an: Wegen den mit der Inflation einhergehenden hohen Kreditzinsen muss die russische Regierung zur Bedienung der Staatsverschuldung vergleichsweise mehr Geld ausgeben als die EU-Länder.

BOFIT: Die Anlageinvestitionen sind im ersten Quartal 2026 weiter gesunken

Zu dem von Prasident Putin angesprochenen Rückgang der Investitionen veröffentlichte das Forschungsinstitut BOFIT der finnischen Zentralbank in seinem jüngsten Wochenbericht zusammengefasst folgende Informationen:

Die Investitionen in Sachanlagen sind laut vorläufigen Zahlen von Rosstat im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum Vorjahr um rund 14 % zurückgegangen. Ein solch starker Rückgang der Investitionstätigkeit wurde zuletzt 2009 während der globalen Finanzkrise verzeichnet.

Einbruch der Anlageinvestitionen im ersten Quartal um rund 14 Prozent
Jährliche Veränderung der Anlageinvestitionen in Prozent

BOFIT Weekly: Russian economy stabilising after weak start of the year, 05.06.26

Die Investitionen sind in diesem Jahr in nahezu allen Wirtschaftsbereichen deutlich gesunken. Zu den wenigen Ausnahmen zählen die öffentliche Verwaltung und die nationalen Verteidigungsdienste, das Finanz- und Versicherungswesen, die Luft- und Raumfahrtindustrie sowie der Tourismus.

Die Finanzierung von Investitionen ist deutlich schwieriger geworden. In den letzten Jahren haben die Unternehmen ihre Investitionen zunehmend aus eigenen Mitteln finanziert. Von Januar bis März sanken die gesamten Unternehmensgewinne aber im Vergleich zum Vorjahr um 26 %, wobei 37 % der Unternehmen im ersten Quartal Verluste verzeichneten. Der Anteil verlustbringender Unternehmen ist in diesem Jahr noch etwas höher als im Pandemiejahr 2020, als der letzte Höchststand erreicht wurde.

Die Regierung hat zudem die Unternehmenssteuern erhöht. Die Körperschaftsteuer wurde bereits im letzten Jahr angehoben. Weitere Steuererhöhungen werden vorbereitet.

Auch die Kreditkosten für die Unternehmen sind hoch geblieben, da die Zentralbank den Leitzins nur schrittweise senken konnte. Der Anteil der Bankkredite an der Investitionsfinanzierung ist im vergangenen Jahr zurückgegangen.

Umfragen zeigen, dass die Unternehmen auch hinsichtlich ihrer zukünftigen Investitionspläne weniger optimistisch sind. Die Nachfrageaussichten haben sich nach ihrer Einschätzung eingetrübt und die Kapazitätsauslastung ist in vielen Branchen deutlich gesunken.

Auf der Produktionsseite zeigte sich die Investitionsschwäche besonders deutlich im Baugewerbe. Die Bauproduktion sank im April im Vergleich zum Vorjahr weiter um 5 %. Im Zeitraum Januar bis April war die Bauproduktion um 8 % niedriger.

Die Chef-Volkswirtin des Finanzinstituts FINAM, Olga Belenkaya, erinnert in ihrer detaillierten Konjunkturanalyse für den Monat April daran, dass die neue Konjunkturprognose des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung für das Jahr 2026 von einem Rückgang der Anlageinvestitionen um 1,5 % ausgeht. Laut Wirtschaftsminister Reschetnikow stehe der Rückgang der Investitionen um 14,3 % im ersten Quartal nicht im Einklang mit dem gleichzeitigen leichten Rückgang des BIP (-0,2 %). Der Minister erwarte, dass sich die Entwicklung der Investitionen und des Bruttoinlandsprodukts in den nächsten beiden Quartalen stärker angleichen (siehe auch: United24 Media).

Weitere aktuelle Konjunkturdaten für April

Olga Belenkaya stellt in ihrer Analyse u.a. folgende aktuelle Trends heraus:

Das reale Bruttoinlandsprodukt zeigte laut dem Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 einen leichten Aufwärtstrend (+0,2 % im Jahresvergleich), nachdem es im ersten Quartal 2026 im Jahresvergleich noch um 0,2 % gesunken war.

