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Der „Fall Klepach“ – Eine Nachlese
Russland · 24.08.2026

Der „Fall Klepach“ – Eine Nachlese

VEB.RF entließ ihren Chefökonomen Andrey Klepach am 16. August, drei Monate nach einer Rede im Nikitsky-Klub der Moskauer Börse. Was Klepach dort sagte, wie Boris Grozovsky, Ben Aris, russland.capital und Sergei Guriev den Fall bewerten – und warum nicht die Analyse neu war, sondern ihre Öffentlichkeit.

Autor: Klaus Dormann


Am Abend des 16. August, einem Sonntag, gab die Nachrichtenagentur TASS die folgende Pressemitteilung der staatlichen Entwicklungsgesellschaft VEB.RF weiter: „Andrey Klepach ist nicht länger Chefökonom der VEB.RF. Sein Nachfolger wird in Kürze ernannt. Der Kandidat steht bereits fest.“

Zur weiteren Information fügte TASS hinzu: „Klepach übernahm 2014 das Amt des Chefökonomen der VEB.RF und des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des Konzerns, nachdem er das Amt eines stellvertretenden Ministers für wirtschaftliche Entwicklung, zuständig für makroökonomische Politik, aufgegeben hatte.“

Warum kam der prominente Ökonom zu Fall? Klepach selbst schweigt

Warum Klepach nicht länger Chefökonom der staatlichen Entwicklungsgesellschaft VEB.RF ist, teilte TASS nicht mit. Auf Anfrage der Wirtschaftszeitung „Vedomosti“ lehnte ein Sprecher der VEB.RF eine Stellungnahme zu den Gründen für Klepachs Ausscheiden ab.

Vedomosti sprach mit Klepach selbst und berichtet dazu: „Klepach bestätigte gegenüber Vedomosti in einem privaten Gespräch, dass er nicht mehr für die VEB arbeitet. Er wollte die Gründe nicht näher erläutern. Der Wirtschaftswissenschaftler hat derzeit keine konkreten Beschäftigungspläne. „Wir werden sehen, was die Zukunft bringt“, fügte er hinzu.“

„The Bell“: Eine Rede von Klepach im Mai war der Auslöser

Der russischsprachige Telegram-Kanal „The Bell“ berichtete zu den Gründen für das Ausscheiden Klepachs bereits am Sonntag (16. August), er sei am Sonntag entlassen worden, nachdem ein Artikel der „Moscow Times“ zu einer Rede Klepachs im Mai am Samstag in russischen Medien weite Verbreitung gefunden habe. „The Bell“ beruft sich dazu auf Informationen von zwei Bekannten Klepachs.

Klepach habe im Mai in einer Rede bei einer Veranstaltung im Nikitsky-Club der Moskauer Börse gesagt, Russland werde in einem langwierigen Konflikt mit dem Westen nicht bestehen können. Er habe eine „soziale Krise“ in Russland vorausgesagt.

Laut einer der Quellen von „The Bell“ hat der Vorstandsvorsitzende der VEB.RF, Igor Schuwalow, seinen Chefökonomen Klepach „auf Anweisung von oben“ entlassen. Die zweite Quelle bestätigte, dass die Entlassung mit der Rede Klepachs vom Mai zusammenhänge.

Klepach bestätigte seine Entlassung später gegenüber Forbes, nannte aber keinen Grund dafür. Das berichtete der Russische Dienst der Deutschen Welle.

Was der emigrierte Journalist Boris Grozovsky zum „Fall Klepach“ berichtet

Interessante Hintergrund-Informationen zur Beendigung der Beschäftigung von Klepach bei VEB.RF vermittelt ein ausführlicher Artikel von Boris Grozovsky in istories.media. Der 2022 aus Russland emigrierte Grozovsky ist freier Jour­na­list. Er arbeitet beim Medienprojekt „Über Land und Welt“ mit (О стране и мире; YouTube-Video mit Grozovsky). Außerdem ist er Autor des Tele­gram-Kanals t.me/EventsAndTexts sowie „Korrespondent für russische Medien und Gesellschaft“ des Washingtoner „Wilson Center“.

Wer ist Andrey Klepach?

Grozovsky kennt Klepach persönlich. Er berichtet:

„Vor knapp einem Vierteljahrhundert, 2002/2003, als ich für die Zeitung „Vedomosti“ über Makroökonomie berichtete, sprach ich häufiger mit Klepach als mit meinen Eltern. Etwa drei Mal pro Woche. BIP-Wachstum, Industriewachstum, Haushaltseinkommen, Kapitalabfluss, Haushalt, Steuern, Zinssätze – Klepach berechnete unaufhörlich Szenarien und interpretierte statistische Daten. Wollte man die Bedeutung von Wirtschaftsnachrichten verstehen, „rief man Klepach an“. Und er erklärte es geduldig und teilte seine Berechnungen mit mir.

