In weiten Teilen der postsowjetischen Ära wurde die wirtschaftliche Entwicklung Zentralasiens vor allem von Rohstoffen geprägt.
Kasachstan exportierte Erdöl, Uran und Metalle. Usbekistan stützte sich auf Gold, Erdgas und Baumwolle. Turkmenistan verfügt über einige der größten Erdgasreserven der Welt. Technologie spielte in den wirtschaftlichen Debatten der Region lange Zeit nur eine untergeordnete Rolle.
Heute zeichnet sich jedoch ein deutlicher Wandel ab. In ganz Zentralasien investieren Regierungen massiv in digitale Infrastruktur, Start-ups gewinnen internationale Investoren, Fintech-Unternehmen erreichen Millionen von Nutzern und eine wachsende Softwarebranche richtet sich zunehmend an Kunden in Europa, Nordamerika und Asien.
Die Transformation befindet sich zwar noch in einem frühen Stadium, doch erstmals seit der Unabhängigkeit wirkt Zentralasien weniger wie eine Ansammlung rohstoffabhängiger Volkswirtschaften und zunehmend wie ein potenzieller Technologie-Hub.
Die zentrale Frage lautet: Kann die Region aus einzelnen Erfolgsgeschichten ein nachhaltiges Technologie-Ökosystem entwickeln?
Kasachstan als technologischer Vorreiter
Die moderne Technologiegeschichte Zentralasiens beginnt in vielerlei Hinsicht in Kasachstan.
Lange Zeit betrachteten internationale Investoren die Region als zu klein, zu fragmentiert und geografisch zu abgelegen, um global relevante Technologieunternehmen hervorzubringen. Diese Wahrnehmung änderte sich mit dem Aufstieg von Kaspi.kz.
Was ursprünglich als Finanzdienstleister begann, entwickelte sich zu einer der erfolgreichsten Super-Apps weltweit. Die Plattform vereint Bankdienstleistungen, Zahlungsverkehr, E-Commerce und verschiedene Verbraucherdienste in einem einzigen digitalen Ökosystem. Das Unternehmen ging erfolgreich an die US-Börse und wird inzwischen mit mehr als 20 Milliarden US-Dollar bewertet.
Kaspi hat nicht nur wirtschaftlichen Wert geschaffen. Das Unternehmen bewies, dass auch aus Zentralasien ein international erfolgreiches Technologieunternehmen hervorgehen kann.
Nachdem diese Hürde überwunden war, stellten sich Unternehmer in der gesamten Region eine neue Frage: Wer wird der Nächste sein?
Usbekistan steigt ins Rennen ein
Während Kasachstan den ersten Machbarkeitsnachweis geliefert hat, versucht Usbekistan nun, diesen Erfolg zu skalieren.
Das erste Technologie-Einhorn des Landes, Uzum, ist zum sichtbarsten Symbol der digitalen Transformation geworden. Nach Investitionen von FinSight Ventures und Xanara Investment Management wird das Unternehmen inzwischen mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet.
Uzum kombiniert E-Commerce, digitale Zahlungsdienste, Logistik und Konsumfinanzierung in einem Modell, das bewusst an Kaspi angelehnt ist.
Noch vor wenigen Jahren war Online-Shopping in Usbekistan ein Nischenmarkt. Lieferzeiten von sechs bis zehn Tagen galten als normal, und viele Verbraucher bevorzugten traditionelle Basare. Heute liefert Uzum Waren innerhalb von 24 Stunden landesweit aus. Die Plattform Uzum Nasiya gehört inzwischen zu den dominierenden Anbietern im Bereich „Buy Now, Pay Later“ (BNPL).
Der Erfolg von Uzum verdeutlicht den raschen Wandel des Konsumverhaltens und der digitalen Infrastruktur des Landes.
Der Fintech-Boom verändert die Region
Besonders sichtbar wird die technologische Entwicklung im Finanzsektor.
In ganz Zentralasien überspringen viele Verbraucher traditionelle Bankmodelle und wechseln direkt zu mobilen Finanzdienstleistungen. Dadurch entwickelt sich die Region zu einem dynamischen Markt für digitales Banking.
Ein herausragendes Beispiel ist die georgische TBC Bank, die Usbekistan zum Kernstück ihrer internationalen Expansion gemacht hat.
Seit ihrem Markteintritt im Jahr 2020 hat die Bank nach eigenen Angaben das erste vollständig digitale Bankenökosystem des Landes aufgebaut. Über die Plattformen TBC UZ, Payme und Payme Nasiya erreicht das Unternehmen mittlerweile einen großen Teil der usbekischen Bevölkerung.
Auch die Entwicklung des gesamten Bankensektors unterstreicht den Wandel. In den vergangenen fünf Jahren hat sich das Bankkapital Usbekistans verdoppelt. Die Kreditportfolios sind um das 2,3-Fache gewachsen, während mehrere Banken erstmals Eurobonds emittierten und internationale Finanzierungen aufnahmen.
Für eine Region, die lange als finanziell unterentwickelt galt, ist diese Entwicklung bemerkenswert.
Softwareexporte als neue Wachstumsstrategie
Fintech allein wird jedoch nicht ausreichen, um ein nachhaltiges Technologiezentrum zu schaffen. Eine noch größere Chance könnte im Bereich der Software- und IT-Dienstleistungsexporte liegen.
Regierungen in der gesamten Region betrachten digitale Dienstleistungen zunehmend als Instrument zur Diversifizierung ihrer bislang stark rohstoffabhängigen Volkswirtschaften.
