Die Metro AG hat die Kontrolle über ihr Russlandgeschäft verloren. Ein Präsidialdekret vom 28. September stellt die russischen Metro-Gesellschaften unter vorübergehende Verwaltung. Verwalter ist eine Firma, die dem Landeschef Johannes Tholey gehört. Betroffen sind 91 Großmärkte, rund 9.000 Mitarbeiter und 260 Mrd. Rubel Jahresumsatz, rund 2,8 Mrd. Euro. Die Zahlen zeigen einen Großhändler, der seinen Umsatz hält, aber Marge und Anschluss an die Konkurrenz verliert.
Der eigene Landeschef wird Verwalter
Wladimir Putin unterzeichnete das Dekret Nr. 689 am 28. September. Es ergänzt die Liste zum Erlass Nr. 302 vom April 2023, der die vorübergehende Verwaltung ausländischer Vermögen regelt. Betroffen sind drei Gesellschaften: die Handelsgesellschaft OOO Metro Cash and Carry, die Logistiktochter Metro Warehouse Noginsk und die Immobiliengesellschaft Retail Property 5. Die Handelsgesellschaft gehört zwei niederländischen Metro-Holdings zu 54,45% und 45,55%.
Die Verwaltung übernimmt die AO UK Torg Rus. Sie wurde am 8. September registriert, knapp drei Wochen vor dem Dekret. Gründer und Generaldirektor ist Johannes Tholey. Er führt Metro Russland seit März 2023, berichtet die Wirtschaftszeitung Wedomosti. Zuvor arbeitete er für X5 und leitete von 2019 bis 2022 Auchan Russland.
Die Metro AG erklärte, das Eigentum bleibe formal beim Konzern. Sie habe aber „keine operative Kontrolle mehr über METRO Russland“. Die Folgen des Dekrets analysiere man derzeit. Kremlsprecher Dmitri Peskow begründete den Schritt am 29. September mit der wachsenden Beteiligung „unfreundlicher Länder“ an Kampfhandlungen gegen Russland. Die Maßnahme sei umkehrbar. Voraussetzungen dafür sehe der Kreml derzeit nicht.
Metro ist laut einer Zählung der Agentur RBC der 28. ausländische Konzern, dessen russisches Vermögen seit April 2023 unter vorübergehende Verwaltung kam. Elf dieser Fälle entfallen auf das laufende Jahr. Am 17. September traf es Auchan, Nestlé, FM Logistic und die frühere Leroy-Merlin-Kette Lemana Pro. Dort setzte der Staat eine externe Verwaltungsgesellschaft ein. Bei Metro bleibt das eigene Management im Amt.
Olga Sorokina von der Beratung O2 Consulting spricht deshalb gegenüber Wedomosti von einem „weicheren Wechsel der Unternehmenskontrolle“. Eine Vorbereitung auf einen Verkauf sieht sie darin nicht. Der Anwalt Alexander Bajew von der Kanzlei Kosenkow und Suworow sieht den Zweck woanders. Laut Bajew begrenzt das Modell den Einfluss ausländischer Eigentümer auf Konzernentscheidungen und Gewinnverteilung. In das operative Geschäft greift es nicht ein.
In Düsseldorf fällt das Dekret in einen Führungswechsel. Metro gab am 23. September den Abgang von Vorstandschef Steffen Greubel zum 30. September bekannt. Ab 1. Oktober führt Finanzvorstand Eric Riegger den Konzern, meldete die Wirtschaftswoche.
260 Mrd. Rubel Umsatz, 1,7% Nettomarge
Die russische Metro-Gesellschaft steigerte ihren Umsatz 2025 um 4,1% auf 260,3 Mrd. Rubel (rund 2,8 Mrd. Euro). Der Nettogewinn fiel um 32,1% auf 4,4 Mrd. Rubel (rund 47 Mio. Euro), meldete der Finanzdienst Finmarket auf Basis der russischen Rechnungslegung. Der Rohertrag stieg nur um 2,6% auf 55,9 Mrd. Rubel. Die Vertriebskosten wuchsen dagegen um 10,8% auf 48 Mrd. Rubel. Der Gewinn aus dem Verkaufsgeschäft sank um 29% auf 7,9 Mrd. Rubel.
