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Wie läuft Russlands Wirtschaft? Was sagen Regierung und Experten den Wählern?
Russland · 21.09.2026

Wie läuft Russlands Wirtschaft? Was sagen Regierung und Experten den Wählern?

Zur Duma-Wahl sieht Putin Russlands Wachstum „bei bis zu 1 %“ und die Inflation unter Kontrolle. Ökonomen wie Chris Weafer und Vasily Astrov sprechen dagegen von Stagnation.

Autor: Klaus Dormann


Am Sonntag wurden die seit Freitag laufenden Duma-Wahlen abgeschlossen. Zum Beginn der Wahlen hatte auch Präsident Putin zur aktuellen Entwicklung der russischen Wirtschaft Stellung genommen. Bei einem Treffen der Regierung zu Wirtschaftsfragen meinte er laut Reuters, das BIP-Wachstum werde 2026 im Rahmen der Erwartungen der Regierung „bei bis zu 1 %“ („within 1 %“) liegen. Die Inflation sinke allmählich und sei unter Kontrolle, ließ der Staatspräsident die Wähler wissen. Die Stimmung der russischen Verbraucher ist aber trotzdem viel schlechter als im Sommer 2025.

Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow hatte bereits Anfang September in Wladiwostok auf dem Östlichen Wirtschaftsforum erklärt, sein Ministerium erwarte jetzt in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von 0,6 %, also einen etwas stärkeren Anstieg des Bruttoinlandsprodukts als die Regierung im Frühjahr prognostizierte (+ 0,4 %).

Auch Vasily Astrov, Russland-Experte des „Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche“, rechnet weiterhin damit, dass sich das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr von 1,0 % auf 0,6 % abschwächt. Analysten, die Anfang September von Interfax befragt wurden, prognostizieren für 2026 im Durchschnitt einen Anstieg des BIP um 0,5 %.

Präsident Putin: Die wirtschaftliche Entwicklung entspricht unseren Erwartungen

Staatspräsident Putin erklärte am 17. September bei einem Regierungstreffen, die wirtschaftliche Entwicklung Russlands entspreche im Allgemeinen den Erwartungen der Regierung. Schätzungen zufolge werde das BIP-Wachstum 2026 bei bis zu einem Prozent liegen (Laut der Veröffentlichung der Rede in englischer Übersetzung auf der Internet-Seite des Präsidentenamtes sagte Putin: „According to estimates, total GDP growth for the current year will be within one percent. This roughly corresponds to the forecast that formed the basis of budget projections for the current year.“ en.kremlin.ru)

Der Präsident stellte die relativ gute Entwicklung von Beschäftigung, Einkommen und Konsum heraus. Er wies darauf hin, die Arbeitslosenquote habe mit 2,3 % im Juli nahe einem historischen Tiefstand gelegen. Die Löhne seien im ersten Halbjahr real um 6,5 % gestiegen (siehe folgende Tabelle, letzte Zeile). Der stabile Arbeitsmarkt und die steigenden Einkommen wirkten sich auch in der Nachfrage der Verbraucher aus. Die Einzelhandelsumsätze hätten in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um 5,4 % zugelegt (siehe dritte Zeile).

Tabelle: Indikatoren für die Konsum- und Lohnentwicklung in Russland, Juli 2026 und Januar bis Juli 2026 im Vorjahresvergleich, Einzelhandel, Dienstleistungen, Nominal- und Reallöhne

Quelle: Finam.ru: Ergebnisse vom Juli: Industrie stagniert, Arbeitsmarkt kühlt sich ab. 03.09.26

Die „roten Zahlen“ im Produktionsbereich analysierte Präsident Putin nicht

Vom minimalen Wachstum der Industrieproduktion insgesamt (Jan. bis Juli: +0,1 %) und den „roten Zahlen“ der Produktion im Bereich „Bergbau“ (zu dem auch die Ölförderung gehört), im Transportgewerbe, in der Bauwirtschaft und der Landwirtschaft sprach der Präsident in der vom Präsidentenamt veröffentlichten Einleitung der Beratungen des „Wirtschaftskabinetts“ allerdings nicht.

