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Analysten-Umfrage: Das Wachstum sinkt 2026 weiter, der Rubel ist trotzdem stark
Unkategorisiert · 01.06.2026

Analysten-Umfrage: Das Wachstum sinkt 2026 weiter, der Rubel ist trotzdem stark

Am 12. Mai hat die russische Regierung ihre Prognose für das diesjährige Wachstum der russischen Wirtschaft von 1,3 auf 0,4 Prozent gesenkt.


Autor: Klaus Dormann


Am 12. Mai hat die russische Regierung ihre Prognose für das diesjährige Wachstum der russischen Wirtschaft von 1,3 auf 0,4 Prozent gesenkt. Deutlich höhere Prognosen für 2026 veröffentlichten wenige Tage später jedoch die EU-Kommission (+1,3%) und der deutsche „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ (+1,2%).

Die „Analysten“ in Banken und Instituten halten die niedrige Prognose der Regierung offenbar für realistischer. Jedenfalls erwarten die vom Konjunkturforschungsinstitut der Moskauer „Higher School of Economics“ vom 18. bis 27. Mai befragten russischen und internationalen Experten inzwischen in diesem Jahr ein ähnlich schwaches Wirtschaftswachstum wie die Regierung. Sie senkten ihre Prognose für das diesjährige Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts im Durchschnitt auf 0,6 Prozent. Im Februar hatten sie noch mit einem Anstieg um 0,9 Prozent gerechnet.

Auch die durchschnittliche Prognose der Analysten für das Wachstum im nächsten Jahr deckt sich weitgehend mit der Einschätzung der Regierung. Die Analysten rechnen 2027 mit einer Beschleunigung des BIP-Anstieges auf 1,3 Prozent. Die Regierung erwartet dann ein Anziehen des Wirtschaftswachstumes auf 1,4 Prozent. Die EU-Kommission und der Sachverständigenrat prognostizieren für das nächste Jahr hingegen keine Beschleunigung, sondern einen leichten Rückgang der Wachstumsrate.

BIP-Prognosen für Russland 2024 bis 2027
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

HSE-Umfrage: Der „Abschwung“ der Wirtschaft bringt 2026 kaum weniger Inflation

Die von der „Higher School of Economics“ in der unten folgenden Tabelle aufgelisteten Ergebnisse der jüngsten Analysten-Umfrage zeigen, dass die befragten Experten trotz der weiteren Abschwächung des Wirtschaftswachstums am Ende des Jahres 2026 im Durchschnitt eine kaum niedrigere Inflationsrate erwarten (5,4 %) als im Dezember 2025 erreicht wurde (5,6 %). Zum Vergleich: Die Zentralbank-Prognose nennt für die Inflationsrate Ende 2026 eine Spanne von 4,5 bis 5,5 %.

Der Leitzins, der zuletzt am 24. April auf 14,5% gesenkt wurde, wird laut der HSE-Konsensprognose bis zum Jahresende um insgesamt rund weitere zwei Prozentpunkte zurückgenommen werden. Die Analysten erwarten im Durchschnitt dann einen Leitzins von rund 12,4 Prozent.

HSE-Konsensprognose für 2026–2032
(Expertenbefragung, 18.–27. Mai 2026)

Higher School of Economics, S.V. Smirnov: Konsensprognose des Development Center Institute, 27.05.26

Der kräftig gestiegene Rubel wertet bis zum Jahresende spürbar ab

Der russische Rubel hat gegenüber dem US-Dollar seit Anfang 2025 deutlich aufgewertet. Für einen Dollar mussten zuletzt nur noch rund 71 Rubel bezahlt werden. Er ist damit so stark wie seit Anfang 2023 nicht mehr.

Die HSE-Umfrage ergab aber, dass die Experten jetzt bis zum Jahresende 2026 eine deutliche Abwertung des Rubels erwarten. Sie gehen davon aus, dass am Jahresende rund 83 Rubel je US-Dollar bezahlt werden müssen.