Nach der Wirtschaftskrise von 1998 gründete Klepach das „Entwicklungszentrum“ (seit 2009 Teil der Higher School of Economics). Beamte, Unternehmen und Journalisten nutzten seine Analysen, um Statistiken zu verstehen, konkrete Berechnungen durchzuführen, notwendige Maßnahmen zu begründen und die einzelnen Schritte zu beschreiben. Klepachs Team erkannte in den Daten Trends, die anderen noch verborgen blieben.

2004 wechselte Klepach in den Staatsdienst und übernahm die Leitung der Abteilung für Makroökonomie im Wirtschaftsministerium. Minister German Gref benötigte überzeugende Argumente und präzise Analysen, um seine Reformen voranzutreiben; Klepach konnte sie liefern.“

Wechsel von Klepach zur VEB im Sommer 2014

Nach Einschätzung von Grozovsky veränderte sich Klepachs wirtschaftspolitische Ausrichtung im Verlauf seiner Arbeit im Ministerium:

„Elf Jahre Arbeit im Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung haben Klepachs wirtschaftspolitische Ansichten in Richtung einer stärker staatsfreundlichen Ausrichtung verschoben. Er neigte zunehmend dem Dirigismus zu (der staatlichen Auswahl prioritärer Entwicklungsbereiche und deren Förderung durch Budgetzuschüsse, Vorzugskredite, öffentliche Auftragsvergabe usw.).

Daher war ich keineswegs überrascht, als Klepach im Sommer 2014 nach der Annexion der Krim zur VEB wechselte, einem der wichtigsten staatlichen Instrumente zur Wirtschaftsförderung. Dort wurde er Chefökonom und stellvertretender Vorstandsvorsitzender und gründete anschließend das VEB-Institut (im Wesentlichen eine Analyseabteilung), dessen Kuratorium er leitete.“

Die Funktion der staatlichen VEB.RF in der russischen Wirtschaft beschreibt Grozovsky so:

„Die VEB agierte nie als reguläre Bank, sondern vergab Kredite an von der Regierung bestimmte Personen, die häufig zahlungsunfähig wurden. Über die VEB unterstützte die Regierung die Entwicklung des Sukhoi Superjets und AvtoVAZ, die Wasserkraft- und Petrochemieindustrie, das Terminal in Ust-Luga und die Swesda-Superwerft bei Wladiwostok, die Olympiaanlagen in Sotschi und natürlich Unternehmen der Rüstungsindustrie. Alle Projekte erhielten staatliche Gelder über die VEB zu günstigeren Konditionen als von Geschäftsbanken. Es ist kein Zufall, dass die überwiegende Mehrheit dieser Projekte nicht irgendwelchen Leuten, sondern den richtigen Leuten gehörte: Putins Freunden, Staatsunternehmen und den Top-Performern der russischen Forbes-Liste.“

Wo hielt Klepach seine kritisierte Rede?

Grozovsky vermittelt zu Klepachs Rede im „Nikitsky-Klub“ und ihrer anschließenden Veröffentlichung zusammengefasst u.a. folgende Informationen:

Der Nikitsky-Klub, wo Klepach im Mai das Referat hielt, das drei Monate später zum Ende seiner Karriere führte, ist eine recht bemerkenswerte Organisation. Der vor einem Vierteljahrhundert gegründete Klub wird von der Moskauer Börse finanziert. Die Vortragsveranstaltungen finden etwa alle zwei Monate statt, bisher bereits 145. Rund zwei Dutzend Experten werden dazu eingeladen. Der Vortrag und die anschließende Diskussion werden „mitgeschrieben“, auf der Website des Klubs veröffentlicht und über eine Mailingliste an Regierungsstellen, gesellschaftspolitische Institutionen, Wirtschaftsverbände, Institute, Medien und Bibliotheken verteilt.

Wie die rund 70-seitige Veröffentlichung der Veranstaltung des Nikitsky-Klubs mit Klepach zeigt, „genoss“ das Publikum Klepachs Präsentation, so Grozovsky. Zum Verlauf der Diskussion im Anschluss an Klepachs Vortrag am 21. Mai merkt er an: Klepachs „Rebellion“ stieß auf wenig Ablehnung. Lediglich Leonid Grigoriev (Higher School of Economcs) widersprach Klepach leicht. Er argumentierte, dass die Wirtschaftsleistung im fünften Kriegsjahr angesichts der Sanktionen hervorragend sei. Ein Ende des Krieges brächte hingegen viele Probleme mit sich, weshalb es gewissermaßen einfacher sei, den Krieg fortzusetzen, was Putin ja auch tue.

