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Russland: Das zweite Quartal weckt höhere Wachstumserwartungen für 2026
Russland · 17.08.2026

Russland: Das zweite Quartal weckt höhere Wachstumserwartungen für 2026

Rosstat schätzt das russische BIP-Wachstum im zweiten Quartal 2026 auf 1,3 % – deutlich mehr als Regierung, Zentralbank und Analysten erwartet hatten. Manche Experten heben ihre Jahresprognosen an, andere warnen vor schwachen Frühindikatoren.

Autor: Klaus Dormann


Anfang August befragte die Nachrichtenagentur Interfax wie in jedem Monat Analysten zur Konjunkturentwicklung in Russland. Der Durchschnitt der Wachstumsprognosen sank weiter. Die Analysten erwarten jetzt, dass sich der 2025 auf 1,0 % gesunkene Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr auf 0,5 % halbiert. Einen Monat zuvor hatten die Umfrage-Teilnehmer noch mit einem Wachstum der Wirtschaft von 0,7 % für das Jahr 2026 gerechnet (Finmarket.ru).

Am 12. August veröffentlichte das Statistikamt Rosstat jedoch eine vorläufige Schätzung, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion im zweiten Quartal 2026 im Vorjahresvergleich um 1,3 % gestiegen ist (Finmarket.ru). So stark wuchs Russlands Wirtschaft laut Rosstat seit dem ersten Quartal 2025 nicht mehr.

Vierteljährliche Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts,
Veränderung zum Vorjahresquartal in %

Vierteljährliche Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts Russlands, Veränderung zum Vorjahresquartal in Prozent

PSB Analytics: Rosstat schätzte das reale BIP-Wachstum Russlands im zweiten Quartal 2026 auf 1,3 % gegenüber dem Vorjahr; 13.08.26

Der BIP-Anstieg im zweiten Quartal weckte bei manchen Experten auch höhere Wachstumserwartungen für das Gesamtjahr 2026. Etliche andere warnen aber. Sie weisen auf im Juli und Anfang August ermittelte Frühindikatoren hin. Die wirtschaftliche Erholung im zweiten Quartal sei „nicht nachhaltig“. So hätten sich die Geschäftsaktivitäten der Unternehmen im privaten Sektor zuletzt weiter verringert. Auch das Wachstum der realen Konsumausgaben habe sich verlangsamt.

Das BIP-Wachstum von 1,3 % im zweiten Quartal übertraf die Erwartungen

Die Rosstat-Schätzung für das Wachstum im zweiten Quartal übertraf mit 1,3 % sowohl die „Markterwartungen“ als auch die Prognosen von Regierung und Zentralbank deutlich. Das Wirtschaftsministerium hatte übereinstimmend mit dem „Konsens“ in der Interfax-Umfrage mit einem merklich niedrigeren BIP-Wachstum von 0,9 % gerechnet, die Zentralbank mit 0,8 %.

Aufgrund der neuen Rosstat-Schätzung hob das russische Wirtschaftsministerium seine Schätzung für das im ersten Halbjahr erreichte Wirtschaftswachstum von 0,3 % auf 0,6 % an (TASS.ru). Wirtschaftsminister Reschetnikow erklärte laut einer Pressemitteilung des Ministeriums, dass sich die Wirtschaft vom Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal um 0,2 % erhole. Die im März begonnene Erholung der Wachstumsraten setze sich „trotz eines anhaltenden externen Drucks und Einschränkungen in bestimmten Sektoren“ fort, wird der Minister zitiert (Finmarket.ru). Damit meinte er wohl den Rückgang der Produktion in den durch Angriffe der Ukraine beschädigten Ölraffinerien.

Die BIP-Prognosen für 2026 reichen von völliger Stagnation bis 1,2 %

Bei der Interfax-Umfrage Anfang August lagen die Prognosen der Teilnehmer für das Wachstum der Wirtschaft im Jahr 2026 zwischen 0,0 % und 1,2 % (Finmarket.ru)..

Wladimir Eremkin, Leitender Forscher am Labor für Strukturanalysen der „Präsidentenakademie für Volkswirtschaft und Öffentliche Verwaltung (RANEPA)“, hält es jetzt für möglich, dass Russland in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum im Bereich von 0,7 bis 1,2 % erreichen wird (Expert.ru). Vize-Ministerpräsident Alexander Novak hatte hingegen auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg im Juni bekräftigt, dass die russische Regierung 2026 mit einem Rückgang des Wachstums auf 0,4 % rechnet (Prime.ru).

