Die Europäische Kommission schlägt Alarm: In ihrem jüngsten „Debt Sustainability Monitor“ (DSM) zeichnet sie ein zunehmend kritisches Bild der ungarischen Staatsfinanzen. Kurzfristig seien die Finanzierungsbedingungen noch beherrschbar, mittel- und langfristig drohe jedoch eine deutliche Verschärfung der Schuldenlage – sofern die Regierung keine substanziellen Haushaltskorrekturen vornehme.
Für die Jahre 2026 und 2027 erwartet die Kommission einen Bruttofinanzierungsbedarf von rund 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zwar konnte Ungarn zuletzt Staatsanleihen erfolgreich platzieren und behält seinen Investment-Grade-Status. Dennoch verlangen Investoren eine erhebliche Risikoprämie: Ende 2025 lag der Renditeaufschlag zehnjähriger ungarischer Anleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen bei 408 Basispunkten.
Die Staatsverschuldung belief sich Ende 2025 auf 74,9 Prozent des BIP – der höchste Stand seit 2021 und bereits das zweite Jahr in Folge mit steigender Quote. Seit 2020 hat sich die nominale Verschuldung nahezu verdoppelt.
Schuldenquote auf steilem Kurs
Ohne Kurswechsel dürfte sich die Lage weiter verschärfen. Laut DSM würde die Schuldenquote bei unveränderter Fiskalpolitik bis 2036 auf 102,5 Prozent des BIP steigen. Bereits ab 2028 rechnen die Experten mit einer beschleunigten Dynamik: Von 76,7 Prozent im Jahr 2028 könnte die Quote bis 2033 auf 90 Prozent klettern und wenige Jahre später die Marke von 100 Prozent überschreiten.
Treiber dieser Entwicklung sind ein strukturell negativer Primärsaldo und ein ungünstiger „Schneeballeffekt“: Die Zinskosten wachsen schneller als die kombinierte Wirkung von Inflation und realem Wirtschaftswachstum.
Zinslast als zentraler Risikofaktor
Besonders problematisch ist der steigende Schuldendienst. Während Inflation und Wachstum kurzfristig entlastend wirken, verlieren sie mittelfristig an Kraft. Die Kommission erwartet, dass allein die Zinszahlungen die Schuldenquote bis 2036 um bis zu 6,6 Prozentpunkte erhöhen könnten.
Der Bruttofinanzierungsbedarf dürfte entsprechend zunehmen – von 13,7 Prozent des BIP im Jahr 2024 auf 21,3 Prozent im Jahr 2036. Das reflektiert sowohl höhere Refinanzierungskosten als auch anhaltende Haushaltsdefizite.
In Stressszenarien verschärft sich das Bild weiter: Bei ungünstigeren Zins- und Wachstumsbedingungen könnte die Schuldenquote bis 2036 auf über 110 Prozent steigen.
Erheblicher Reformbedarf
Der langfristige Nachhaltigkeitsindikator (S2) der Kommission zeigt, dass ab 2027 eine dauerhafte Verbesserung des strukturellen Primärsaldos um 6,7 Prozentpunkte des BIP notwendig wäre, um die Schuldenquote zu stabilisieren. Ein Großteil dieses Anpassungsbedarfs entfällt auf altersbedingte Ausgaben wie Renten, Gesundheitsversorgung und Pflege.
Obwohl Ungarns Verfassung eine schrittweise Senkung der Schuldenquote auf 50 Prozent des BIP vorsieht, wurde diese Regel im Rahmen eines seit 2015 geltenden Sonderrechtszustands wiederholt ausgesetzt.
Die Kommission betont, dass derzeit keine akute Finanzkrise drohe. Doch ohne strukturelle Reformen werde sich die Schuldendynamik nicht von selbst stabilisieren. Ungarn stehe vor einem Jahrzehnt mit wachsender Schuldenlast und steigendem Finanzierungsdruck.
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