Die Mitschrift des Vortrags von Klepach und der anschließenden Diskussion wurde in der Publikationsreihe „Russland im globalen Kontext“ des Nikitsky-Klubs veröffentlicht, laut BR24 allerdings erst Ende Juli:

Nikitsky Klub: Öffentliche Diskussionsreihe des Nikitsky Klubs „Russland im globalen Kontext“, Ausgabe 145; Herausgeberin: Natalia Rumyantseva; Vortrag von A. N. Klepach, Chefökonom der Vnesheconombank, im Rahmen einer Sitzung des Nikitsky-Klubs mit anschließender Diskussion am 21. Mai 2026: Russlands Wirtschaft und geopolitische Herausforderungen, Juli 2026

„The Insider“ hat ausführliche Zitate aus Klepachs Rede und der Diskussion veröffentlicht, in Russisch und in Englisch.

Wann wurde die Öffentlichkeit auf Klepachs Rede aufmerksam?

Der Journalist Pawel Prjanikow veröffentlichte am 13. August aus der Publikation des Nikitsky-Klubs zahlreiche Zitate von Klepach und am darauffolgenden Tag auch Auszüge auf seinem Kanal „Tolkowatel“ (Толкователь;https://t.me/tolk_tolk)

Am 14. August veröffentlichte auch die russischsprachige Ausgabe der „Moscow Times“ (die in Russland im Internet gesperrt ist, Wikipedia) eine Zusammenstellung von Klepachs Zitaten unter der Überschrift:

„Die wichtigste Staatsbank des Kremls prognostiziert Russlands Niederlage im wirtschaftlichen Abnutzungskrieg gegen den Westen.“

Klepach wurde daraufhin innerhalb der nächsten beiden Tage entlassen, so Grozovsky.

Zur Reaktion Klepachs auf die Vorgänge meint Grozovsky: „Der 67-jährige Ökonom soll keine Reue empfinden: Nach 22 Jahren im Staatsdienst sehnt er sich nach mehr Freiheit.“

Ben Aris: Das Wort „Niederlage“ kam in Klepachs Rede nicht vor

Der Gründer und Chefredakteur von Intellinews, Ben Aris, stellte am 17. August in einem Kommentar zum Fall Klepach heraus, dass sich Klepach im Nikitsky-Klub „deutlich differenzierter“ ausgedrückt habe als der Artikel der „Moscow Times“ vermittelt habe. Aris argumentiert so:

„Die Äußerungen waren weder neu noch geheim. Klepach hatte sie am 21. Mai in einer Sitzung des Nikitsky-Klubs, dem Diskussionsforum der Moskauer Börse, gemacht, und das Protokoll war seitdem auf der Website des Klubs einsehbar.

Erst am 14. August gelangten sie an die Öffentlichkeit, als die russischsprachige Ausgabe der Moscow Times Auszüge unter der Überschrift veröffentlichte, die wichtigste Staatsbank des Kremls habe Russlands „Niederlage“ in einem wirtschaftlichen „Abnutzungskrieg“ gegen den Westen prognostiziert. Russische Medien griffen die Geschichte daraufhin auf. Zwei Tage später war Klepach entlassen.

Das Wort „Niederlage“ steht zwar in der Schlagzeile, kam aber in Klepachs Rede nicht vor. Er sagte keinen Zusammenbruch voraus. Seine Prognose lautete Überleben, Niedergang und schließlich Schwierigkeiten – eine deutlich differenziertere Aussage, als der Bericht darstellt.“

Zu Klepachs Äußerungen zu den Perspektiven der russischen Wirtschaft berichtet Ben Aris:

„ „Was auch immer wir mit unserer Wirtschaft tun, sie wird überleben. Insofern gibt es aus wirtschaftlicher Sicht keinen kritischen Punkt“, erklärte Klepach. Die Verluste lägen woanders: Die Investitionen seien zurückgegangen, und es gebe kein Wachstum, geschweige denn Produktivitätswachstum.