Der Internationale Währungsfonds blieb trotz der im Mai gesenkten Prognose der Regierung im Juli bei seiner Wachstumsprognose von 1,1 % für Russland. Diese Wachstumsrate erwartet in Russland jetzt auch das Wiener OPEC-Sekretariat in seinem „Monthly Oil Market Report“. Bisher hatte es sogar mit einem BIP-Anstieg von 1,3 % gerechnet. Eine Aktualisierung der Prognose der Regierung wird voraussichtlich im September im Zuge der Haushaltsberatungen erfolgen.

2027 erwarten die Analysten laut der Interfax-Umfrage von Anfang August eine Beschleunigung des Wachstums der russischen Wirtschaft auf 1,2 %. Diese Prognose entspricht der Prognose des IWF (1,1 %). Sie ist niedriger als die Wachstumserwartungen des Wirtschaftsministeriums (1,4 %) und der Zentralbank (1,5 bis 2,5 %).

BIP-Prognosen für Russland 2024 bis 2027

Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

Prognose Stand 2024 2025 2026 2027
Interfax-Analysten-Umfrage 12.08.26 + 0,5 + 1,2
OPEC-Sekretariat, Wien 12.08.26 + 1,0 + 1,1 + 1,5
DekaBank, Frankfurt 06.08.26 + 1,0 + 0,4 + 0,8
Russische Zentralbank, Moskau 24.07.26 + 1,0 + 0,0 bis + 1,0 + 1,5 bis + 2,5
Eurasian Fund for Stabilization and Development 16.07.26 + 1,0 + 0,6 + 1,6
Zentralbank-Analysten-Umfrage 15.07.26 + 4,9 + 1,0 + 0,6 + 1,3
CMASF, Moskau 15.07.26 + 1,0 + 0,5 bis + 0,8 + 0,9 bis + 1,2
Internationaler Währungsfonds 08.07.26 + 4,9 + 1,0 + 1,1 + 1,1
Helaba, Frankfurt 03.07.26 + 4,3 + 1,0 + 0,6 + 1,0
wiiw, Wien 01.07.26 + 4,9 + 1,0 + 0,6 + 1,3
Russisches Wirtschaftsministerium 12.05.25 + 4,9 + 1,0 + 0,4 + 1,4

RANEPA-Experte Eremkin: 2026 kann die Wirtschaft um bis zu 1,2 % wachsen

Nach dem Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts um 0,2 Prozent im ersten Quartal 2026 hatte der Konjunkturexperte der Moskauer „Präsidentenakademie RANEPA“, Wladimir Eremkin, in einem Interview Anfang Mai noch gemeint, es bestehe die Gefahr, dass die russische Wirtschaft im Jahr 2026 „ins Negative rutscht“ (Federal Press.ru). Und als die EU-Kommission gegen Ende Mai ihre Prognose für Russlands Wirtschaftswachstum im Jahr 2026 von 1,1 auf 1,3 % anhob, wandte er ein, diese Prognose sollte als überhöht betrachtet werden. Die EU-Prognose übertreibe die positiven Auswirkungen der Krise im Nahen Osten für die russische Wirtschaft. Sie berücksichtige nicht ausreichend die Folgen der von der russischen Zentralbank verhängten restriktiven geldpolitischen Maßnahmen, meinte Eremkin in einem TASS-Interview.

Jetzt hält Eremkin aber ein Wachstum der russischen Wirtschaft im Bereich von 0,7 % bis 1,2 % im Jahr 2026 für möglich. Er sieht die aktuelle Konjunkturentwicklung in „Expert.ru“ zusammengefasst so:

Eremkins Fazit:

„Eine stabile Verbrauchernachfrage, eine positive Entwicklung der Industrie, eine allmähliche Erholung der Investitionstätigkeit und eine kontrollierte Inflation könnten die Voraussetzungen für ein Wirtschaftswachstum im Bereich von 0,7 % bis 1,2 % im Jahr 2026 schaffen.“

Alexey Vedev: Die Regierung könnte ihre BIP-Prognose auf 0,7 bis 0,9% anheben

Auch Alexey Vedev, Leiter der Abteilung „Financial Studies“ am Moskauer „Gaidar-Institut für Wirtschaftspolitik“, der von 2014 bis 2017 Stellvertretender Wirtschaftsminister war, hält eine Anhebung der Prognose für das diesjährige Wachstum der russischen Wirtschaft für möglich. Er erklärte gegenüber dem Online-Magazin Readovka zu der Rosstat-Schätzung, dass die offizielle Prognose des Wirtschaftsministeriums für dieses Jahr von derzeit 0,4 % auf 0,7 bis 0,9 % steigen könnte (absatz.media).

