Der Mittlere Korridor, der über Zentralasien und den Kaukasus verläuft, gewinnt erneut an Bedeutung. Während die Routen im Norden durch die Sanktionen gegen Russland belastet sind und südliche Verbindungen durch die angespannte Lage im Nahen Osten unsicherer werden, rückt diese Achse wieder als zentrale Landverbindung zwischen Europa und Asien in den Fokus.
Die Türkei versucht dabei, einen seit Jahrzehnten geschlossenen Grenzübergang zu Armenien in ein strategisches Tor für den Handel zwischen beiden Kontinenten zu verwandeln. Ankara will sich damit in einer Phase wachsender Störungen traditioneller Transportrouten als verlässlicher Logistikstandort positionieren.
Am Grenzübergang Alican, der seit 32 Jahren geschlossen ist, haben türkische Behörden bereits mit der Installation von Passkontrollsystemen begonnen. Sie hoffen, den Übergang bald wieder öffnen zu können. Damit würde auch der Weg für einen neuen Straßen- und Schienenkorridor durch den Kaukasus frei. Ein konkretes Datum gibt es bislang nicht, doch die türkische Seite signalisiert, dass sie mit einer baldigen Öffnung rechnet.
Der wirtschaftliche Hintergrund ist erheblich. Der Handel zwischen Europa und Asien umfasst jährlich rund drei Billionen US-Dollar, davon werden rund 90 Prozent bislang über den Seeweg abgewickelt. Die schnellste Verbindung auf dem Wasser dauert etwa 40 Tage.
Der Mittlere Korridor könnte diese Zeit deutlich verkürzen. Die Route, die China über den Kaukasus und die Türkei mit Europa verbindet, könnte den Transport nach Einschätzung von Branchenvertretern auf nur 12 bis 15 Tage reduzieren.
Zwei Projekte im Zentrum der türkischen Strategie
Im Mittelpunkt der türkischen Planungen stehen derzeit zwei große Vorhaben. Das erste ist die sogenannte Entwicklungsstraße, ein geplantes Straßen- und Schienennetz, das den Golf über den Irak und die Türkei mit Europa verbinden soll. Das zweite ist das Projekt TRIPP, eine von den USA unterstützte Verbindung zwischen der Türkei und Aserbaidschan über armenisches Gebiet.
Die Entwicklungsstraße hätte den Vorteil, sowohl die Straße von Hormus als auch den Suezkanal zu umgehen. Allerdings befindet sich das Projekt noch in einem frühen Planungsstadium. Es würde Investitionen in Milliardenhöhe erfordern und durch Gebiete im Irak führen, die infrastrukturell und politisch anspruchsvoll bleiben.
TRIPP wirkt dagegen weiter fortgeschritten. Das Projekt wurde im Februar im Weißen Haus gemeinsam mit einem vorläufigen Friedensabkommen zwischen Armenien und Aserbaidschan vorgestellt. Es soll auch dazu beitragen, den seit Jahrzehnten andauernden Konflikt zwischen beiden Staaten weiter zu entschärfen. Die Türkei hat angekündigt, ihre Grenze zu Armenien zu öffnen, sobald ein endgültiges Friedensabkommen unterzeichnet ist.
Nach Angaben aus Aserbaidschan laufen auf aserbaidschanischer Seite bereits Bauarbeiten, an denen auch türkische Unternehmen beteiligt sind. Gleichzeitig treibt die Türkei den Ausbau ihrer eigenen Schieneninfrastruktur voran.
Sollte der Mittlere Korridor tatsächlich voll funktionsfähig werden, könnte das Frachtvolumen laut Experten deutlich steigen. Zwischen 2021 und 2025 haben sich die transportierten Mengen bereits verdreifacht. Langfristig könnte die Kapazität von derzeit rund 5 Millionen Tonnen auf bis zu 20 Millionen Tonnen pro Jahr wachsen. Noch bremsen allerdings mehrere Engpässe die Entwicklung: langsame Fährverbindungen über das Kaspische Meer, unterschiedliche Spurweiten und aufwendige Zollverfahren.
JPMorgan bezeichnete den Mittleren Korridor deshalb kürzlich als eine Route, „die jeder braucht, aber nur wenige nutzen“.
