Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
Tadschikistans Parlament hat am 1. Oktober einen Weltbank-Zuschuss über 300 Mio. US-Dollar für das Wasserkraftwerk Rogun ratifiziert. Die bewilligte Weltbank-Finanzierung steigt damit auf 650 Mio. US-Dollar. Insgesamt sollen bis zu 3 Mrd. US-Dollar an Vorzugsfinanzierung für das Projekt zusammenkommen. Rogun soll mit 3.780 MW Leistung das größte Wasserkraftwerk Zentralasiens werden.
Zuschuss statt Kredit: Das finanziert die zweite Tranche
Das Geld kommt von der IDA, dem Förderarm der Weltbank für einkommensschwache Länder. Es ist ein Zuschuss, kein Kredit. Die Weltbank hatte die zweite Tranche am 1. Juli bewilligt. Das Unterhaus in Duschanbe machte das Abkommen nun rechtskräftig. Das berichtet die englischsprachige Regionalzeitung Times of Central Asia. Die Mittel fließen in Bauarbeiten, elektromechanische Ausrüstung, Sicherheitsmaßnahmen und die Umsiedlung betroffener Gemeinden. Dazu kommen Systeme zur Überwachung des künftigen Stausees. Die erste Tranche über 350 Mio. US-Dollar läuft seit Dezember 2024. Die Weltbank führt zudem eine Koordinierungsgruppe für Rogun an. Ihr gehören multilaterale Geldgeber und Entwicklungsfonds aus Europa, Nahost und Asien an.
Die Pläne für Rogun stammen aus der Sowjetzeit. Fertig wurde das Kraftwerk nie, der Bau ruhte über Jahrzehnte. Jetzt wächst der Damm im Tal des Flusses Wachsch. Im August erreichte die Staumauer rund 190 m, geplant sind 335 m. Rogun wäre damit der höchste Staudamm der Welt. Die Fertigstellung ist für 2033 vorgesehen. Hauptauftragnehmer ist der italienische Baukonzern Webuild. Das Projekt soll laut Weltbank mehr als 30.000 Arbeitsplätze schaffen, direkt und indirekt. Italien sagte im Juli 150 Mio. US-Dollar zu. Laut Times of Central Asia zeigen auch die Asiatische Entwicklungsbank, die AIIB und die Europäische Investitionsbank Interesse. „Besserer Zugang zu verlässlichem Strom wird die wirtschaftliche Transformation beschleunigen und Arbeitsplätze schaffen“, sagte Najy Benhassine, Regionaldirektor der Weltbank für Zentralasien. Das zitiert das Fachmagazin International Water Power aus der Mitteilung der Bank. „Dieses transformative Projekt ist ein bedeutender Meilenstein für die Stromversorgung der Region“, ergänzte Charles Cormier, Infrastrukturdirektor der Weltbank für Europa und Zentralasien.
Strom bleibt der Engpass der Industrie
Rogun soll jährlich rund 14,4 Mrd. kWh liefern. Das entspricht laut International Water Power etwa 60 % der heutigen Stromproduktion des Landes. Der Bedarf ist da. Tadschikistan rationiert den Strom in den Wintermonaten seit Jahren. Industrieminister Sherali Kabir nannte diese Woche bei einem Treffen mit dem IWF drei Bremsen der Industrie: hohe Energietarife, knappe Brennstoffe und Logistikprobleme. Das berichtet die tadschikische Nachrichtenagentur Asia-Plus. Die Wirtschaft wächst dennoch kräftig. Das BIP legte laut Statistikbehörde im ersten Halbjahr um 8,2 % zum Vorjahr zu. Die Anlageinvestitionen stiegen um 18,4 %. Die Eurasische Entwicklungsbank erwartet für das Gesamtjahr 2026 ein Plus von 8,3 %, nach 8,4 % im Jahr 2025.
Auch regional gewinnt das Land an Gewicht. Der Handel mit den vier zentralasiatischen Nachbarn erreichte von Januar bis August 1,67 Mrd. US-Dollar. Das sind rund 18 % des gesamten Außenhandels, wichtigster Partner bleibt Kasachstan, so Asia-Plus. Der gesamte Außenhandel wuchs im selben Zeitraum um fast 40 % zum Vorjahr. Das Defizit überstieg dabei 5,3 Mrd. US-Dollar.
Weltbank stuft Schuldenrisiko weiter als hoch ein
Die Kehrseite des Booms ist die Finanzierungslast. Die Weltbank sieht für Tadschikistan weiter ein hohes Risiko einer Schuldenkrise. Der Zentralasien-Forscher Ali Abu Issam verweist in einem Gastbeitrag für Al Jazeera auf hohe Tilgungen bis 2027 im Verhältnis zu den Exporterlösen. Rücküberweisungen von Arbeitsmigranten machten 2025 rund 46 % des BIP aus, vor allem aus Russland. Das Handelsdefizit lag bei 35 % des BIP. Der Boom kommt dennoch unten an: Die Armutsquote sank laut Abu Issam von 55 % im Jahr 2010 auf 14,8 % im Jahr 2025. Hinzu kommen Risiken außerhalb des Haushalts: ein Schiedsverfahren um den Aluminiumkonzern Talco über mehr als 300 Mio. US-Dollar und Zahlungsrückstände des Stromversorgers Barqi Tojik. Die Devisenreserven von 5,6 Mrd. US-Dollar decken gut acht Monatsimporte. Der Eurasische Stabilisierungsfonds gewährte zudem einen Budgetkredit über 200 Mio. US-Dollar. Der Zins liegt bei 1 %, die Tilgung beginnt erst nach zehn Jahren.
Ob Rogun die Rechnung dreht, hängt an zwei Fragen. Kommt die Vorzugsfinanzierung von bis zu 3 Mrd. US-Dollar tatsächlich zusammen? Und findet der Strom ab 2033 zahlungskräftige Abnehmer in der Region? Bis dahin trägt Duschanbe einen großen Teil der Baukosten selbst.
Quelle: Times of Central Asia, International Water Power, Asia-Plus, Asia-Plus, Al Jazeera (alle EN)