„Wir fallen zurück. Wir verlieren sowohl den technologischen als auch den wirtschaftlichen Wettbewerb im Weltgeschehen“, fuhr er fort. „Und, wie ich bereits sagte, verlieren wir ihn nicht nur gegenüber China und den Vereinigten Staaten – in mancher Hinsicht auch gegenüber der Ukraine, so unangenehm das auch für mich ist.“

Die ukrainische Wirtschaft sei teilweise zerstört und die demografische Entwicklung katastrophal, sagte Klepach. Das Land stütze sich weiterhin auf westliche Gelder: Die Hilfszahlungen für Kiews Militär- und Zivilausgaben beliefen sich auf fast die Hälfte des gesamten russischen Staatshaushalts, und die Gesamthilfe sei um ein Vielfaches höher als Russlands Kapitalabfluss.

„Wir finanzieren die Welt, und die Welt finanziert die Ukraine“, sagte er.“

In der Veröffentlichung des Nikitsky-Klubs sind die entsprechenden Äußerungen Klepachs auf eine Frage von N.I. Ivanova, Leiterin der Forschungsabteilung für Wissenschaft und Innovation am IMEMO RAS, auf den Seiten 33 und 34 zu finden.

russland.capital: Klepatsch sagte: „Russland überlebt, fällt aber zurück“

Noch ausführlicher analysierte die deutsche Online-Zeitung russland.capital die Einschätzungen Klepatschs zur Entwicklung der russischen Wirtschaft. Dort ist zu lesen:

„Klepatschs Diagnose unterschied sich deutlich von den Katastrophenprognosen, die seit Beginn des Krieges immer wieder einen baldigen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft vorhersagen. Einen solchen Kollaps erwartet er ausdrücklich nicht. Die russische Wirtschaft sei widerstandsfähig und werde überleben.

Gerade darin liegt jedoch die Schärfe seiner Aussage: Überleben bedeute noch lange nicht, erfolgreich zu sein.

Nach den hohen Wachstumsraten der Jahre 2023 und 2024 sei das russische Wachstum bereits 2025 deutlich zurückgegangen. Unter den Bedingungen eines anhaltenden Krieges, der Sanktionen, hoher Zinsen und künftig auch einer strafferen Haushaltspolitik hält Klepatsch dauerhaft mehr als zwei bis zweieinhalb Prozent Wachstum für kaum erreichbar. Für 2027 rechnet er sogar nur mit einem Plus von ein bis eineinhalb Prozent.

Damit werde Russland nicht nur gegenüber den USA und China, sondern gegenüber der Weltwirtschaft insgesamt weiter zurückfallen. Investitionen gingen zurück, die zivile Industrie stagniere, und bei Maschinenbau, Mikroelektronik und Produktionsmitteln bleibe die Wirtschaft strukturell schwach.“

Was Klepatsch zum „Abnutzungskrieg“ mit der Ukraine sagte

Nach Einschätzung von russland.capital war „besonders folgenreich“, wie Klepatsch den Konflikt Russlands mit der Ukraine bewertete. Klepatsch habe kritisiert, dass Russland der Illusion unterliege, die ukrainische Wirtschaft werde irgendwann zusammenbrechen. Das sei bislang, so Klepatsch, nicht geschehen und werde auch künftig nicht geschehen, solange westliche Staaten Kiew finanzierten.

russland.capital berichtet außerdem zu Klepatschs Äußerungen:

„In diesem Abnutzungskrieg werden wir den Wettbewerb nicht gewinnen“, erklärte Klepatsch. Russland verliere wirtschaftlich und technologisch nicht nur gegenüber China und den USA, sondern „in mancher Hinsicht auch gegenüber der Ukraine“.

Dabei bestritt er weder die Zerstörung der ukrainischen Wirtschaft noch deren Abhängigkeit von westlicher Hilfe. Seine Argumentation war vielmehr kühl ökonomisch: Russland müsse seine militärischen und wirtschaftlichen Kosten weitgehend selbst tragen, während hinter der Ukraine die finanziellen Ressourcen eines großen Teils der westlichen Welt stünden.“

Die größere Gefahr ist „sozial“

russland.capital weist auch darauf hin, dass Klepatsch vor einer sozialen Krise in Russland warnte:

„Klepatsch warnte davor, wirtschaftliche Stabilität mit gesellschaftlicher Stabilität zu verwechseln. Die Wirtschaft könne Sanktionen und Kriegsausgaben verkraften, während sich im Inneren dennoch ein sozialer Krisenstoff ansammele.

Er verwies auf sinkende Investitionen, geringe Produktivitätszuwächse, wachsende Ungleichheit und die zunehmende Kluft zwischen Löhnen und Renten. Auch die Einkommen kleiner und mittlerer Unternehmen gerieten unter Druck. Zugleich verschlechtere sich nach Einschätzung vieler Bürger die Qualität der Gesundheitsversorgung.