„Abschwung“ der Wirtschaft, aber „Aufschwung“ der Währung

Zur bisherigen Aufwertung des russischen Rubels häuften sich in den letzten Wochen die Schlagzeilen. Kein Wunder: Das jährliche Wachstum der russischen Wirtschaft schwächte sich bereits im letzten Jahr von 4,9 Prozent auf nur noch 1,0 Prozent ab. Im laufenden Jahr rechnet die Mehrheit der Experten inzwischen mit noch weniger Wachstum. Gleichzeitig hat der russische Rubel aber gegenüber dem US-Dollar und auch gegenüber dem chinesischen Yuan kräftig an Wert gewonnen. Für eine ausländische Währungseinheit müssen immer weniger Rubel gezahlt werden. Damit werden die russischen Einfuhren, die in ausländischer Währung bezahlt werden müssen, „billiger“.

Wie passt das zusammen? Normalerweise“ gilt doch die Gleichung: Schwache Wirtschaft = schwache Währung. Warum ist der Rubel so stark, obwohl er doch weniger als früher nachgefragt wird. Schließlich haben viele Länder ihren Handel mit Russland drastisch verringert, weil er wegen des Ukraine-Krieges mit Sanktionen belegt wurde. Zahlreiche westliche Unternehmen haben das Land verlassen. Die ausländischen Investitionen sind eingebrochen. Zudem wird ein großer Teil des russischen Außenhandels gar nicht mehr in Rubel abgewickelt. China ist seit 16 Jahren größter Handelspartner Russlands und der chinesische Yuan die wichtigste Währung im russischen Außenhandel (siehe auch IFW Kiel).

Diese und weitere Fragen zur Entwicklung des Rubels hat der englische Kanal „Joe Blogs“ in einem Video am 20. Mai analysiert. „Joe Blogs“ wird von einem früheren Finanzanalysten und Unternehmensberater betrieben. Nachstehend eine Zusammenfassung seiner Analyse.

Wie sich der Rubel gegenüber dem US-Dollar entwickelte

In den letzten 10 Jahren notierte der Kurs des Rubels lange relativ stabil in einer Spanne von etwa 60 bis 70 Rubel je US-Dollar. Im Jahr 2020 – während der COVID-Pandemie und als die Ölpreise einbrachen – schwächte sich der Rubel ab: Der Wechselkurs stieg von rund 62 Rubel pro Dollar vor der COVID-Krise auf etwa 80 Rubel auf dem Höhepunkt der Pandemie. Ein Zeichen, wie anfällig die russische Wirtschaft für Schocks an den globalen Energiemärkten ist.

Noch weitaus stärker war die Abschwächung des Rubels vor vier Jahren im Jahr 2022, nach der Invasion in die Ukraine. Damals wurden erste Sanktionen verhängt und Russlands Devisenreserven eingefroren. Innerhalb Russlands wurde von vielen eine schwere Finanzkrise mit Zusammenbrüchen von Banken befürchtet. In der Spitze mussten damals rund 120 Rubel für einen US-Dollar gezahlt werden.

Rubel je US-Dollar in den letzten 5 Jahren

Trading Economics: Russian Ruble, 29.05.26

Nach diesem anfänglichen Einbruch erholte sich der Rubel jedoch rasch. Mitte 2022 erreichte er sogar einen Kurs von etwa 50 Rubel je US-Dollar – den stärksten Stand seit rund zehn Jahren. Im weiteren Verlauf schwächte er sich im Trend bis etwa Ende 2024 jedoch wieder deutlich ab. Seitdem hat der Rubel signifikant aufgewertet. Er ist jetzt so stark wie seit Anfang 2023 nicht mehr.

Zu erwarten war das nicht: „Normalerweise“ werten Währungen auf, wenn eine Volkswirtschaft boomt. Dann fließt ausländisches Kapital in das Land. Damit steigt die weltweite Nachfrage nach der betreffenden Währung. In Russland flaute das Wachstum der Wirtschaft jedoch bereits im letzten Jahr stark ab.

Welches Interesse hat die russische Regierung an einem starken Rubel?

Historische Erfahrungen zeigen, dass Länder, die unter Sanktionen stehen, oft von einer Abwertung der Währung profitieren. In Russland wertet der Rubel trotz der Sanktionen jedoch auf. Welche Erklärungen gibt es dafür? Hat die russische Regierung Interesse an einem starken Rubel?