Das BIP-Wachstum im April schätzte das Ministerium auf 1,3 % im Jahresvergleich, nach 1,9 % im März. Saisonbereinigt ging das BIP im April im Vergleich zum Vormonat um 0,5 % zurück. Das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktion im April wurde von der Entwicklung in der Industrie, der Verbrauchernachfrage und des Güterverkehrs gestützt.

In der Industrie wurde der Produktionsanstieg im April (+1,9%) weiterhin nur von wenigen Branchen, vorwiegend der Rüstungsindustrie, getragen. Unter den zahlreichen Branchen mit sinkender Produktion leidet vor allem die Metallurgie unter den Folgen der sinkenden Bautätigkeit und des starken Rubels. Der Raffineriebereich verzeichnete im April den größten Produktionsrückgang (Beschädigungen der Anlagen durch Angriffe der Ukraine).

Laut dem „Zentrum für makroökonomische Analysen und Kurzfristprognosen (CMASF)“ war die Industrieproduktion in den „zivilen“ Industriebranchen im April 2,9 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Klammert man den Raffineriebereich aus, wird der Rückgang auf 2,2 Prozent geschätzt.

Das saisonbereinigte Wachstum der Industrieproduktion im Vergleich zum Vormonat beschleunigte sich laut Rosstat im April etwas auf 0,3 % (März: +0,2 %).

Im Großhandel verlangsamte sich das Wachstum im April auf +2,3 % gegenüber dem Vorjahr, nach +8 % im März. 

Der Umschlag beim Güterverkehr verzeichnete im April erstmals in diesem Jahr ein jährliches Wachstum (+3,7 %), vor allem getrieben durch den Schienenverkehr (+4,1 %). Das überdurchschnittliche Wachstum des Güterumschlags deutet auf eine Zunahme der Transportentfernungen hin (Verlagerung der Transporte in Richtung Osten).

Im Baugewerbe verringerte sich der jährliche Rückgang der Produktion im April zwar etwas (-5 %), der kumulierte Rückgang in den ersten vier Monaten betrug jedoch -8,4 % gegenüber dem Vorjahr.

Der Indikator für die Konsumentwicklung, der reale Gesamtumsatz des Einzelhandels, der Dienstleistungen für die Bevölkerung und der Gastronomie, stieg laut dem Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung im April 2026 real um 5,8 % gegenüber dem Vorjahr, nach +5,9 % im Vormonat. In den ersten vier Monaten des Jahres 2026 betrug das Wachstum der Konsumaktivität 4,2 % gegenüber dem Vorjahr.

Im Einzelhandel übertraf das reale Umsatzwachstum im April mit 6,5 Prozent wie bereits im März die Markterwartungen. Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung sieht den Hauptgrund dafür im Anstieg der Automobilverkäufe (+40,6 % im Jahresvergleich).

Im Gastgewerbe stieg der Umsatz im April im Vergleich zum Vorjahr um 6,2 Prozent. Von Januar bis April legte der Umsatz um 6,5 Prozent zu, wie aus dem Bericht von Rosstat zur sozioökonomischen Lage in der Russischen Föderation hervorgeht (Financial One.ru).

Konjunkturindikatoren April 2026 im Vergleich mit April 2025
Veränderungen gegenüber Vorjahr in %

Weiterhin niedrige Arbeitslosenquote und stark steigende Löhne

Die Arbeitsmarktlage hat sich im April im Vergleich zum Vormonat kaum verändert. Die Arbeitslosenquote verharrte nahe einem historischen Tiefstand (2,2 %). Es gibt allerdings Anzeichen, dass sich die Knappheit an Arbeitskräften abschwächt, z. B. reduzierte Einstellungspläne der Unternehmen.

Die Löhne stiegen im ersten Quartal 2026 laut den bisher vorliegenden Daten aber noch stärker als im ersten Quartal 2025 (15,1 % nominal, 8,7 % real). Olga Belenkaya merkt aber an, eine Aufschlüsselung nach Branchen zeige, dass die Entwicklung sehr uneinheitlich sei. Die Wachstumsraten der Löhne lägen in vielen Branchen deutlich unter dem nationalen Durchschnitt. Offenbar würden die Gehaltsstatistiken Verzerrungen aufgrund von Verschiebungen des Zeitpunkts der jährlichen Bonuszahlungen aufweisen. Ein klareres Bild der Gehaltsentwicklung erwartet sie bei Vorliegen der Daten für das zweite Quartal 2026.