Tabelle: Indikatoren für die Produktionsentwicklung in Russland außerhalb des Konsumbereichs, Juli 2026, Industrie, Bergbau, Großhandel, Transport, Bau und Landwirtschaft

Quelle: Finam.ru: Ergebnisse vom Juli: Industrie stagniert, Arbeitsmarkt kühlt sich ab. 03.09.26

Chris Weafer: Russlands Wirtschaft ist stabil, wächst aber nicht

„The Independent“ zitiert Einschätzungen zur aktuellen Konjunkturentwicklung in Russland von Chris Weafer, CEO des Beratungsunternehmens Macro-Advisory Ltd., das in der gesamten ehemaligen Sowjetunion und Eurasien tätig ist:

Weafer sieht Russlands Wirtschaft in einem Zustand „erträglicher Stabilität“. Die Stimmung in der Bevölkerung sei „grummelnd“. Er meint: „Die Wirtschaft steht unter Druck – sie stagniert, das heißt, sie ist stabil, wächst aber nicht.“ „Aber sie steht auch nicht vor einer Rezession.“

Die meisten Menschen seien von den ukrainischen Angriffen auf Russland „nicht so stark betroffen“, meint Weafer. Die Treibstoffknappheit und die Zerstörung von Lagerhallen des Versandhändlers „Wildberries“ hätten den Krieg für die Bevölkerung zwar sichtbarer gemacht, stellten aber keine Krise dar. Die Tatsache, dass die Einkaufsgewohnheiten der Bevölkerung beeinträchtigt seien, ändere nichts an der öffentlichen Unterstützung für den Kreml (siehe auch frühere Video-Interviews mit Chris Weafer von Dmitri Alperovitch).

Der Konsumklima-Index des Lewada-Zentrums sank in den negativen Bereich

Der vom Lewada-Zentrum, einem unabhängigen russischen Meinungsforschungsinstitut, erstellte Index zur Stimmung der Verbraucher fiel im Juni 2026 allerdings auf 94 Punkte.

Werte unter 100 Indexpunkten weisen auf ein Überwiegen negativer Bewertungen bei den Verbrauchern hin. Seit Ende 2022 war der Index in den positiven Bereich über 100 Punkten gestiegen, zeitweilig auf 117 Punkte. Seit Mitte 2025 fiel er aber stetig. Im August 2026 erholte er sich jedoch wieder von 94 auf 99 Punkte.

Lewada-Zentrum: Verbraucherstimmung in Russland

Grafik des Lewada-Zentrums: Index der Verbraucherstimmung in Russland bis August 2026

Lewada-Zentrum: Sozioökonomische Indikatoren; 20.09.26

Lesetipp: Re:Russia veröffentlichte Anfang September eine ausführliche Analyse von Befragungen der Bevölkerung zur politischen Entwicklung in Russland.

Putin: Die Inflation ist kontinuierlich gesunken

Staatspräsident Putin wies bei den Regierungsberatungen auf den Rückgang der Inflationsrate seit dem zweiten Quartal 2025 hin:

„Die Inflation ist im Allgemeinen unter Kontrolle. Sie ist seit dem zweiten Quartal des vergangenen Jahres kontinuierlich gesunken. Am 14. September lag sie bei 6,2 Prozent. Das ist deutlich niedriger als im Vorjahr. Zur Erinnerung: Im ersten Quartal 2025 lag die Inflation zweistellig bei 10,3 Prozent. Die Bemühungen der Zentralbank und der russischen Regierung in diesem Bereich zeigen also eindeutig Wirkung“.

Die absehbaren preistreibenden Folgen der baldigen Anhebung der kommunalen Tarife für Wohnraum und Dienstleistungen am 01. Oktober erwähnte Putin in seinem Eingangs-Statement allerdings nicht.

