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Mandarinen für zwei Dollar
Kasachstan · 10.03.2026

Mandarinen für zwei Dollar

Von Turkmenistan bis Kasachstan: Der Iran-Konflikt bringt wirtschaftliche Schockwellen nach Zentralasien und verändert Handelsrouten.

Der Iran-Krieg und seine Folgen für Zentralasien


Autor: Thorsten Gutmann


Früher kaufte Shemshat Kurbanova, eine 62-jährige Rentnerin aus Aschgabat, ihre Früchte stets aus dem Iran, denn sie waren frisch und günstig. Doch seit dem 28. Februar 2026, als die ersten amerikanischen und israelischen Bomben auf den Iran fielen, hat sich das geändert. „Alles hat sich im Preis verdoppelt“, berichtet sie der Nachrichtenagentur AFP. Eine Mandarine kostet nun 1,90 Dollar, ein Apfel mehr als zwei Dollar. Nur wenige Kilometer hinter den Kopet-Dag-Bergen beginnt der Iran – ein Konflikt, der für die Menschen in Turkmenistan direkt vor der Haustür stattfindet.

Turkmenistan ist am unmittelbarsten vom Krieg betroffen: Das Land teilt eine lange Grenze mit dem Iran, ist von dessen Lebensmitteln abhängig und durch Energie-Swap-Geschäfte mit Teheran eng verbunden. Doch die Schockwellen reichen bis nach Taschkent, Almaty und Duschanbe weiter. Der Iran-Krieg ist für Zentralasien somit kein ferner Konflikt, sondern ein Wirtschaftsschock.

Turkmenistan: Direkt an der Frontlinie

Die wirtschaftlichen Verflechtungen sind eng: Teheran vergütet turkmenisches Gas mit Lebensmitteln, hinzu kommen gemeinsame Stromprojekte und ein reger Grenzhandel. Als der Iran am 3. März 2026 einen vollständigen Exportstopp für Agrarprodukte verhängte, traf dies Turkmenistan sofort. Der Händler Byashim Ovezov aus Aschgabat warnt: „Der Warenfluss ist eingebrochen. Wenn der Krieg weitergeht, verlieren Menschen wie ich ihre Existenzgrundlage.“

Der kirgisische Ökonom Iskender Sharsheyev betont die strukturelle Bedeutung des Nachbarlandes. Der Iran fungierte lange als Fenster nach Süden – ein Korridor zum Persischen Golf und zu den Märkten Indiens und Europas. Dieser Weg ist nun lahmgelegt. Alternativen über China oder die Türkei sind teurer und logistisch aufwendiger. Im Moment gebe es für den iranischen Transit keinen schnellen Ersatz, so Sharsheyev.

Ein diplomatischer Drahtseilakt

Kurz vor Beginn der Kampfhandlungen nahmen die Präsidenten Kasachstans und Usbekistans noch an multilateralen Gesprächen im Rahmen des von Trump initiierten „Board of Peace” teil. Catherine Putz schrieb dazu trocken in The Diplomat: Es sei unangenehm, öffentlich Trump den Präsidenten des Friedens genannt zu haben, während er den Nahen Osten in einen möglicherweise katastrophalen Konflikt stürze. Dieses Zitat trifft weniger die zentralasiatischen Hauptstädte als vielmehr die Geschwindigkeit, mit der sich die internationale Lage verändert hat.

Die Außenministerien der Region reagierten besonnen: Es gab Appelle zur Deeskalation, Bekenntnisse zur UN-Charta und das Bekenntnis zur strikten Neutralität. Das kasachische Außenministerium drückte dem iranischen Volk sein Mitgefühl angesichts der zivilen Opfer aus. Diese Form der Kommunikation unterstreicht das Bestreben Zentralasiens, stabile Beziehungen zu allen Akteuren aufrechtzuerhalten.

Usbekistan: Die Suche nach neuen Wegen

Obwohl der direkte Handel mit dem Iran nur einen kleinen Teil des usbekischen BIP ausmacht, ist die Logistik ein verwundbarer Punkt. Bis zu 60 Prozent der aus der Türkei und Europa importierten Güter erreichen Usbekistan nämlich über iranische Häfen wie Bandar Abbas. Da der südliche Korridor nun blockiert ist, hat Präsident Mirziyoyev die Prüfung von Alternativen angeordnet. Ein möglicher Ausgleich könnte der steigende Goldpreis sein, denn Usbekistan exportierte 2025 Edelmetalle für zehn Milliarden Dollar. Somit könnten die höheren Logistikkosten teilweise kompensiert werden.

Kasachstan: Rosen, Getreide und strategische Resilienz

Selbst am kasachischen Frauentag war der Krieg spürbar: Da arabische Fluggesellschaften ihren Betrieb einstellten, stiegen die Preise für importierte Rosen um 20 Prozent. Doch die strategischen Risiken wiegen schwerer. Neben steigenden Versicherungsprämien ist vor allem der Getreidemarkt betroffen. Kasachstan exportiert jährlich bis zu 1,2 Millionen Tonnen Getreide in den Iran.

Kurzfristig profitiert Kasachstan als Ölexporteur von den hohen Preisen. Der Wirtschaftsstratege Alex Matrsson sieht darin jedoch mehr als reine Arithmetik: Unter Präsident Tokayev hat das Land in transkaspische Handelsrouten und Partnerschaften mit Golfstaaten investiert – nicht als Reaktion auf die Krise, sondern um auf solche Momente vorbereitet zu sein. In einer Welt, in der maritime Engpässe wie die Straße von Hormus über Nacht geschlossen werden können, gewinnen landgestützte Korridore durch Zentralasien an Bedeutung.

Der Historiker Peter Frankopan bezeichnet Tokayev als klugen Strategen, der konkurrierende Interessen sorgfältig abwägt. Zentralasien hat in den letzten Jahren bewiesen, dass es sich schnell an neue Realitäten anpassen kann. Shemshat Kurbanova, eine Rentnerin aus Aschgabat, hofft derweil schlicht darauf, dass die Mandarinen an ihrem Marktstand bald wieder erschwinglich werden.


Quellen: AFP/France24 (Aschgabat, 10.3.2026); The Diplomat/Catherine Putz (3.3.2026); Gazeta.uz (Kholboev/Eskandari, 3.–5.3.2026); Inbusiness.kz (8.3.2026); LSM.kz (Abdrakhmanov); DKNews/Alex Matrsson (2.3.2026); Times of Central Asia/Peter Frankopan (10.3.2026); SpecialEurasia (8.3.2026).

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Thorsten Gutmann
Der Autor
Thorsten Gutmann

Autor bei ostwirtschaft.de und Steppe Ahead. Berichtet über wirtschaftliche Entwicklungen in Zentralasien.

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