Ein solcher Prozess müsse nicht in einer klassischen Wirtschaftskrise enden. Klepatsch zog vielmehr Parallelen zur Februarrevolution von 1917 und zum Zerfall der Sowjetunion: Gesellschaftliche Umbrüche könnten gerade dann einsetzen, wenn das wirtschaftliche System äußerlich noch funktioniere und kaum jemand mit einem unmittelbaren Zusammenbruch rechne.“

russland.capital: „Nicht die Analyse war neu – neu war ihre Öffentlichkeit“

Hinsichtlich des Ablaufs der Ereignisse im „Fall Klepach“ kommt russland.capital zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie Ben Aris:

„Bemerkenswert ist weniger, was Klepatsch gesagt hat, als wann seine Worte plötzlich zum Problem wurden. Der Vortrag war keine heimliche Oppositionsrede. Er fand in einem etablierten Diskussionsforum unter Beteiligung zahlreicher russischer Wissenschaftler statt und wurde anschließend vollständig veröffentlicht.

Fast drei Monate lang geschah nichts. Erst als The Moscow Times am 14. August einzelne Aussagen herausgriff und andere Medien sie verbreiteten, verlor Klepatsch zwei Tage später seinen Posten.

Nicht die Analyse war neu – neu war ihre Öffentlichkeit.“

Sergei Guriev: „Es gibt eine gewisse Spaltung an der absoluten Spitze.“

Auch der Dekan der London Business School, Sergei Guriev, kommentierte jetzt in einem Newsweek-Interview den „Fall Klepach“. Guriev war von 2004 bis 2013 Rektor der New Economic School (NES) in Moskau, bevor er emigrierte.

„Das war eine sehr interessante öffentliche Aussage“, sagte Guriev im Interview laut op-online.de zur Rede Klepachs. Er verwies darauf, dass auch German Gref, der Chef von Russlands größter Bank Sberbank, wiederholt vor einer Stagnation der russischen Kriegswirtschaft gewarnt hat. Guriev meint: „Es gibt eine gewisse Spaltung an der absoluten Spitze.“

Zur Entlassung Klepachs meint Guriev: „Putin mag es nicht, dass jemand, der für die Regierung arbeitet, sagt: ‚Wir sind auf dem falschen Weg.‘“. Solch negative Äußerungen könnten das Bild untergraben, das Putin gegenüber US-Präsident Donald Trump zeichnen möchte, nämlich dass Moskau den Krieg gewinnt. Putin sei überzeugt: ‚Ja, die westliche Wirtschaft ist größer, aber der Westen ist weich und die westlichen Bürger sind nicht auf Entbehrungen vorbereitet – Russen sind auf Entbehrungen vorbereitet.‘“

Was der „Entdecker“ von Klepachs Rede, Pawel Prjanikow, jetzt fürchtet

Der Journalist Pawel Prjanikow, der als Erster über die Veröffentlichung von Klepachs Rede berichtete, kommentierte den Ablauf der Ereignisse im „Fall Klepach“ auf seinem Kanal Interpreter am 17. August so:

„Der Chefökonom der VEB, Andrej Klepach, wurde wegen seiner offenen Äußerungen zur Gegenwart und Zukunft der Wirtschaft des Landes entlassen.

Offenbar war ich der Erste, der dieses Thema aufgriff. Am 13. August veröffentlichte ich auf meinen Plattformen Sponsor, Boosti und Patreon Texte mit meinen Kommentaren. Am 14. August teilte ich einige seiner Zitate in meinen Kanälen. Und dann ging alles los.

Unsere Medienlandschaft ist im Allgemeinen desinteressiert und träge (leider entwickelt sich selbst die Wirtschaftsberichterstattung in diese Richtung, obwohl sie früher eine Vorreiterrolle einnahm). Nun bedauere ich, dass Klepachs Zitate wahrscheinlich unbemerkt geblieben wären und er immer noch Chefökonom der VEB wäre, hätte ich sie nicht veröffentlicht.

Jetzt fürchte ich auch um die Zukunft des Nikitsky-Klubs der Moskauer Börse unter der Leitung von Alexander Priwalow. Ich hoffe, dass er nicht auch noch aufgelöst wird. Ich habe die Treffen des Klubs in den letzten 10–12 Jahren regelmäßig besucht, und für mich persönlich wäre das ein großer Verlust.“

Lesetipps

Entlassung von VEB-Chefökonom Andrey Klepach

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Klaus Dormann
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Klaus Dormann

Autor bei ostwirtschaft.de. Berichtet über wirtschaftliche Entwicklungen in Russland und den GUS-Staaten.

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