Warum der Tiefseehafen Anaklia mehr ist als nur Infrastruktur
Autor: Dietrich Schartner

Ein Hafen als wirtschaftliche Zeitenwende
Georgien setzt auf ein Projekt, das die wirtschaftliche Rolle des Landes grundlegend verändern könnte: den Tiefseehafen Anaklia. Mit geplanten Gesamtinvestitionen von rund 2,5 Milliarden US-Dollar gehört das Vorhaben zu den größten Infrastrukturprojekten in der Geschichte des Landes.
Doch Anaklia ist weit mehr als ein klassischer Hafenbau. Für die Regierung in Tiflis steht er im Zentrum einer strategischen Neuausrichtung: Georgien soll sich von einer Transitroute zu einem zentralen Logistik-Hub zwischen Europa und Asien entwickeln.
Das fehlende Puzzlestück im „Mittleren Korridor“
Die geopolitische Bedeutung des Projekts ist eng mit dem sogenannten „Mittleren Korridor“ verknüpft – einer Handelsroute, die China und Zentralasien über den Südkaukasus mit Europa verbindet. Diese Route gewinnt seit dem Ukrainekrieg zunehmend an Bedeutung, da Alternativen zu Transportwegen über Russland gesucht werden.
Genau hier setzt Anaklia an. Der Hafen soll als zentrales Drehkreuz dienen und erstmals große Containerschiffe am Schwarzen Meer abfertigen können. Mit einer geplanten Wassertiefe von 16 Metern wird er deutlich leistungsfähiger sein als die bestehenden georgischen Häfen. Ohne eine solche Infrastruktur droht Georgien laut Experten, im Wettbewerb um Transitströme zurückzufallen.
Kapazitäten und wirtschaftliche Effekte
In der ersten Ausbauphase soll der Hafen bis zu 600.000 Container jährlich abfertigen, langfristig sind sogar Kapazitäten von über 100 Millionen Tonnen Fracht vorgesehen .
Die wirtschaftlichen Effekte gehen dabei weit über den reinen Umschlag hinaus. Anaklia ist als umfassendes Logistik- und Industriezentrum geplant, inklusive Bahn- und Straßenanbindung sowie möglicher Freihandelszonen.
Die Regierung erwartet steigende Transitumsätze, neue Arbeitsplätze und zusätzliche Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Bereits in frühen Projektphasen wurden mehrere hundert Arbeitsplätze geschaffen, mit deutlichem Wachstumspotenzial.
Zwischen Fortschritt und Unsicherheit
Trotz seiner strategischen Bedeutung ist das Projekt nicht frei von Herausforderungen. Der Bau verzögerte sich mehrfach, unter anderem aufgrund von Finanzierungsproblemen und politischen Differenzen in der Vergangenheit.
Auch aktuell bleibt die Umsetzung nicht ohne Fragezeichen. So wurde das staatliche Budget für das Projekt 2026 deutlich reduziert, was auf eine Anpassung des Bautempos hindeutet.
Gleichzeitig betont die Regierung, dass Anaklia weiterhin Priorität besitzt und als Schlüsselprojekt für langfristige wirtschaftliche Resilienz gilt.
Mehr als ein Hafen
Die politische Rhetorik rund um Anaklia zeigt deutlich, wie weit die Ambitionen reichen. Der Hafen wird nicht nur als Infrastrukturprojekt verstanden, sondern als Plattform für wirtschaftliche Transformation. Ziel ist es, internationale Handelsströme anzuziehen, globale Reedereien zu integrieren und Georgien als festen Bestandteil globaler Lieferketten zu etablieren.
Damit verbunden ist auch ein struktureller Wandel: weg von einer stark konsum- und dienstleistungsgetriebenen Wirtschaft hin zu einer stärker integrierten Logistik- und Handelsdrehscheibe.
Ein Projekt mit Signalwirkung
Der Tiefseehafen Anaklia steht exemplarisch für Georgiens wirtschaftliche Strategie im Jahr 2026. In einer Zeit geopolitischer Umbrüche versucht das Land, seine Lage zwischen Europa und Asien aktiv in wirtschaftliche Vorteile zu übersetzen.
Ob dieses Vorhaben gelingt, hängt jedoch nicht nur vom Baufortschritt ab. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Infrastruktur, Investitionen und regionale Kooperation tatsächlich zu einem funktionierenden Logistiksystem zu verbinden.
Anaklia ist damit weniger ein einzelnes Projekt als vielmehr ein Testfall: für Georgiens Rolle im internationalen Handel – und für die wirtschaftliche Zukunft des gesamten Südkaukasus.