Zentralbank: „Ineffiziente Verteilung der Arbeitskräfte“ und „Unterbeschäftigung“

In der „Zusammenfassung der Leitzinsdiskussion“, die von der Zentralbank Russlands veröffentlicht wurde, stellten die Teilnehmer zur Entwicklung des Arbeitsmarktes fest: „Obwohl der Arbeitskräftemangel abnimmt, leiden viele Unternehmen weiterhin unter Personalengpässen. Gleichzeitig zögern andere, Mitarbeiter zu entlassen – auch weil sie in den Vorjahren bereits Personalmangel erlebt haben – und versuchen daher, ihre Belegschaft zu halten, selbst wenn die Nachfrage nach ihren Produkten sinkt. Sie befürchten, ihre Mitarbeiterzahl in Zukunft nur schwer wiederherstellen zu können.

Infolgedessen entsteht eine ineffiziente Verteilung der Arbeitskräfte. … Unter diesen Bedingungen passt sich der Arbeitsmarkt vor allem durch ein langsameres Lohn- und Bonuswachstum und eine Zunahme der Unterbeschäftigung an.“

Die „Frühindikatoren“ signalisieren eine Konjunkturabschwächung im Mai

Der von S&P Global in Befragungen russischer Unternehmen ermittelte kombinierte „Einkaufsmanagerindex“ (Composite Purchasing Manager Index, PMI) verharrte im Mai mit 49,2 Indexpunkten erneut leicht unter der „Wachstumsschwelle“ von 50 Punkten. Wie S&P Global feststellt, wirkte sich trotz einer Erholung des Wachstums der Produktion im „Verarbeitenden Gewerbe“ ein stärkerer Rückgang der Dienstleistungsproduktion negativ auf die Entwicklung des kombinierten Indexes aus. Ein Rückgang der Auftragseingänge führte zu weiteren Stellenstreichungen. Der Auftragsbestand sank so stark wie seit vier Jahren nicht mehr.

Russland: Kombinierter Einkaufsmanagerindex

Tradinig Economics: Russia Composite PMI, 03.06.26

Die Unternehmensumfrage der russischen Zentralbank deutete ebenfalls auf ein verlangsamtes Wachstum der Geschäftstätigkeit im Mai hin, bedingt durch niedrigere Preiserwartungen.

PSB Bank rät zu expansiverer Geldpolitik

Denis Popov, Chefanalyst der staatlichen PSB Bank, zieht aus den Konjunkturdaten folgendes Fazit:

Trotz der generell guten Signale zur aktuellen Wirtschaftslage (gesteigerte Wirtschaftstätigkeit im März und April) verschlechtern sich die Indikatoren für die mittel- und langfristige wirtschaftliche Entwicklung weiter. Rosstat verzeichnete im ersten Quartal einen Einbruch der Anlageinvestitionen (-14,3 % gegenüber dem Vorjahr; der stärkste Rückgang seit dem dritten Quartal 2009). Das weist auf einen deutlichen Rückgang des Produktionspotenzials hin. Da sich die Unternehmen generell von Investitionen zurückziehen, sinkt auch das Volumen der fertiggestellten Bauprojekte rapide. Negative Investitionstrends sind nun schon seit einem Jahr zu beobachten. Die Abwärtsbewegung beschleunigt sich sogar noch. Unter diesen Umständen halten wir eine expansivere Geldpolitik für ratsam (t.me; siehe auch: Finam.ru).


Lesetipps:

Deutsch-Russische Auslandshandelskammer:
Analysen, deutsch; auch russisch; (Auswahl):

„Die Presse“-Podcast zur russischen Wirtschaft: Russland – Gas, Sanktionen, Oligarchen:
HostEduard Steiner (Die Presse) und Ökonom Vasily Astrov (wiiw) im Gespräch mit Gästen:

SPIEF 2026:

Prognosen:

Aktuelle Wirtschaftsentwicklung:

Politik und Wirtschaft in Russland; Wirtschaftsentwicklung insgesamt:

BIP-Wachstum Konjunktur Rosstat Russische Wirtschaft russisches BIP Russland Sankt Petersburger Wirtschaftsforum Stagflation Wirtschaftsministerium Russland Wirtschaftsprognose Wirtschaftswachstum Wladimir Putin
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