Die Abschlüsse im staatlichen Bilanzregister GIR BO zeigen den längeren Trend. Im Jahr 2021 setzte Metro in Russland 221,2 Mrd. Rubel um und verdiente 14,1 Mrd. Rubel. Bis 2025 stieg der Umsatz um 18%. Die Verbraucherpreise legten laut Rosstat im selben Zeitraum um knapp 40% zu. Real schrumpfte das Geschäft also. Der Gewinn fiel um 69%.
Mit 1,7% Nettomarge lag Metro 2025 am unteren Ende der großen Lebensmittelhändler, zeigt eine Auswertung des Analysehauses INFOLine. X5 kam auf 2%, Lenta auf 3,5%, Globus auf 5,5%. Von den übrigen ausgewiesenen Ketten verdiente nur der Discounter Swetofor mit 1,5% weniger. Magnit schrieb Verlust.
Die Metro AG weist Russland als eigenes Segment aus. Ihr Geschäftsjahr endet am 30. September. Im Geschäftsjahr 2024/25 erzielte Russland 2,6 Mrd. Euro Umsatz, 8% des Konzernumsatzes, zeigt der Geschäftsbericht. Das bereinigte EBITDA sank seit 2021/22 von 231 auf 135 Mio. Euro. Die Marge fiel damit von 8% auf 5,2%. Trotzdem lieferte Russland gut 11% des bereinigten Konzern-EBITDA.
In den ersten neun Monaten 2025/26 wuchs der Russland-Umsatz in Euro um 10,3% auf 2,14 Mrd. Euro. Das Plus kam fast ganz aus dem Wechselkurs. In Rubel wuchs Metro nur um 1%, bei einer Lebensmittelinflation von zuletzt rund 5%. Für das Gesamtjahr erwartet Metro einen Russland-Umsatz auf Vorjahresniveau und ein leicht niedrigeres EBITDA.
Geld fließt kaum noch nach Deutschland. Die russische Gesellschaft zahlte 2022 und 2023 zusammen 38 Mrd. Rubel Dividende an die Eigentümer. Beschlossen hatte sie insgesamt 58,4 Mrd. Rubel. Seit 2024 floss laut den Abschlüssen keine Dividende mehr in bar. Kapitaltransaktionen mit Konzerngesellschaften außerhalb Russlands brauchen eine behördliche Genehmigung, schreibt die Metro AG. Ende Juni 2026 lagen 152 Mio. Euro Barmittel bei den russischen Töchtern.
Platz 9 im Ranking, Wachstum unter Marktniveau
Im ersten Halbjahr 2026 setzte Metro 118,8 Mrd. Rubel um, 0,5% mehr als im Vorjahr. Das zeigt eine Rangliste von INFOLine, die die Zeitung Kommersant veröffentlichte. Metro belegt damit Platz 9 unter den größten Lebensmittelhändlern. Die Top 10 wuchsen zusammen um 11,6% auf 6,76 Bio. Rubel. Im zweiten Quartal legte Metro um 1,3% auf 62,1 Mrd. Rubel zu, sagte INFOLine-Chef Michail Burmistrow der Wedomosti.
Der Abstand zur Spitze ist groß. Marktführer X5 steigerte seinen Umsatz im Halbjahr um 10,5% auf 2,48 Bio. Rubel, meldete das Unternehmen. Magnit wuchs um 12,8% auf 1,89 Bio. Rubel. Lenta legte durch Zukäufe um 26,2% auf 648,5 Mrd. Rubel zu. Von den wachsenden Ketten der Top 10 legte keine so langsam zu wie Metro. Swetofor und Auchan verloren Umsatz.