Laut Vedev bestimmen vor allem zwei Faktoren die aktuelle Konjunkturentwicklung:

„Der Investitionsrückgang bremst das Wirtschaftswachstum, während der steigende Konsum von Waren und Dienstleistungen es im Gegenteil ankurbelt. Die Regierung hat möglicherweise die Nachhaltigkeit der hohen Nachfrage der Verbraucher unterschätzt. Die im Vergleich zum Vorjahr gesunkenen Einlagenzinsen haben die Bevölkerung dazu veranlasst, Gelder von ihren Ersparnissen in Konsumausgaben umzuschichten.“

Kommersant: Welche Branchen im zweiten Quartal wuchsen und schrumpften

Die Wirtschaftszeitung Kommersant berichtet, dass die vorläufige Rosstat-Schätzung zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum im zweiten Quartal auf Produktionsmeldungen großer und mittelständischer Unternehmen des nichtfinanziellen Sektors beruht. Rosstat werde am 11. September die erste, detailliertere BIP-Schätzung für das zweite Quartal veröffentlichen. Dabei würden Klarstellungen von Unternehmen und zusätzliche Informationen von Regierungsbehörden berücksichtigt.

Im September wird Rosstat auch nicht nur über die Entwicklung der Produktionsbereiche auf der „Entstehungsseite“ des Bruttoinlandsprodukts berichten, sondern auch über die Entwicklung auf der „Verwendungsseite“, also vor allem über den Verbrauch und die Investitionen (znanierussia.ru). Zu den für einzelne Wirtschaftsbereiche von Rosstat geschätzten jährlichen Veränderungsraten der Produktion im zweiten Quartal berichtet Kommersant:

Raiffeisenbank: Die Produktion entwickelte sich in Q2 fast überall günstiger

Die Moskauer Raiffeisenbank hat auf ihrem Telegram-Kanal „Focus Pocus“ die jährlichen Veränderungen der Produktion in wichtigen Branchen im zweiten Quartal mit den Veränderungen im ersten Quartal verglichen. Sie stellt fest, dass sich die Produktion fast überall im zweiten Quartal günstiger entwickelte als zuvor. Bisherige Produktionssteigerungen verstärkten sich, bisherige Produktionsrückgänge verringerten sich oder wurden von Produktionssteigerungen abgelöst. Die Bank nennt folgende Beispiele:

Die Bank verweist darauf, dass in der Industrie im zweiten Quartal erste kriegsbedingte Produktionsprobleme im Bereich der Ölraffinerien auftraten. Ein Großteil dieser Produktionsstörungen werde sich aber erst im dritten Quartal 2026 zeigen.

Im Vergleich zum ersten Quartal stieg das BIP im zweiten Quartal um 0,5 Prozent

Die Raiffeisenbank hat auch geschätzt, wie sich das reale Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorquartal entwickelte. Bei dem von Rosstat geschätzten jährlichen Wachstum um 1,3 % im zweiten Quartal 2026 ist das BIP laut der Bank im Vergleich zum ersten Quartal 2026 saisonbereinigt um 0,5 % gestiegen – nachdem es im ersten Quartal 2026 auf dem Niveau vom vierten Quartal 2025 stagnierte.

Saisonbereinigte Veränderung des Bruttoinlandsprodukts zum Vorquartal in %

Saisonbereinigte Veränderung des russischen Bruttoinlandsprodukts zum Vorquartal in Prozent

Raiffeisenbank: FocusPocus, 14.08.26

„Temporäre Faktoren“ trieben das BIP-Wachstum im zweiten Quartal hoch

Die Raiffeisenbank betont, dass nach dem Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal um 0,2 % im zweiten Quartal 2026 eine positivere Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktion zu erwarten war. Sie verweist dazu auf den Wegfall von temporären Sonderfaktoren, die die Wirtschaftstätigkeit im ersten Quartal 2026 belastet haben (ungewöhnlich kalter Winter; geringere Zahl von Arbeitstagen).

Nach Einschätzung der Bank ist die im zweiten Quartal eingetretene „Erholung“ der gesamtwirtschaftlichen Produktion aber eindeutig vorübergehend. Sie dürfte sich im zweiten Halbjahr abschwächen.

Die Raiffeisenbank gibt auch zu bedenken, dass sich jetzt die Kritik der russischen Zentralbank, dass die angestrebte Abkühlung der russischen Wirtschaft bisher nicht ausreichend sei, neu entfachen könnte (und ihre Geldpolitik deswegen länger restriktiv bleibt).