Seit Anfang 2026 stagniert die Inflationsrate fast

In der folgenden Abbildung aus dem monatlich veröffentlichten „Russia Chartbook“ der ukrainischen „Kyiv School of Economics“ zeigt die schwarze Linie den von Präsident Putin angesprochenen Rückgang des jährlichen Anstieges der Verbraucherpreise. Seit dem Jahreswechsel 2025/2026 stagniert die jährliche Inflationsrate allerdings mit geringen Schwankungen annähernd bei knapp 6 Prozent. Der rasche Rückgang im Verlauf des Jahres 2025 setzte sich 2026 nicht fort.

Die Abbildung vergleicht vor allem die Entwicklung der Inflationsrate („Headline Inflation“) mit der Entwicklung des Leitzinses, der „Policy rate“ (gelbe Linie).

Die schwarze Linie zeigt, wie sich der gesamte Verbraucherpreisindex im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat verändert („Headline Inflation“). Im Juli 2026 sank diese jährliche Inflationsrate auf 6,0 % (linke Skala; siehe auch FocusEconomics).

Die hellblaue Linie zeigt die Preisentwicklung der „Kerninflation“ („Core Inflation“), bei der Produkte mit einer besonders volatilen Preisentwicklung im Index-Korb nicht berücksichtigt werden.

Die grauen Säulen zeigen die Veränderung des Verbraucherpreisindexes („Headline Inflation“) zum Vormonat in Prozent (rechte Skala). Außerdem ist mit der grünen Linie die von der russischen Zentralbank angestrebte Inflationsrate von 4 Prozent pro Jahr eingezeichnet („CBR target“, linke Skala) .

Inflationsrate und Leitzins der russischen Zentralbank, in %

Grafik aus dem Russia Chartbook des KSE Institute: Inflationsrate, Kerninflation und Leitzins der russischen Zentralbank in Prozent

KSE-Institute: Russia Chartbook by KSE Institute: Energy Price Moderation Returns Pressures; Budget Deficit Grows, 03.09.26

„Headline inflation“ (gesamter Warenkorb): schwarze Linie; „Core inflation“ (Warenkorb ohne volatile Bestandteile): hellblaue Linie;

„Headline inflation“ und „Core inflation“ zeigen jährliche Veränderungen in % (linke Skala)

„Policy rate“: Leitzinsrate der russischen Zentralbank pro Jahr (linke Skala)

„Headline inflation“, graue Säulen; Veränderung der Verbraucherpreise zum Vormonat in % (rechte Skala)

Putin sieht positive Trends bei der Entwicklung der Staatseinnahmen

Zur Haushaltsentwicklung merkte Putin an, dass im Bundeshaushalt im August ein Überschuss in Höhe von 606 Milliarden Rubel verzeichnet wurde. Sein Kommentar:

„Die Einnahmen außerhalb des Öl- und Gassektors – also die Einnahmen, die nicht von der Entwicklung des globalen Kohlenwasserstoffmarktes abhängen, sondern von der Dynamik unseres Inlandsmarktes bestimmt werden – trugen maßgeblich zu diesem Ergebnis bei. In den ersten acht Monaten dieses Jahres stiegen diese Einnahmen um mehr als 18 Prozent.“

Der Staatspräsident betonte die Vorteile der stark gestiegenen Ölpreise für Russland:

„Wir erwarten, dass die Staatseinnahmen aus Öl und Gas in den kommenden Monaten ebenfalls steigen werden. Dies wiederum ermöglicht es uns, den Nationalen Wohlfahrtsfonds wieder aufzufüllen, der, wie Sie wissen, als eine Art Sicherheitsnetz für die öffentlichen Finanzen dient.“

Einnahmen aus dem Öl- und Gasbereich im Föderationshaushalt, in Milliarden Rubel, bis Juli 2026

Grafik des KSE Institute: Einnahmen aus dem Öl- und Gasbereich im russischen Föderationshaushalt in Milliarden Rubel bis Juli 2026

Kyiv School of Economics Institute: Russia Chartbook by KSE Institute: Energy Price Moderation Returns Pressures; Budget Deficit Grows, 03.09.26

Laut Putin deuten vorläufige Schätzungen der Regierung darauf hin, dass sich im Bundeshaushalt im Jahr 2026 ein Defizit in Höhe von etwa 2 Prozent des BIP ergeben wird. Dabei gehe die Regierung von einer „sehr konservativen Ölpreisprognose“ von rund 50 US-Dollar pro Barrel aus. Der Nationale Wohlfahrtsfonds werde entsprechend stark wachsen (siehe auch Marketscreener/Reuters).