Das Filialnetz schrumpft. Metro nennt heute 91 Großmärkte in 51 Regionen. Zum 30. September 2025 wies der Geschäftsbericht noch 93 aus, drei Jahre lang blieb die Zahl unverändert. Im Juni 2025 kündigte Metro an, je einen Markt in Omsk und Wologda zu schließen. Als Grund nannte das Unternehmen den Vorrang der Lieferung.
Greubel beschrieb die Linie im September 2024 im Handelsblatt: „Wir investieren dort nicht mehr strategisch, das Geschäft ist abgekapselt.“ Und weiter: „Wir halten das auf Sparflamme.“ Damals warnte er auch: „Die Gefahr ist groß, dass wir enteignet würden, sollten wir Rückzugspläne öffentlich machen.“
Das Format selbst steht unter Druck. Hypermärkte wuchsen im ersten Quartal 2026 nur um 0,1%, ermittelte INFOLine. Lenta übernahm im Juni die 75 Hypermärkte von O’Key. Damit kontrolliert Lenta 41,5% des Segments, zuvor waren es 33,2%.
Wettbewerb von drei Seiten
Der Cash-and-Carry-Konkurrent Selgros ist vom Markt verschwunden. Seine Russlandtochter ging im Dezember 2024 an die Gruppe Arosa-Logistika. Bis Mitte 2025 schloss sie alle Hypermärkte. Im Juli 2026 beantragte die Beratungsfirma Molga die Insolvenz der Gesellschaft.
Am direktesten greift Lenta das Geschäftskundensegment an. Ihr Programm Lenta Pro zählte Ende 2024 rund 200.400 Geschäftskunden, 23% mehr als im Vorjahr. Metro selbst nennt mehr als 300.000 Geschäftskunden und über 5 Mio. Privatkunden.
Die zweite Front sind Marktplätze. B2B-Marktplätze und Onlineshops setzten 2025 rund 2 Bio. Rubel um, 11,1% mehr als im Vorjahr, schätzt die Beratung Strategy Partners. Wildberries öffnete im Juni 2025 den Einkauf für alle Unternehmen. Die Zahl der Geschäftskunden wuchs danach binnen drei Monaten auf das 2,2-Fache. Ozon zählt Gastronomie, Hotellerie und Handel zu seinen wichtigsten Firmenkunden. Das sind genau die Kunden von Metro.
INFOLine führte Metros schwächeres Wachstum im dritten Quartal 2025 auf ein langsameres B2B-Geschäft zurück. Dazu kamen sinkende Onlineverkäufe an Privatkunden über den Lieferdienst Kuper. Metro hält mit eigener Lieferung dagegen. Der Lieferumsatz in Russland stieg von 492 Mio. Euro im Geschäftsjahr 2021/22 auf 685 Mio. Euro 2024/25. Das ist gut ein Viertel des Landesumsatzes. Der Onlineanteil überstieg laut Metro im ersten Quartal 2025/26 bereits 31%.
Die dritte Front ist der unabhängige Einzelhandel. Metro beliefert mehr als 126.000 traditionelle Händler und über 1.200 Partner der Franchisemarke Fasol, sagte Betriebsdirektorin Olga Parschina im September. Laut Parschina schrumpft das Segment, Metro wächst dort aber um mehr als 5%. Die Konkurrenz wird größer. Die X5-Franchise Okolo setzte 2025 laut INFOLine 66 Mrd. Rubel um, das 7,8-Fache des Vorjahres, und eröffnete 3.251 Läden. Awokado, die Franchise des Distributors Sladkaja Schisn, kam auf 65,7 Mrd. Rubel. Fasol wuchs um 3,8%.
Metro reagiert mit einem Umbau. Über Abkommen mit großen Lebensmittelherstellern tritt Metro als deren offizieller Distributor für den unabhängigen Handel auf. Fasol-Partner betreuen künftig Großkundenmanager. Teile der Infrastruktur fallen weg, sagte Parschina.