PSB-Bank: Das Wachstum könnte sich 2026 „nahe Null“ stabilisieren

Denis Popov, Chefanalyst der PSB-Bank, beurteilt die Wachstumsaussichten der russischen Wirtschaft in diesem Jahr ähnlich „vorsichtig“ wie die Raiffeisenbank. Er meint auf dem Telegram-Kanal von PSB Analytics zum Wachstum im zweiten Quartal:

„Die präsentierten Statistiken sind mit Vorsicht zu interpretieren, da die erzielten Wachstumsraten nicht nachhaltig erscheinen.

Frühindikatoren für Juli deuten auf eine Verschlechterung der Wirtschaftslage zu Beginn des dritten Quartals hin.

Im Juli haben wir, unter anderem aufgrund dieser Indikatoren, unsere BIP-Wachstumsprognose für 2026 von 0,5–1 % auf 0–0,5 % gesenkt… . Wir befürchten, dass sich die Wirtschaft bei Wachstumsraten nahe Null (bis zu 0,5 % in der zweiten Jahreshälfte) stabilisieren wird. Eine Rückkehr zu einem ausgewogenen Wachstum im Rahmen des Potenzials (2–2,5 %) erwarten wir erst 2027.“

Kommersant: Frühindikatoren signalisieren eine Abschwächung des Wachstums

Artem Chugunov weist in seinem Kommersant-Bericht zum Wachstum im zweiten Quartal auch nachdrücklich darauf hin, dass einige aktuelle Frühindikatoren auf eine anhaltende Abschwächung der Wirtschaftstätigkeit hindeuten:

Der „kombinierte Einkaufsmanagerindex“ von S&P-Global, der die Ergebnisse von Unternehmensbefragungen im „Verarbeitenden Gewerbe“ und im Dienstleistungssektor entsprechend ihres BIP-Anteils zusammenfasst, stieg im Juli zwar von 48,9 auf 49,6 Punkte (schwarze Linie). Dieser „Composite-Index“ blieb damit aber den fünften Monat in Folge unter der „Wachstumsschwelle“ von 50 Punkten. Der Index für das „Verarbeitende Gewerbe“ („Manufacturing“) notiert mit 50,7 Punkten zwar über der Wachstumsschwelle. Der Index für den Dienstleistungsbereich („Services“) erreichte im Juli aber nur 49,0 Punkte.

Einkaufsmanager-Indizes von S&P-Global

Einkaufsmanager-Indizes von S&P Global für Russland: Composite, Manufacturing und Services

OPEC-Sekretariat, Wien: Monthly Oil Market Report, 12.08.26

Der „Composite Leading Index“ des HSE Development Center, des Konjunkturforschungsinstituts der Moskauer „Higher School of Economics, zeichnet, so Chugunov, ein ähnlich schwaches Bild der Entwicklung der Geschäftsaktivitäten. Im Juli fiel er um 6,1 Punkte auf 165,8 Indexpunkte, ein Verlust von fast 10 Punkten in den letzten zwei Monaten. Mit dem Index sollen „konjunkturelle Wendepunkte“ angezeigt werden.

Composite Leading Index

Composite Leading Index des HSE Development Center für Russland

Higher School of Economics; Sergej Smirnow: Zyklische Indikatoren. SRI im Juli 2026: Rückgang aufgrund der Brennstoffkrise. REA im Juni 2026: nahezu frontales Wachstum, 06.08.26

Die jüngsten Daten des „SberIndex“ zur Entwicklung des privaten Konsum zeigen eine Verlangsamung des jährlichen Wachstums der Haushaltsausgaben. In der Woche vom 3. bis 9. August lagen die Ausgaben der Haushalte für Waren und Dienstleistungen nach Abzug der Inflationsrate real nur noch 1,9 % über dem Vorjahreswert (s. grüne Linie). Die reale Wachstumsrate der Ausgaben lag damit deutlich unter dem Juli-Durchschnitt von 5,9 % (Sberindex-News, 08.09.26)

Die jährliche reale Wachstumsrate der Ausgaben für Waren und Dienstleistungen
sank in der letzten Woche um 0,5 Prozentpunkte auf 1,9 Prozent

SberIndex: jährliche reale Wachstumsrate der Konsumausgaben russischer Haushalte

Sberindex: Retail Consumption, August 03-09 2026, 10.08.26

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Klaus Dormann

Autor bei ostwirtschaft.de. Berichtet über wirtschaftliche Entwicklungen in Russland und den GUS-Staaten.

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