Zentralasiens Rohstoffe rücken näher an die Weltmärkte
Mit einer besseren Anbindung über den Mittleren Korridor könnten auch die Rohstoffexporte Zentralasiens an Bedeutung gewinnen. In einer Zeit, in der Lieferketten diversifiziert und alternative Bezugsquellen gesucht werden, wächst das Interesse an den Ressourcen der Region.
Ein frei zugänglicher Datensatz der Oxus Society beziffert die Rohstoffexporte der fünf zentralasiatischen Republiken auf mehr als 118 Milliarden US-Dollar. Er liefert einen seltenen quantitativen Einblick in die Rolle der Region in den eurasischen Lieferketten.
Erfasst werden Reserven, Produktion, Verarbeitung und Exportziele von mehr als 100 Rohstoffen, darunter Mineralien, Kohlenwasserstoffe, Industriematerialien, Chemikalien und Agrarprodukte in Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan.
Die Daten zeigen vor allem die dominierende Stellung Kasachstans. Allein kasachisches Öl macht 40 Prozent aller im Datensatz erfassten Exporte aus und ist damit der größte einzelne Rohstoffposten. An zweiter Stelle folgt turkmenisches Gas mit 9,2 Prozent, dahinter usbekisches Gold mit 8,3 Prozent, kasachisches Gold mit 7,7 Prozent und kirgisisches Gold mit 5,3 Prozent.
Insgesamt entfallen etwas mehr als die Hälfte aller erfassten Exporte auf Kohlenwasserstoffe. Ihr Wert wird auf rund 61 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt. Kritische Mineralien machen weitere 15,7 Milliarden US-Dollar aus, davon entfallen rund 14 Milliarden auf Kasachstan.
Bei diesen kritischen Rohstoffen spielen vor allem kasachisches Kupfer und Uran eine herausragende Rolle. Kupferexporte erreichen laut Datensatz rund 7,3 Milliarden US-Dollar jährlich, Uranexporte 4,2 Milliarden.
Die Handelsrichtung ist vielfältiger als oft angenommen
Auch die Verteilung der Exportziele zeigt ein differenzierteres Bild, als häufig vermutet wird. Die Europäische Union ist der größte Abnehmerblock und nimmt 29,1 Prozent der gesamten erfassten Exporte auf. China ist zwar der größte einzelne Importeur, kommt aber auf rund ein Viertel der Gesamtausfuhren.
Das Vereinigte Königreich und die Schweiz stehen jeweils für etwa 10 Prozent der Importe, wobei hier vor allem der Edelmetallhandel eine wichtige Rolle spielt. Russland nimmt direkt nur 1,2 Prozent der im Datensatz erfassten Exporte ab – deutlich weniger als die EU, China oder wichtige westliche Handelsplätze.
Anders sieht das Bild bei den kritischen Mineralien aus. Hier nimmt China fast die Hälfte der Exporte Zentralasiens auf, Russland rund ein Viertel. Auf die Europäische Union entfallen 6,4 Prozent, auf die Vereinigten Staaten 2,1 Prozent.
Gerade diese Verteilung erklärt, warum das westliche Interesse an Zentralasien in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Es geht nicht nur um Transitwege, sondern auch um den Zugang zu strategisch wichtigen Rohstoffen.
Ein besonders markantes Beispiel ist Tadschikistan. Laut Oxus Society entfallen rund 20 Prozent der weltweiten Antimonproduktion auf das Land. Antimon ist für Rüstungsindustrie, Elektronik und andere industrielle Anwendungen von Bedeutung. Tadschikistan exportiert diesen Rohstoff vor allem nach Frankreich und Belgien, ein weiterer Teil geht in die Türkei.
Darüber hinaus verfügt das Land laut Datensatz über 12 Prozent der weltweiten Antimonreserven, 11,2 Prozent der Manganreserven und 7,6 Prozent der Bleireserven. Trotzdem bleibt Tadschikistan mit Rohstoffexporten im Wert von lediglich 1,16 Milliarden US-Dollar der kleinste Exporteur der Region.
Der Mittlere Korridor ist damit weit mehr als ein logistisches Projekt. Er steht für eine mögliche Neuordnung von Handelswegen zwischen Europa und Asien – und zugleich für den Versuch, Zentralasien stärker in globale Liefer- und Rohstoffketten einzubinden.