Kunden unter Steuer- und Kostendruck
Mehr als die Hälfte seines Umsatzes macht Metro mit kleinen und mittleren Unternehmen, sagte Parschina im November 2025. Diese Kunden trifft die Steuerreform direkt. Seit Januar gilt ein Mehrwertsteuersatz von 22% statt 20%. Für viele Grundnahrungsmittel bleibt es bei 10%. Zugleich sank die Umsatzgrenze, bis zu der Firmen im vereinfachten Steuersystem USN keine Mehrwertsteuer zahlen. Sie liegt 2026 bei 20 Mio. Rubel statt 60 Mio. Rubel und fällt bis 2028 auf 10 Mio. Rubel. Viele Unternehmer legten ihr Geschäft zeitweise still, um unter den Grenzen zu bleiben, sagte Parschina.
Die Zahl der Firmen schrumpft. Seit Jahresbeginn schließen jeden Monat 12.000 bis 15.000 Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen, berichtet Kommersant unter Berufung auf das Sber-Zentrum für Makroforschung. Das sind etwa dreimal so viele wie in den Vorjahren. Erstmals seit mindestens neun Jahren gibt es mehr Schließungen als Gründungen.
Auch die Gastronomie wächst langsamer. Ihr Umsatz stieg von Januar bis Juli 2026 um 6,2% auf 3,45 Bio. Rubel, meldete die Agentur TASS unter Berufung auf Rosstat. Im Juli lag das Plus nur noch bei 5,1%. Kredite bleiben für kleine Firmen teuer. Der Leitzins liegt nach der Zentralbanksitzung vom 11. September bei 14%.
Was Metro Russland wert ist
Burmistrow bewertet das Russlandgeschäft auf 75 bis 80 Mrd. Rubel, rund 780 bis 830 Mio. Euro. Olga Sumischewskaja von der Beratung One Story nennt 50 bis 80 Mrd. Rubel, schreibt Kommersant. Zum Vergleich: Der Jahresumsatz lag 2025 bei 260 Mrd. Rubel.
Den Kern bilden Immobilien. Metro gehören 89 der damals 93 Standorte, sagte Greubel 2024. Die Immobilien stünden mit einem dreistelligen Millionenbetrag in der Bilanz. Das langfristige Segmentvermögen in Russland lag zum 30. September 2025 bei 548 Mio. Euro. Seit 2022 hat Metro die Verbindungen zur russischen Tochter nach eigenen Angaben verringert. Denis Astafjew von SharesPro nennt gegenüber Kommersant das zentrale Risiko: den Zugang zu Marke, IT-Systemen, internationalem Einkauf und Fachwissen des Konzerns.
Offen ist die Bilanzierung. Verliert ein Konzern die Beherrschung über eine Tochter, schreibt IFRS 10 die Entkonsolidierung vor. Die Metro AG hat sich dazu noch nicht geäußert. Ihr Geschäftsjahr endet am 30. September, am selben Tag wie Greubels Amtszeit.
Der deutsche Wettbewerber Globus geht einen anderen Weg. Seine russische Gesellschaft steigerte den Umsatz 2025 um 5% auf 165,6 Mrd. Rubel. Der Nettogewinn wuchs um 12% auf 7,4 Mrd. Rubel. Globus verdient damit mit 22 Märkten mehr als Metro mit 91. Im April kündigte Globus einen neuen Hypermarkt in Tula für den Sommer an. Ein weiterer in Selenograd soll ab 2027 entstehen.
Quellen: Metro AG 1, 2, 3; GIR BO; Pravo.gov.ru; INFOLine 1, 2; Kommersant 1, 2, 3, 4; Wedomosti 1; Retail.ru 1, 2, 3; Finmarket (alle RU außer Metro AG)