Zentralbank-Berater Tremasov: Am ersten Oktober gibt es einen Inflationsschub

Laut der im Juli veröffentlichten mittelfristigen Prognose der russischen Zentralbank wird die jährliche Inflationsrate in Russland im Dezember zwischen 6 und 7 Prozent liegen.

Kirill Tremasov, früherer Direktor der Abteilung Geldpolitik und seit September 2024 „Berater“ der Präsidentin der Zentralbank, wies gegenüber Interfax am Rande des Internationalen Industrie- und Energieforums in Tjumen am 16. September darauf hin, dass die für den 1. Oktober 2026 geplante Anhebung der kommunalen Tarife für Wohnraum und Energiekosten die jährliche Inflationsrate um 0,7 Prozentpunkte erhöhen dürfte. Er erläuterte das so:

„Wir haben derzeit eine jährliche Inflationsrate von 6,3 %, und die Erhöhung der Tarife wurde auf Oktober verschoben. Wäre die Erhöhung tatsächlich am 1. Juli in Kraft getreten, lägen wir bereits bei einer Inflationsrate von 7 %.“

Insgesamt bewege sich die Entwicklung der russischen Wirtschaft weiterhin innerhalb der Basisszenario-Prognose der Zentralbank sagte Tremasov. Er erinnerte daran, dass die Zentralbank in ihren Leitlinien zur Geldpolitik auch alternative Szenarien für die wirtschaftliche Entwicklung vorstellt: ein Risiko-Szenario, ein proinflationäres und ein disinflationäres Szenario.

Szenarien der russischen Zentralbank für die Entwicklung von Nachfrage und Angebot

Grafik der Bank of Russia: Szenarien für die Entwicklung von Nachfrage und Angebot aus den geldpolitischen Leitlinien 2027 bis 2029

Bank of Russia: Monetary Policy Guidelines for 2027–2029; 31.08.26

Tremasov gab zu bedenken, dass die Finanzmarktteilnehmer sich in letzter Zeit gefragt hätten, ob sich die russische Wirtschaft in Richtung eines inflationären Szenarios entwickelt habe. Das würde eine restriktivere Geldpolitik erforderlich machen sagte Tremasov. Er unterstrich: „Wir halten weiterhin am Basisszenario fest, aber es hat wohl eine leichte Verschiebung hin zu einem inflationären Szenario gegeben.“

wiiw-Ökonom Astrov: Die russische Wirtschaft verharrt in der Stagnation

Kurz vor der russischen Duma-Wahl nahm auch der Russland-Experte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), Vasily Astrov, in einem Interview mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA ausführlich zur Entwicklung der russischen Wirtschaft Stellung. Er erklärte, Russlands Wirtschaftsleistung dürfte 2026 nur noch um 0,6 Prozent wachsen. Seine Wachstumsprognose stimmt also mit der Prognose der Regierung völlig überein.

Astrov hält damit an der Anfang Juli veröffentlichten „Sommerprognose“ des wiiw für Russlands Wirtschaftswachstum im Jahr 2026 von 0,6 Prozent vorerst fest. „Momentan glaube ich, dass die Stagnation noch anhalten wird“, sagte Astrov. Die „Herbstprognose“ des wiiw soll am 21. Oktober veröffentlicht werden, zwei Tage vor der neuen Prognose der russischen Zentralbank.

