44,9 % mehr Investitionen: Tadschikistans Kapitalboom hängt am Staat
Tadschikistans Anlageinvestitionen steigen in neun Monaten um 44,9 % auf rund 3,2 Mrd. US-Dollar, getrieben vom Staat und vom Energiesektor rund um Rogun.
Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
Tadschikistans Anlageinvestitionen sind in den ersten neun Monaten 2026 um 44,9 % gestiegen. Die Statistikagentur beim Präsidenten meldet 29,1 Mrd. Somoni, umgerechnet rund 3,2 Mrd. US-Dollar. Kein anderes Land Zentralasiens legt derzeit ein solches Tempo vor. Der Staat und der Energiesektor tragen den Schub, private und ausländische Geldgeber verlieren an Gewicht.
Energiesektor zieht die meisten Mittel an
Die Zahlen stammen von der Statistikagentur beim Präsidenten Tadschikistans, sie gelten in vergleichbaren Preisen, also inflationsbereinigt. Die tadschikische Nachrichtenagentur Asia-Plus berichtet: Der Energiesektor wurde im laufenden Jahr zum größten Investitionsbereich des Landes. Fast die Hälfte aller Mittel floss in die Distrikte republikanischer Unterordnung. Dort entsteht mit dem Wasserkraftwerk Rogun das teuerste Bauvorhaben in der Geschichte des Landes. Die Staumauer soll am Ende 335 Meter hoch sein, so hoch wie keine andere weltweit. Der Anteil ausländischer Investitionen am Gesamtvolumen ging laut Asia-Plus dagegen zurück. Der Aufschwung ist damit vor allem ein öffentliches Bauprogramm.
Die Dynamik hat sich im Sommer deutlich beschleunigt. Das aserbaidschanische Nachrichtenportal Trend meldete für den Juli allein rund 5,7 Mrd. Somoni, etwa 618 Mio. US-Dollar. Das war das 2,4-Fache des Vorjahresmonats. Von Januar bis Juli summierte sich das Plus auf rund 50 %. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum 2025 wuchsen die Investitionen um 20,9 %. Das Wachstumstempo hat sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt. Trend rechnete bereits im Sommer vor: Hält der Takt, erreicht das Jahresvolumen 2026 über 43 Mrd. Somoni, also mehr als 4,7 Mrd. US-Dollar.
EBRD stellt 900 Mio. US-Dollar bis 2030 in Aussicht
Rückenwind kommt von außen. Präsident Emomali Rahmon empfing am 27. Oktober in Duschanbe Matteo Patrone, Vizepräsident für das Bankgeschäft der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Beide Seiten berieten laut Asia-Plus über einen Investitionsfahrplan von 900 Mio. US-Dollar für die Jahre 2026 bis 2030. Rahmon warb für privat finanzierte Solarkraftwerke, die Modernisierung der Stromnetze und niedrigere Netzverluste. Er forderte zudem bezahlbare, langfristige Kredite für kleine und mittlere Betriebe außerhalb der Hauptstadt. Mit den Solarkraftwerken will Rahmon die Stromversorgung von Haushalten und Betrieben verbessern und mehr sauberen Strom in die Nachbarländer verkaufen. Auch Kredite in Landeswährung, die Vorbereitung tadschikischer Unternehmen auf Anleiheemissionen, Trinkwasserprojekte und eine bessere Führung der Staatsbetriebe standen auf der Agenda.
Die EBRD arbeitet seit 1993 in Tadschikistan. Sie hat dort bislang 201 Projekte mit mehr als 1,1 Mrd. Euro finanziert. Der neue Fahrplan würde das Jahrestempo der Bank damit ungefähr verdreifachen. Für Duschanbe wäre das ein wichtiger Ausgleich, denn westliches Privatkapital bleibt rar.
Der Boom hängt am Staatshaushalt
Die Schwachstelle des Aufschwungs ist seine Finanzierungsbasis. Die Statistikagentur führt den Anstieg vor allem auf staatliche Investitionen und Energieausgaben zurück. Wie schmal die ausländische Basis ist, zeigt das Beispiel Kasachstan. Dessen Botschafter in Duschanbe, Valikhan Turekhanov, bezifferte die kasachischen Investitionen am 25. Oktober auf gut 148 Mio. US-Dollar. Kasachstan sei damit „einer der größten Investoren Tadschikistans“, sagte er laut Asia-Plus. Gemessen am Gesamtvolumen von 3,2 Mrd. US-Dollar in nur neun Monaten ist das wenig.
Beim Handel läuft es besser. Der bilaterale Warenaustausch mit Kasachstan erreichte von Januar bis September 1,13 Mrd. US-Dollar. Bis August lag das Plus bei 34 % gegenüber dem Vorjahr. Kasachstan lieferte in neun Monaten knapp 998.200 Tonnen Weizen für 264,1 Mio. US-Dollar, dazu Gas für 153,8 Mio. US-Dollar und Betonstahl für 150,2 Mio. US-Dollar. Gerade der Betonstahl zeigt, wohin das Geld fließt: auf die Baustellen des Landes. Tadschikistan exportiert im Gegenzug vor allem Zinkerze für 32,2 Mio. US-Dollar und Rohblei für 17,9 Mio. US-Dollar. Die Struktur bleibt asymmetrisch: Erze und Metalle gegen Grundnahrungsmittel und Baumaterial.
Der IWF hat seine Wachstumsprognose für Tadschikistan Mitte Oktober auf 7,3 % angehoben, nach zuvor 6,0 %. Die Baukonjunktur stützt diese Erwartung. Sie schafft aber auch Risiken. Ein Investitionsboom aus der Staatskasse bindet Haushaltsmittel auf Jahre. Er steht und fällt mit der Finanzierung von Rogun, dessen Fertigstellung noch Milliarden kostet. Ob das Tempo trägt, hängt deshalb an zwei Fragen: Kann der Staat die Energieausgaben dauerhaft stemmen, ohne Schulen, Straßen und Gesundheit zu verdrängen? Und ziehen die EBRD-Zusagen genug private Investoren nach, damit aus dem Bauprogramm eine breite Investitionsbasis wird?
Quelle: Asia-Plus (Investitionen), Asia-Plus (EBRD), Asia-Plus (Kasachstan), Trend (alle EN)