Besonders deutlich wird dies in Usbekistan.
Die Regierung verfolgt das Ziel, die IT-Exporte bis 2030 auf fünf Milliarden US-Dollar zu steigern. Im Zentrum dieser Strategie steht der IT Park Uzbekistan, in dem inzwischen mehr als 650 Unternehmen angesiedelt sind. Viele von ihnen profitieren bis 2028 von umfangreichen Steuer- und Zollvergünstigungen.
Nach Angaben des Ministeriums für digitale Technologien gehen bereits rund 80 Prozent der usbekischen IT-Exporte in die Vereinigten Staaten.
Fachkräftezuwanderung als unerwarteter Wachstumsmotor
Ein bedeutender Impuls für die Technologiebranche kam aus einer unerwarteten Richtung.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verließen zahlreiche IT-Fachkräfte Russland und Belarus. Viele von ihnen siedelten sich in Städten wie Taschkent, Almaty und Astana an.
Usbekistan nutzte diese Entwicklung gezielt. Im Rahmen von Umsiedlungsprogrammen wurden Fachkräfte aktiv angeworben und beim Aufbau neuer Unternehmen unterstützt.
Die Bedeutung dieser Zuwanderung geht weit über reine Beschäftigungszahlen hinaus. Die Fachkräfte brachten internationale Erfahrung, Kontakte zu globalen Märkten, technisches Know-how und unternehmerische Kompetenzen mit.
Dadurch wurde die Integration Zentralasiens in die globale Technologieökonomie erheblich beschleunigt.
Von Start-ups zu Technologie-Ökosystemen
Ein erfolgreiches Technologiezentrum benötigt jedoch mehr als qualifizierte Fachkräfte. Entscheidend sind auch funktionierende Finanzierungsstrukturen.
Hier bestehen weiterhin Herausforderungen, doch erste Fortschritte sind sichtbar.
In Usbekistan wurde mit IT Park Ventures ein Fonds für Frühphasenfinanzierungen geschaffen, der Start-ups mit Beträgen zwischen 10.000 und einer Million US-Dollar unterstützt.
Gleichzeitig hat sich Startup Garage zu einem der wichtigsten Inkubatoren der Region entwickelt. Die Organisation unterstützte bereits mehr als 150 Start-ups, von denen mehrere Millioneninvestitionen von internationalen Geldgebern einwerben konnten.
Bemerkenswert ist zudem die Expansion des Ökosystems über die Region hinaus. Startup Garage eröffnete jüngst ein Venture Studio in Marokko und zählt damit zu den ersten zentralasiatischen Technologieinitiativen mit Aktivitäten in Afrika.
Die Herausforderung Künstliche Intelligenz
Trotz aller Fortschritte bestehen weiterhin erhebliche Herausforderungen.
Die Nutzung künstlicher Intelligenz befindet sich in Zentralasien noch auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Insbesondere bei der Anwendung generativer KI besteht gegenüber führenden Industrieländern noch ein deutlicher Rückstand.
Gleichzeitig gehören Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan zu den Ländern mit den höchsten Wachstumsraten bei der Einführung neuer KI-Technologien in Asien.
Dies deutet darauf hin, dass die bestehende Lücke in den kommenden Jahren deutlich kleiner werden könnte.
Bildung als Grundlage der Digitalisierung
Der Ausbau des Humankapitals ist ein zentraler Bestandteil der regionalen Technologieagenda.
In Usbekistan stieg die Zahl der Studierenden auf rund 1,43 Millionen und liegt damit mehr als fünfmal höher als noch 2015. Gleichzeitig investieren die Regierungen verstärkt in technische Ausbildung, digitale Kompetenzen, Ingenieurwissenschaften und Englischkenntnisse.
Diese Investitionen sollen die Grundlage für eine moderne wissensbasierte Wirtschaft schaffen.
Eine neue wirtschaftliche Identität entsteht
Der Weg zu einem vollwertigen Technologiezentrum bleibt lang.
Zentralasien verfügt weder über die Risikokapitalmärkte des Silicon Valley noch über die industrielle Skalierungskraft chinesischer Technologiezentren oder die Software-Ökosysteme Indiens.
Dennoch wäre ein Vergleich mit diesen globalen Spitzenstandorten zu kurz gegriffen.
Vor zehn Jahren gab es in der Region kaum international bekannte Technologieunternehmen. Heute verfügt Zentralasien über ein börsennotiertes Fintech-Unternehmen mit einem Marktwert von über 20 Milliarden US-Dollar, mehrere schnell wachsende Technologieplattformen, ein dynamisches digitales Bankensystem, eine expandierende Softwarebranche und eine zunehmend aktive Start-up-Szene.
Technologiebrücke zwischen Europa und Asien
Die Transformation ist noch nicht abgeschlossen, doch die Richtung ist klar erkennbar.
Erstmals seit der Unabhängigkeit entwickelt Zentralasien eine gemeinsame wirtschaftliche Identität, die nicht auf Erdöl, Gas, Metallen oder Baumwolle basiert.
Stattdessen rücken Software, Fintech, Unternehmertum, künstliche Intelligenz und digitale Exporte zunehmend in den Mittelpunkt.
Die Region wird möglicherweise nie das nächste Silicon Valley werden. Sie hat jedoch das Potenzial, eine andere, möglicherweise ebenso bedeutende Rolle einzunehmen: als aufstrebende Technologiebrücke zwischen Europa und Asien.