Die erste Erklärung ist das Interesse der Regierung an stabileren Preisen. Russland kämpft bereits seit geraumer Zeit gegen eine sehr hohe Inflationsrate an. Eine der schnellsten Methoden, die importierte Inflation einzudämmen, besteht darin, die eigene Währung zu stärken. Ein starker Rubel verbilligt schließlich die Importe. Politisch ist das von großer Bedeutung. Bricht der Rubel ein, schießen die Preise im Inland in die Höhe. Die russische Bevölkerung bekommt dann die Inflation in sehr sensiblen Bereichen wie Lebensmitteln, Elektronik, Autos, Medikamenten und anderen Konsumgütern zu spüren. Aus Sicht der Regierung dürfte es deswegen sehr wichtig sein, eine starke Währung aufrechtzuerhalten.

Ein zweiter Aspekt ist aus politischer Sicht, dass eine starke Währung eine psychologische Wirkung entfaltet. Schlagzeilen, die den Rubel als die „stärkste Währung“ feiern, tauchen dann auf – wie in den letzten Wochen. Von der Regierung kann das als Beleg dargestellt werden, dass Russland widerstandsfähig ist und die Sanktionen ins Leere gelaufen sind. Eine Aufwertung besitzt für die Regierung sowohl im Inland als auch international einen enormen propagandistischen Wert. Währungen haben Symbolcharakter: Eine starke Währung wird mit nationaler Stärke gleichgesetzt.

Als dritte Möglichkeit könnte es der Regierung um die Stabilität des Finanzsystems gehen. Das russische Bankensystem steht seit Beginn der Sanktionen unter enormem Druck. Ein schwacher Rubel birgt das Risiko, eine Kapitalflucht auszulösen, Es könnte zu Panikreaktionen und Instabilität im Bankensektor kommen. Wenn die Behörden den Wechselkurs relativ stark halten, können sie davon ausgehen, das Vertrauen in das Finanzsystem zu bewahren.

Welche Nachteile hat ein starker Rubel?

Eine Aufwertung des Rubels hat allerdings auch gravierende Nachteile: Je stärker die Währung wird, desto schwieriger wird es für die Exporteure. Und die russische Wirtschaft ist im Kern nach wie vor eine exportorientierte Rohstoffwirtschaft. Sie basiert auf Öl, Gas, Metallen und anderen Rohstoffen. Hieraus speisen sich die Einnahmen des Landes.

Geraten nun die Einnahmen dieser Exporteure wegen der Aufwertung des Rubels unter Druck während gleichzeitig ihre Kosten infolge von Inflation und kriegsbedingten Belastungen weiter steigen, so leidet letztlich die Rentabilität der Unternehmen massiv. Sinkt aber die Rentabilität der Unternehmen, dann sinken auch die Steuereinnahmen der Regierung. Und wenn die Steuereinnahmen fallen, während die Militärausgaben gleichzeitig auf extrem hohem Niveau verharren, geraten die Finanzen des russischen Staates zunehmend unter Druck.

Das Fazit von „Joe Blogs“: Der Rubelkurs ist ein „gesteuerter Wechselkurs“

„Joe Blogs“ zieht aus diesen Überlegungen u.a. folgende Schlussfolgerungen:

Was wir in Russland beobachten, „ist keine wirklich starke Währung, die von einer starken Wirtschaft getragen wird, sondern ein gesteuerter Wechselkurs, der als politisches und finanzielles Instrument eingesetzt wird. … Die Realität sieht so aus, dass der Rubel – so die Einschätzung vieler Analysten – in einem freien und vollständig offenen Markt wahrscheinlich deutlich schwächer notieren würde als derzeit.“

„Joe Blogs“ betont, dass sich der Rubelkurs nicht in einem „normalen wirtschaftlichen Umfeld“ bildet. Russland sei eine Volkswirtschaft, die von Sanktionen, Kapitalkontrollen, Beschränkungen des Kapitalverkehrs, massiven staatlichen Eingriffen und einer wachsenden Abhängigkeit von China geprägt sei.


Lesetipps:

Prognosen:

Außenwirtschaft: Rubelkurs, Sanktionen und Handel mit China:

Konjunktur- und Wirtschaftsdaten: Industrieproduktion im April:

Politik und Wirtschaft in Russland; Wirtschaftsentwicklung insgesamt:

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