Ein nachhaltiger Anstieg der globalen Ölpreise um 10 US-Dollar pro Barrel könnte Aserbaidschan zusätzliche Exporterlöse von rund 3 Milliarden US-Dollar pro Jahr bringen. Gleichzeitig würden die Staatseinnahmen aus dem Energiesektor um etwa 1,5 Milliarden US-Dollar steigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der niederländischen Bank ING.
Die Schätzung stammt von Dmitry Dolgin, Chefökonom für Russland und die GUS bei ING. Den Berechnungen zufolge entsprächen die zusätzlichen fiskalischen Einnahmen etwa zwei bis vier Prozent des aserbaidschanischen Bruttoinlandsprodukts.
Stabiler Außenhandel und stärkerer Manat
Höhere Ölpreise könnten laut Dolgin das Risiko eines Außenhandelsdefizits im Jahr 2026 weitgehend beseitigen. Gleichzeitig würde die Stabilität der Landeswährung Manat gestärkt. Die Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum dürften jedoch begrenzt bleiben. Der Grund: Aserbaidschan kann die physischen Exportmengen von Öl und Gas nur eingeschränkt erhöhen.
„Angesichts der begrenzten Möglichkeiten zur Steigerung der Kohlenwasserstoffexporte dürften die kurzfristigen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum minimal sein“, erklärte Dolgin.
Gleichzeitig warnt ING vor steigenden Importpreisen. Rund 45 Prozent der Importe Aserbaidschans stammen aus Industrieländern oder Regionen mit erhöhter geopolitischer Unsicherheit. Steigende Energiepreise könnten dort zu höheren Produktionskosten führen und damit die Importinflation in Aserbaidschan anheizen.
Moderates Wachstum erwartet
ING erwartet für Aserbaidschan ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent im Jahr 2026 und 3 Prozent im Jahr 2027. Im Vergleich zur vorherigen Prognose senkte die Bank ihre Wachstumsschätzung für 2026 um 0,3 Prozentpunkte, hob jedoch die Prognose für 2027 um einen Prozentpunkt an. Im Durchschnitt ergibt sich damit für die Jahre 2026 und 2027 ein jährliches Wachstum von etwa 2,75 Prozent.
Nach den Quartalsprognosen der Bank könnte die Wirtschaft im Jahr 2026 im ersten Quartal um 3 Prozent wachsen, im zweiten Quartal um 2 Prozent, im dritten Quartal um 4 Prozent und im vierten Quartal um 1 Prozent.
Für die Inflation erwartet ING eine durchschnittliche Rate von 5,4 Prozent im Jahr 2026 und 4,6 Prozent im Jahr 2027. Die Prognose für 2026 wurde leicht nach oben angepasst, während die Erwartung für 2027 etwas gesenkt wurde.
Nach Einschätzung der Bank dürfte die Inflation im Verlauf des Jahres 2026 schrittweise zurückgehen – von etwa 6 Prozent im ersten Quartal auf rund 4,9 Prozent zum Jahresende.
Rolle des Ölsektors bleibt zentral
Offizielle Statistiken zeigen, dass die aserbaidschanische Wirtschaft 2025 um 1,4 Prozent gewachsen ist. Die durchschnittliche Inflation lag bei 5,6 Prozent, nachdem sie 2024 noch 2,2 Prozent betragen hatte.
Der Staatshaushalt für 2026 basiert auf einem angenommenen Ölpreis von 65 US-Dollar pro Barrel. Aktuell liegt der Preis für Azeri-Light-Rohöl jedoch bei rund 82 Dollar pro Barrel, während Brent-Futures bei etwa 81 Dollar notieren.
2025 exportierte Aserbaidschan Öl im Wert von 12,1 Milliarden US-Dollar. Im Jahr zuvor lagen die Einnahmen noch bei 14,4 Milliarden US-Dollar, bei einem durchschnittlichen Ölpreis von 84 Dollar pro Barrel. Die Einnahmen des Staates aus dem Öl- und Gassektor beliefen sich 2025 auf insgesamt 18,8 Milliarden Manat und lagen damit 7,2 Prozent über dem Vorjahreswert.
Internationale Prognosen ähnlich
Auch andere internationale Institutionen erwarten ein moderates Wachstum der aserbaidschanischen Wirtschaft. Ratingagenturen wie Fitch Ratings und Moody’s sowie Fitch Solutions rechnen kurzfristig mit Wachstumsraten zwischen zwei und 2,5 Prozent.
Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank gehen hingegen von etwas niedrigeren Wachstumsraten aus.
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit unserem Partner bne intelliNews