Wiiw: Country Overview Russia

Tabelle des wiiw: Wirtschaftsindikatoren und Prognose für Russland 2026 bis 2028

wiiw Country Overview: Russia

Astrov: Die „sehr restriktive Geldpolitik“ bremst Russlands Konjunktur

Für die aktuelle Abkühlung der Konjunktur macht Astrov vor allem die hohen Zinsen verantwortlich. „Das sind nicht die Sanktionen, das ist nicht der Krieg, das ist die sehr restriktive Geldpolitik der Russische Zentralbank.“

Der Leitzinssatz liege derzeit bei 14 Prozent, während die Inflation bei 6 Prozent verharre. Bei einer Teuerung von 6 Prozent (wie im Juli 2026) bedeute ein Leitzins von 14 Prozent einen realen Zins von 8 Prozent.

Astrov meint, Präsident Wladimir Putin unterstütze Zentralbankchefin Elwira Nabiullina bei ihrem Kurs der Inflationsbekämpfung implizit. Der Grund dafür sei auch psychologischer Natur. In der russischen Führung wirkten „traumatische Erfahrungen während der Hyperinflation der 1990er-Jahre“ nach.

Gleichzeitig sei die staatliche Kriegsfinanzierung, so Astrov, trotz steigender Defizite nicht gefährdet. Die russische Staatsverschuldung liege bei sehr niedrigen 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (siehe obigen wiiw Country Overview: Russia). Der Staat leihe sich das Geld vor allem bei einheimischen Banken.

Die gesamten Verteidigungsausgaben belaufen sich laut wiiw-Schätzungen auf 7 bis 8 Prozent des BIP. Davon entfallen 2 Prozentpunkte auf die Bezahlung der Soldaten.

Der direkte Anteil der Rüstungs- und Waffenproduktion an der gesamten Wirtschaftsleistung wird nach Einschätzung Astrovs manchmal überschätzt – er mache nur etwa 2 Prozent des BIP aus.

Wie gut geht es den russischen Verbrauchern?

Auf die Frage, wie es einem typischen russischen Privathaushalt derzeit wirtschaftlich gehe, differenzierte Astrov: Verglichen mit der Situation vor zwei Jahren gehe es den Verbraucherhaushalten schlechter, verglichen mit der Zeit vor dem Ukraine-Krieg jedoch besser. Grund dafür seien der Boom in den Jahren 2023 und 2024 sowie Anfang 2025 mit BIP-Wachstumsraten von 4 bis 5 Prozent pro Jahr, die infolge der hohen Kriegsausgaben erreicht worden seien.

Astrov verweist darauf, dass die unteren Einkommensschichten finanziell besonders stark vom Krieg profitieren: Vertragssoldaten erhalten ein Gehalt von 2.000 Euro pro Monat, Einmalzahlungen von durchschnittlich 10.000 bis 20.000 Euro bei Vertragsabschluss sowie im Falle von Tod oder schwerer Verwundung Entschädigungen von bis zu 150.000 Euro.

Wie entwickeln sich die Beschäftigung, die Ab- und Zuwanderung?

Am Arbeitsmarkt gibt es mit einer offiziellen Arbeitslosenquote von 2,2 Prozent faktisch Vollbeschäftigung, sagt Astrov. Das beruhe jedoch vor allem auf demografischen Faktoren wie dem anhaltenden Geburtenrückgang.

Abwanderung sei hingegen kein großes Problem für Russland. Bis zum Kriegsbeginn sei Russland sogar das zweitgrößte Einwanderungsland der Welt nach den USA gewesen. Arbeitskräfte seien vor allem aus den GUS-Staaten zugewandert.

Nach dem islamistischen Terroranschlag auf die Crocus City Hall im Jahr 2024 habe die Regierung das Leben für Einwanderer jedoch massiv erschwert und in zahlreichen Regionen Beschäftigungsverbote für ausländische Arbeitskräfte verhängt. Das belaste einige Branchen, z.B. Kurierdienste. In Russland lebten rund 20 Millionen Muslime.

Die Drohnen-Angriffe der Ukraine bringen den Krieg nach Russland

Der Krieg mit der Ukraine trifft die russische Bevölkerung laut Astrov zunehmend direkt über Engpässe bei der Benzinversorgung, weil russische Raffinerien zerstört werden. Auch die Lager großer Online-Marktplätze wie Wildberries und Ozon seien attackiert worden (siehe auch ntv-Video mit Astrov).

