Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
Tadschikistans Anlageinvestitionen sind im ersten Halbjahr 2026 um 18,4 % gewachsen. Private Investoren steigerten ihre Ausgaben um das 1,5-Fache, ausländische Investitionen brachen dagegen um 31,4 % ein. Das geht aus dem aktuellen Konjunkturbericht der Eurasischen Entwicklungsbank (EDB) hervor, über den die aserbaidschanische Nachrichtenagentur Trend am 19. September berichtete. Der Investitionsboom des Landes läuft damit fast ohne ausländisches Kapital.
Privates Kapital treibt, der Staat hält Schritt
Laut EDB war der Privatsektor im ersten Halbjahr der wichtigste Motor der Investitionstätigkeit. Die Kapitalausgaben privater Unternehmen legten im Jahresvergleich um das 1,5-Fache zu. Der Großteil des Geldes floss in den Wohnungsbau. Die staatlichen Investitionen wuchsen um 7,9 %. „Tadschikistans Wirtschaft hält hohe Wachstumsraten, gestützt auf eine robuste Binnen- und Auslandsnachfrage“, schreiben die EDB-Analysten laut Trend. Die Bank nennt die Investitionstätigkeit einen zentralen Treiber des tadschikischen Wachstums, und zwar über alle Finanzierungsquellen hinweg. Umso stärker fällt der Ausreißer ins Gewicht: Das ausländische Kapital schrumpfte um fast ein Drittel. Für die kleinste Volkswirtschaft Zentralasiens ist das ein Problem, denn die großen Infrastrukturvorhaben des Landes übersteigen die Kraft des heimischen Kapitalmarkts. Allein der Wasserkraft-Großbau Rogun mit geplanten 3,6 Gigawatt Leistung kostet nach offiziellen Angaben 6,3 Mrd. US-Dollar. An dem Projekt hängt auch die Stromversorgung der Industrie: Bis heute rationiert das Land im Winter Elektrizität. Energieminister Daler Dschuma stellte laut dem kasachischen Nachrichtenportal Qazinform das Ende der saisonalen Abschaltungen für 2027 in Aussicht, wenn der dritte Rogun-Block ans Netz geht.
Wachstum von 8,2 %: Exporte legen um 65,4 % zu
Der Investitionsschub trifft auf eine Konjunktur, die derzeit fast alle Nachbarn hinter sich lässt. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im ersten Halbjahr um 8,2 % im Jahresvergleich, die Exporte stiegen um 65,4 %. Diese Zahlen der tadschikischen Statistikbehörde meldete Trend Mitte September. Die Industrie liefert dazu: Die Produktion von Metallen und Metallerzeugnissen erreichte in den ersten sieben Monaten 7,29 Mrd. Somoni, umgerechnet rund 790 Mio. US-Dollar. Das war ein Plus von 8,8 % im Jahresvergleich. Die Textilbranche wuchs im selben Zeitraum um 2,8 %. Für das Gesamtjahr erwartet die EDB inzwischen 8,3 % Wachstum. Nur Kirgisistan soll in der Region schneller wachsen, berichtet das tadschikische Nachrichtenportal Asia-Plus. Im Dezember hatte die Bank Tadschikistan noch 8,1 % zugetraut, hinter Kirgisistan mit 9,3 % und vor Usbekistan mit 6,8 %. Als Treiber nannte sie damals neue Kapazitäten in Energie und Industrie sowie hohe Weltmarktpreise für Gold und Buntmetalle. Der gesamte EDB-Raum soll 2026 dagegen nur um 2,3 % zulegen. Zentralasien bleibt damit die Wachstumszone der Region. Genau diese Preise stützen nun den Exportsprung. Dilschod Dschurazoda, Generaldirektor der staatlichen Investitionsagentur Tajinvest, warb laut Asia-Plus zuletzt offensiv um Kapital: „Energie, digitale Infrastruktur, Logistik, Tourismus, Bergbau und Industrieproduktion gehören zu den aussichtsreichsten Investitionssektoren Tadschikistans.“
Auslandskapital fehlt: Duschanbe sucht neue Geldgeber
Der Einbruch der ausländischen Investitionen um 31,4 % ist die offene Flanke des Booms. Trend wertet ihn als Warnsignal: Das Land bleibe auf externe Kapitalzuflüsse angewiesen, um das Investitionstempo zu halten. Duschanbe steuert bereits gegen. Am 14. September unterzeichneten Finanzminister Faisiddin Kahhorzoda und EBRD-Präsidentin Odile Renaud-Basso in London eine Investitions-Roadmap für die Jahre 2026 bis 2030, wie Asia-Plus berichtet. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung will demnach Stromnetze, erneuerbare Energien, Straßen und ländliches Breitband finanzieren. Im Gegenzug verlangt sie Reformen bei Staatsunternehmen und Stromtarifen. Zwei Tage später unterzeichnete Duschanbe laut Asia-Plus 15 Kooperationsdokumente mit Südkorea, unter anderem zu Verkehr und Energie. Das makroökonomische Umfeld bleibt für Geldgeber berechenbar: Die EDB erwartet zum Jahresende eine Inflation von 4,5 % und einen stabilen Somoni von rund 9,8 je US-Dollar. Kahhorzoda warb in derselben Woche auf der Schwellenländer-Konferenz von J.P. Morgan in London um Investoren. Auf lange Sicht rechnet Trend allerdings mit einer Abkühlung des Wachstums auf etwa 6,7 % bis 2030. Kumuliert wären das von 2025 bis 2030 immer noch rund 43 % Zuwachs. Die entscheidende Frage lautet daher, ob der privat getragene Bauboom trägt, wenn die Goldpreise nachgeben und die Auslandsgelder weiter ausbleiben. Die Antwort dürfte das zweite Halbjahr liefern.
Quelle: Trend, Trend, Trend, Asia-Plus, Asia-Plus, Asia-Plus, EDB, Qazinform (alle EN)


