Die ungarische Regierung hat erstmals seit zehn Jahren einen ambitionierten Plan zum Ausbau der Windenergie vorgestellt. Wirtschafts- und Energieminister István Kapitány bezeichnete das Programm laut dem Wirtschaftsportal VG als wichtigen Schritt hin zu mehr Energieunabhängigkeit. Gleichzeitig startete die Regierung die ersten über die EU-Wiederaufbau- und Resilienzfazilität (RRF) finanzierten Ausschreibungen zur Modernisierung des veralteten ungarischen Stromnetzes.
Die Regierung strebt an, die installierte Windkraftkapazität Ungarns bis 2030 von derzeit rund 330 MW auf 4 GW zu erhöhen. Damit würde sich die Kapazität mehr als verzehnfachen. Die neuen Windparks sollen die Solarenergie ergänzen und die Stabilität des Stromnetzes verbessern.
Ende einer zehnjährigen Blockade
Mit dem Vorhaben würde der nahezu zehnjährige Stillstand beim Ausbau der Windenergie beendet. Die Fidesz-Regierung hatte 2016 strenge Vorschriften eingeführt, die neue Windkraftprojekte praktisch unmöglich machten. Damals wurde ein Mindestabstand von zwölf Kilometern zwischen Windkraftanlagen und Siedlungen vorgeschrieben, wodurch kaum geeignete Standorte verblieben.
Im Jahr 2024 lockerte die Regierung die Regeln, um den Ausbau der Windenergie zu ermöglichen und Voraussetzungen für den Zugang zu Mitteln aus der EU-Wiederaufbau- und Resilienzfazilität (RRF) zu schaffen. Der Mindestabstand wurde auf 700 Meter reduziert und damit an europäische Standards angepasst. Neue Genehmigungen wurden bislang jedoch nicht erteilt.
Kapitány erklärte, das Programm zum Ausbau der Windenergie und zur Modernisierung des Stromnetzes solle ein ausgewogeneres Stromsystem schaffen und bestehende Engpässe beseitigen.
Erste Ausschreibung noch im Sommer
Ungarn zählt inzwischen zu den am schnellsten wachsenden Solarmärkten Europas. Allerdings basiert der Ausbau der erneuerbaren Energien bislang fast ausschließlich auf Photovoltaik, was insbesondere bei hoher Solarstromproduktion zu zunehmenden Belastungen des Stromnetzes führt.
Nach Angaben des Ministers sollen die geplanten Netzausbauten diese Engpässe beseitigen und den Anschluss weiterer Wind- und Solaranlagen ermöglichen.
Die erste Ausschreibung für mindestens 700 MW neuer Windkraftkapazität soll bis zum 31. August veröffentlicht werden. Bereits Mitte Juli sollen die Entwürfe der Ausschreibungsbedingungen zur öffentlichen Konsultation vorgelegt werden.
Bis 2030 will die Regierung insgesamt 4 GW neue Windkraftkapazitäten ausschreiben. Das entspreche in etwa der Leistung von vier Reaktorblöcken des Kernkraftwerks Paks, sagte Kapitány.
Milliardeninvestitionen in das Stromnetz
Das gesamte Investitionsprogramm soll rund 2,5 Milliarden Euro mobilisieren. Davon sind 1,5 Milliarden Euro für die Modernisierung der Übertragungs- und Verteilnetze vorgesehen.
Nach Ansicht der Regierung sind umfangreiche Investitionen in das Stromnetz notwendig, um den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien zu ermöglichen. Der rasche Zubau von Solaranlagen habe erhebliche Schwächen der bestehenden Netzinfrastruktur offengelegt.
Während der jüngsten Hitzewelle erreichte der Stromverbrauch im Sommer Rekordwerte. Das Stromnetz arbeitete zeitweise nahezu an seiner Kapazitätsgrenze. Gleichzeitig musste die Leistung des Kernkraftwerks Paks um 35 bis 40% reduziert werden. Die Regierung rief Haushalte dazu auf, ihren Stromverbrauch während der Spitzenzeiten zu senken, um die Netzstabilität zu sichern.
RRF-Reformen und intelligente Stromzähler
Die Modernisierung des Stromnetzes wird aus Mitteln der EU-Wiederaufbau- und Resilienzfazilität finanziert, nachdem sich die Regierung verpflichtet hatte, die dafür erforderlichen Reformen umzusetzen. Damit sollen eingefrorene EU-Gelder freigegeben werden, die infolge jahrelanger Auseinandersetzungen zwischen Brüssel und der Orbán-Regierung blockiert waren.
Parallel dazu hat das Energieministerium eine öffentliche Konsultation über weitere Gesetzesänderungen gestartet. Vorgesehen sind unter anderem verpflichtende dynamische Stromtarife für größere Energieversorger, ein Rechtsrahmen für unabhängige Stromaggregatoren, vereinfachte Genehmigungsverfahren für Projekte im Bereich erneuerbarer Energien, beschleunigte Verfahren in ausgewiesenen Vorranggebieten sowie mehr Transparenz bei den Netzentgelten. Behörden, die Genehmigungsfristen überschreiten, sollen künftig finanziell sanktioniert werden.
Darüber hinaus stellte die Regierung Förderprogramme im Umfang von mehr als 500 Milliarden Forint (rund 1,25 Milliarden Euro) für den Energiesektor vor. Davon entfallen 27 Milliarden Forint auf die Installation intelligenter Stromzähler in Privathaushalten und 480 Milliarden Forint auf den Ausbau der Stromnetze.
Nach Angaben von Kapitány sollen diese Investitionen die Folgen jahrelanger Unterinvestitionen beseitigen und die Integration erneuerbarer Energien beschleunigen.
Intelligente Stromzähler sollen künftig dynamische Stromtarife ermöglichen, bei denen sich der Strompreis nach Großhandelspreisen und Verbrauchszeit richtet. Verbraucher würden dadurch Anreize erhalten, ihren Stromverbrauch außerhalb der Spitzenzeiten zu verlagern und Zeiten hoher Solar- und Windstromproduktion stärker zu nutzen.
Nach Einschätzung von Analysten könnte dies das Stromnetz entlasten, die Kosten für den Netzausgleich senken und zugleich den Importbedarf an Strom reduzieren. Außerdem könnten intelligente Stromzähler dazu beitragen, die starken Schwankungen der Großhandelspreise abzufedern, die bei hoher Solarstromproduktion zeitweise sogar ins Negative fallen, während sie in den Abendstunden deutlich ansteigen.