Ukrainische Langstreckendrohnen könnten mittlerweile Distanzen von 1.000 bis 1.500 Kilometern zurücklegen und somit auch Ölhäfen bei St. Petersburg oder Raffinerien in Omsk erreichen. Das habe zu einem Einbruch der russischen Benzinproduktion um 20 bis 30 Prozent geführt, weshalb Benzin aus Weißrussland, Kasachstan und Indien importiert werden müsse.

Da früher 90 Prozent der russischen Getreideexporte über das Schwarze Meer liefen und diese Route blockiert sei, müsse Russland nun auf Ostseehäfen ausweichen.

Astrov weist gleichzeitig darauf hin, dass die Bevölkerung dennoch nicht „kriegsmüde“ sei. Im Gegenteil: Laut Umfragen des unabhängigen Levada-Zentrums sei der Anteil der Bevölkerung, der eine Fortführung des Krieges bis zum Erreichen aller Kriegsziele befürwortet, zuletzt von 24 auf 31 Prozent gestiegen.

Astrov: „Ich bin kein großer Fan von Sanktionen“ – warum Russland die Sanktionen relativ gut bewältigt

An der Sinnhaftigkeit der westlichen Wirtschaftssanktionen zweifelt Astrov: „Ich bin kein großer Fan von Sanktionen.“ Die Sanktionen würden politisch oft kontraproduktiv wirken, die anti-westliche Stimmung anheizen und der russischen Regierung als bequeme Ausrede für wirtschaftliche Probleme dienen.

Die russische Wirtschaft habe die krisenhafte Phase von 2022, als das BIP um mehr als 1 Prozent schrumpfte, rasch durch Anpassungsmaßnahmen überwunden. Die Sanktionen würden ohne eine Beteiligung wichtiger Länder wie China, Indien, Türkei oder die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) wenig Wirkung zeigen.

Dass Russland die westlichen Wirtschaftssanktionen vergleichsweise gut verkraften kann, liegt laut Astrov daran, dass die russische Wirtschaft extrem anpassungsfähig und marktwirtschaftlich organisiert ist. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen würden eine zentrale Rolle bei der Umgehung westlicher Sanktionen über Drittländer spielen.

Durch die Sanktionen gerate Russland jedoch in eine zunehmend einseitige Abhängigkeit von China. Peking nutze seine Marktmacht aus, diktiere Preisabschläge auf russisches Erdöl und zeige sich bei Verhandlungen über den Bau einer zweiten Gas-Pipeline aus Westsibirien äußerst hart, weshalb es nach wie vor keinen Vertrag gebe.

Ein Friedensschluss würde nur einen kurzfristigen „negativen Schock“ auslösen

Ein möglicher Waffenstillstand oder Friedensschluss mit der Ukraine würde für die russische Wirtschaft kurzfristig einen negativen Schock bedeuten, erklärte Astrov. Im ersten Jahr danach würde durch das Ausbleiben von Soldzahlungen (die rund 2 Prozent des BIP ausmachen) ein Teil des Nachfrageimpulses wegfallen.

Mittel- bis langfristig wäre ein Frieden für die russische Volkswirtschaft jedoch eindeutig positiv. Hauptgrund wäre die vom US-Präsidenten in Aussicht gestellte Lockerung der amerikanischen Sanktionen. Russland erhielte dann wieder einen Zugang zu westlicher Spitzentechnologie für die Öl- und Gasförderung in Ostsibirien und der Arktis sowie zur Beschaffung von zivilen Flugzeugen und Ersatzteilen.

Insbesondere zur Wirksamkeit der Sanktionen äußerte sich Vasily Astrov auch in der jüngsten Ausgabe des Podcasts der österreichischen Zeitung „Die Presse“ vom 17.09.26 im Gespräch mit Eduard Steiner und Prof. Gerhard Mangott: Russophrenie in Europa: Warum wird Putin gleichzeitig überschätzt und unterschätzt?

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Klaus Dormann

Autor bei ostwirtschaft.de. Berichtet über wirtschaftliche Entwicklungen in Russland und den GUS-Staaten.

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