Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“, Autor: Thomas Baier
Auf Kasachstan entfallen 32,3 Mrd. US-Dollar an laufenden und geplanten Verkehrsinvestitionen. Das sind 45 % des gesamten zentralasiatischen Volumens. Die Eurasische Entwicklungsbank (EDB) zählt für die Region 114 Projekte im Wert von 71,7 Mrd. US-Dollar. Auf den Mittleren Korridor entfallen davon nach EDB-Angaben 42,8 Mrd. US-Dollar.
Kasachstan hält 45 % des regionalen Investitionsvolumens
Die Zahlen stammen aus dem Transport-Observatorium der EDB, Stand 1. Juli 2026. Die Bank hatte den Datensatz am 23. Juli veröffentlicht. Regionale Auswertungen folgten am 17. und am 22. August. Eurasienweit erfasst die EDB 402 Projekte im Wert von 345 Mrd. US-Dollar. Zentralasien hält daran einen Anteil von 21 %. Russland kommt auf 225 Mrd. US-Dollar.
Innerhalb Zentralasiens dominiert der Straßenbau mit 56 % des Volumens. Die Schiene folgt mit knapp 30 %. Gemessen am Wert befinden sich 62 % der Projekte in der Umsetzung. Weitere 29 % stecken in der Planung, 9 % in der Dokumentationsphase. Nationale Haushalte tragen 62 % des Gesamtwerts. Chinesische Geldgeber stellen rund 7 Mrd. US-Dollar bereit, chinesisch beteiligte Projekte summieren sich auf über 12 Mrd. US-Dollar. Das größte Einzelvorhaben ist die Bahnlinie China-Kirgisistan-Usbekistan mit 4,7 Mrd. US-Dollar. Die Europäische Union hat 10 Mrd. US-Dollar für Korridorinfrastruktur zugesagt.
Im eurasischen Vergleich liegt der Mittlere Korridor damit auf Rang drei. Der Nördliche Eurasische Korridor kommt laut EDB auf 84,8 Mrd. US-Dollar. Der Nord-Süd-Korridor INSTC folgt mit 52,8 Mrd. US-Dollar. Die Schiene bindet eurasienweit rund 150 Mrd. US-Dollar und damit 42,8 % aller Mittel. Acht der zehn größten Einzelprojekte liegen in Russland.
Im vergangenen Jahr kamen 70 neue Projekte im Wert von 74 Mrd. US-Dollar hinzu. Fertiggestellt wurden Anlagen für rund 10 Mrd. US-Dollar, davon etwa 6 Mrd. US-Dollar in Zentralasien. „Wir beobachten den Übergang von isolierten Verkehrsprojekten zur Bildung eines integrierten eurasischen Verkehrsnetzes“, sagte Jewgeni Winokurow, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der EDB.
Neue Bahnstrecke verkürzt den Mittleren Korridor um 149 Kilometer
Kasachstan baut derzeit die Strecke Moyynty-Kyzylzhar. Sie ist 323 Kilometer lang. Bis Juli 2026 lagen 202,5 Kilometer Gleis, die Fertigstellung ist für Ende 2026 geplant. Das berichtet die regionale Wirtschaftszeitung Times of Central Asia. Die Linie verkürzt den Mittleren Korridor um 149 Kilometer.
Die Fahrzeit von Dostyk nach Aktau soll bis 2031 von rund 72 auf 68 Stunden sinken. Auf dem neuen Abschnitt selbst sinkt sie von acht auf sechs Stunden. Die Weltbank rechnet mit einer Kapazitätsverdopplung von 14 auf 28 Güterzugpaare pro Tag. Im Februar 2026 genehmigte die Weltbank eine Garantie über 846 Mio. US-Dollar. Damit mobilisiert Kasachstan 1,41 Mrd. US-Dollar an Geschäftsbankenkrediten.
Das Interesse internationaler Geldgeber hält an. „Internationale Finanzinstitutionen bleiben an weiteren Investitionen interessiert“, sagte Jasurbek Choriew, Generalsekretär des Ständigen Sekretariats von TRACECA, gegenüber der aserbaidschanischen Agentur Trend.
Der Engpass liegt auf dem Kaspischen Meer
Die Landinfrastruktur wächst schneller als die Seekapazität. Die kasachische Reederei Kazmortransflot beförderte 2025 rund 59.400 Standardcontainer (TEU). Ein Jahr zuvor waren es 51.400 TEU, ein Plus von 15 %. Im Mai 2026 erreichte der Verkehr zwischen Aktau und Aserbaidschan mit 7.451 TEU einen Monatsrekord. Neue Gleise nützen wenig, wenn die Fähren fehlen.
Verlader können die Lage kaum kalkulieren. Durchschnittliche Wartezeiten in den Häfen und Kennzahlen zur Fahrplantreue bleiben weitgehend unveröffentlicht. Damit lässt sich die tatsächliche Transportdauer von Tür zu Tür nicht seriös abschätzen. Genau diese Planbarkeit entscheidet aber darüber, ob europäische und chinesische Verlader dauerhaft vom Seeweg auf die Schiene wechseln.
Wie teuer eine einzige Route werden kann, zeigt das Öl. Über die Pipeline des Caspian Pipeline Consortium laufen mehr als 80 % der kasachischen Ölexporte. Als der Schwarzmeerterminal im Juli ausfiel, sackte die Förderung ab. Die Ausweichroute Baku-Tbilisi-Ceyhan transportierte im Juli nur 155.000 t. Das berichtet die englischsprachige Zeitung The Astana Times unter Berufung auf offizielle Daten. Auch im Containerverkehr hängt die Region an einem einzigen Nadelöhr, dem Kaspischen Meer.
Ein zweites Risiko ist fiskalisch. Wenn 62 % des Projektwerts aus Staatshaushalten stammen, hängt der Ausbau an den Rohstoffeinnahmen. Kasachstans Ölförderung sank von Januar bis Juli 2026 um 8,9 % auf 53,2 Mio. t. Die Exporterlöse hielten sich dank Preisen und starker Junilieferungen, die Ausfuhren stiegen im ersten Halbjahr um 8,6 % auf 40,3 Mrd. US-Dollar. Fällt der Ölpreis, gerät der Investitionsplan unter Druck. Bis dahin bleibt Kasachstan der Taktgeber: Fast jeder zweite in Zentralasien investierte Verkehrsdollar fließt in das Land.
Quelle: Eurasian Development Bank, Trend, AnewZ, The Times of Central Asia, The Astana Times (alle EN)


